Thüringen Die Bach-Dynastie

Der erste war Bäcker und Asylant. Veit Bach, um 1555 geboren, habe "der lutherischen Religion halber aus Ungarn entweichen müssen", erzählt die Familienchronik. Im thüringischen Wechmar fand der Bäcker ein Zuhause. Und weil er stets eine Zupfgeige dabei hatte, wenn er zur Mühle ging, klang am Rande nahrhaften Mahlwerks das erste Zirpen einer Zukunftsmusik, das Präludium einer Großfamilie, die bald Thüringen und von dort aus mit Gottes Hilfe und dem musikalischen Genie ihres größten Sohnes den Rest der Welt erobern sollte.

Weit mehr als hundert Jahre hat die Musikerfamilie Bach in Thüringen und drumherum den Arbeitsmarkt für Organisten und Stadtpfeifer, Hofmusiker und Chorleiter dominiert. Sie hat Generationen von Klangzauberern, Kirchenmusikern und Komponisten hervorgebracht, ein weit verzweigter und subtil verästelter Großclan, der sich im Raum Arnstadt, Erfurt und Ohrdruf, Eisenach und Gehren, aber auch in Meiningen, Themar und Schweinfurt Gehör verschaffte.

Allein in Arnstadt wurden 17 Bachs geboren, 8 getraut und 25 begraben. In Eisenach stellte die Musikerfamilie mehr als 132 Jahre lang den Organisten der Georgenkirche. Bach und Söhne - das hieß Fortpflanzung als Fuge der Kunst und landesweite Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Genial. So wurde das musikalische Thüringen Familienbesitz.

Veit Bach, der erste also, stirbt 1619, hinterlässt zwei Söhne und wird zum Gründer einer Dynastie, die vermutlich kaum noch überschaubar wäre, hätte nicht einer der Herren zur rechten Zeit die Buchführung übernommen. Vermutlich war es Johann Sebastian Bach (1685-1750) höchstselbst, der mit der ihm eigenen Sorgfalt unter dem Titel "Ursprung der musicalisch-Bachischen Familie" eine genealogische Übersicht anlegte, in welcher er die Bachs, soweit er sie überblicken konnte, registrierte und nummerierte. Ahnvater Veit bekam die Nummer eins, Johann Sebastian die Nummer 24. Sein Sohn Carl Philipp Emanuel (1714-1788), der das Familienverzeichnis später fortführte, ist mit der Nummer 46 eingetragen.

Alle fingen als Chorknaben an, durften sich durch "Singen vor den Thüren eine Beyhülfe zum Studium verdienen". Sie sangen an Wochentagen vor der Predigt, bevor sie zur Schule gingen und im Chorus musicus bei Hochzeiten und Beerdigungen, Gott zu Ehren und den Zuhörern zur Erbauung. Der Dienst an der Musik umfasst ein weites Spektrum. In Eisenach hatte der Kantor zugleich die Quarta der Lateinschule zu unterrichten, im Neideckturm in Arnstadt blies ein Bach als Türmer und in den Gotteshäusern der Region jubilierten und musizierten die Bachs ohn' Unterlass.

Wenn sie dann im Privatleben aufeinander trafen, machten sie auch Musik. "Da die Gesellschaft aus lauter Cantoren, Organisten und Stadtmusikanten bestand, die sämmtlich mit der Kirche zu tun hatten, und es überhaupt damahls noch eine Gewohnheit war, alle Dinge mit Religion anzufangen, so wurde, wenn sie versammelt waren, zuerst ein Choral angestimmt", schreibt Bachs erster Biograf Johann Nicolaus Forkel.

Und fast alle hießen sie Johann

Kaum ein Bach, der nicht den Namen Johann trug. Aus dem frühen Musikanten-Adel ragt Bach Nummer 13, Johann Christoph (1642-1703) heraus; ein Onkel von Johann Sebastian und laut Familienchronik ein "profunder Komponist". Als Hof- und Stadtorganist in Eisenach ringt er ein ganzes Musikerleben lang um die Qualität der Georgen-Orgel. Sein Tod bringt das familieninterne Personalkarussell in Schwung. "In den Ballungszentren der Bachs war es aus gutem Grunde Brauch, einen Bach im Falle des Ausscheidens durch einen anderen Bach zu ersetzen", resümiert Claus Oefner, ehemaliger Leiter des Bachhauses in Eisenach. Diesmal soll Bach Nummer 27, Sohn Johann Nicolaus, den Job bekommen. Der will aber nicht, weil er schon in Jena in Stellung ist, und schlägt Bach Nummer 28 vor, seinen Bruder Johann Christoph, der aus Lübeck zum Probespiel anreist.

Die Ratsherren urteilen nach Gehör und votieren abermals für Nummer 27. Weil der aber stur in Jena bleibt, bekommt Bach Nummer 18, der bis dahin in Magdeburg wirkende Johann Bernhard (1676 bis 1749), den Posten. Allegro con molto. Das ganze Bachfindungsverfahren dauert zehn Wochen.

Inzwischen macht Bach Nummer 24, Johann Sebastian, erste Karriereschritte und geht als Hofmusikus nach Weimar. Musiker sind mobil. Kollege Händel aus Halle ist auch gerade unterwegs, er will in Hamburg eine Stelle als Geiger und Cembalist antreten.

Das Familienleben Johann Sebastian Bachs ist, wenn auch spärlich, dokumentiert. Am 21. März 1685 in Eisenach geboren (übrigens in der Fleischgasse, heute Lutherstraße, und nicht im 400 Jahre alten Bachhaus am Frauenplan, das heute sein Erbe pflegt), wächst er als jüngstes von sechs Geschwistern auf. Sein Vater ist Bach Nummer 11, der Stadtmusikus Johann Ambrosius. Er beherrscht viele Instrumente, die Unterrichtsräume der Stadtmusikanten sind natürlich eine gute Kinderstube für ein musikalisches Genie.

Doch das Glück endet jäh. Der Neunjährige erlebt den Tod der Mutter und des Vaters innerhalb eines Jahres. Gemeinsam mit Bruder Johann Jacob kommt er bei Bach Nummer 22 unter, dem älteren Bruder Johann Christoph, der Organist in Ohrdruf ist.

Seine Berufslaufbahn beginnt früh. Er wird Geiger in der Kapelle des Herzogs von Sachsen-Weimar und bekommt mit 18 die Organistenstelle an der Bonifatiuskirche in Arnstadt. Doch der junge Mann fällt unangenehm auf wegen seiner Neigung zu freier Improvisation. Außerdem besucht er während des Gottesdienstes einen Weinkeller, nennt den Gymnasiasten Johann Heinrich Geyersbach einen "Zippelorganisten" und lässt eine "frembde Jungfrau" auf der Empore zur Orgel singen. Empörend! Er verlässt die Kirche im Streit. Heute trägt sie seinen Namen.

Am 17. Oktober 1707 heiratet der 22-Jährige seine Cousine Maria Barbara Bach in der Kirche St. Bartholomäi im Dörfchen Dornheim. Die Stelle in Arnstadt hat er Bach Nummer 34, seinem Cousin Johann Ernst, überlassen. Er selbst geht zunächst nach Mühlhausen und dann als Kammermusiker und Hoforganist nach Weimar. 1717 verlässt er Thüringen, um Hofkapellmeister im anhaltinischen Köthen zu werden.

Das Bach-Business boomt. Das Familienunternehmen sprengt bald den provinziellen Rahmen und überwindet die Landesgrenzen. Bach & Co wird, musikalisch, eine europäische Macht. Für Nachwuchs ist gesorgt. Dass für frei werdende Stellen immer wieder ein Bach zur Verfügung steht, lässt sich durch den Kinderreichtum der Familie erklären. Johann Sebastian Bach ist 20facher Vater. Maria Barbara bringt bis zur ihrem Tod 1723 sieben Bachs zur Welt, seine zweite Frau Anna Magdalena Wilke 13. Doch die Kindersterblichkeit ist hoch, das Familienleben der Bachs eine fortwährende Tragödie.

Nach der Geburt eines geistig zurückgebliebenen Sohnes sterben in der Familie Bach nacheinander sieben Kinder. Vielleicht sind diese elementaren, leidvollen Erfahrungen eine der Erklärungen für das Geheimnis der Bachschen Kompositionen, die Ernst Bloch einmal die "gelehrteste und zugleich am tiefsten durchseelte Musik" nannte. Der Tod ist Bachs Lebensgefährte. Als er 1723 mit 38 Jahren nach Leipzig kommt, sind seine fünf Brüder allesamt nicht mehr am Leben.

Johann Sebastian Bach wird vergleichsweise alt. Er stirbt 1750 im Alter von 65 Jahren. Sechs seiner Söhne werden Musiker. Ein Jahr zuvor hat sich auch in Eisenach der Generationswechsel in gewohnter Weise vollzogen. Auf Bach Nummer 18 folgt Bach Nummer 34, Johann Ernst (1722 bis 1777). Nach ihm bekommt Johann Georg Bach (1751 bis 1797) die Stelle, sein ältester Sohn, der in der Familienchronik nicht mehr mitgezählt wird. "Hat Söhne, aber vermutlich nicht musikalische", notiert Philipp Emanuel über den Nachwuchs seines Vetters. Seine Aufzeichnungen enden bei Nummer 50, Johann Christian (1735 bis 1782), dem jüngsten seiner musizierenden Brüder und Lehrer des Knaben Wolfgang Amadeus Mozart.

Der musikalische Höhepunkt ist überschritten, doch der soziale Aufstieg nicht zu übersehen. Aus den Stadtpfeifern von einst, die mit Bierfiedlern um die Wette spielten, sind Hofmusikanten mit Universitätsstudium geworden. Carl Philipp Emanuel Bach nennt sich königlich preußischer Klaviercembalist und Concert Meister in Berlin, Nummer 50, Johann Christian, erreicht als Katholik und Kammerkomponist der englischen Königin den Gipfel allen Bachtums.

Der Glanz verblasst. In der achten Generation gibt es einen empfindlichen Knacks im Familienerbe. 1797 wird in der Eisenacher Georgenkirche kein Bach, sondern der Kaufmann Johann August Kehl zum Organisten berufen. Zweimal bewirbt sich Philipp Ernst Christian Bach (1780 bis 1840) vergebens um die Position. Sein Rivale Kehl behauptet, die Orgel sei völlig verdorben, seit Bach darauf "getobt" habe. Die wundersame Geschichte der Familie Bach endet in den Niederungen der Normalität. Der letzte der Bachs wird Büromensch. Er hat ein bescheidenes Auskommen im Staatsdienst, als Oberamtskopist.

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Autor:
Emanuel Eckardt