Wolfsburg Die Autostadt - ein Ort, der niemals schläft

Herr Meißner ist sechzig Jahre alt und dürfte einen einzigartigen Job in Deutschland haben. Er arbeitet seit sieben Jahren meistens nachts, von elf Uhr abends bis halb acht am Morgen - und in jeder dieser Nächte macht er 38.000 Schritte. Das hat Herr Meißner sogar mit dem Schrittzähler nachgeprüft.

Er trägt Wollmütze und Stirnlampe, marschiert langsam durch die Nacht. Seine Arme hat er hinter seinen Rücken geführt, denn er zieht die ganze Zeit ein Netz hinter sich her. Ein Netz, das an einer langen Holzleiste hängt. Ein Netz, mit dem sonst Tennisplätze abgezogen werden. Die Aufgabe von Valeri Meißner ist es, Nacht für Nacht ein paar tausend Quadratmeter Grandflächen zu glätten. Jene Flächen aus feinem grauen Granulat, die das Außengelände der Autostadt schmücken. Am Morgen müssen diese Flächen wieder schön aussehen. Sorgfältig geebnet und von den Fußspuren der Besucher befreit. "Ich mag meinen Job", sagt Herr Meißner. "Am Schreibtisch zu sitzen, das wär' nichts für mich."

Auch Heike Becker arbeitet im Freien, auch sie hat eine Aufgabe, die Geduld braucht. Sie trägt einen Eimer und hält einen Grubber in der Hand, einen langen Stiel mit einer Art Dreizack am Ende, mit dem sich der Boden zwischen dichten Pflanzungen lockern lässt. Frau Becker steht gerade vor einem runden Blumenbeet, das vor Kaninchenfraß geschützt ist durch eine Kuppel, die nachts leuchtet wie ein im Grünen gelandetes Ufo. Darunter wachsen Chrysanthemen, Purpurglöckchen und Zierkohl, je nach Saison, es ist halb zehn am Abend, es ist längst dunkel.

Frau Becker gehört zu der Crew der Gärtner. Im Sommer sind jede Nacht zwanzig von ihnen unterwegs, im Winter acht, um die 875 Bäume, 558 Quadratmeter Blühkreise und all die Pflanzen in den Parks der Autostadt zu pflegen. Buntblättrige Wolfsmilch und Prachtfetthenne gedeihen hier; die hübsch angelegten Pflanzungen sollen die Architektur ergänzen. Kleine Oasen, an denen die Augen Ruhe und Frieden finden.

Frau Becker und Herr Meißner sind nur zwei von Hunderten von Menschen, die hinter den Kulissen dafür sorgen, dass die Autostadt makellos aussieht und reibungslos funktioniert. Jeden Tag aufs Neue und ohne sichtbare Spuren. Die Besucher sollen tagsüber nicht gestört werden. Sie sollen sich ganz auf das Erlebnis Autostadt konzentrieren dürfen. Auf die Architektur. Die Parks. Die Lagunen. Die Pavillons.

Die Autostadt ist eine Stadt für sich. Und ein Ort, der niemals schläft. Morgens um neun kommen die ersten Besucher, an manchen Tagen sind es bis zu 30 000. Sie können im Laufe des Tages allein zwölf Restaurants besuchen, oben im "Chardonnay" oder unten im "Beefclub" sitzen, essen und ein gutes Glas Wein trinken. Sie können auf 223.000 Quadratmetern Außenfläche spazieren gehen und sich diese Welt besehen. Die über zwei Millionen Besucher pro Jahr haben die Möglichkeit, im ZeitHaus durch die Geschichte des Automobils zu schreiten. In Level Green können sie sich den Weg in eine umweltverträgliche Zukunft erklären lassen; können im "The Ritz-Carlton, Wolfsburg" in einem 28 Grad warmen Pool liegen und auf die grünen Bauminseln blicken, Konzerte genießen oder dabei zusehen, wie ein gelber Lamborghini sich um seine eigene Achse dreht, nebelumwolkt und von Lasern umzuckt.

Oder sie können am Wasser sitzen, am Kanal oder unten am Hafen, einen Kaffee trinken und alles auf sich wirken lassen. Das Spiel des Lichts. Die Formen, die Farben, die Stimmung.

Nachts: Zwei Männer hängen in 48 Metern Höhe

Dass all dies wie von Zauberhand funktioniert, ist nicht selbstverständlich. Es ist ein bis in die kleinsten Details minutiös getaktetes und ausgeklügeltes System, welches die Autostadt Tag für Tag zum Leben bringt. Wer diese Choreografie begreifen will, muss in einem 24-Stunden-Rhythmus denken. Der muss sich an die Fersen der Techniker, Gärtner und 1500 Mitarbeiter heften. Muss lauschen und schauen und muss in die Nacht.

Elf Uhr abends. Die meisten Gäste haben die Autostadt verlassen, als Sabri Hadjiu und Ergülü Kolabas ihren Dienst beginnen. Die beiden setzen Sturzhelme auf und legen orangefarbenes Klettergeschirr an, sind mit zwei Wassereimern und langen Teleskopstangen bestückt. Dann beginnen sie zu steigen. Zehn, fünfzehn Meter hoch, bis sie in der riesigen Front des Hauptgebäudes hängen. Inmitten gläserner Flügeltüren, die sich im Sommer öffnen und so mächtig sind wie die Tragflächen eines Jumbojets. Manchmal hängen Hadjiu und Kolabas auch noch höher in der Luft. Außen an den beiden voll verglasten AutoTürmen, 48 Meter hoch in der Nacht.

Hadjiu und Kolabas sind Gebäudereiniger, zwei von acht Profis, die jede Nacht bis um halb acht Uhr morgens unterwegs sind, um die 90.291 Quadratmeter Glas der Autostadt zu putzen. "Es ist eine Sisyphusarbeit", sagt Kolabas. "Wenn wir an einem Ende der Stadt fertig sind, geht es am anderen wieder von vorn los." Dabei sorgen die beiden mit jedem Wisch für einen weithin sichtbaren Effekt. Denn mit blinden Scheiben würde die gläserne Architektur ihren Glanz verlieren, ihre durchsichtige Leichtigkeit mit all ihren Spiegelungen und Reflexionen.

Zwei Uhr nachts. Draußen ist es stockdunkel. Doch die Dunkelheit leuchtet. Die angestrahlten Bäume, die Blumenkreise, die Pavillons an der Lagune und im Hintergrund die beiden 20-stöckigen Türme, in denen die Neuwagen warten. Sobald es dunkel wird, spielt die Autostadt mit dem Licht.

Für diese Inszenierung in Blau, Lila, Grün und Weiß und Rot sorgen 27.320 Leuchten in den Parks, 800 Strahler in den beiden AutoTürmen sowie 1224 Langfeldleuchten in der Doppelfassade des KonzernForums. Sogar die Lagunen glimmen dezent. Dank der 775 Meter langen Uferkantenbeleuchtung liegen sie wie farbige Kurven in der Nacht.

Was in der Nacht so spielerisch aussieht und die dunkle Autostadt in ein Farbenmeer verwandelt, ist über Jahre entworfen und verfeinert worden. Die Zentrale dieser ausgefeilten Technik, das Gehirn, liegt nur einige Meter weiter im Erdgeschoss eines anliegenden Gebäudes. Es ist das ACC, das AutostadtControlCenter. Hier arbeiten die Techniker und Kontrolleure in drei Schichten rund um die Uhr, um die Computer und Systeme zu überwachen.

Vor 16 Monitoren und Schaltpaneelen, inmitten eines dunklen Raums, sitzen Gerrit Nowack und Kollegen wie in einem großen Flugzeugcockpit. Ihre Augen ruhen auf Anzeigen, Grafiken, Daten - der sichtbaren Oberfläche eines komplexen, von Experten entwickelten Lichtplans, der vom ACC ausgeführt und gesteuert wird. Von hier aus genügen wenige Mausklicks, um die Lichteffekte zu verändern. Auf Befehl von Herrn Nowack erstrahlt die Autostadt in Grün, Blau oder Lila.

Von hier aus wird nicht nur das Licht kontrolliert, sondern auch Wasserstandsmelder und Wetterstationen. Die Sound- und Beschallungssysteme laufen hier zusammen, die Besuchersteuerung, die Auslieferungsüberwachung der Neuwagen, Pumpensysteme, die Lüftungen und Energiekreisläufe der verschiedenen Zonen der Autostadt - alles wird hier reguliert.

Früh morgens: Die Ufos beginnen mit dem Rasenmähen

Auch der Tanz des Wassers, eine aufwendige Darbietung, an dessen Gestaltung jedes Jahr viele Menschen arbeiten, startet im Kontrollzentrum, um vor allem in lauen Sommernächten das Publikum zu beeindrucken. Wenn die Besucher sich draußen an der Lagune sammeln und Pärchen Arm in Arm stehen, erheben sich fantasievolle Fontänen. Die Wasserspiele sind beliebt, Figuren und Bilder, in Form nasser Strahlen in den Himmel gespritzt, dies bunt beleuchtet und von klassischer Musik untermalt.

Es ist drei Uhr nachts, als sich Herr Nowack einen Kaffee holt. Noch bis um sieben Uhr am Morgen dauert seine Schicht. Er trinkt einen Schluck, blickt auf einen knallbunten Monitor. "Wer glaubt, dass es in der Autostadt nachts ruhig zugeht, denkt falsch", sagt Herr Nowack. "Die Nächte werden Minute für Minute genutzt, um den nächsten Tag vorzubereiten." Um Punkt halb acht muss die Autostadt gewappnet sein für den neuen Tag. Müssen die Pavillons sauber, die Tanks gefüllt und die Fassaden blank sein.

Mitten in der Nacht macht auch Sicherheitsmann Bernd Pest seine zweite Verschlussrunde. Prüft Türen, checkt, ob drüben auf dem Gelände fürs Fahrtraining alles in Ordnung ist. Um Mitternacht hat er eine Baukolonne reingelassen, eine Tiefbaufirma samt Baggern und schwerem Gerät. Ein Gehweg muss saniert werden, auch dies über Nacht, von den Besuchern ungesehen und ungehört.

Und dann taucht in der Nacht ein weißgrüner Tanklastwagen auf, der Wolken aus Nebel und Dunst ausspeit wie in einem düsteren Zukunftsfilm. Es ist der Speziallaster, der dreimal pro Woche Stickstoff anliefert, damit tagsüber die Nebelshows ordentlich Dampf machen können.

Aber noch ist die Nacht nicht zu Ende. Gegen fünf Uhr morgens wird es noch einmal hektisch: Kleine Transporter kommen herbei gefahren, Menschen laden Kisten aus, tragen Körbe in die Gebäude dieser nie ruhenden Stadt.

Der Countdown läuft, in den nächsten zwei Stunden müssen 230 Kilo Obst und Gemüse in den Kühlfächern und Depots der Restaurants verschwinden, müssen 360 Kilo Bioprodukte aus den Molkereien angeliefert sein, dazu 100 Biobrote, 1000 Brötchen, 75 Kilo Biomehl, 15 Kilo Fisch, 25 Kilo Fleisch und mehr als hundert Liter an frischen Säften. Und natürlich dürfen auch die Bio-Pommes nicht fehlen, vor allem die Kinder lieben sie. 70 Tonnen benötigt die Autostadt jedes Jahr.

Bis sechs Uhr morgens sind auch "Big Mow" und die drei "Automows" unterwegs, weiße Ufos auf Rädern, die über die Grünflächen schweben, bis zu 48 Kilo schwer und über einen Meter lang, pilotenlos und programmiert. Es sind die automatischen Rasenmäher, die die 63.000 Quadratmeter Grünflächen, eingeteilt in vier Sektoren, mähen und dem Rasen stets einen Haarschnitt verpassen. Diese kleinen Helfer sind timergesteuert, mit Sensoren ausgerüstet und reagieren auf unterirdische Induktionskabel. Sind ihre Akkus zu 90 Prozent leer, surren die Mäher automatisch und wie von Geisterhand gelenkt zurück an ihre Ladestationen. Hightech, damit alles fein getrimmt gleichmäßig grünt.

Langsam wird es hell, der Morgen kommt. Nahtlos verfällt die Autostadt in den Rhythmus des Tages. Eine Tanzaufführung muss noch vorbereitet, eine Bühne gebaut werden. Das KundenCenter ist bereit, die Menschen zu empfangen, die an diesem Tag voller Vorfreude ihr neues Auto in Empfang nehmen werden, bis zu 600 Neuwagen werden hier täglich ausgeliefert.

Im hauseigenen Betriebskindergarten trudeln allmählich die Kleinen ein, sie werden heute Mondlandschaften bauen, das Sonnensystem malen und Raketen unter buntem Himmel steigen lassen. In diesen Tagen steht das Thema Weltall auf dem Programm, natürlich mit großem Frühstück, Musik und Spielen in der Rotunde.

Neun Uhr: Kaffee ist fertig, die Gäste können kommen

Acht Uhr morgens. Im Keller, unter drei Infrarotstrahlern, moduliert André Stößel bei 60 Grad Hitze einen kleinen Volkswagen, geformt aus Plastilin. Oben in der Ausstellung können die Besucher anhand dieses Modells nachvollziehen, wie Forschungsmodelle und Prototypen in Form gefräst und anschließend im Windkanal getestet werden.

Die Themen sind vielfältig: Autos. Kunst. Weltraum. Wasser. Licht. Tanz. Essen und Genuss. Umwelt und Theater. Es gibt nichts, was diese Stadt nicht bewegt. Nichts, das ihr zum Thema Bewegung, Mensch und Mobilität nicht einfällt, kaum etwas, das sie nicht gekonnt dazu in Beziehung zu setzen weiß. Zum Beispiel das Thema Kaffee. Denn auch "Kaffee macht mobil", wie das Motto an diesem Vormittag im FreiRaum der KonzernWelt lauten wird. Im Rahmen der "Inszenierten Bildung" findet heute ein Workshop zum Thema "Kaffeegeschichte und Kaffeehauskultur" statt.

Da werden 120 Jahre alte Kaffeedosen im orientalischen Stil aufgebaut, Kaffeebohnensäcke aus Brasilien und Papua-Neuguinea, daneben historische Schütten, Röstapparate und eine gusseiserne Kaffeemühle, Baujahr um 1770 und noch voll funktionstüchtig. Thomas Stühlke, Referent des Kaffeemuseums in Hamburg, wird heute einen Vortrag halten, Röst- und Mahlverfahren erklären, damit die Besucher verstehen, warum Kaffeetrinken nicht nur Kaffeetrinken ist, sondern ein weltumspannendes Stück Kultur von immenser wirtschaftlicher Bedeutung.

Neun Uhr, die Autostadt ist bereit. Längst sind die ersten Besucher da, Kunden, Geschäftspartner, Schaulustige und Touristen. Sie schlendern durch die Parks, bleiben stehen, studieren die Broschüren und schauen ins Wasser, in dem die dicken Karpfen schwimmen. Sie besehen sich die penibel hergerichteten Blumenbilder und die frisch geputzten Pavillons, die sich mal rund, mal hoch und mal wie ein flacher Diamant ins Grün schmiegen. Über 25 000 Menschen werden heute erwartet. Sie werden die Shops und Restaurants bevölkern, die Ebenen durchschreiten und die Autostadt auf ihre Weise entdecken.

Draußen vor dem MobiVersum sausen die Kinder in kleinen Elektro-Beetles umher, tüfteln drinnen an Versuchsmodellen, staunen und begreifen, lernen. In der Ausstellung Level Green stehen Jugendliche neben Erwachsenen, kleine Menschentrauben in einer grünen, runden Fantasiewelt, die alles andere als Fantasie zeigt, sondern den Weg in eine effektive Zukunft. Im KonzernForum surren längst wieder die Rolltreppen, führen die Gäste in die AbholerWelt, den ersten Anlaufpunkt auf dem Weg zum neuen Auto.

Die Autostadt zeigt jetzt ihre vielen Gesichter und Facetten. Normales Tagesgeschäft, 363-mal im Jahr und dies nun seit zehn Jahren, in denen sich das Gelände immer wieder neu erfunden und weiterentwickelt hat.

Erst am Abend kehrt wieder etwas Ruhe ein, eine gefühlte Stille, man könnte dies die blaue Stunde nennen. Auf dem gläsernen Feld mit den leuchtenden Globen spielen Kinder auf großen Matratzen, manche von ihnen liegen einfach ganz ruhig und entspannt da, genießen die friedliche Atmosphäre, die nun hinter der großen durchsichtigen Fassade herrscht. Musik durchströmt die weite Halle des Hauptgebäudes, spielt leise aus dem Unsichtbaren.

Ein Ehepaar geht über die Piazza, besieht sich die transparente Architektur. Dann bleiben die beiden vor der Erde stehen, einer riesigen Kugel aus Metall, die in der Halle hängt wie im Weltraum. Sie legen die Köpfe in den Nacken. Schauen und schweigen.

Die Stadt, die das Thema Mobilität auf ihre Weise greifbar und fühlbar gemacht hat, hält ein wenig inne. Schenkt ihren Besuchern Momente der Stille. Denn auch dies ist Teil des großen Ganzen. Ohne Ruhe keine Bewegung.

Autor:
Marc Bielefeld