Augsburg Die Augsburger Stofffabriken

Walter Trumet deutet mit der Hand warnend auf sein Ohr, dann legt er den Hebel der Webmaschine um. Der alte Apparat, Baujahr 1880, setzt sich lautstark in Bewegung, der Schütze mit dem weißen Baumwollgarn saust zwischen den gespannten Leinenfäden hin und her. Zentimeter um Zentimeter wächst so vor den Augen der Besucher jener Stoff, der Geschichte geschrieben hat: der in Augsburg hergestellte Fugger-Barchent. Ein Mischgewebe, halb Leinen, damit die Festigkeit stimmt, halb Baumwolle, damit das Tuch gut trocknet.

Zwei Minuten rattert die Webmaschine. Wer den Lärm einmal gehört hat, vergisst ihn nicht. Wer sein Arbeitsleben in der Textilindustrie verbracht hat, sowieso nicht. "Gehörschäden waren die Berufskrankheit Nummer eins", bemerkt Trumet trocken, nachdem er die Maschine abgestellt hat. Und er muss es wissen: Der 82-Jährige war bis in die neunziger Jahre Obermeister in einer Textilfabrik.

In den Websälen der Augsburger Stofffabriken ratterten im 19. Jahrhundert 100 bis 120 Maschinen in einem Raum. Immer zwei wurden damals von einer Weberin betreut. Ihre Aufgabe: Volle Spule rein, nach acht Minuten die leere Spule raus, zwischendurch riss schon mal der Faden, dann lief eine Spule leer, es musste neu eingefädelt werden. Für die Arbeiterin hieß das außer Zeitverlust auch Lohnminderung, denn geschuftet wurde im Akkord und bezahlt nach der Differenz, die der Spulenzähler der Webmaschine zwischen morgens und abends anzeigte. Bis zu 13 Stunden am Tag, sechsmal in der Woche.

Trumet führt seine Gäste weiter zu den nächsten Webmaschinen, zeigt jüngere, leistungsfähigere Modelle, die für immer mehr Stoffmeter und anspruchsvollere Gewebe immer weniger menschliche Arbeitskraft erforderten. In 45 Minuten und auf 25 Metern lassen sich im Maschinensaal des Staatlichen Textil- und Industriemuseums ("tim") 200 Jahre Industriegeschichte nachvollziehen.

Im 19. Jahrhundert hat die Stadt enorm von der Branche profitiert. Augsburg ist eine der traditionsreichsten Textilstädte Europas. Die Geschichte beginnt mit dem Weber Hans Fugger, der Ende des 14. Jahrhunderts vermutlich bereits mit besagtem Barchent handelte. Um das Jahr 1500 sind an die 1000 Webermeister in Augsburg ansässig. So wichtig ist das Gewerbe, dass es zwei eigene Maße gibt: die Leinwand-Elle und die Barchent-Elle, Letztere war exakt 58,65 Zentimeter lang. Beide Maße kann man noch heute an der Fassade des Rathauses entdecken.

Als die traditionell gewebten Textilien im frühen 17. Jahrhundert durch bunt bedruckte Baumwollstoffe aus Indien Konkurrenz bekommen, gelingt es, durch Industriespionage - früher nannte man das schlicht "Erkundungsreise" - hinter das Geheimnis des Kattundrucks zu kommen. Anders als die Europäer, die ihre Stoffe aufwendig mit übel riechenden und nicht wasserfesten Ölfarben behandeln, benutzen die Inder haltbare Wasserfarben. 1689 wird in Augsburg die erste deutsche Kattundruckerei gegründet, die Stadt macht sich einen Namen als Zentrum der neuen Technik.

Mit seinen Manufakturen und Fabriken entwickelt sich Augsburg im 19. Jahrhundert zum "deutschen Manchester". Ein Unternehmen nach dem anderen siedelt sich an den Lechkanälen an, die Wasserkraft treibt Generationen von Webmaschinen an. Riesige Industrieareale entstehen, 1836 etabliert sich die Augsburger Kammgarn-Spinnerei, 1837 die Mechanische Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg, 1846 die Mechanische Weberei am Fichtelbach. Die Architekturzeichnungen im "tim" zeigen geschlossene Ensembles mit städtebaulicher Komposition: die Webereien in den sogenannten Shedhallen, flachen Gebäuden mit Sägezahn-Dach, die Spinnsäle in hohen Bauten, daneben ein Kraftwerk, im Park die Villen der Direktoren, dahinter in einiger Entfernung die Wohnhäuser der Arbeiter. Jedes Unternehmen eine kleine Stadt für sich.

Vom Textilzentrum zum Museum

Ende der 1950er-Jahre sind in der Textilindustrie mehr als 17.000 Menschen beschäftigt. In den siebziger Jahren beginnt dann der Niedergang, die Textilindustrie gehört zu den Verlierern der Globalisierung: Mit den Billigimporten aus Fernost können Augsburgs Fabriken nicht konkurrieren. 1996 schließt die Neue Augsburger Kattunfabrik, noch 1990 eines der drei größten Stoffdruckunternehmen Europas. Auf dem Gelände steht heute ein Einkaufszentrum mit Parkgarage. 2004 schließt auch die Augsburger Kammgarn-Spinnerei, zeitweise das größte deutsche Unternehmen dieser Art.

Die Gebäude stehen leer, verfallen, etliche werden abgerissen. Eine Strategie, das industrielle Erbe zu bewahren, ist nicht in Sicht. Doch zumindest die sorgfältig geführten Musterbücher der Kattunfabrik werden gerettet. In schweren Folianten stecken rund 1,3 Millionen Stoffmuster aus den 1780er bis 1990er-Jahren. Sie sind das Tafelsilber des Museums, das 2010 in den behutsam umgebauten Kopfbau sowie in die Shedhallen der ehemaligen Kammgarn-Spinnerei einzieht.

Großen Anteil am Aufbau des "tim" haben die Textilarbeiter, die sich in den Jahren des Niedergangs ihrer Fabriken zu einem Förderverein zusammenschließen. Sie bewahren die legendären Musterbücher vor dem Ausverkauf nach Fernost, tragen Webmaschinen aus den Konkursmassen zusammen und bringen sie mit Geschick und Geduld wieder zum Laufen. Die "alten Textiler", wie man sie respektvoll nennt, sichern so wichtige Exponate für das neue Haus.

Karl Borromäus Murr ist froh, dass er die Ehrenamtlichen hat. Der Museumsdirektor kann auf seine Textiler zählen. Der jüngste ist 62 Jahre alt, der älteste 82, und sie übernehmen die Maschinenführungen - allein 2600 im ersten Jahr des Bestehens. Ihr Förderverein kümmert sich auch um den Museumsshop, der keine Ware von der Stange verkauft, sondern Produkte "made@tim", beispielsweise den Fugger-Barchent.

Im Museum erwarten die Besucher Menschen, Maschinen, Muster, Mode. Ein auf den Boden gemalter roter Faden führt durchs ganze Haus: Von den Rohstoffen wie Baumwolle und Flachs geht es an Web- und Strickmaschinen vorbei, Techniken der Textilveredelung werden anschaulich erklärt, bevor der Rundgang mit einer kleinen, feinen Modenschau endet. Intelligent bestückte Kabinette stellen den historischen Kontext dar und erzählen Geschichten von Arbeitern, Unternehmern und Bankern. Die Inszenierung der Musterbücher wurde mehrfach ausgezeichnet: Besucher können die digitalisierten Stoffmuster via Touchscreen und Beamer auf überlebensgroße "Grazien" projizieren.

"Wir wollen ein lebendiges Museum sein", sagt Direktor Murr, und deshalb mischt sein Haus fleißig mit in der Augsburger Kulturszene. Das "tim" war am Theaterstück "Die Weber von Augsburg" beteiligt, ist Gastgeber von Veranstaltungen, lädt zu Lesungen, Modenschauen und Jazz-Sessions mit ratternden Webmaschinen ein. Gelungene Architektur, perfekte Präsentation, vielfältige Veranstaltungen - all das macht das "tim" zu einem der beliebtesten und renommiertesten Museen Bayerns. Doch vor allem geht es den Museumsmachern um die Geschichte, um einen Teil des Augsburger Lebens. "Jetzt weiß ich endlich, was meine Mutter ihr ganzes Leben in der Fabrik gemacht hat", hatte eine Besucherin während der Führung gesagt. Tränen glänzten dabei in ihren Augen.

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Autor:
Gisela Huettinger