Augsburg Die Augsburger Puppenkiste läuft nicht immer wie am Schnürchen

Ja, hat man so was schon gesehen! Da feiert die Augsburger Puppenkiste vor ein paar Jahren ihre Wiedereröffnung nach großer Renovierung, das Kasperle moderiert abends die Show vor vollem Haus mit feinen Gästen, und wer sitzt vorn in der ersten Reihe und schläft? Das Stoiberle! Na, da musste das Kasperle den bayerischen Ministerpräsidenten doch mal fröhlich von der Bühne aus wecken, und natürlich kam der dann ganz schnell wieder zu sich. Obwohl, bestimmt hatte der Landesvater nur die Augen geschlossen und den Kopf zur Seite gelegt und sich total stark auf das Programm konzentriert. So wird's gewesen sein.

Klaus Marschall erzählt die Anekdote gern, der 50-jährige Direktor der Puppenkiste leitet das Familienunternehmen in dritter Generation. Klaus Marschall könnte mit seinem dichten weißgrauen Haar und dem kurz getrimmten weißen Bart jeden Ernest-Hemingway-Ähnlichkeitswettbewerb gewinnen, und selbst im Wesen mögen sie sich nicht unähnlich sein: Auch Marschall zeigt eine gewisse Schnörkellosigkeit, im Handeln wie im Sprechen. Er leitet das Haus seit 1992 mit Weitsicht, Verantwortungsgefühl und Stolz. "1998 haben wir unseren fünfzigsten Geburtstag gefeiert und wurden vom bayerischen Staatsminister und dem Oberbürgermeister im Goldenen Saal des Rathauses geehrt", erinnert er sich. "Das war der schönste Moment in meiner Zeit als Direktor des Hauses."

Erfinder der Puppenkiste ist sein Großvater Walter Oehmichen. Der war während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich stationiert, entdeckte bei Calais ein Puppentheater, mit dem er fortan seine Kameraden bei Laune hielt. Zurück in Deutschland machte Oehmichen sich mit einem Wandertheater für Puppen selbstständig; 1944 wurde es bei einem Bombenangriff auf Augsburg zerstört, einen handtellergroßen Splitter mit aufgemalten Blumen kann man heute im Museum der Puppenkiste besichtigen. 1948 dann eröffnete Walter Oehmichen die Augsburger Puppenkiste im früheren Heilig-Geist-Spital, einem hübschen Renaissancegebäude. Dort spielt sie noch heute. Sie hat sogar ein bisschen Geschichte geschrieben.

Die fiese Dornenhecke und der liebe Prinz

Oehmichen mochte Bertolt Brecht, und 1960, als die Augsburger auf Brecht noch nicht gut zu sprechen waren, führte er mit seinen Figuren in der Stadt die "Dreigroschenoper" auf, als Erster nach dem Krieg. Unsterblich aber wurde die Puppenkiste über die Jahrzehnte via Fernsehen bei Generationen von Kindern mit Geschichten wie "Urmel aus dem Eis" und "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". In den Neunzigern verfilmte man mit der Ratte "Monty Spinnerratz" sogar ein amerikanisches Kinderbuch fürs Kino und schoss einige Sequenzen in New York. Am besten aber wirkt die Puppenkiste immer noch, eben, in der Puppenkiste.

An diesem Nachmittag ist die Hölle los, in einer Viertelstunde beginnt "Dornröschen", und im großen Foyer unter dem weißen Gewölbe kreischen gleich mehrere aufgeregte Grundschulklassen durcheinander, dazwischen erhebt eine Lehrerin mit rotem Kopf ihre Stimme und ruft: "Wenn jetzt noch einer von euch zur Toilette muss, dann bitte jetzt!" Natürlich meldet sich kein Kind - mein Gott, es geht doch gleich los, jetzt ist für Profanitäten wie Pinkeln wirklich nicht die Zeit, das dauert doch ewig, womöglich gar mit Händewaschen, so weit kommt's noch. Wenn es dann dunkel wird im Saal, die Kiste sich öffnet und die Geschichte beginnt, dann wird es plötzlich ganz still: Die hübsche Prinzessin und die böse Frau mit ihrem Fluch und die fiese Dornenhecke und der liebe Prinz, wie soll das nur enden?!

Die guten alten Geschichten - immer neue Geburtsjahrgänge wollen sie sehen, ihre Magie versiegt nie. "Wir haben bei 420 Vorstellungen pro Jahr eine Auslastung von 99 Prozent", freut sich Klaus Marschall. "Das sind mehr als 90.000 Besucher pro Jahr." Das klingt wie ein Märchen für Buchhalter, aber leider stimmt am Ende die Kasse nicht: 2010 machte das Theater 50.000 Euro Verlust - das Haus hat neben den 16 Puppenspielern noch 19 weitere Angestellte, das sind viele Münder, die gestopft werden wollen. Die Vorstellungen sind offenbar ausgereizt. Werfen denn die DVDs nichts ab? "Wir haben bis 1994 viele Sendungen mit dem Hessischen Rundfunk produziert, die heute als DVDs auf dem Markt sind", sagt Marschall. "Dann haben wir über einen höheren Anteil für die Puppenkiste verhandelt, sind uns aber nicht einig geworden, und danach hat der HR die DVDs neu aufgelegt: Mit einer Verpackung, auf der die Puppenkiste und ihr Schriftzug nicht mehr zu sehen sind.

Und nun? "Ich fühle mich vom HR abgezockt", sagt Klaus Marschall, "jetzt geht die Sache vor Gericht." Aber man könnte doch neue Produkte entwickeln, Fernsehserien, Plastikfigürchen, Computerspiele, T-Shirts! "Vielleicht würden wir gutes Geld machen, wenn wir unsere Lizenz freier vergeben und mehr Produkte machen würden", sagt Klaus Marschall. "Aber irgendwann leidet die Qualität, und wenn man dann den Markt mit Produkten übersättigt, macht man die Puppenkiste von innen kaputt."

Weltweit ein Hit

Klaus Marschall weiß um die Gefahr der Ambition, mehr als manch anderer. Der Stoiber zum Beispiel hatte ja auch mal große Pläne vor ein paar Jahren. Außenminister wollte er werden, munkelte man, er reiste ja so gern. Daraus ist nichts geworden. Das Kasperle reist auch gern, die Goethe-Institute laden es immer wieder ein, die Puppenkiste ist weltweit ein Hit, auch wenn die Kinder im Ausland den Text nicht verstehen. "Für die USA haben wir Tonträger mit englischen Stimmen, aber in den meisten Ländern sprechen die Figuren deutsch", sagt Marschall. "Wir machen dann Pausen in den Aufführungen, damit eine Moderatorin den Kindern erklären kann, was gerade passiert ist."

In Japan war der Erfolg der Puppenkiste besonders groß, "gerade dort, wo schon kleine Kinder mit elektronischem Spielzeug aufwachsen und es sogar Spielhallen für Kinder gibt. Dort ist die Sehnsucht nach unseren einfachen Holzpuppen am größten", freut sich Marschall. "Nach den Aufführungen haben sich die Kinder in einer langen Reihe angestellt, um den Puppen zum Abschied die Hand zu geben - das hat mich sehr gerührt. Solche Momente entschädigen für alle Besprechungen mit Anwälten und Marketingleuten und den ganzen Kram, mit dem ich mich als Direktor so herumschlage."

Bertolt Brecht hat einmal in seiner antikapitalistischen Verachtung gegrantelt, ein Theater sei "ein Unternehmen, das Abendunterhaltung verkauft". Ausgerechnet der alte Ätzer, den Walter Oehmichen so mochte. Auch die Puppenkiste verkauft Abendunterhaltung, das Kabarett für Erwachsene läuft super, wobei man vorher betonen sollte, dass Kabarett für jeden etwas anderes bedeutet. Hier wird es vom Kasperle moderiert, das ist in seiner Sprache dem Kabarettisten Mathias Richling nicht ganz unähnlich. Doch während Richling auf der Bühne eine derart hyperaktive Show abreißt, dass jeder sofort eine Herzattacke befürchtet, ist das Augsburger Conférencier- Kasperle ein äußerst gemütlicher Geselle, wie auch der ganze Abend etwas Gediegenes hat.

Denn statt eines Feuerwerks aus Aperçus bietet man ein Potpourri aus Kalauern wie etwa dem von den "vier Problemen der Deutschen Bahn: Frühling, Sommer, Herbst und Winter". Im Grunde ist es Heinz Erhardt an Schnüren, was die Augsburger Puppenkiste abends auf die Bühne bringt, aber es ist doch schön, dass es das gibt. Und bei all der Geschichte in Augsburg ist es nur fair, dass die frühen Jahre der Bonner Republik in der Puppenkiste ein wenig konserviert werden.

Doch das Erbe Walter Oehmichens reicht weiter - sogar bis in die aktuellen Programme der Fernsehsender: Wenn Sie versehentlich oder auch vorsätzlich in einige deutsche Serien hineinschalten, dann erkennen Sie es sofort: den hölzernen Stil, die ungelenken Körper, die regungslosen Gesichter - als wäre es eine verbotene Liebe zwischen Kasperle und den Menschen, als würde er den Menschen, ob gute Zeiten, schlechte Zeiten, täglich rote Rosen bringen, um sie in seinen Bann der motorischen Beschränkung zu ziehen. Die Figuren der Puppenkiste werden übrigens ausschließlich und schon immer aus Lindenholz geschnitzt. Es ist weich und fasert nicht.

Autor:
Burkhard Maria Zimmermann