Schwäbische Alb Die Alb ist ein Naturparadies

Die da oben sind nicht zu beneiden. Das ist eine verbreitete Meinung unter Schwaben. Die da oben können zwar auf die anderen herabschauen. Aber sie leiden eben auch unter der Einsamkeit, der Kälte und dem rauen Wind, weshalb man nicht gern einer von denen da oben wäre. Und wenn doch, dann zeigt man es nicht. Das hilft freilich nichts, denn die da oben erkennt man unten trotzdem, wenn sie mal herabkommen, zum Einkaufen oder sonntags zu Besuch. Sie fremdeln, kennen sich nicht aus, wirken schlicht gekleidet und haben einen harten Akzent. Und man macht böse Witze über sie. "Was sind die drei Geißeln der Menschheit? Lepra, Cholera und Von-d'r-Alb-ra!" Von der Alb herab - das ist für manchen unten am Neckar so ziemlich das Deprimierendste, was einem Schwaben passieren kann: bei denen da oben leben zu müssen, auf der Schwäbischen Alb.

So viel zum Kapitel Klischees, entstanden in grauer Vorzeit, als es noch eine Tagesreise brauchte, von d'r Alb ra nach Esslingen, Kirchheim oder Nürtingen auf den Markt zu fahren, um Hammelfleisch, Fell und Wolle gegen Sachen zu tauschen, die es da oben nicht gab:Tabak,Wein oder gutes Obst. Diese Zeiten sind passé. Aber die Menschen lieben ihre alten Klischees und pflegen sie bekanntlich umso mehr, je weniger sie noch stimmen. Klischees beruhen ja auch auf Gegenseitigkeit, weshalb man im Stuttgarter Landtag selbst im globalisierten 21. Jahrhundert noch erleben kann, dass die "Älbler" unter den Abgeordneten, nur halb im Spaß, mit den "Neckarschwaben" streiten, den Esslingern oder "Schduegerdern". Da geht es dann um den Wasserverbrauch der Landeshauptstadt und die Frage, ob man wirklich einmal pro Tag duschen muss und ob nicht auch einmal pro Woche reicht, "wie denen da oben auf der Alb".

Die Alb. Sie steht quer herum im fusionierten Bundesland Baden-Württemberg, als ein gigantisches Strukturelement. "Flüsse verbinden, Berge trennen", sagt Hermann Bausinger, der Tübinger Volkskundler. So trennt die Alb nicht nur als Wasserscheide die Flüsse zur Nordsee von den Flüssen Richtung Donau und Schwarzes Meer. Sie trennt auch ein protestantisches schwäbisches Kernland vom katholischen Oberschwaben und Allgäu. Und sie ist für die mehr als zweieinhalb Millionen Bewohner der wirtschaftlichen Boomregion am mittleren Neckar ein wichtiger Teil des Horizonts - weltanschaulich wie topografisch. Genauer: Der Rand der Alb ist ihr Horizont, der "Albtrauf", jene mehr als hundertfünfzig Kilometer lange, von Nordosten nach Südwesten verlaufende Abbruchkante aus Kalk, die dieses Mittelgebirge nach Westen hin scharf begrenzt, während es nach Osten fast unmerklich zur Donau hin abfällt.

"Blaue Mauer" hat ein Schwarmgeist sie getauft, jene Wand, die man sieht, wenn man an einem klaren Tag aus dem engen Neckartal hinaufsteigt auf die Esslinger Burg oder zur Grabkapelle auf den Württemberg oberhalb von Untertürkheim und nach Südosten blickt. Mit dem Albtrauf ist es wie so oft im Leben: Bei näherem Hinsehen werden Dinge kompliziert. Weshalb die Blaue Mauer nur so lange eine ist, wie man sie von weitem betrachtet, aus der sicheren Entfernung des Neckartals. Hat man aber die 30 oder 35 Kilometer Autofahrt nach Owen oder Neuffen nicht gescheut, dann das Auto stehen gelassen und sich an den anstrengenden, etwa einstündigen Aufstieg gemacht, vielleicht sogar vermieden, sich dabei umzuschauen, sondern sich nur auf Atem und Schritte konzentriert, und steht man schließlich oben an der Kante - dann sind vom Wind und Glücksgefühl augenblicklich alle Klischees wie weggeblasen.

Wohlan, Klischee-Erledigung Nummer eins: Die hier oben sind zu beneiden - jedenfalls um diesen unglaublich phänomenalen Ausblick nach Westen und die herrlich frische Luft. Man empfindet spontan Mitleid oder auch Schadenfreude mit denen, die jetzt da hinten, unten im Stuttgarter Kessel oder in der Esslinger Innenstadt, "schaffe" müssen, wie der Schwabe sagt, stets begleitet von einem leisen Seufzer. Klischee-Korrektur Nummer zwei: Hinterm Horizont geht's weiter. In Gegenrichtung nämlich, nach Osten hin, entfaltet sich vor den Augen des Wanderers eine zwar dünn besiedelte, aber durchaus fruchtbare und keineswegs sibirische Albhochfläche, mit Feldern, Wäldern und Wacholderheiden. Und richtigen Häusern, Autos und Menschen. Schließlich Irrtum Nummer drei: Die Mauer oder Wand, die wir da von weitem gesehen haben, sie gleicht, wie man jetzt erkennt, viel mehr einem riesigen, bis zu vierhundert Meter hohen, grünen Theatervorhang mit Faltenwurf - also mit weit in das liebliche Vorland ragenden Bergen und Bergnasen, die sich mit tief eingeschnittenen, bis zu zehn Kilometer langen Tälern abwechseln. Und entlang der Abbruchkante sieht man immer wieder gewaltige weiße oder gelbliche Kalksteinfelsen aus dem dichten Mischwald ragen, wie Zähne eines sehr lückenhaften Unterkiefers.

Wer den Albaufstieg hinter sich gebracht hat, etwa von Owen hinauf zur Burg Teck, sich dort zu den zivilen Preisen gestärkt und direkt unterhalb der Burg auch noch den Blick aus der kleinen Sibyllengrotte ins weite Land gegönnt hat, der kann auf dem Albtraufpfad dann südwärts locker ausschreiten. Rechterhand der dämmergrüne Abgrund, linkerhand der lichte Bergwald. Knorrige, sturmtrainierte Eichen und Buchen wechseln mit Ahorn und Bergkiefern. Und wer den Blick senkt, der sieht am Wegrand gar Enzian.

Den Kopf hängen zu lassen, kann ausnahmsweise auch aus zwei anderen Gründen empfohlen werden: Der Kalk des mittleren Weißjuras, der hier die Oberfläche bildet, kann rutschig sein. Und: Er steckt voller Überraschungen - Ammoniten, Urzeitfische und andere Versteinerungen begegnen einem hier buchstäblich auf Schritt und Tritt. Früher, vor 180 Millionen Jahren, war dies der Boden eines flachen Jurameeres, Korallen, Schwämme und Plankton bildeten immer neue Sedimente. Sterbende Meerestiere sanken zu Boden, wurden von den Sedimenten eingeschlossen. Sie begegnen uns heute als Fossilien.

Die Alb ist ein Paradies für Modellbauer und Segelflieger

Spontanpaläontologen seien aber vorgewarnt: Fossilien vor der Stiefelspitze sind auf der Alb so zahlreich, dass der Rucksack bald schwer wie ein Mühlstein wäre, wollte man alle Funde einsammeln. Besser, man spart sich die Neugier diesbezüglich für das nahe Urweltmuseum Hauff in Holzmaden auf, wo den Besucher sensationell präparierte Meeressaurier und Urzeitfische erwarten.

Übrigens verlief der Albtrauf noch vor zehn bis zwölf Millionen Jahren, auch wenn das manchen Neckarschwaben nicht schmecken sollte, etwa in Höhe des heutigen Esslinger Marktplatzes und ist seither durch Wind- und Wettererosion nach Südosten gewandert. Noch heute tut er das mit einer Geschwindigkeit von einigen Millimetern pro Jahr. Ein bisschen Geduld also, und das "Problem Alb" wird irgendwann an die Bayern abgegeben werden können.

Weiter führt der gut ausgetretene, zudem sauber markierte Pfad am Albtrauf entlang. Alle paar hundert Meter macht der Wald Platz für einen jener "Zähne", von der Erosion freigelegte Felsplateaus, die sich zum Rasten eignen, manche mit sparkassenfinanzierter Sitzbank, von denen aus Schwindelfreie den phantastischen Blick auf die Welt da unten genießen können. Einige dieser Vorsprünge lassen an Caspar David Friedrichs Rügener Kreidefelsen denken. Die prominenteren unter ihnen tragen Namen, "Wilhelmsfels", "Breitenstein", "Marienfels" oder "Gelber Fels".

Und wenn es der Zufall will, wächst aus der gähnenden Tiefe plötzlich ein roter oder gelber Plastikhelm und wünscht dem verdutzten Wanderer keuchend "Grüß Gott": Die Albtrauf-Felsen sind bei Kletterern beliebt, dermaßen, dass viele bereits zum Schutz der Natur für Kraxler gesperrt werden mussten. Generell macht der Freizeitsport sich in zahlreichen Disziplinen am Albtrauf zu schaffen. Und wenn es durchs grüne Blätterdach plötzlich wundersam singend und sirrend ans Ohr des Wanderers dringt, dann sind es doch keine Äolsharfen, sondern Segelflieger, die sich mit der Thermik am Albtrauf in den Himmel schrauben.

Ein Albtal zu queren statt zu umrunden, kann wegen des Höhenunterschieds mühsam sein. Es kann aber auch sinnvoll sein, wenn man Strecke machen will und Abwechslung sucht. Auf dem Weg von der Burg Teck über die Festung Hohenneuffen nach Bad Urach queren wir also, statt oben am Albtrauf zu bleiben, das tiefe Lenninger Tal, durchwandern schöne Streuobstwiesen und die reinliche, wenn auch sehr ruhige Ortschaft Lenningen, stapfen auf der anderen Talseite 300 Höhenmeter bergan und landen - direkt bei den alten Kelten.

Die haben die Berghalbinsel beim heutigen, recht beschaulich wirkenden Dorf Erkenbrechtsweiler auf der Albhochfläche schon Jahrhunderte vor Christi Geburt besiedelt. Davon zeugen Ausgrabungen eines Straßentores, Teil der Befestigungsanlage für das sogenannte Heidengraben-Oppidum. Inwieweit die Alb-Kelten da oben beabsichtigt haben, sich mit dem Bollwerk gegen die Neckar-Kelten da unten zu behaupten, ist leider nicht überliefert. Wohl aber steht geschrieben, dass auf der imposanten, 900 Jahre alten Festung Hohenneuffen, eine dreiviertel Wanderstunde von hier, es hundert Mann im Dreißigjährigen Krieg geschafft haben, mehr als ein Jahr lang eine Belagerung zu überstehen. Die trutzige Festungsruine auf einem Kegel 743 Meter hoch über dem dicht besiedelten Neuffener Tal, die vor der Einführung des Schießpulvers als uneinnehmbar galt, spielte 1948 eine hochsymbolische Rolle. Hier wurden damals die ersten Verhandlungen zwischen den Minister- und Staatspräsidenten der künstlichen Nachkriegszwergländer Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern um die Fusion zu einem großen Südweststaat geführt.

Zwar widersetzte sich der Südbadener Leo Wohleb erbittert, und die "turbulente Veranstaltung" stand, wie sich der damalige Staatsrat Theodor Eschenburg erinnert, mehrfach kurz vor dem Scheitern. Da wurde "eigentlich nicht beraten, eher polemisiert." Doch das Ganze endete abends mit dem "Singen volkstümlicher Lieder" und dem Konsum einer "astronomischen Zahl" von Flaschen eines Silvaners unten aus dem Neuffener Tal. Und so leistete der Genius Loci des Hohenneuffen, mit etwas Verzögerung, ganze Arbeit. Allein, dass die Herrschaften samt Gefolge von "denen da unten" heraufkamen zu "denen da oben" - an einen Ort genau auf einer der Trennlinien des Landes, nicht sehr weit entfernt vom geografischen Mittelpunkt des heutigen Bundeslandes (im Alten Botanischen Garten zu Tübingen) - schon das war ein Signal, das sie versöhnen sollte statt zu spalten.

Mit Erfolg: Wenige Jahre darauf, 1952, wurde Baden-Württemberg aus der Taufe gehoben, ein heute florierendes Bundesland. Seine Bewohner werden andernorts in mancher Hinsicht beneidet - und zwar die da oben und die da unten.

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Autor:
Stefan Hupka