Mit Stil Deutschlands schlimmster Monat - der November

Theoretisch hatte ich den ganzen September und Oktober Zeit, mich darauf vorzubereiten. Mental jedenfalls. Aber nun, wo es soweit ist, bin ich trotzdem schrecklich deprimiert: Es ist November. Und ich bin der einzige Mensch, der noch in Berlin sitzt.

Gut, ein paar andere sind auch noch hier. Aber alle, die ich kenne, sind fort. Mein Mann ist in Kairo, meine Freundin Caroline in Neuseeland, Viola auf dem Weg nach Argentinien. Meine Schwägerin setzt sich bis Januar mit den drei Kindern nach Brasilien ab, Kollege S. hat seinem Verlag erklärt, dass er sein Buch viel besser auf den Malediven beenden könne, sogar der vietnamesische Kioskbesitzer von gegenüber ist für fünf Wochen in die Heimat geflogen und bringt die Grundversorgung unseres Büros damit völlig durcheinander.

Man würde gern, aber man kann es ihnen nicht übel nehmen. Wenn ich genug Geld übrig hätte, wäre ich auch sofort weg."

Im November gibt es einfach keinen Grund, hier zu bleiben. Das Wetter ist eine Katastrophe, alles ist grau. Selbst die neue Nagellackfarbe von Yves Saint Laurent heißt - wie passend - "Stormy grey".

Alle haben schlechte Laune oder sie haben irgendeine Tiergrippe. Ski fahren geht noch nicht. Die Weihnachtsmärkte fangen erst in ein paar Tagen an. Keiner feiert, oder lädt wenigstens zum Essen ein. Es passiert rein gar nichts.

Vor zwei Jahren verbrachten wir unseren Jahresurlaub zu dieser Zeit noch in Uruguay, in Jose Ignacio genauer gesagt. Im November ist dort Nebensaison, wir lagen am Strand, lasen ein Buch pro Tag, aßen so oft es ging im , einem fantastischen französisch-belgischen Restaurant versteckt als Bretterbude im Wald, dessen Newsletter ich irgendwie nicht abbestellt kriege und dessen Menüankündigungen mich jedes Mal in ein seelisches Tief stürzen.

Letzten November konnten wir wenigstens für ein langes Wochenende zu einem Geburtstag in die Toskana, das half schon zur Überbrückung des Winters. Dieses Mal sind mir meine Hochzeit und eine Zahnbehandlung dazwischen gekommen, der Urlaub ist bis auf weiteres verschoben.

Wenn diese Finanzkrise irgendwann vorbei ist und die Leute wieder Geld ausgeben können, wird im November wahrscheinlich niemand mehr in Deutschland überwintern. Dann werden die Städte wie ausgestorben sein, man wird nur ein paar Eltern mit schulpflichtigen Kindern auf der Straße sehen, meistens in der Nähe von Solarien. Die Restaurants werden geschlossen bleiben, der öffentliche Nahverkehr wird auf Ferienfahrplan umschalten, und im Ordnungsamt wird Kurzarbeit angesagt sein, weil niemand mehr da ist, der falsch parken könnte.

Eine großartige Vorstellung - bis einen der bayerische Metzgersohn aus dem zweiten Stock in Badehose am Strand von Phuket grüßt.

Alles kann man halt nicht haben. Erst recht nicht im November.

Autor:
Silke Wichert