Ahrweiler Deutscher Rotwein vom Garagenwinzer

Selbstverständlich, sagt Stefan Kurth freundlich am Telefon, könne man sich treffen, um über seine Weine zu reden. Aber bitte erst nach dem Schützenfest in Ahrweiler. Das hat nämlich mindestens die Bedeutung von Karneval und Silvester zusammen und wird über mehrere Tage mit Hingabe begangen. Von den einheimischen Winzern sagt man sogar, dass sie ihre Weinberge während der Festzeit sich selbst überließen.

"Das stimmt so nicht mehr", sagt Kurth einige Tage später, als wir uns zum Gespräch treffen, er greift zum Mineralwasser. Mit dem Wein müsse er erst mal langsam machen. Kurth ist Offizier in der Schützengesellschaft. Wie man in solch ein Amt kommt? "Ich wurde gefragt, damit war ich Offizier", antwortet Kurth im rheinfränkischen Singsang. Da kommt sein Bruder Thomas um die Ecke, leicht verspätet. Das Schützenfest. Thomas Kurth ist der Inhaber des Weingutes Kurth in Ahrweiler, Stefan Kurth ist für die dort produzierten Weine verantwortlich.

Im Ahrtal, diesem schmalen Canyon südwestlich von Bonn, lebt ein Menschenschlag, der genussfreudig, aber auch sehr stur zu sein pflegt. Wenn Schützenfest ist, hängen draußen die Fahnen der Stadt Ahrweiler, die es seit 1969 nicht mehr gibt. Aber die Ahrweiler waren damals schon gegen die Zusammenlegung mit Bad Neuenahr und zeigen das bis heute. Die Spuren des Schützenfestes sind inzwischen längst beseitigt, die Fahnen aber hängen immer noch draußen, als kleiner Gruß an die ungeliebte Nachbarschaft. Stefan Kurth betreibt noch eine stärkere Ausprägung des Lokalpatriotismus. Auf den Weinflaschen steht Ahrweiler bei Bachem, dabei ist Bachem ein kleiner Ortsteil von Ahrweiler. Kurth, ein bekennender Bachemer, kann darüber lachen, sein Bruder weniger. "Ich konnte mir den Mund fusselig reden", sagt Thomas Kurth. "Es hat nichts genützt."

Dass man im Ahrtal auch den Weinbau anders betreibt, liegt auf der Hand. Die Winzer kümmern sich nicht darum, was andere sagen. Hier wird auf Schiefer Rotwein angebaut, vor allem Spät- und Frühburgunder. Schiefer ist sonst untrennbar mit Weißwein, mit Riesling verbunden, diese Kombination hat die Mosel weltberühmt gemacht. Aber rote Burgunder jenseits des 50. Breitengrads, der als Polarkreis für Rotweine gilt? Es funktioniert, der Schiefer erwärmt sich und speichert die Wärme. Und dass durch den Klimawandel bedingt immer bessere Rotweine an der Ahr wachsen, das betrachten die Winzer als eine Art Vorsehung: Sie hatten mal wieder den richtigen Riecher. Und wenn sie von etwas überzeugt sind, dann packen sie es so an, dass es besonders gut wird.

Stefan Kurth ist ein ausgewachsenes Exemplar dieses Winzerschlags, unorthodox und doch tief in den Traditionen des Tales verwurzelt. Auf die Zunge beißt er sich nicht gerne. Kurth wird eine Ähnlichkeit nachgesagt mit dem blondroten Boris Becker. Tatsächlich ähnelt er eher Dietmar Bär, dem kräftigen Tatort-Kommissar. Das leibliche Wohl, das sie sieht man Kurth an, kommt bei ihm nicht zu kurz. Der Grill wartet neben der Verandatür, zu Weihnachten hat ihm der Vater jahrelang einen Zehn-Liter-Eimer Ketchup geschenkt für die geliebten Fritten und Würstchen. Das war ihm als Heranwachsender das größte Geschenk.

Kurth war einige Jahre Kellermeister bei Werner Näkel, der mit dem Weingut Meyer-Näkel Spätburgunder von der Ahr nach oben hievte zu den besten in Deutschland. "Er hat die Ahr ins Gespräch gebracht, auch international", sagt Kurth. Inzwischen hat Näkels Tochter Meike den Job als Kellermeisterin übernommen, Kurth ist immer noch angestellt beim besten Ahr-Betrieb. Den Keller im Weingut seines Bruder versorgt er nach Feierabend, Thomas Kurth regelt das Finanzielle.

"Ich bin kein Geschäftsmann", sagt Stefan Kurth. Aber er hat jede Menge Gefühl für Wein. Stefan Kurth ist ein Instinktwinzer, der aus wenig viel machen kann. Die alte Traubenpresse stammt aus den 1950er Jahren, die Lagen, in denen seine Reben stehen, zählen nicht zu den großen an der Ahr. Aber Kurth gelingen Weine, da kann mancher Winzer mit Toplagen nur staunen. "Ich würde gerne mal die Lagen tauschen und schauen, was dabei heraus kommt", grinst er.

Weine für den Hausgebrauch füllt er schon länger ab, der 2007er war der erste offizielle Jahrgang des Weinguts Kurth. Seitdem zählt sein Spätburgunder Blanc de Noir zu den Besten im Tal. Sein Frühburgunder "Pross Jupp" imponiert mit einer feinen Cassis-Note. Seine eleganten Spätburgunder bieten für moderate Preise großen Trinkgenuss. An der Spitze steht "Kathinka", ein delikater Dialog von Frucht und Schiefer, mit den für die Ahr-Stilistik typischen mineralischen Noten. "Kathinka" trägt ein schwarzes Etikett mit weißem Schriftzug, schlicht und stilvoll, die Etiketten kleben die Kurths von Hand.

"Vielleicht mache ich irgendwann mal einen Strunzwein", sagt Kurth, wie immer ohne unnötigen Respekt vor großen Namen und Statussymbolen. "Strunzwein" ist sein Begriff für Prestigeweine, mit denen angegeben wird und Preise abgeräumt werden. Kurth ist Jahrgang 1970, macht aber schon seit 24 Jahren Wein. Neben Meyer-Näkel hat er noch weiteren Ahr-Weingütern seinen Stempel aufgedrückt, jetzt tritt er langsam mit seinen eigenen Weinen in den Vordergrund.

Noch sieht er sich als "Garagenwinzer", seine Weine lagern bei einem befreundeten Winzer. Im Hinterhof baut er gerade seinen eigenen kleinen Keller. Zu schnell darf es nicht gehen, Investitionen und Risiken müssen überschaubar sein. "Da bin ich ein Hasenpfötchen", offenbart der robuste Ahrtäler auch eine sensible Seite. Stefan Kurth ist kein Typ, der vorgibt, alles zu können. Aber besonderen Wein erzeugen, das kann er.

Weingut Kurth
Bachemer Straße 44, 53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Telefon 02641-90 06 54,

Autor:
Rainer Schäfer