Württemberg Deutsche Weine aus der Schwäbischen Alb

Die Zeit der bösen Witze ist vorbei, sagt Helmut Dolde. Lange wurde über die Weine gelästert, die am Rand der Schwäbischen Alb wachsen. Einer dieser Witze behauptet, dass es immer eine Gruppe von vier Personen braucht, um diese Weine zu trinken: Den bedauernswerten Konsumenten, zwei, die ihn festhalten. Und einer, der ihm das saure Getränk einflösst. Die Weine vom Albtrauf galten als gesundheitsgefährdend, weil ihre aggressive Säure wie ein scharfes Messer im Magen gewütet haben soll.

Heute werden in der kleinen Weinbaunische bei Nürtingen spannnende Feldversuche durchgeführt. Helmut Dolde keltert dort bemerkenswerte Silvaner, Rieslinge und Spätburgunder. Vor allem seine Silvaner zählen zu den auffälligsten in Deutschland, es sind keine barocken Langweiler, wie sie oft aus dieser Rebsorte entstehen. Sie sind stahlig und lebendig, mit einem kühlen, noblen Kern, bei moderatem Alkoholgehalt.

Doldes Weinberge stehen in Linsenhofen und im Neuffener Tal, unterhalb der Burg Hohenneuffen. Mit über 520 Höhenmetern zählen sie zu den höchstgelegenen Deutschlands. Sie profitieren von der Klimaerwärmung: Die Reifephase der Trauben hat sich insgesamt verlängert. "Durch die Höhenlage haben wir kühle Herbstnächte, die niedrigen Temperaturen halten trotz der Feuchtigkeit die Trauben gesund." Die Cool-Climate-Weine erhalten dadurch intensive Aromen, die früher extreme Säure zeigt sich elegant und frisch. Es sind Weine mit eigenem Charakter, die nicht am Gaumen kuscheln. Sie verleugnen nicht, dass sie unter außergewöhnlichen Bedingungen entstanden sind.

"Bergweine" nennt Dolde seine Gewächse, die einen ganz eigenen Typus darstellen: Man riecht und schmeckt die klirrende Frische der Bergluft, die würzige Note und Energie der Verwitterungsböden aus braunem und weißem Jura. Solche Böden sind in Deutschland eine Rarität, im Burgund wachsen darauf berühmte Weine. Am Anfang hat es Dolde als "Mangel angesehen, dass wir diese Bedingungen haben", inzwischen weiß er, dass Klima und Bodenformationen hier eine einzigartige Verbindung eingehen.

Dolde unterrichtet im Hauptberuf als Gymnasiallehrer Biologie und Chemie. Weinbau war als Hobby gedacht, hat aber immer mehr Raum eingenommen. Dolde verlor sich von Ernte zu Ernte mehr an das Faszinosum Wein. Ohne die Unterstützung seiner Frau Hedwig wäre das Projekt "Bergweine " vermutlich längst gescheitert. Begonnen hat es mit einer Katastrophe. Der erste Jahrgang, den Dolde 1982 ausbaute, hatte eine gewaltige Fehlnote, er roch nach Mist und Käse. Aber Doldes Ehrgeiz war angestachelt, der Autodidakt arbeitete sich versessen in die Materie ein.

In Technologie konnte er nie groß investieren. Er setzt ein "Minimum an Technik ein, ich muss meine Phantasie anstrengen und mit der Natur arbeiten", sagt er. Doldes Weine vergären nicht, wie üblich, kontrolliert bei gesteuerter Temperatur. Er kühlt die Fässer mit nassen Decken, bei offenem Fenster und mit einem Ventilator. "Ich muss mehr nach meinen Weinen schauen als andere Winzer. Aber dadurch entsteht auch eine besondere Nähe zum Wein", sagt er. Gerade im Herbst, in der Gärphase, verbringt Dolde mehr Zeit bei seinem Wein als mit seiner Frau. "Da muss man beinahe beim Wein schlafen." Dolde, Jahrgang 1952, ist ganz der schwäbische Tüftler, er lotet präzise die Möglichkeiten dieses extremen Weinbaus aus. Von Jahr zu Jahr arbeitet er das Profil der einzelnen Lagen stärker heraus, er macht die Unterschiede schmeckbar, Weine vom braunen Jura sind kräftiger und würziger als die vom weißen. Es ist eine Geschmackspräzision, die fasziniert.

Auch das Weingut Bächner aus der benachbarten Gemeinde Dettingen sorgt mit Silvaner und Kerner für Aufsehen. Gerade der im Barrique ausgebaute Kerner steht für eine ausgeprägte Neugierde und Experimentierfreude. Aber es sind vor allem die Rotweine, die verblüffen. Zumal Petra und Thomas Bächner erst 2006 die Parzellen unterhalb des Hohenneuffens entdeckten, wo auch Helmut Dolde Reben stehen hat. Als sie zum ersten Mal die Weinberge sahen, waren sie sofort elektrisiert. "Reben in dieser Höhe, das gibt es doch gar nicht", war ihre erste Reaktion.

Dort steht jetzt ihr Spätburgunder 510 Meter über dem Meeresspiegel auf weißem Juragestein. Es gibt kaum höher gelegene Spätburgunder-Anlagen in unseren Anbaugebieten. "Auf diesem Boden gute Burgunder zu machen, das ist der große Reiz", sagt Petra Bächner. Weine mit Profil entstehen nicht dort, wo die Trauben ohne Not fett und süß werden können. Sondern dort, wo sich die Reben quälen müssen, um zu überleben. Wie auf dem felsigen Boden und in der kühlen Klimazone am Albrand.

Nur mit enormen Arbeitsaufwand und extremer Ertragsreduzierung erreicht der Spätburgunder in dieser Weinbau-Randzone seine verblüffende Qualität. "Der weiße Jura verleiht ihm seine filigrane Vielschichtigkeit", sagt Petra Bächner, 42, die den Spätburgunder zwölf Monate in neuer Eiche aus dem Spessart ausbaut. Bei Blindproben wird er manchmal mit großen französischen Pinots verwechselt - es kann kaum ein größeres Kompliment geben. Es ist aufregend, was in den schmalen Rebparzellen zwischen Wäldern, längst erloschenen Vulkanen und Streuobstwiesen am Albtrauf passiert. Es ist kurios, dass auch Petra und Thomas Bächner als Quereinsteiger zum Weinbau kamen. Wie Helmut Dolde bringen die Mediendesignerin und der Maschinenbau-Ingenieur die Experten zum Staunen. Ihr Spätburgunder Barrique aus dem Jahrgang 2007 erreichte beim deutschen Rotweinpreis das Finale. Bächners Burgunder und Doldes Silvaner sind Belege dafür, dass mutige Autodidakten am Albtrauf mit den Bergweinen eine neue Dimension des Weinbaus erschlossen haben.

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Autor:
Rainer Schäfer