Nachgeschenkt Der Wein der Verkannten

Die Lage wurde als bedrückend und sogar etwas bedrohlich empfunden, es musste endlich gehandelt werden. "Wir wurden eingekesselt vom Kaiserstuhl und vom Markgräflerland, dagegen mussten wir uns wehren", bringt Markus Wöhrle vom Weingut Stadt Lahr die Befindlichkeit auf den Punkt. Wir, das sind einige badische Winzer, die sich unter dem Namen "13 Breisgauer Weingüter" zusammengeschlossen haben, um gemeinsam die Stärken ihres Gebietes nach außen zu demonstrieren. Einer von ihnen ist Hans-Bert Espe aus Osterode in Niedersachsen. Als Zugewanderter und "Reingeschmeckter" hat Espe schnell gemerkt, dass es im Anbaugebiet Baden, zu dem auch der Breisgau zählt, Unterschiede und sogar Gräben gibt zwischen den Winzern.

Breisgau, das Gebiet nördlich von Freiburg ist der unterschätzte Teil Badens. Er steht im Schatten des südlichen Baden und kämpft um Anerkennung. Vor allem die Winzer vom Kaiserstuhl blicken etwas herablassend auf die Breisgauer Kollegen herab, und lassen es die auch spüren, was sie von ihnen halten: Heckenland sagen sie zu diesem Landstrich. Weil dort scheinbar besonders viele Hecken wuchern, die wenig Anerkennung unter den Kulturpflanzen finden. Heckenland, schon der Name verweigert jede Andeutung, dass hier auch Wein gedeihen könnte, womöglich sogar guter Wein. "Wenn man schöne Weine im Keller hat und keiner weiß es, das ist mit das Schlimmste für einen Winzer", sagt Espe. Ein Zustand, der schleunigst geändert werden sollte, beschlossen die verkannten Winzer aus dem Heckenland.

Unter ihnen befindet sich auch einer der besten deutschen Weinerzeuger, Bernhard Huber. Der bescheidene Winzer aus Malterdingen machte sich schon 1986 selbständig, er besaß nur drei Holzfässer. Huber hat eine imposante Entwicklung vorweg genommen, die einige der jungen Winzer noch durchlaufen. Der Breisgau wurde lange Zeit von den Genossenschaften geprägt, vor allem vom Badischen Winzerkeller in Breisach, der größten Kellerei Deutschlands. Dorthin lieferten bis vor wenigen Jahren die meisten Winzer ihre Trauben ab. Aber inzwischen sind in einigen Weingütern junge Winzer herangewachsen mit guter Ausbildung, die sich auch im Ausland umgeschaut haben und höhere Ziele anpeilen, als ihre Trauben nach Breisach zu fahren. Sie orientieren sich an Bernhard Huber, er ist der Mittelpunkt des Zusammenschlusses, ob er das will oder nicht. Nötig jedenfalls hätte es Huber nicht, sich in der Winzergruppe zu engagieren. Aber es ärgert auch ihn, dass "die Weine im Breisgau viel besser sind als ihr Ruf".

Die Lagen und das Klima im Breisgau eignen sich hervorragend, um frische Weißweine zu erzeugen. Anders als im heißen Kaiserstuhl fallen sie hier schlanker und mineralischer aus, wie der Weißburgunder vom Weingut Weber aus Ettenheim. Überregional bekannt für seine eleganten Weißweine ist das Weingut Stadt Lahr, das von der Familie Wöhrle bewirtschaftet wird. Der Grauburgunder 2010 ist grazil, würzig und finessenreich, ganz anders als das Image des badischen Grauburgunders, der oft als pappiger und alkohollastiger Gaumenkleister verschrien wird. Auf der eleganten Seite steht auch der Grauburgunder 2010 vom Weingut Martin Frey aus Denzlingen, dessen Reben im Glottertal auf verwittertem Gneis stehen, der dem Wein eine deutlich schmeckbare Mineralität verleiht. Solche Gewächse stehen im Kontrast zu den schweren und barocken Weißweinen, deren Anzahl im Zuge der Klimaerwärmung zunimmt.

Chardonnay wird weltweit in rauen Mengen angebaut, nicht überall findet er gute Bedingungen. Im Breisgau erfährt er eine charmante regionale Ausformung, wie im Gallushof, wo die Familie Hügle schon seit 1990 Ökoweinbau betreibt. Der gut gebaute Körper wirkt nie zu massig, weil er von einem präsenten Säuregerüst getragen wird. Im Weingut Jägle wurde der Chardonnay MJ im Barrique ausgebaut, er ist füllig, ohne langweilig zu sein. Ein Wein für Genießer und ein idealer Essensbegleiter, Rezepte bietet das Weingut auf seiner Homepage an. Ein Ausnahmewein ist der Chardonnay Reserve 2009 von Bernhard Huber aus dem Hecklinger Schlossberg. Er zählt in Deutschland zu den Referenzweinen dieser Rebsorte, es ist ein Riese, der erst am Anfang seiner Entwicklung steht.

Hubers liebste Rebe ist der Spätburgunder. Er hat alte Flurkarten studiert und entdeckt, dass vor über 700 Jahren Mönche aus dem Burgund Pinot Noir in der Gegend gepflanzt hatten, sie wählten Böden wie zu Hause, gelbroten, verwitterten Muschelkalk. Huber ist detailversessen, manisch akribisch. Im Hecklinger Kapellenberg hat Huber Steillagen bepflanzt, da ist der Fels so hart, dass sogar der Presslufthammer seinen Dienst versagt. Golgota nennen Hubers polnische Arbeiter diesen Weinberg, in dem kein Blut fließt, aber Unmengen an Schweiß.

Huber haben einige der Breisgauer Winzer über die Schulter geschaut, wie Mario J. Burkhart, der fünf Jahre lang bei Huber mitgearbeitet hat. Burkhart hat genau aufgepasst, sein Rarus Noir 2009 Im weiten Litzental ist von der hohen Pinotkunst Hubers geprägt. Der Ertrag wurde auf 21 Hektoliter pro Hektar begrenzt, die Klone mit kleinbeerigen Trauben stammen aus Frankreich, der Wein lagerte 15 Monate im Barriquefass. Er zeigt die seidige Vielschichtigkeit, die Pinot Noir zur wohl faszinierendsten Rebsorte macht. Burkhart hat seinen Rarus als Landwein deklariert, weil er unfiltriert abgefüllt wurde, nur filtrierte Weine erhalten eine amtliche Prüfnummer.

Pinot in einem Bunker

Auch Horst Holub hat sich Anregungen bei Bernhard Huber geholt. Zu seinem 50. Geburtstag bekam Holub 1999 ein paar Ar Rebfläche geschenkt und der "Virus Winzerei" begann schnell zu wirken, wie Holub sagt. Holubs Spätburgunder sind anfangs stark vom Tannin geprägt, sie brauchen Zeit, um sich zu entwickeln, versprechen aber großen Genuss. Einer, der nicht nur durch seine Herkunft aus der Gruppe der 13 Breisgauer heraus sticht, ist Hans-Bert Espe aus Osterode am Rand des Harzes. Es passiert nicht alle Tage, dass sich einer aus dem Biertrinkerland Niedersachsen zu einem profilierten Pinot-Spezialisten entwickelt wie Espe.

Mit seiner Partnerin Silke Wolf gründete er 2003 die shelter winery, die auf einem still gelegten Flugplatz der kanadischen Armee in Lahr unterkam. In einem Bunker, hinter schweren Stahltüren reifte Espes Pinot. Inzwischen ist die shelter winery in einem Neubau in Kenzingen untergebracht. Espes Pinot Noirs sind keine muskulösen Protzer, sie sind feingliedrig und hochelegant, der aus dem Jahrgang 2009 dürfte sein bislang bester sein. Hans-Bert Espe ist auf alle Fälle der Niedersachse mit dem am meisten ausgeprägten Gefühl für Pinot Noir. Weniger am burgundischen Ideal orientieren sich die Spätburgunder aus dem Jahrgang 2009 der beiden Weingüter Mößner und Moosmann. Es sind aber Weine, die für bescheidenes Geld zu einem gelungenen Einstieg verhelfen ins Spektrum der roten Breisgauer Burgunder.

Dass man den Breisgau nicht auf finessenreiche Weißweine und auf Burgunder reduzieren darf, beweist das Weingut Zalwander von Elmar Lehmann und Odin Bauer. Zalwander ist alemannisch, es bedeutet "zu zweit" und soll auf den besonderen Umstand hinweisen, dass es ein Badener und ein Schwabe schaffen, erfolgreich zusammen zu arbeiten, ohne sich gegenseitig zu zermürben. Der Lemberger 2007 unterstreicht das eindrucksvoll, mit seinen Aromen von schwarzer Johannisbeere und Brombeere, einer feinnervigen Säure und abgerundeten Gerbstoffen. Große Ambitionen zeigt Andreas Bieselin, Jahrgang 1981, vom Weingut BiAn in Ettenheim. Sein "Wein 3", auf dessen Etikett auch chinesische Schriftzeichen Auskunft geben, ist eine fruchtige und noble Cuvée aus Cabernet Franc, Merlot und Spätburgunder. Erst 2004 fing Bieselin an, Weine zu erzeugen, von diesem Winzer dürfte man noch einiges hören.

Vor kurzem traten die "13 Breisgauer Weingüter" gemeinsam in Emmendingen auf, um ihre Weine vorzustellen. Die fanden Gefallen bei den Gästen, die Präsentation soll auch im kommenden Jahr wiederholt werden. Es gibt sicher originellere Namen als den, der von den Winzern ausgewählt wurde. Aber er ist auch bezeichnend für die Breisgauer, die weniger Energie in ihre Vermarktung investieren als in ihre Arbeit im Weingut. Große Selbstdarsteller sind sie nicht, die Breisgauer Winzer. Eines ist ihnen aber schon gelungen: Nachzuweisen, dass auch aus dem Heckenland große badische Weine kommen können. Es ist ernst zu nehmen, wenn Bernhard Huber in schlichten Worten ankündigt: "Wir spucken noch mal richtig in die Hände, der Breisgau will noch mehr Flagge zeigen."

Informationen und Bezugsquellen

Weingut Andreas Bieselin, Im Brünnelinsgraben 1, 77955 Ettenheim, Telefon: 07822-44 63 19, E-Mail, Homepage.

Weingut Mario J. Burkhart, Talmweg 1, 79364 Malterdingen, Telefon: 07644-92 68 53, E-Mail, Homepage

Weingut Otto & Martin Frey, Im Brühl 1, 79211 Denzlingen, Telefon: 07666-52 53, E-Mail, Homepage

Ökologisches Weingut Gallushof, Johannes Hügle, Am Kenzelberg 16,79331 Teningen-Heimbach, Telefon: 07641-512 42, E-Mail

Weingut Holub, Weinstraße 4, 79336 Herbolzheim-Tutschfelden, Telefon: 07643-914 14 12, E-Mail, Homepage

Weingut Huber, Heimbacher Weg 19, 79364 Malterdingen, Telefon: 07644-12 00, E-Mail, Homepage

Weingut Jägle, Balgerstraße 8, 79341 Kenzingen, Telefon: 07644-41 05, E-Mail, Homepage

Weingut Martin Mößner, Inhaberin Eva Burtsche, Heimbacher Straße 3, 79331 Teningen-Köndringen, Telefon: 07641-28 08, E-Mail, Homepage

Wein- und Sektgut Siegfried & Georg Moosmann, Alte Dorfstraße 32, 79183 Waldkirch-Buchholz, Telefon: 07681-75 74, E-Mail, Homepage

Shelter Winery, Salzmatten 1, 79341 Kenzingen, Telefon: 07644-92 76 63, E-Mail, Homepage

Weingut Stadt Lahr - Familie Wöhrle, Weinbergstraße 3, 77933 Lahr/Schwarzwald, Telefon: 07821-253 32, E-Mail, Homepage

Wein- und Sektgut Weber, Im Offental 1, 77955 Ettenheim, Telefon: 07822-894 80, E-Mail, Homepage

Weingut Zalwander, Hauptstraße 50, 79331 Köndringen, Telefon: 07641-964 91 03, E-Mail, Homepage

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Autor:
Rainer Schäfer