Bayern Der Träumer von Neuschwanstein

Schimmernd hebt sich die "Neue Burg Hohenschwangau" aus dem Zwielicht. Es ist 4 Uhr früh, über der Pöllatschlucht graut der 10. Juni 1886. Da erreicht eine Gruppe hoher bayerischer Beamter das Märchenschloss, das heute "Neuschwanstein" heißt. Ihr zynischer Name: die "Fangkommission". Auftrag: den König aus seiner Gralsburg holen und festsetzen - auf Befehl der Regierung in München. Die Minister putschen gegen ihren Landesherrn.

Ludwig II. aber ist gewarnt. Örtliche Gendarmen und Feuerwehr stehen bereit, mit Äxten und Mistgabeln bewaffnete Bauern und Waldarbeiter. Wenig später liegen die Münchner Kommissare gefangen im Torbau der Burg. Majestät tobt: Entmündigen wollen sie ihn - das "Ministerpack"? Absetzen und seinem Onkel Luitpold die Regentschaft übertragen? Die Augen, befiehlt er, sollen den Gefangenen ausgestochen werden. Doch dann fällt er wieder in dumpfes Brüten.

Wie so oft in der vergangenen Zeit: Bayerns verkrachter König. Ein aufgeschwemmter Hüne von 1,91 Metern und 240 Pfund. Ein Vielfraß, dem Süßigkeiten und Angst vor dem Zahnarzt das Gebiss geraubt haben, dem das halb gekaute Essen Verdauungsprobleme macht. Ein frühes Wrack, morphium- und alkoholabhängig, heillos überschuldet, vereinsamt, bleich von nächtlichen Kutsch- und Schlittenfahrten und dem Schlafen bei Tag. Ein Despot, der seine Minister hasst, die Diener prügelt, das Volk verachtet. Ein Künstler, Kunstfreund und ein großer Mäzen, auf seine Art ein Visionär.

Ein Wahnsinniger, lautet das Gutachten Bernhard von Guddens, Direktor der Oberbayerischen Kreisirrenanstalt in Gabersee: regierungsunfähig. Also wird in München die Regentschaft des Prinzen Luitpold verkündet, Gudden mit einer Kommission ausgeschickt, den vermeintlich irren König unter Aufsicht zu nehmen. Und nun liegt er im Zauberschloss gefangen und bangt um Augenlicht und Leben.

Was wie ein finsteres Märchen klingt, ist der letzte Akt eines großen Königsdramas. Einer Tragödie, der Bayern sein berühmtestes Bauwerk verdankt, seinen schillerndsten Mythos, nicht zuletzt eine König-Ludwig-Industrie, die Jahr für Jahr Millionen abwirft. Dazu bedarf die Geschichte freilich auch eines Anfangs wie im Märchen.

Der schlanke, hochgewachsene Prinz, der im März 1864 auf den Thron des wichtigsten deutschen Mittelstaates gelangt, gilt als ausgesprochene Schönheit. Er begreift schnell, ist belesen, vielseitig interessiert. Bedenklich allenfalls, dass Ludwig beim Tod seines Vaters noch keine 19 Jahre alt ist.

Doch dafür gibt es die Ministerialbürokratie. Eine machtvoll-moderne Verwaltung, die sich zum Regieren nicht sonderlich auf den König angewiesen fühlt. Ob ein Monarch leichter oder schwerer unter ihr herrschen lernt, betrachten die Beamten als dessen Problem. Ludwig indes zeigt sich anstellig. Ein wenig kunstschwärmerisch vielleicht, aber da mischt der Apparat sich nicht ein. Und so kann der junge Herrscher den Schritt tun, der ihn in die erste einer Reihe von Niederlagen führt - und in seine Bausucht.

Kaum gekrönt, weist Ludwig den Kabinettssekretär Pfistermeister an, ihm "den Wagner" zu bringen. Welchen Wagner denn, Wagners gebe es wie Sand am Meer. - Ja was, Richard Wagner natürlich, den Komponisten: "Lohengrin", "Tannhäuser", das Genie! Ludwig verehrt Wagner, seit er mit zwölf Jahren dessen frühe Arbeiten auf dem Klavier eines Onkels entdeckt hat. Mit 15 wankt er wie betrunken aus einer Aufführung des "Lohengrin". Nun soll Pfistermeister ihm den Vergötterten nach München bringen.

Keine leichte Aufgabe, denn Wagner ist meist irgendwo, wie er es später nennt, "auf der Durchreise". Um genau zu sein, ist er auf der Dauerflucht vor seinen Gläubigern in Wien, wo nach über 70 Proben "Tristan und Isolde" als unaufführbar abgesagt worden ist, vor Ehemännern, die er gehörnt hat. Im Frühjahr 1864 wähnt er sich am Ende. Da stöbert Pfistermeister ihn in Stuttgart auf. Zwei Tage später steht das verkrachte Genie vor seinem noch unverkrachten Bewunderer. Nie wieder, bescheidet der König mit majestätischem Schwung, dürfe der Meister den Gemeinheiten des Alltagslebens ausgesetzt sein. Unterhalt, Bühnenetat: Das übernehme fortan er, Ludwig von Bayern.

Das Leben Ludwigs wurde zum irreal ausstaffierten Gesamtkunstwerk

Wagner ist gerettet. Ludwigs Katastrophe beginnt.

Wagner tut, was er immer tut. Stellt maßlose Ansprüche, lebt extravagant, spannt dem Dirigenten und Freund Hans von Bülow die Frau aus, verbraucht Unsummen und beschimpft die Verwaltungsknauser. Er fühlt sich sicher: Der König liebt die Heldensagen, die üppigen Kulissen und die schwüle Opulenz einer Wagner-Oper.

Das ist die Welt, in der Ludwig herrschen möchte - nicht die der Kabinette und Beamtenintrigen. Denn dort, in der Wirklichkeit, erlebt er längst, wie die Profis des bürokratischen Geschäftsgangs und der Manipulation seine Absichten und Pläne gekonnt sabotieren und unterlaufen.

Bald wühlen sie auch gegen den so teuren wie hochfahrenden Günstling. Die Presse murrt. Als der Operndichter auch noch Politik machen will, stellen die Minister Ludwig ein Ultimatum: Wagner oder wir. Ludwig muss den "geliebten, einzigen Freund" bitten, München zu verlassen.

Auf die innere folgt die äußere Niederlage. 1866 besiegt Preußen Österreich im Entscheidungskrieg um die Vorherrschaft in Deutschland; Bayern sinkt zu einem Vasallen Berlins ab. Fünf Jahre später muss Ludwig dem gehassten Preußenkönig gar die deutsche Kaiserkrone antragen. 1867 versucht er, seine geschwächte Position dynastisch zu stärken und verlobt sich publikumswirksam mit Sophie Charlotte, Herzogin in Bayern, einer Schwester Elisabeths, Kaiserin von Österreich. Doch dann gewinnt der Zauderer in ihm die Oberhand, der Brautvater drängt, der darüber empörte König schleudert eine Büste der Verlobten aus dem Fenster - Ende der Pseudo-Romanze.

Ludwigs Verlustbilanz nach drei Jahren Herrschaft: ein vergötterter Günstling, die bayerische Selbstständigkeit, eine Verlobte, die Illusion, unabhängig regieren zu können. Mit gerade Anfang 20 Jahren sieht sich der Märchenprinz zu "einem Schattenkönig ohne Macht" erniedrigt, von seinen Ministern gestutzt, von den Preußen gerupft. Das einzige, was ihm unbeschadet geblieben ist, ist eine reiche Phantasie. Also muss die Phantasie Wirklichkeit werden.

Im Mai 1868 schreibt der unheilbare Wagnerianer Ludwig an Wagner: "Ich habe die Absicht, die alte Burgruine Hohenschwangau bei der Pöllatschlucht neu aufbauen zu lassen im Stil der alten deutschen Ritterburgen. Der Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind." Wahrhaftig: Auf einem Gipfel oberhalb Hohenschwangaus gelegen, mit einer phantastischen Sicht zu den Tiroler Alpen und die Ebene um Füssen - wenn man sich eine Gralsburg wünscht, die Burg Lohengrins und die Burg Tannhäusers zugleich, dann liegt die Doppelruine von Vorder- und Hinterhohenschwangau ideal. 1869 beginnen die Arbeiten.

Ludwig schwelgt in den Ansichten, die ihm ein Theatermaler entwirft. Doch bald reicht ihm das nicht mehr. Er will stärkeren Traumstoff. 1874 beginnen die Arbeiten an Schloss Linderhof bei Ettal, 1878 die in Herrenchiemsee. Versuche, Versailles nachzuahmen. Produkte der ausschweifenden Königsphantasie eines Machtlosen.

Million um Million Goldmark geht an Heerscharen von Maurern, Steinbruchbesitzer, Maler und Kunsthandwerker. Ein Teil des Geldes stammt aus der Privatschatulle des Monarchen. Ein anderer wird heimlich aus Berlin angewiesen: Unter der Hand lässt Ludwig sich für die Rolle, die ihm bei der Erhebung Wilhelms I. zum Kaiser aufgenötigt wurde, entschädigen. Vor allem jedoch macht er rücksichtslos Schulden. Immense Schulden.

Ludwigs Bausucht bekommt etwas Manisches, die Schlösser sind sein ganzes Lebensglück: "O es ist notwendig, sich solche Paradiese zu schaffen, solche poetischen Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann." Derweil verdankt er der "schauderhaften Zeit" das Dynamit, das auf dem schmalen Felsplateau überhaupt erst den Platz schafft für seine "Ritterburg", ebenso die Doppel-T-Träger und Eisengusssäulen, die den Bau ermöglichen, die Techniken, die Messing, bemalten Stuck und Glas wie unbezahlbare Mengen von Gold, Marmor und Edelsteinen funkeln lassen.

Was Mittel und Komfort angeht, ist Ludwig II. radikal modern. Zwar lässt er jedes freie Stück Wand mit Sagen-Szenen ausmalen, mit Rittern, Heiligen und mittelalterlichen Königen - aber fließendes Wasser legen, eine Warmluftheizung und zwei Telefonanschlüsse, in der Küche vollautomatische Drehspieße installieren. Das geheimnisvolle Licht, das bei nächtlichen Ausfahrten seinen Galaschlitten umstrahlt, ist das einer batteriebetriebenen Lampe.

Allmählich verwandelt sein Leben sich in ein künstlich beleuchtetes, phantastisch ausstaffiertes Gesamtkunstwerk. Ein Musiktheater-Imitat. Zunehmend ein Ein-Mann-Stück.

1875 zeigt sich der König zum letzten Mal der Münchner Öffentlichkeit. Opern und Schauspiele genießt er in Separatvorstellungen, die das gemeine Publikum ausschließen. Und während sein Großvater und Vater viele ihrer Bauten und Sammlungen zugänglich machten, schafft Ludwig seine Märchenwelt allein für sich: "Der Blick des Volkes", findet er, würde sie "entweihen, besudeln." - Was ihn nicht hindert, für die Arbeiter auf der Schwangauer Baustelle eine großzügig subventionierte Kranken- und Unfallkasse einzurichten. Auch darin ist er unbefangen modern.

Schließlich, ab 1884, hält er sich immer öfter in seiner halb fertigen Gralsburg auf, um dort mit wenigen Gefährten zu leben, mehr in der Nacht als am Tage, zunehmend geplagt von den körperlichen Folgen eines maßlosen Lebens. Das Regieren überlässt er den Ministern - wenn er auch bis zum Schluss die Akten liest, mit Anmerkungen versieht und abzeichnet. Nur seine Finanzen geraten täglich weiter in Unordnung. Um die Jahreswende 1885/86 drohen die Gläubiger, Linderhof und Herrenchiemsee pfänden zu lassen. In seiner Not beschließt der König, den Landtag um Geld aus der Staatskasse zu bitten. Im Gegenzug jedoch konnten die Abgeordneten die Entlassung der alten, selbstherrlichen Ministerriege fordern. Das bedrohte Kabinett handelt so schnell und effizient wie stets: Am 8. Juni 1886 liegt das Gutachten Bernhard von Guddens vor, das den Monarchen für geisteskrank erklärt.

Am Abend des 9. Juni reist Gudden mit der "Fangkommission" ab - und landet im Torbau des Märchenschlosses. Doch dann greift, anders als im Märchen, die Befehlskette. Die örtlichen Gendarmen werden ersetzt oder schwenken um, die Kommission kommt unversehrt frei, das Schloss wird umstellt. Zwei Tage später ergibt sich der entmündigte König Gudden und einer Anzahl Wärter, die ihn nach Schloss Berg am Wurmsee bringen, dem heutigen Starnberger See. Dort sind die Türklinken abgeschraubt, Gucklöcher in die Türen gesägt, Gitter für die Fenster bestellt. Geschlossene statt Gralsburg.

Am 13. Juni abends kehren Gudden und Ludwig von einem Spaziergang nicht zurück. Ein Suchtrupp findet beider Leichen im See - Mord und anschließender Selbstmord? Doppelselbstmord? Was geschah, ist bis heute ungeklärt. Nicht gut für Kriminalisten mit Berufsehre. Aber eine Steilvorlage für Legendenbildner und Mythenmacher.

Das Ende des Dramas gibt Ludwigs Erbe die richtige Aura. Kaum ist der König tot, werden die Schlösser zur Besichtigung freigegeben, einige Baulücken noch geschlossen. Die neue Burg über Hohenschwangau erhält einen eigenen Namen: Neuschwanstein. Das Volk liebt Neuschwanstein von Anfang an, die opernhafte Pracht, in der sich über ein geheimnisvolles Leben, Bauen und Sterben phantasieren lässt. Was lief da mit Cousine "Sisi", der Kaiserin von Österreich? Kannte der "Kini" nicht jeden Bergjäger beim Namen? Gaben seine Träume nicht Tausenden Lohn und Brot? Psst: Er war schwul. Und ob ihn nun die Preußen auf dem Gewissen haben oder die Bürokraten - jedenfalls eine dieser unromantischen Mächte der nüchternen Moderne.

Ein ewiges Rätsel bleiben will ich mir und anderen", schrieb Ludwig einmal, sich bei Schiller bedienend. Das ist ihm gelungen. Und gerade weil so viel Unschärfe im Bild ist, konnte der menschenscheue Publikumsverächter zum "Märchenkönig" mutieren, zur Projektionsfläche für Sehnsüchte und Dienstmädchen-Schwelgereien. Zur Pop-Ikone.

"Kitsch", grummelten die Architekturhistoriker zwar - wonderful fanden jedoch die Amerikaner und machten Neuschwansteins Silhouette zum Markenzeichen von Disneyland. Andy Warhol gestaltete das Schloss in knalligen Farben. Ludwigs jugendlich-schönes Porträt geht auf Führern und Postkarten um die Welt. Jährlich wird "sein" Wagner in Bayreuth zelebriert; er selbst steht im Mittelpunkt wenn nicht einer Oper, so doch eines Musicals, samt eigenem Festspielhaus im Forggensee. - Wenn er noch lebte, Mädchen würden ihm ihre Slips zuwerfen: ein abgefahrenes fairy tale, reiner Traumstoff.

Folgerichtig vollzieht sich die "Entweihung" und "Besudelung" der königlichen Lebenskulisse heute im Halbstundentakt. Man kann es eine Industrie nennen - oder ein zeitloses Gesamtkunstwerk. Vielleicht würde ihn das versöhnen. Vermutlich aber nicht.

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Autor:
Mathias Mesenhöller