Augsburg Der Stadt, in der einem das Mittelalter begegnet

Wenn man sich schon verlaufen muss, dann am liebsten an so einem Ort: Bucklige Altstadthäuschen stehen Seit' an Seit' wie Greise, die einander stützen; rücken hier und da auseinander für ein Kopfsteinpflastergässchen, einen Hof mit einer sonnenwarmen Bank, einen winzigen mit Blumen überwucherten Garten. Kanäle ziehen sich durch das Gewirr, viele Kanäle, spielen Klein-Venedig: Sie rauschen, glucksen, plätschern, murmeln, während die Strömung grüne Orakelbilder malt, hier eine Weide ihren Hippieschopf übers Wasser hängen lässt, dort ein Kind ein Stöckchen treiben lässt. Viel Kunstgewerbe und eine unaufdringliche Kneipenkultur florieren im früheren Handwerker- und Arme-Leute-Quartier, verzaubern mit Fackellicht und Glyzinienduft die lauen Sommerabende. Manchmal ist die Handwerkeraltstadt romantisch. Fast zum Verlieben.

Manchmal macht Liebe blind, wie eben jetzt. Schon wieder tut sich eine neue, verwinkelte Gasse auf - oder Moment mal: Ist das überhaupt eine neue Gasse oder die von gerade eben? Wo geht es weiter? Vielleicht ist es doch besser, im nächsten Laden nach dem Weg zu fragen. "Papiermanufaktur Wengenmayr" steht auf dem Schild an der Außenfassade. Drinnen beugt sich ein Mann um die fünfzig über einen Holzbottich und schöpft daraus mithilfe des Rahmens einen roséfarbenen Brei.

Klaus Wengenmayr ist der Geschäftsinhaber; den Weg hat er schnell erklärt, doch dabei bleibt es nicht: Zu auffällig sind die handgeschöpften Blätter, die mit Wäscheklammern an Schnüre geklemmt unter der Zimmerdecke hängen. Man muss sie näher betrachten: ein papyrusartiger Bogen, der sich nach unten hin aufrollt wie eine Schatzkarte in einem Historienfilm. Oder ein Kärtchen mit funkelnden Sprenkeln. Oder dickes Büttenpapier mit erhabenem Wasserzeichen. "Die Wasserzeichen sind meine Spezialität", sagt Wegenmayr, "diese besondere Technik kann man nicht lernen und nirgends nachlesen. Ich habe ein Dreivierteljahr dafür herumexperimentiert!" Es hat sich gelohnt, inzwischen ordert sogar der Vatikan bei ihm. "Und ein Scheich bestellte gleich 5000 Weinetiketten, in die ich Goldstaub eingearbeitet habe. Ach, und sehen Sie mal: In diese Hochzeitseinladung habe ich Gänseblümchensamen gestreut!"

So ist das als Fremder in der Handwerkeraltstadt: Man sucht einen Weg oder ein Café und findet stattdessen Papier mit Gänseblümchensamen oder mit Goldstaub. Manche Orte sind eben nichts für moderne, stringente Menschen. Das Winkellabyrinth des Lech- und des Ulrichsviertels, die zusammen die Handwerkeraltstadt bilden - jenes ehemalige Quartier östlich unterhalb der Maximilianstraße - ist so ein Flecken. Hier verbergen sich Geschichten und Gestalten, Ideen und Dinge, von denen man nicht einmal ahnte, dass es sie überhaupt gibt.

Sich treiben lassen - das ist die schönste Art, so einen Ort zu erfahren. Einfach abwarten, wohin der Zufall einen führt. Im Haus gleich neben der Papiermanufaktur stellt eine Frau Bücher her, die in auffaltbare Lederbeutel eingebunden sind, sodass man sie an den Gürtel hängen oder am Handgelenktragen kann. So transportierten im Mittelalter Ordensleute ihre Kirchenschriften; man nannte solche Mönchshandtaschen "Beutelbücher". Ein paar Gassen weiter können Paare bei einem Goldschmied ihre eigenen Trauringe selber schmieden. Ein anderer Laden hat sich auf gusseiserne Teekannen aus Japan spezialisiert - nur aus Japan und nur aus Gusseisen. Vor einem Haus riecht es nach Fisch - die Luken der drei Dachbodenstockwerke sind geöffnet, Lederhäute hängen zum Trocknen auf dem Boden: Hier verarbeitet Gerber Thomas Aigner Hirschfelle zu Lederkleidung. Seine Methode ist die Sämischgerbung, eine uralte Technik, die einzigen Zutaten sind Dorschlebertran und sechs bis neun Monate Zeit.

Das Haus am Vorderen Lech Nr. 32 ist seit Jahrhunderten eine Gerberei. Es erinnert daran, dass in der Unterstadt einst vor allem Handwerker wohnten. Sie nutzten die Wasserkraft der mehr als dreißig Kanäle im Lechviertel - mahlten mit Mühlrädern Mehl, hauten Feilen, sägten Bretter. Und auch im Ulrichsviertel, benannt nach der Basilika St. Ulrich und Afra, ließen sie sich nieder.

Aufstieg der Unterstadt

Viele Straßennamen erzählen von damals - man muss nur die Fantasie durch die Gassen tanzen lassen, dann schieben sich hier und da vergilbte Bilder vor das Heute. Die Vergangenheit wird lebendig: Auf dem Platz "Hinter der Metzg" weht mir auf einmal süßer Blutgeruch aus der zentralen Stadtmetzgerei entgegen. Auf dem "Milchberg" stehen Kannen mit frischer Milch zum Kauf. Aus den Fenstern des großen, gelb gestrichenen Hauses im "Findelgäßchen" lugen rotznasige Findelkinder. Und dann ist da ja noch Herr Saurengrein, von dem der "Saurengreinswinkel" nahe der Kirchgasse seinen Namen haben soll: Sein Haus dort war mit 2,80 Metern das schmalste der Stadt. Eine saure, greinende Miene soll er deshalb ständig gezogen haben, sagt man hier, bis man ihn endlich "Saurengrein" rief. Gut vorstellbar, dass er heute noch durch die Gassen spukt, immer noch mit den Kosten für einen Anbau hadernd.

Die bewegte Geschichte aber, die davon handelt, wie die einstige Handwerkeraltstadt zu dem wurde, was sie heute ist, kann man in einem von Efeu umrankten jahrhundertealten Haus in der Barfüßerstraße hören. In seiner Eingangshalle hängen Plakate von Kabarettisten, im ersten Stock toben Kinder; unten im Café sitzt ein Mann mit wachen blauen Augen, Hans-Joachim Ruile, Geschäftsführer des Kulturhauses "Kresslesmühle". Nach dem Zweiten Weltkrieg, erzählt er, sei die Gegend immer mehr heruntergekommen; die Häuser verfielen, die Mittelschicht zog weg. "Das Viertel war auf dem Weg, das zu werden, was man einen sozialen Brennpunkt nennt."

Als Abrisspläne bekannt wurden, entstand Anfang der 70er-Jahre die "Bürgeraktion Lechviertel". "Damals haben wir uns für Sanierungen eingesetzt. Gleichzeitig wollten wir die sozialen Konflikte im Viertel mildern, es durch Kultur attraktiver machen." Heraus kam die "Kresslesmühle" - das erste Haus im Viertel, das saniert und in ein Bürgerzentrum verwandelt wurde. Zu Beginn ein Ort für Initiativen, Diskussionen, Kultur und Hausaufgabenhilfe, heute vor allem eine Kulturstätte mit Kabarettbühne und einer multikulturellen Kindertagesstätte.

Das benachbarte Ulrichsviertel durchlief eine ähnliche Entwicklung, heute sind auch hier fast alle Häuser saniert. Die einst verrufene Gegend ist nun die gemütliche Stube der Stadt, die Augsburger gern ihren Gästen präsentieren: Menschen sitzen draußen auf Bänken, essen Eis, blinzeln in die Sonne, mittendrin kurven Jungen auf ihren Rädern - "huch, Vorsicht, ein Kanal!". Man plaudert und schaut und lässt die Zeit verrinnen. Heißt es nicht von Augsburg, dass die Stadt schon im Mittelalter ein Außenposten Italiens gewesen sei? Va bene.

So viel italianità ist vermutlich auch der Grund, warum die Handwerkeraltstadt heute ein Labyrinth skurriler Fundstücke ist. Man leistet sich hier den Luxus von Unangepasstheit - oder ist es umgekehrt? Dass in die alten, verzogenen Häuser, deren Treppen mitunter zu schmal sind, um normale Möbel hinaufzutragen, mehr Menschen ziehen, die in kein deutschordentliches Raster passen. Zum Beispiel Menschen wie der Stuckbildhauer Werner Schwendner, ein Mann mit Vollbart und Nickelbrille von leicht untersetzter Statur. Wie ein freundlicher Nikolaus thront er in seinem Atelier auf etwas, das im früheren Leben vermutlich ein Zahnarztstuhl war. Kaum Wandfläche der ehemaligen Pferdeschmiede ist zu sehen hinter seinen Regalen, in denen mehr als tausend Spielzeug-VW-Käfer geparkt sind; dazwischen japanische Vasen, Stuckbüsten, steinerne Buddha-, Menschen und Tierfigürchen.

Schwendner erzählt gern, etwa von seinen vielen Aufträgen in Kirchen und Schlössern. Von seiner Zeit in Japan, wo er Stuckateure unterrichtet hat. Oder von seinen frühen Jahren, als er einen Abenteuerspielplatz leitete. Und er erinnert sich daran, wie er einst seine Lehrstelle bekam: "Mein Vater arbeitete bei der Post, stand also immer früh auf, und weckte mich eines Morgens um halb fünf: "In der Zeitung steht eine Stelle!" Da ich nun schon mal wach war, radelte ich gleich hin und klingelte den Meister im Schlafanzug raus. Später erfuhr ich, dass ich die Stelle bekommen habe, weil ich so früh kam - das habe engagiert gewirkt."

Es wird dunkel. Schwendner knipst das Licht an, räumt seine Stuckateurwerkzeuge zusammen und schließt sein Spielzeugauto-Parkhaus für heute. Draußen zeichnet die Dämmerung die Konturen der Häuser weich, überpinselt alle Farben mit sanften Grautönen. Stille sickert durch die Gassen, hier und da öffnet eine winzige Galerie, eine kleine Bühne, die jemand als Liebhaberprojekt nebenher betreibt. Die Dämmerung macht es noch schwieriger, den richtigen Weg zu finden. Plötzlich liegt vor mir ein Park, das Tor ist verschlossen, hinter den Stäben ist ein Gärtchen zu erahnen. Eine Frau geht die Straße entlang, bleibt bei mir stehen: "Da müssen Sie morgen unbedingt noch mal wiederkommen! Das ist ein Kräutergarten, in dem man für den Eigenbedarf pflücken darf. Jeder, was ihm so schmeckt."

Autor:
Elke Michel