Hessen Der Prinz im hessischen Märchen

Von Hessen hörte ich schon als kleines Kind in Addis Abeba. Unser Kindermädchen stammte aus Österreich, wir nannten sie "Tante Louise". Abends vor dem Zubettgehen las sie uns noch etwas vor, am liebsten aus den Hausmärchen der Brüder Grimm, bei denen es sich, um "echt hessische Märchen" handele, wie die Brüder Grimm in der Vorrede unserer alten Märchenausgabe betonten. Die Geschichten der beiden Brüder aus Hanau prägten mein frühes Bild von Deutschland.

Später schenkte mir Tante Louise meine erste Fibel. Darin waren Fachwerkhäuser abgebildet und verschiedene Zunftzeichen. Ich erinnere mich besonders an ein Bild, bei dem aus einem dieser Häuser ein älterer Herr mit langen, weißen Haaren aus dem Dachfenster lugte: Für mich der Inbegriff des deutschen Dichters und Denkers. Aus diesen Bildern setzte sich Deutschland damals für mich zusammen: beschauliche Dörfer mit roten Kirchturmspitzen, die in den blauen Himmel ragten, dazwischen dunkle Wälder und sattgrüne Wiesen.

Die Gegend um den Frankfurter Hauptbahnhof, mein erster realer Blick auf Deutschland, entsprach nicht ganz diesen Vorstellungen. Doch bald entdeckte ich die Äppelwoi-Kneipen Sachsenhausens. Aus schweren Krügen, den Bembeln, kommt der Apfelwein in die hohen gerippten Gläser, die Kellner tragen weiße Jacken, und die Holzbänke sehen aus, als stünden sie hier bereits seit hundert Jahren. Wer will, mag dies provinziell nennen, für mich findet die Stadt an Orten wie diesen Halt. Für mich ist das Festhalten an Traditionen Ausdruck von Bodenständigkeit und Selbstbewusstsein. Deutschlands Reichtum zeigt sich in der Summe seiner regionalen Besonderheiten. Dazu gehören die Mundarten und Gebräuche. "Provinziell muss die Welt werden, dann wird sie menschlich", formulierte dies der bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf.

Bald entdeckte ich auch das Hessen der Denker und Literaten: Frankfurt ist natürlich die Stadt Goethes, aber auch Clemens Brentano, Arthur Schopenhauer, Heinrich Hoffmann und Karoline von Günderrode lebten und wirkten hier. Für die neuere Zeit denke ich dabei vor allem an Alexander Mitscherlich und Martin Mosebach. Das Kindheitsidyll eines mittelalterlichen Deutschlands fand ich später wieder in Büdingen und in Schlitz. Büdingen ist ein malerisches Städtchen etwa vierzig Kilometer nordöstlich von Frankfurt. Vor vielen Jahrhunderten wurde es in ein sumpfiges Tal gebaut, seine alten Häuser ruhen auf Eichenbohlen, die ihrerseits auf Buchenpfählen sitzen. Bereits die Kelten hatten sich dort niedergelassen.

Heute lockt das idyllische Städtchen mit seinen alten Fachwerkhäusern, einer gut erhaltenen Stadtmauer mit Wehrtürmen und Stadttoren, einem Schloss aus dem 12. Jahrhundert, in dem noch die Familie des Fürsten zu Ysenburg und Büdingen lebt, und einem historischen Rathaus aus dem Jahr 1458. Die im Sumpf allgegenwärtigen Frösche finden sich phantasievoll gestaltet an den Hausfassaden wieder, und sie brachten den Büdingern den Spitznamen "Die Fräääsch" ein. Das Städtchen lernte ich in den siebziger Jahren kennen. Ich war mit der Fürstenfamilie von Ysenburg und Büdingen befreundet und nahm an einigen großen Festivitäten dort teil.

Angstschweiß auf der Stirn

Besonders erinnere ich mich an den damaligen Wirt des Hotels Bleffe. Jeder kannte ihn unter dem Namen Wilhelm. Er war ein Urgestein, ein gebürtiger Büdinger, dessen Restaurant sich einen ausgezeichneten Namen für deutsche Spezialitäten erwarb. Sein Markenzeichen war eine mächtige Deutsche Dogge. Ich fühle noch heute den Angstschweiß auf der Stirn, wenn ich mich nächtens an dem riesigen Hund vorbei auf mein Zimmer schleichen musste. Böse Zungen behaupteten, der Hund hätte die verlockenden Schätze der Küche zu bewachen.

Nach Schlitz hielt ich regen Kontakt, nachdem ich herausgefunden hatte, dass ein ehemaliger Deutschlehrer von mir in diesem Städtchen lebt. Die romantische Burgenstadt am Vogelsberg, nicht weit von Fulda entfernt, wurde 812 zum ersten Mal erwähnt. Die Stadt wird - genau wie Büdingen - oft als das Rothenburg Hessens bezeichnet. Ein Ring von nicht weniger als fünf Burgen umgibt die Innenstadt, darin versammeln sich Türme, Herrenhäuser, die Stadtkirche und Fachwerkhäuser aller Größen zu einem Ensemble, das sich seit alter Zeit kaum verändert hat. Das beschauliche und etwas verschlafen wirkende osthessische Schlitzerland bietet seit mehr als acht Jahrzehnten alle zwei Jahre eine Attraktion: "Das schönste Fest der Welt", wie die Schlitzer es betiteln. In der Burgenstadt erklingen dann Melodien aus allen Erdteilen, das Folklorefest, es zählt zu Europas größten, hat Tanzgruppen vieler Völker zu Gast, die dort in Originaltrachten auftreten.

Aus meinen Studententagen ist mir vor allem Marburg in lebhafter Erinnerung. Ich begann mein Studium in Tübingen und trat dort dem Corps Suevia bei. Als Korpsstudent hatte ich Ende der sechziger Jahre viele Gelegenheiten, Marburg näher kennenzulernen, da dort das leider inzwischen geschlossene Corps Rhenania zu Straßburg zu finden war, das ich gern besuchte.

Wenige wissen, dass Marburg zu den bedeutendsten europäischen Pilgerstationen des Mittelalters gehörte, auf den Wegen nach Rom oder Santiago de Compostela. Der Grund lag vor allem darin, dass Elisabeth von Thüringen dort ein Franziskus-Hospital gegründet hatte. Die Tochter des Königs von Ungarn hatte sich 1228 als Witwe in Marburg angesiedelt, in einer Zeit, als Pilgerfahrten in ganz Europa einen Höhepunkt erlebten. Drei Jahre später starb Elisabeth, bereits vier Jahre nach ihrem Tod wurde sie heiliggesprochen. Im selben Jahr wurde mit dem Bau der nach ihr benannten Kirche begonnen, einem der ersten rein gotischen Sakralbauten in Deutschland. Und im Jahr 1527 entstand hier die erste protestantische Universität, die bis heute besteht, gegründet durch Landgraf Philipp den Großmütigen.

Wenn man über Hessen spricht, sollte man auf keinen Fall den Rheingau vergessen. Begeisterte Weinliebhaber werden hier in der Mundart als "Schnudedunker" bezeichnet - als Menschen, die den Mund in den Wein tauchen - und dazu gibt es im Rheingau viel Gelegenheit. Der Rheingauer Riesling ist im In- und Ausland geschätzt, und Englandreisende werden auf den "Hock" angesprochen, den Hochheimer Riesling, den Königin Victoria so sehr schätzte, dass sie die dortigen Weinberge einmal selbst besuchte. Ein steinernes Denkmal in dem nach ihr benannten Weinberg erinnert noch heute daran.

Zu kulturellen Höhepunkten meiner Zeit in Hessen gehörten Konzerte auf Schloss Wolfsgarten, die ich als Gast von Prinzessin Margaret von Hessen und bei Rhein vor allem in den siebziger und achtziger Jahren miterleben durfte. Schloss Wolfsgarten ist ein Juwel im Süden Frankfurts zwischen Langen und Egelsbach. Landgraf Moritz von Hessen, der das Jagdschloss heute bewohnt, öffnet jedes Jahr zur Rhododendronblüte im Mai und zu einem Fürstlichen Gartenfest im September die Tore. Das Anfang des 18. Jahrhunderts im Auftrag von Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt gebaute Schloss mit seiner über 50 Hektar großen Parklandschaft ist jedes Jahr Anziehungspunkt für Tausende Kunst- und Naturliebhaber. Mitten im Park stößt man auf ein Gesamtkunstwerk: das Prinzessinnenhaus, das von Joseph Maria Olbrich, dem berühmten Jugendstilarchitekten, im Jahr 1902 für die siebenjährige Prinzessin Elisabeth von Hessen und bei Rhein bis hin zur Möblierung und Tapetengestaltung entworfen wurde.

Schon als Schüler in Äthiopien begeisterte ich mich für Geschichte. So wurden mir Frankfurt und die Paulskirche zu Begriffen, lange bevor ich tatsächlich nach Deutschland kam. In der Paulskirche trat am 18. Mai 1848 die erste frei gewählte Nationalversammlung in Deutschland zusammen - sie wurde so zum Symbol schlechthin für Freiheit und Demokratie. Immer wieder werde ich gefragt, ob ich mich in Deutschland nun als Wahlhesse fühle. Leider muss ich gestehen, dass ich trotz der großartigen Landschaften Hessens und seiner reichen Kultur und Geschichte, nicht bejahen kann. Ich sehe mich immer nur als Frankfurter. Frankfurt ist meine neue Heimat, und auch wenn Wiesbaden die Landeshauptstadt Hessens ist, so weiß jeder, dass Frankfurt die heimliche Hauptstadt des Landes ist.

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Asfa-Wossen Asserate