Aachen Der Pastor in der Puffstraße

Vor kurzem saß ich auf Einladung der "Oecher Penn", des ältesten Aachener Karnevalvereins, in der Weinstube des 750 Jahre alten Marschiertors, das Teil der äußeren Stadtmauer Aachens ist, und ließ mich vom Odem der Geschichte umwehen.

Die Weinstube, erfuhr ich, war früher das Verlies für bessergestellte Gefangene, die sich Hoffnung auf Haftentlassung machen konnten. Es gibt dort auch ein Verlies für einfache Gefangene, das aber keine Treppe hat, nur ein Loch in der Decke, durch das der Unglückswurm gestoßen wurde, um seine "Einweg"-Haft anzutreten.

Aachen ist Geschichte zum Anfassen, ein Ort der historischen Superlative. Nicht nur, dass die westlichste deutsche Stadt vermutlich als einzige über ein eigenes Erkennungszeichen verfügt, mit dem sich Aachener überall auf der Welt grüßen, den "Klenkes", den aufgereckten kleinen Finger der rechten Hand, mit dem in der Blütezeit der Aachener Nadelindustrie die unbrauchbaren Nadeln aussortiert wurden. In Aachen sprudeln auch die heißesten Quellen weit und breit. Wahrscheinlich verehrten schon die Kelten in der Nähe des Büchels ihren Heilgott Grannus, bevor die Römer ein großes Militärbad für diejenigen Legionäre errichteten, die "Rücken" hatten.

Kaiser Karl machte Aachen zu seiner Residenz, der Aachener Dom wurde als erstes deutsches Bauwerk in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen. Hier standen am 7. September 1804 Napoleon und seine Gattin Josephine, die seit Juli in Aachen kurte, vor dem Domschatz, der dank der Hilfe des Korsen gerade aus Paderborn zurückgeholt worden war. Der Aachener Bischof Berdolet begleitete das hohe Paar, und Napoleon sagte: "So, Fine, jetzt such dir mal 'ne Kleinigkeit aus, aus dem janzen Krempel, dat wird ja wohl drin sein für meine Bemühungen!" Der Bischof überreichte Josephine dann eilends einen als "Talisman Karls des Großen" bezeichneten Reliquienanhänger, der heute in Reims aufbewahrt wird.

Machen wir einen Sprung ins Jahr 1951 sowie in die Normannenstraße, ganz dicht am alten Aachener Tivoli. Immer wenn an Heimspieltagen aufbrandender Jubel von einem Tor der Aachener Alemannen oder "Kartoffelkäfer", wie man die Schwarz-Gelben nannte, kündete, rief ein dreijähriges Kind, das erst vor kurzem mit seinen Eltern von Bad Salzuflen in die Kaiserstadt gezogen war: "Jetzt haben die Alemannen wieder ein Tor geschissen!" Man könnte trefflich darüber streiten, ob diese sprachliche Fehlleistung dem kindlichen Sprachplanungsapparat geschuldet ist, der das Partizip vom Wortstamm "schieß" ableitete, oder ob es sich um einen klassischen Freudschen Versprecher handelt, weil das Kind eine bevorstehende Entleerung spürte. Zumindest ist diese meine frühe Äußerung historisch verbürgt, und zwar durch meine Mutter, die, wie alle Mütter, später nur wenige Gelegenheiten ausließ, diese und andere Anekdoten unters Volk zu bringen. Den Satz Napoleons hingegen habe ich erfunden, er könnte aber so oder ähnlich gefallen sein. Beide Begebenheiten fanden in Aachen statt, weitere Gemeinsamkeiten zwischen dem Korsen und mir wird man vergeblich suchen.

Der beste Striptease-Laden Aachens

In der Normannenstraße wohnten wir zur Untermiete bei der Familie Schmitz, die zwei Kinder hatte. Der Junge, Karl-Heinz, besaß mehrere kleine Spielzeugautos, die mein Interesse weckten. Allerdings faszinierten mich weniger ihre Fahreigenschaften als die Frage, wie schnell man sie kaputt kriegte. Das hat meinen Vater manche Mark gekostet, die er gar nicht weit von unserem ersten Aachener Domizil schwer verdienen musste: als Barkeeper in der "Cortis-Bar", dem beste Stripteaseladen Aachens, etwas außerhalb des Stadtkerns in der Krefelder Straße.

Dort gaben sich weltliche und geistliche Würdenträger Aachens die Klinke in die Hand, ebenso die Schmugglerszene des Dreiländerecks und einmal im Jahr die internationale Reiterelite, wenn in der Soers der CHIO stattfand. Es zahlte längst nicht jeder Gast immer seine Rechnung, er ließ anschreiben, und mein Vater behielt ein Pfand ein, auf dem er dann nach Jahresfrist häufig sitzenblieb. Uhren, Silberbesteck, ich glaube, die Kuchengabeln, die ich noch heute nie benutze, stammen aus dieser Zeit.

Aus dem möblierten Zimmer in der Normannenstraße zogen wir in die Theaterstraße, nahezu in die Stadtmitte, erster Stock, zwei Zimmer, Küche, Toilette. Das waren die guten alten Zeiten des Sukzessiv-Badetags, erst Papa, dann Mama und in der lauwarmen Restlauge, die mit einem Flötenkessel voll kochenden Wassers aufgepimpt wurde, ich. Die ersten vier Schuljahre absolvierte ich in der Katholischen Volksschule Beeckstraße.

Schon zuvor, mit vier Jahren, hatte ich als Diphterie-Patient im Luisenhospital den anderen Kindern aus einem Märchenbuch vorgelesen. Dass da ein Bluff vorlag, merkten die nur daran, dass ich das Buch verkehrt herum hielt. In der zweiten Klasse begann ich Märchen zu schreiben. Sie sind leider verschollen, festigten aber in meinem Lehrer die Überzeugung, dass er einen kommenden Dichterfürsten unter seinen Fittichen hatte, weswegen er später bei meinen Eltern durchsetzte, dass ich auf das traditionsreiche, humanistische Kaiser-Karls-Gymnasium ging.

Meinen Lehrer vergötterte ich. Ich wollte Förster werden, und er nahm mich winters mit zur Rehfütterung. Er machte mich auch durch seinen leidenschaftlichen Religionsunterricht zu einem tiefgläubigen Kind. Dann übernahm der Propst von St. Adalbert und spätere Weihbischof Buchkremer das Fach, das später auf dem Gymnasium "Rillefix" hieß. Joseph Buchkremer war Anfang der dreißiger Jahre Stadtjugendseelsorger geworden. Als engagierter Regimegegner wurde er 1935 von den Nazis mit einem Unterrichtsverbot belegt und schließlich wegen "Wehrkraftzersetzng" im März 1942 ins Konzentrationslager Dachau gesteckt. Dort kam er erst zu Kriegsende frei. Das alles habe ich viel später erfahren, denn die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit war zu meiner Schulzeit noch nicht unbedingt angesagt und wurde am Kaiser-Karls-Gymnasium mehr oder weniger exklusiv betrieben von Studienrat Paul "Emma" Emonds, Deutsch und Geschichte, der uns auch z. B. auf Vertriebenentreffen mitschleppte und den Redner des Abends dann engagiert zur Brust nahm. Leider haben wir das damals nicht zu würdigen gewusst.

Kuss auf die Nuss

Religiosität im Rheinland und speziell in Aachen ist etwas Besonderes. Mein Vater zählte etliche Geistliche zu seinen Stammgästen, der hochbetagte Pastor meiner späteren Pfarre soll laut Aussage meiner Mutter in der Antoniusstraße, oder "Antüen", wie der Öcher seine Puffstraße zärtlich nennt, häufiger ein- und ausgegangen sein, gewiss um anderen hochbetagten Gästen die Sterbesakramente zu spenden, wenn der Kreislauf zusammenbrach.

I n diesem Zusammenhang muss ich auf die Heiligtumsfahrt zu sprechen kommen, die auf Karl den Großen zurückgehen soll, seit 1349 alle sieben Jahre stattfindet und zu der 1937 fast 800.000 Pilger kamen; auch auf diese "Wallfahrt des stummen Protests" gegen den Nationalsozialismus als gottlose Ideologie kann Aachen stolz sein. Die nächste Heiligtumsfahrt wird 2014 stattfinden, wohl 100.000 Menschen werden wieder in die Stadt strömen, und die Antoniusstraße wird wieder Verstärkung aus Köln, Düsseldorf und Mönchengladbach anfordern. Woher ich das weiß? In der zweiten Klasse des Gymnasiums wurden wir zu einer Verkehrszählung abkommandiert. Wir standen an der Krefelder Straße und machten Striche, wenn ein Auto vorbeikam. Und das Erste, was die Aufsicht führenden Polizeibeamten uns zehn- und elfjährigen Dötzchen erzählten, war diese hoch interessante Geschichte.

Sinnenfreude und rheinische Frömmigkeit sind in Aachen immer eine glückhafte Verbindung eingegangen. Am Rosenmontag zieht ein mehrere Kilometer langer Zug mit über 100 Festwagen und Fußgruppen durch die Innenstadt, u. a. durch die Theaterstraße, wo wir ja im ersten Stock wohnten, unsere Fenster also Logenplätze waren. Die wollte sich auch der Chef meines Vaters nicht entgehen lassen. Da er aber im Krieg beide Beine verloren hatte, schleppte ihn mein Vater auf dem Rücken nach oben, was ihm einen Hexenschuss einbrachte, der sich immer mal wieder meldete.

Für mich als Adoleszenten bot Karneval die Möglichkeit, eine andere Identität anzunehmen, in meinem Fall die des schwarz gekleideten Revolver- und Peitschenhelden Lash LaRue, auch Lassy La Roc genannt, einer der vielen Partner von Fuzzy Q. Jones, im Grunde der ersten Western Sitcom. Und dieser harte Bursche, der ich drei Tage lang war, konnte natürlich fremde Frauen knutschen. Es war Aachener Roulette, wenn man so will.

Ein Rudel Kinder fand sich, bildete einen Kreis, zwei oder drei Pärchen tanzten im Kreis, untergehakt in der Gegenrichtung, und der Kreis sang ein längeres Lied auf Öcher Platt, das folgendermaßen kulminierte: "Des Nachts um elfe, bau ooch um zwölfe, da kommt der letzte rote Ommelebus. Dann kommt der Meister mit seinem Kleister und jibt der Juja einen Kuss auf die Nuss!" Bei "Kuss" küsste man das fremde Mädchen, reihte sich wieder ein, wenn man zweimal dabei gewesen war und wartete im Kreis darauf, wieder gewählt zu werden, oder man holte sich eine neue Partnerin in den Kreis und tanzte einem weiteren Kuss entgegen.

Ungehobeltes Öcher Platt

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass ich diesen drei tollen Tagen immer ein ganzes Jahr entgegenfieberte. An Karneval gab es auch eine vergleichsweise kleine Kirmes, nicht zu vergleichen mit dem "Öcher Bend" auf dem Bendplatz an der Kühlwetterstraße. Den gibt es zweimal im Jahr, das Ereignis im Herbst ist das größere. In meiner zweiten Studentenbude, Adalbertsteinweg, Ecke Elsassstraße, teilte ich das Außenklo mit Frau Vonderbank, alter Aachener Schausteller-Adel.

Die Kinder hatten alle große Fahrgeschäfte, die Mutter betrieb immer noch ein Kinderkarussell. Unser Deal: Sie putzte für mich Treppe und Klo, wenn meine Woche war, ich machte ihr die Steuer und erfuhr den neuesten Klatsch aus der Kirmesszene. Auf dem Bendplatz wurde auch einmal ein präparierter Wal gezeigt, eine Sensation, die uns einen unterrichtsfreien Vormittag bescherte.

Zurück zum Karneval und der kleinen Kirmes in der Wirichsbongardstraße, wo jetzt ein Parkhaus steht. So klein sie war, eine Raupenbahn gab es, mit Verdeck, das Taschengeld reichte für viermal Fahren, sprich viermal Knutschen. Und man wusste: Am Aschermittwoch ist alles vorbei, denn eine Freundin gestatteten mir meine Eltern nicht, und für eine heimliche Beziehung fehlte mir die Nervenkraft.

Der kleine Kirmesplatz lag auf meinem Schulweg und hieß seit 1792, als dort ein Holzkruzifix errichtet wurde, im Volksmund Henger Herrjotts Fott, also "hinter dem Hintern des Herrn". 1897 wurde es durch eine steinerne Kreuzigungsgruppe ersetzt, die die Nazis entfernen ließen, 1986 gründete sich die Bürgerinitiative Henger Herrjotts Fott e.V., brachte durch Spenden 80.000 DM zusammen, und 1987 stand an alter Stelle ein neues, von Bonifatius Stirnberg geschaffenes Bronzekruzifix. Seitdem gibt es dort auch ein Straßenschild und jedes Jahr das gleichnamige Stadtfest.

Diesen wunderbar rauhen, aber herzlichen sprachlichen Umgang mit heiligen Dingen findet man möglicherweise nirgendwo sonst. So nennt der Aachener die Kirche St. Fronleichnam im Ostviertel "St. Makai". Makai bedeutet Quark, vielleicht hat die Quaderform der weißen Kirche dazu inspiriert. Damit sind wir beim Öcher Platt, der Aachener Mundart, deren Singsang spätestens seit Ulla Schmidt bundesweit ein Begriff ist. Die spätere Gesundheitsministerin jobbte als Studentin in der "Barbarina", einer Nachtbar, die ihre Schwester führte (heute "Club Voltaire"). Mein Vater behauptete, sie aus dieser Zeit zu kennen. Der Außenstehende empfindet die Mundart gern als ungehobelt, gehört es doch zu ihren Eigenarten, das Gegenüber mit einem mundartlichen Synonym fürs männliche Genital zu begrüßen, häufig in Verbindung mit dem Adjektiv "au", also "alt". Das Öcher Platt wird in Theatergruppen gepflegt und im "Öcher Schängche", neben dem Kölner Hänneschen-Theater die einzige große Stockpuppenbühne des Rheinlands.

Aachen, Stadt auch der kulinarischen Superlative: erste deutsche Stadt mit original belgischen Fritten, mit dem besten Sauerbraten der Welt, auch weil die Sauce mit Aachener Printen gebunden wird, einer weiteren Spezialität. Zu meiner Studienzeit verkaufte ein Händler aus Holland in einer Garage in Burtscheid asiatische Gewürze an die vielen indonesischen Studenten, von denen etliche bei mir Deutsch lernten im Institut "Deutsch als Fremdsprache". Und die nahmen mich mit zum Einkaufen und dann auch zum Kochen.

Je länger ich schreibe, desto mehr gerate ich ins Schwärmen. Ich wohne seit langem nicht mehr in Aachen, aber bei jedem Besuch geht mir das Herz weiter auf. Und was den Fußball angeht: An einem Frühsommertag 1965 lag die Alemannia in meinem Beisein 0:3 zurück, gegen Tennis Borussia Berlin. Das Publikum, finster entschlossen, sich den Tag nicht versauen zu lassen, schwenkte zum Gegner über, aber dann drehten die Aachener das Spiel um und siegten mit 5:4. Und alle Öcher Fans gingen mit dem schönen Gefühl nach Hause, nicht einen Moment an ihrer Mannschaft gezweifelt zu haben. Und das Gefühl kommt auch wieder. Ganz sicher.

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