Harz Der Panter von Hohegeiß

Vom feuchten Grund des Bärenbachtals kriecht die Nachricht den Hügel hinauf, zieht eine Schleife durch die Tanzbar des Panoramic-Hotels, pausiert kurz an den Stammtischen der Gaststätte Silbertanne, nimmt Fahrt auf, kehrt ein in Bernhard Bruns' Lebensmittelladen, rennt die Durchgangsstraße hoch, schockiert Nachbarn, rast vorbei an verblüfften Gesichtern vor dem Zeitschriftenständer von Elektro Beyer, bremst vor der Frühstückspension der Bürgermeistergattin, flüchtet vor den großen Augen des Kleinbauern Röder, und erst danach herrscht wieder Ruhe. Aber die Nachricht kehrt zurück, diesmal aus dem Wolfsbachtal, und schon ist die Ruhe vorbei.

Ein Panter, ein schwarzer Panter ist im Ort. Jetzt wissen es alle in Hohegeiß, 1050 Einwohner, 642 Meter über Null. Das höchste Dorf im Harz, zwölf Kilometer von Braunlage entfernt, kurz vor der ehemaligen DDR-Grenze, ganz knapp noch Westen, umgeben von Fichten und Wiesen und Bächen. Ein Dorf mit ein paar Hotels und beschilderten Wanderwegen. Ein Dorf unter vielen Dörfern in den Höhenlagen des Harzes, wo alle Orte - abgesehen von Clausthal-Zellerfeld - höchstens ein paar tausend Einwohner haben. Wenn erst die nächste erstaunliche Nachricht hineinsickert ins Dorf, dann ist es mit der Ruhe vorbei. Ein Panter in Hohegeiß. Ein Abenteuer, viel aufregender als alles, was die Satellitenschüssel zu bieten hat.

Der Förster des Dorfes will von einer Raubkatze erst nichts wissen, bis auch seine eigene Frau beteuert: Im fahlen Licht der Laternen sei das stattliche Tier über eine Wiese geschlichen. Fernsehsender kündigen sich an, die Reiterstaffel der Braunschweiger Polizei wird den Wald durchkämmen. Vom Schullandheim am Rand des Dorfes ruft eine verzagte Lehrerin an: "Wir können nicht ins Haus, der Panter sitzt vor der Tür." Der Förster greift nach seinem Gewehr, holt Ben, seinen Gebirgsschweißhund, aber vor dem Schullandheim sitzt nur eine schwarze Katze.

Normalerweise zeigt der Förster Touristen den Wald. In lodengrünen Lederhosen klärt er die Städter auf über sein menschenleeres Revier, über Bärwurz, Frauenschuh, Knabenkraut. Dann wieder, tagelang, hat er nur seinen Hund Ben als Gesprächspartner, und die Gespräche verlaufen gewöhnlich sehr einseitig. Jetzt aber ein Panter und das Dorf ist hellwach.

Stefan Grote, der Ortsbürgermeister, berichtet dem Landwirt Röder von einer Theorie: Neuerdings werden Luchse ausgewildert im Harz, vielleicht haben die Luchse die Wahrnehmungskraft angegriffen. "Könnte sein", sagt mit dunkler Stimme Klaus Röder, 70 Jahre alt, der letzte Bauer im Dorf. Aus der Kälte stapft Röder in die Wohnstube, als der Bürgermeister vom Panter anfängt. Der Bauer setzt sich ans Klavier, spielt eine fröhliche Melodie von Mozart, aber ein paar Töne verrutschen, denn die Finger sind noch steif vom Hacken des Kaminholzes, und Röder sagt: "Kühe und Klavier passen gut zusammen." Warum? "Ach, keine Ahnung." Was wäre die Welt ohne Rätsel? Was Hohegeiß? Von einem Hubschrauber aus hat die Polizei nach dem Panter gefahndet, sagt Röder, steckt sich eine Marlboro an und lacht und lacht.

Von allen Geschichten erfährt Bürgermeister Grote rasch. Sozialdemokrat ist Grote, aber genau genommen ist allein Hohegeiß seine Partei. Er hat viel Zeit. Sein Arbeitgeber, die Telekom, nennt ihn "Transfer-Mitarbeiter". Der 46-jährige Ingenieur sitzt zu Hause, weil er im Moment für keinen Job benötigt wird. Sein Bürgermeisteramt ist ein Ehrenamt, wie alle Ämter hier. Seit vielen Jahren schon ist Hohegeiß eingemeindet, als Stadtteil von Braunlage - das typische Schicksal eines Dorfes. Um Geld zu sparen, werden kleine Verwaltungen den größeren zugeschlagen. Aber das kümmert ein Dorf im Innersten nicht. Es braucht keine amtlichen Begrenzungen, um zu sich selbst zu finden. Das Dorf besteht nur aus ein paar Straßen, von denen die meisten einen Hang hinablaufen, ins Wolfsbachtal oder ins Bärenbachtal. Dazwischen entstehen die Nachrichten, die das Dorf bewegen. An sonnigen Tagen, wenn Hohegeiß in die Gärten zieht, benötigt eine Meldung 20 Minuten, um vom einen zum anderen Ende des Dorfes zu marschieren. An verregneten Tagen kann es eine ganze Stunde dauern.

Das Dorf ist ein Dorf, weil es sich nicht gefallen lässt, dass die großen Geschichten in Fernsehkanälen unaufhaltsam am Dorf vorbeirauschen. Das Dorf stellt seine großen Geschichten selbst her, erzählt sie jahrelang, dreht sie weiter, so lange, bis die Episode so unglaublich klingt, dass jeder denkt: Diese Geschichte vermag niemand zu erfinden. Die Handwerksbetriebe sterben aus, die Jungen ziehen weg, den Arbeitsplätzen hinterher, und das Dorf erhält sich dennoch am Leben. Es putscht sich auf mit selbst gebackenen Nachrichten und es beruhigt sich nach demselben Rezept. Es macht sich unabhängig von der rotierenden Welt.

Wie lang braucht eine Geschichte aus Hohegeiß in die Welt?

Bürgermeister Grote ist auf dem Weg zum Kirmesausschuss, vertreten durch die Vereine des Dorfes. Auch Peter Münch sitzt an der Tafel, der zweite Hauptvorstand des Harzclubs, verpflichtet dem Wandern, Heimat- und Naturschutz. Bei Brauchtumsabenden tritt Münch im Fuhrmannskittel auf und jodelt. Er kann unterscheiden zwischen Naturjodeln, Freudenjodeln und Arbeitsjodeln. Seine Frau näht die historischen Trachten der Sänger und Musikanten, die Kleider von Kuhhirten, Bergleuten, Schaffnern oder Waldarbeitern. "Keinen dieser Berufe gibt es noch hier", sagt Münch, "außer dem Waldarbeiter."

Ein Waldarbeiter sitzt am Tisch, Horst Gietz, der 43-jährige Vorsitzende des Buchfinkenvereins. Zwei Buchfinkenmännchen hält er in einer Voliere, zu Hause unterm Dach. Zu Pfingsten kommen sie groß raus, beim Finkenmanöver auf dem Schützenplatz. Dann singen seine Vögel an gegen die Buchfinken anderer Vereine. Vor den Vogelkäfigen lauschen Männer mit Strichlisten und notieren, wie oft die Finken ihre Melodie wiederholen. Eine alte Tradition im Harz. Früher nahmen Bergmänner Finken mit in den Stollen. Sobald giftiges Gas austrat, fielen die sensiblen Vögel von der Stange, und die Arbeiter waren gewarnt.

Sonntags früh, wenn seine Frau noch schläft, schleicht sich Horst Gietz mit einem Vogelkäfig davon und fährt zum Training. Der Übungsplatz liegt mitten im Wald. Auf einer Lichtung hat er Buchfinken zwitschern hören, wilde, selbstbewusste Vögel. Gietz wartet darauf, dass seine eigenen Finken es mit den fremden Artgenossen aufnehmen. "Aber Vorsicht." Wenn die Finken im Wald zu laut und herrisch singen, dann könne es passieren, dass seine eigenen Vögel eingeschüchtert aufgeben, den Schock nicht überwinden und nie wieder einen Ton herausbringen.

Die lieb gewonnenen Traditionen der Menschen lassen sich besichtigen, seit Bürgermeister Grote, diesmal als Vorsitzender des Museumsvereins, ein mehr als 400 Jahre altes Fachwerkhaus zum Dorfmuseum ausbauen ließ. Zwei Stockwerke mit Skibrettern, Nähmaschinen, Schusterbänken. Grote hat seinen Leuten einen Ort der Geschichte gegeben, einen Ort für ihre Geschichten. Ein Museumshaus hätte sich das Dorf nicht leisten können, sagt Grote, niemals, wenn der Karlheinz nicht gewesen wäre. Karlheinz, der Gönner. Einer von vielen, die in jungen Jahren Hohegeiß verließen, weil sie außerhalb Arbeit suchten. Zur 550-Jahr-Feier des Dorfes, vor zehn Jahren, ist der verlorene Sohn aus Kanada hergereist, hat sich auf dem Podium in der Festhalle an seine Streiche als Hohegeißer Junge erinnert und eine Spende von 175.000 Mark hinterlassen. Inzwischen jedoch meidet er Deutschland, denn er wird mit internationalem Haftbefehl gesucht, der großzügige Karlheinz, der Waffenlobbyist Karlheinz Schreiber.

Schillernde Figuren gibt es einige. Dieser Bruns, der Monopolist, schillert sehr, logisch sogar, denn er ist die Mitte, und wer in der Mitte steht, den mustern die anderen mit Argwohn. Der stämmige 53-Jährige mit dem zum Pferdeschwanz gebundenen Haar, Bernhard Bruns, "Feinkost - Lebensmittel Bruns", der letzte Rundumversorger, Aufschnitt, Fernsehzeitschriften, Apfelsinen, Harry Potter.

Bernhard Bruns, Hausnummer 32 an der Durchgangsstraße. Hier hat das Dorf seinen Hauptverteiler für Gerüchte. Bernhard Bruns bündelt die Nachrichten des Dorfes und reicht sie weiter in handlichen Portionen. Die Lokalseite der "Goslarschen Zeitung" berichtet ihm nie etwas Neues aus Hohegeiß. Die Zeitung braucht er nur, um zu prüfen, wie schnell eine Geschichte aus dem Laden in die Welt gelaufen ist. Kinder aus dem Schullandheim kaufen bei Bruns Cola und Saft, bevor sie zum Wandern aufbrechen. Das Schullandheim allerdings gehört inzwischen einem Outdoor-Veranstalter. Mit einem Mal tauchten Erlebnispädagogen vor Bruns' Lebensmittelladen auf, junge Männer und Frauen, einheitlich bekleidet mit winddichten Anoraks.

"Was sind das für welche", haben die Leute im Laden gefragt, "ist das eine Sekte?" Aber das Dorf hat seinen Frieden mit den Neuen gemacht, seit sie die hiesigen Vereine unterstützen. Die Fremden haben begriffen, dass sie Opfer bringen müssen, um nicht ewig Fremde zu bleiben.

Als sich einst kurz hinter Hohegeiß die DDR-Grenze öffnete, wurde auch Bernhard Bruns zur Nachricht. Er sah einen Bankdirektor mit einem Koffer "Begrüßungsgeld" durch die Straßen laufen und bestellte 20 Kisten Bananen. Jeden Tag fuhr fortan ein Lastwagen mit Obst, Joghurt, Zeitungen, mit allem Verkäuflichen bei Bruns vor. Der machte im Dorf einen zweiten Laden auf, kaufte sich vom Gewinn einen roten Chevrolet Van mit Bordfernseher, feierte ausgelassen, verlor seinen Führerschein, stellte einen Rentner als Chauffeur ein. Nach anderthalb Jahren Gesamtdeutschland aber waren die Boomzeiten bei Bruns vorbei, weil die Neubürger plötzlich zu Discountern fuhren, und heute ist alles wie vorher. Bernhard Bruns, Nussknacker, Farbpinsel, Gummibänder.

Aber Ruhe will nicht einkehren, nicht dauerhaft. Auf Frisierstühlen erleben alte Geschichten neue Höhepunkte, aber Oliver Trute, der Friseur an der Durchgangsstraße, schüttelt den Kopf: "Absolute Diskretion, ich sag' nichts." Einen Spinner nennen ihn manche, weil Oliver Trute als zehnjähriger Junge ein ovales, orangerotes Ufo neben dem Waldschwimmbad sah.

Vor ein paar Jahren - er schaute gerade nach dem Ausräumen der Spülmaschine aus dem Küchenfenster - entdeckte er wieder ein Flugobjekt, violett und grün fluoreszierend. Seither ist er sicher: "Wir sind hier nicht allein."

Unendlich weit weg, dort, wo das Licht der Ufos niemanden mehr blendet, wo Panter sich lautlos verkriechen, wo schaurigschöne Geschichten den Morgenfrost nicht überleben, wo Straßenlärm die wichtigsten Nachrichten verschluckt, genau dort ist das Dorf zu Ende.

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Stefan Willeke