Hessen Das Paradies beginnt bei Weilburg

Am Gipfel der Sackpfeife rausche ich vorbei und dann immer bergab. Hinunter durchs liebliche Tal nach Biedenkopf. Hier treffe ich zum ersten Mal auf die Lahn. Unter der Brücke am "Hotel Berggarten" sickert sie träge dahin. Sie trödelt, weil ihr das Wasser fehlt in diesem trockenen Frühling, und entblößt ihre Kiesel. Ich gehe hinunter - tausende Minifische fliehen - und lausche: Nein, sie rauscht nicht, sie plätschert nicht, sie murmelt nicht einmal. Die Lahn schweigt, nur ihre blanken Steine erzählen davon, wie es ist, rund geschliffen zu werden.

Die Sackpfeife ist ein Berg mit Indianerdorf und Superrutschbahn, ein Berg von vielen, vor denen die Lahn sich dreht und windet. Sie entspringt nur wenige Kilometer westlich von Hessen und muss ein paar Umwege machen, bevor sie Einlass erhält. Immerhin fließt sie so auf ihren 245 Kilometern bis nach Lahnstein durch drei Bundesländer - mehr kriegt auch der Rhein nicht zusammen.

Nun also Biedenkopf. Es wirkt schon im Frühling ein wenig sommermüde, gar nicht geschäftig, aber auch nicht bieder. Seine merkwürdig steile Lage am Hang macht es fast zu einem Bergrevier, und wer die Straße Nonnenberg (mit Geländer!) hinaufsteigt, wird damit belohnt, dass er den Häusern, denen er eben noch ins Erdgeschoss schaute, nun im zweiten oder gar dritten Stock in die Dachluken sieht. Ganz oben, noch über der Stadtkirche, aber noch weit unterm Landgrafenschloss, steht dann das älteste Haus der Stadt, Teile sollen aus dem Jahr 1180 stammen. Ein Museum für "Ikonen aus aller Welt" residiert darin, davor lungern zwei gut gelaunte Ziegen herum. Mitten in der Stadt. Eine schielt.

Die Lahn kümmert sich nicht um die Stadt, sie streift sie nur. Kaum hat sie zusammen mit mir Biedenkopf verlassen, löst sie sich von der Seite des Tales und beginnt lustig zu mäandern. Ich versuche, ihr mit dem Fahrrad zu folgen. Ihr Bett ist hier schmaler als in der Stadt, sie kurvt um Sandbänke, und hier nun kann man ihr zuhören: Sie plätschert und raunt. Ich aber verstehe die Sprache der Flüsse und kann übersetzen: "Muss nach Marburg, muss nach Marburg." Kein tieferer Sinn. Dort ist das Tal wieder enger, aber die Stadt mit den steilen Straßen und bunten Studenten braucht Platz. Und so ist sie beiderseits der Lahn gewachsen, Universitätsgebäude und Wohn- anlagen, Gewerbe und Kliniken ziehen sich hoch die Hänge hinauf.

Was ihr aber bei allem Wachstum keiner nehmen kann, ist der Anblick, den die Oberstadt gegen das Abendlicht bietet - ein gewaltiger Schattenriss mit Kirche und Schloss. Vor dieser Kulisse ahnt der Besucher schon von Ferne die Bedeutung der mittelalterlichen Stadt. Im 13. Jahrhundert rief Sophie von Brabant ihren Sohn der Legende nach am Marktbrunnen zum hessischen Landgrafen aus. "Wiege Hessens" nennt sich der Platz bis heute.

Unten an der Lahn dagegen herrscht dichtes, wildes Grün. Zwischen der Fußgängerbrücke an der Jahnstraße und den Liegewiesen am Ende der Haspelstraße breiten sich die Auen, verläuft sich die Lahn in Nebenarmen. Auf Sandbänken liegen umgestürzte Bäume, undurchdringlich wuchert die Macchia. An manchen Stellen stellt sich eine Ahnung von unberührter Natur ein: Am Westufer gegenüber dem Aquamar-Schwimmbad ist ein schmales Wehr an einem Nebenarm geöffnet, durch das Wasser in die Tiefe stürzt und donnert wie ein Wasserfall im tiefsten Dschungel. In der Nähe, am Campingplatz Lahnaue, gibt es auch die erste Einstiegstelle für Wasserwanderer. Hier übernachte ich, schlafe beim Flüstern der Lahn ein und erwache durch das Klingeln früher Radfahrer.

Der Lahnradweg begleitet den Fluss von der Quelle bis zur Mündung, aber zwischen Marburg, Gießen und Wetzlar kann er den Fluss nur umspielen. Oft entfernt sich der Weg, manchmal kreuzt er das Wasser, oft verliere ich die Aue aus dem Auge. Stattdessen kommt die mächtige Ruine Staufenberg in den Blick. Staufenberg ist ein literarisches Monument, seit Peter Kurzeck den Ort zum Schauplatz seiner Bücher machte und obendrein die Erzählkunst neu erfand.

Zwischen Marburg, Gießen und Wetzlar

Das Städtchen liegt am Hang unter der Burg und erinnert noch an die fünfziger Jahre, als hier der Flüchtlingsjunge Kurzeck in kurzen Hosen hinunter zum Baden lief. Er musste die große Straße überqueren, auf der riesige Amischlitten herumglitten. Ich quäle mich mit dem Fahrrad das steile Kopfsteinpflaster hinauf und lasse mich wieder hinab rollen und siehe da: Zwischen zwei biederen Häusern steht tatsächlich ein riesiger Chevrolet Impala aus den Fünfzigern. Er ist vollkommen rosa.

Und Gießen? Ich habe hier in den siebziger Jahren gewohnt, es hat sich kaum verändert, nur dass es jetzt auch eine Moschee gibt. Gießen war mit Wetzlar einst für kurze Zeit in der Kunststadt "Lahn" vereint. Die Stadt des jungen Werthers hat einen ganz anderen Charakter als die Fachwerkstädtchen Nord- und Osthessens. Der in der Nähe abgebaute Schiefer bestimmt hier die Fassaden in glänzendem Silbergrau, schafft beschwingte Dachlandschaften und schmiegt sich wie Schuppen eines Urtieres um Gauben und Fenster.

Nicht nur Wetzlar ist anders, auch die Stimmung von Land und Fluss ändern sich hier: Das Land wird dörflicher, statt Gewerbebauten füllen alte Gutshöfe das Tal und statt Beton sehe ich junges Getreide. Zwar versucht sich die enorm befahrene B49 hier an einer heftigen Auspuffsinfonie, aber bei Selters gibt sie auf, dreht ab und gibt Ruhe.

Und dann kommt's: Das Paradies beginnt bei Weilburg. Bis hierher erscheint der Fluss wie eine Verzierung, die der städtisch geprägten Landschaft ein bisschen Idyll zur Seite gibt. Hier aber kommt er zu sich selbst, wird vom Beiwerk zur Hauptsache. Die Lahn umkreist den hohen Felsen, auf dem die Stadt und das Schloss der Fürsten von Nassau-Weilburg ruhen, in barocker Pracht und aufgrund der Lage kaum von neuer Zeit berührt. Von der goldverzierten Balustrade des Schlossgartens geht der Blick hinunter zum Fluss, auf dem sich Kanus und Tretboote tummeln, gegen die Strömung kämpfend, die ein Wehr in der Nähe verstärkt. Und schließlich drängen sie sich in den Schiffstunnel, der seit 1847 unter der Stadt hindurchführt und die Lahn abkürzt. Damals war sie ein Wirtschaftsweg, Schiffe brachten Marmor aus den nahen Brüchen bis hinab an den Rhein und hinauf nach Gießen.

Von hier bis Limburg ist die Lahn ganz bei sich und also weitgehend autofrei. Das Tal und die Dörfer fügen sich ihrem Lauf. Hier ist das Wasserwandern ein Vergnügen, ein Abenteuer, ein Sinnenrausch. Ich habe auf meinem Rad breite Wege für mich allein, aber dennoch beneide ich die Kanuten, die sich unter überhängenden Zweigen treiben und von der Strömung nach Westen tragen lassen. Aber wäre ich dort unten auf dem Wasser nicht neidisch auf die Radfahrer, die einfach anhalten und sich eine Cola bestellen können? Schwer zu sagen.

Um einen faulen Kompromiss zu machen, miete ich ein Tretboot, werde zum Gespött der Wasserwanderer und stelle fest, dass ein Tretboot, das Vergnügen macht, erst noch erfunden werden muss - und zwar bitte mit Gangschaltung und Freilauf. So begleite ich die tapferen Paddler mit Pedalen, aber an Land, lasse mich in Runkel verzaubern von einer wunderschönen Burg und einer zweiten gegenüber, die sich einst um die große, alte Lahnbrücke stritten. Das alles geschah lange vor der Erfindung von Fahrrad, Tretboot und Tourismus in einer Zeit, als Ritter Helden waren und sich hier am "Runkeler Roten" betranken. Mir scheint für Momente, ich sei dort, in jener Epoche, und würde mich mit meinem Rad und den kurzen Hosen bei Ritterfräuleins lächerlich machen. Es war einmal.

So führt die Lahn, jetzt ein starker Fluss, ins schöne alte Limburg, wo ich in einem Radfahrerhotel übernachte, direkt an der alten Lahnbrücke. Mit mir ist ein herrlicher Zander hinabgeschwommen, er liegt jetzt im 700 Jahre alten Werner-Senger-Haus auf einem saftigen Kräuterbett und fordert mich zum Riesling heraus. Am späten Abend stehe ich noch einmal auf der Brücke und schaue zum erleuchteten Dom. Und zu Füßen der schönsten Kirche Hessens fließt Hessens schönster Fluss.

Schlagworte:
Autor:
Roland Benn