Heiligendamm Das älteste deutsche Seebad

Das Leben in Heiligendamm verläuft gemächlich. Die Schmalspurbahn "Molli" schleicht über ihre Gleise, mehrmals täglich hält die Touristenattraktion pfeifend und schnaufend, malt bedächtig schwarze Wölkchen in den blauen Himmel, Mitreisende steigen aus. Seit 1862 verbindet der Zug den Küstenort Heiligendamm mit Bad Doberan, das rund sechs Kilometer landeinwärts liegt. 1910 wurde die Bahnstrecke bis nach Kühlungsborn verlängert. Dorthin wird "Molli" auch heute wieder viele Gäste zurückbringen.

Nach 19 Uhr ist Heiligendamm tot. Ich stehe am Strand-Imbiss, möchte etwas essen, doch die Pächter sperren das Häuschen bei bestem Wetter einfach zu. "Morgen ist auch noch ein Tag", rufen mir die beiden Männer zu. Auch die Eisdiele am Strand glaubt nicht mehr ans Geschäft. Eine nette Bar? Gibt es nicht. Vergeblich suche ich einen Supermarkt. Oder die Post, um kurz vor Schalterschluss noch ein Karte zu verschicken. Nichts. Fast nichts. Lediglich ein teures, italienisches Restaurant schimmert wie eine kostbare Perle inmitten der zerfallenen Gründerzeit-Villen am Strand.

Heiligendamm dämmert seinen Dornröschenschlaf. Trotz Hochsaison. Allenfalls im Grand Hotel, das bei Sonne mit seinem Weiß den Besucher schon von weitem blendet, gibt man sich geschäftig. "Wir sind momentan zu 80 Prozent ausgebucht", sagt ein Fahrer des Nobelhotels. Nach sechs Jahren Ehe trennte sich Anfang des Jahres das Unternehmen Kempinski von dem Anwesen - weil man mit der Auslastung nicht zufrieden war. Seitdem ist das Haus, Schauplatz des G-8-Gipfels von 2007, nicht mehr "das Kempinski", die Geschäftsführung haben stattdessen die Eigentümer übernommen.

"Heiligendamm war von Anfang an eine Totgeburt, weil es total isoliert am Ende der Welt liegt", erklärte Reto Wittwer, Vorstandschef der Kempinski AG unlängst noch. Als die älteste Luxushotelkette der Welt das Hotel noch betrieb, lag die Auslastung bei 50 Prozent, für dieses Jahr sind 60 Prozent angepeilt. Immerhin hat der G-8-Gipfel in Heiligendamm zumindest eines bewirkt: Von den 81 Millionen Euro Kosten, die der Bund in das Ereignis investierte, floss ein kleiner Teil in den Ausbau der Infrastruktur. Jetzt sind wenigstens die Hauptstraßen asphaltiert. "Ich kann mich noch erinnern an ein relativ baufälliges Bild", sagt der Schauspieler Jan Josef Liefers.

"Hier empfängt dich Freude, entsteigst du gesundet dem Bade", verkündet die lateinische Inschrift auf der tempelartigen Fassade des Kurhauses in Heiligendamm. Ein wahres Versprechen. Heute beherbergt das 1817 als Ball- und Gesellschaftshaus errichtete Kurhaus ebenfalls die Gastronomie sowie den Konferenz- und Bankettsaal des Grand Hotels. Besonders stolz sind die Betreiber auf das Ein-Sterne-Gourmet-Restaurant. Ronny Siewert, mit einem Michelin-Stern, 16 Gault-Millau-Punkten und zwei Hauben ausgezeichnet, steht an den Kochtöpfen. Verwendet werden nur Zutaten aus kontrolliert ökologischem Anbau. Die kommen aus dem hoteleigenen Gut Vorder Bollhagen.

Beim Bummel über die fast menschenleere Seebrücke fällt der Blick auf das Hotel. Die Finanzkrise hinterlässt hier offenbar kaum Spuren. Vor dem Haus parken sorgfältig aufgereiht: Bentley, Porsche, Mercedes. Der Dresscode: leichtes Jackett, Poloshirt und locker über die Schultern gelegter Pullover. Ein Stil, den selbst die zahlreichen Kinder bereits adaptiert haben. Jeans wirken an diesem Ort so fremd wie eine Banane zu DDR-Zeiten. Und wenn sich alle Kids so wohlerzogen verhielten wie die am Frühstückstisch des Grand Hotels, bräuchte es auch nie wieder eine Super-Nanny. Später gehen die Eltern auf den 18-Loch-Golfplatz mit seinem spektakulären Ostsee-Blick oder sie spielen Polo. Ihre Kinder besuchen derweil die "Kindervilla" - eine tolle Spielzeug-Erlebniswelt auf drei Etagen.

Eigentlich hat sich in Heiligendamm seit 200 Jahren nicht viel verändert. Schon 1793, als der Ort das erste Seebad Deutschlands wurde, unterhielten die feinen Leute hier Sommerresidenzen. Der mecklenburgische Herzog Friedrich Franz I. badete auf Anraten seines Arztes in der Ostsee. Der Thronfolger aus Russland und der König von Preußen waren zu Gast. Auch Künstler wie Felix Mendelssohn Bartholdy und Rainer Maria Rilke inspirierte das Rauschen der See in exklusiver Umgebung. Göring und Goebbels fühlten sich ebenfalls gut versorgt - vielleicht lag es an der braunen Tarnfarbe, die während des Kriegs die Dächer bedeckte.

Erst zu Honeckers Zeiten dienten die Villen am Strand dann als "Kur- und Erholungsstätte für Werktätige". Nach der Wende kaufte der Investor Anno August Jagdfeld das gesamte denkmalgeschützte Ensemble von Heiligendamm und das Gut Vorder-Bollhagen auf. In Berlin finanzierte einer seiner Fonds unter anderem den Bau des Hotels Adlon.

Während viele Ausflügler das Grand Hotel entlang des kleinen Zauns wie einen Heiligen Gral umrunden und nahezu ehrfürchtig ihre Digitalkameras zücken, werde ich im Hotel bestens umsorgt. Wellness lautet die Spezialität des Luxushotels. Ich habe einen Termin bei Kosmetikerin Julia. Für zwei Stunden begebe ich mich in ihre Obhut.

Zum Auftakt stehen meine Füße in einer Schale mit lauwarmem Wasser. Danach erfolgt ein Peeling mit Himalaya-Salz. Es soll mich auf die nun folgende Ayurvedische Massage einstimmen. Dazu ziehe ich einen Einmal-String-Tanga an, lege mich auf den Rücken, und lasse mich mit warmen Ölen massieren. "Die Massage entgiftet und macht fit. Vorher aber werden Sie sich angenehm müde fühlen", verspricht Julia. Kurz darauf erklingt indische Entspannungsmusik. Nach gut einstündiger Massage des gesamten Körpers sind meine Solarplexus-Chakren stimuliert. Der kleine Motor in unserem Körper, so sagt man, ist verantwortlich für unsere Kraft und Identität.

Mental gestärkt geht's durch den Hotelflur in den Keller des Grand Hotels. Hier erstreckt sich über 3000 Quadratmeter der mehrfach ausgezeichnete Spa-Bereich mit Schwimmbad, Whirlpool, Saunawelt und Hamam. Ein idealer Platz zum Entschleunigen. Genauso übrigens wie die Hotelbar, aus der man einen grandiosen Blick auf den Strand genießt.

Im Hintergrund erklingt leise Klaviermusik. Ich höre das Tuten von "Molli" in der Ferne und überlege kurz, ob ich den Zug nach Bad Doberan nehmen soll. Dort ist an diesem Tag "Zappanale", ein dreitägiger Musik-Marathon zu Ehren des gestorbenen Rockmusikers Frank Zappa. Doch ich bleibe und genieße die Ruhe. Zu sehr habe ich mich an den entspannten Takt, an die leeren Strände von Heiligendamm gewöhnt.

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Autor:
Thomas Soltau