Ostseeküste Binz und Warnemünde

Ankommen in Warnemünde ist immer noch Erschrecken, wie damals. Erschrecken über die Anmut eines Ortes, der mir eigentlich nicht zusteht. In dem ich mich illegal aufhalte. Wo ich vielleicht nicht bleiben darf. Ich steige aus dem Zug. Warnemünde zeigt wie immer freigiebig alles her, was es hat - die Giebelhäuschenreihe mit den Glasveranden, den schmalen Kneipen und den heimeligen Pensionen, Fischkutter, Fangnetze. Hafenidylle, Meer und Strand sowieso. Hier bin ich, du kennst mich ja. Es ist Mai, Vorsaison. Schon auf der Bahnhofsbrücke riecht es nach Holz, Wasser und geräucherten Flundern. Warnemünde ist nicht mondän. Warnemünde ist zu haben, für jeden. Ich musste es erobern, vielleicht rührt daher meine Treue.

Ich war siebzehn, es war Rerik, es regnete, Himmel und Meer hatten sich zu einem zuverlässigen Grau vereint. Das Quartier in dem kleinen Fischerdorf war eng, wir frühstückten am Klavier, wenn wir raus oder rein wollten, mussten wir durch die Wohnstube der Vermieter. Das einzige HO-Café roch nach nassen Sommermänteln.

Ich bekam Zahnschmerzen, gnadenlose Zahnschmerzen. In Warnemünde sei ein Dentist, sagte man mir. Ich weiß noch, dass der alte Zahnarzt mir als Erstes einen gewaltigen Schnaps eingoss. Und ich weiß, dass ich nicht mehr wegwollte aus Warnemünde. Der weiße Ort mit den engen Gassen und den geheimnisvollen Durchgängen war für mich eine unglaubliche Entdeckung. In der Konditorei Meyer haben sie Zuckerkuchen gebacken, der durch die ganze Alexandrinenstraße duftete, und auf den kunstledernen Barhockern von Haupt's Weinstuben konnte man sich willkommen und weltgewandt fühlen.

Hier musste ich bleiben. Aber das war so gut wie unmöglich. Private Vermietung war den Warnemündern untersagt; über die freien Kapazitäten verfügte allein der FDGB-Feriendienst. Es musste alles seine Ordnung haben. Jede Ordnung aber hat ihre kleine Unordnung. Mein illegales Bitten und Schmeicheln von Tür zu Tür, Hof zu Hof, Veranda zu Veranda, fand bei Familie Ebert in der Mühlenstraße Gehör - ich bekam ein Zimmer mit Balkon über der Wäscherei "Frauenlob"; mir ist, als hätte in der Mühlenstraße immerzu die Sonne geschienen.

Abends ging ich ins Café Herbst tanzen. Auf dem Nachhauseweg schwankte mir auf dem Kopfsteinpflaster ein Matrose entgegen. "Einmal noch nach Bombay, einmal nach Hawaii" - der singende Seemann passte zu meinem Wunschbild eines Ortes, von dem aus man weit in die Ferne sehen konnte, nach Dänemark zum Beispiel. Eine Insel der Unordnung in der ordentlichen DDR. Das Maritime ließ sich nicht begrenzen, es fuhr hinaus; die Ostberliner Sommergäste nannten Warnemünde Warmesünde.

Alles ist geblieben, wie es war. Abgesehen davon, dass demnächst eine Rossmann-Filiale ins Café Herbst einziehen wird und McDonald's sich an den Alten Strom geschlichen hat, ist es sogar schöner geworden. Es gibt First-Class-Quartiere, schicke Boutiquen, hübsche Cafés und kubanische Bars. Das Hotel Neptun, der hohe Klotz am Strand, hielt seine Stellung als erstes Haus am Platz. Klaus Wenzel, der mit allen Ostseewassern gewaschene Chef, hatte es 1971 übernommen, brachte die sensationelle Mixtur eines Publikums aus 80 Prozent Wismut-Kumpeln nebst anderen Werktätigen und 20 Prozent devisenbringenden Geschäftsleuten über alle Klippen. Mit Räucheraal und Entrecôte, Wellenbad und Sky-Bar.

Das Neptun war weit über dem Durchschnitt. Das ist immer noch so, und das schafft immer noch derselbe Mann. Wenzel, gelernter Kellner, Freund von Fidel Castro und einer Menge Prominenz aus Wirtschaft und Kultur, kniet sich rein; ein Leben für ein Hotel. Für das erste Original-Thalasso-Zentrum Deutschlands. In den sprudelnden Meerwasser-Wannen aalt sich neben Katrin Krabbe und Friede Springer alles, was Geld hat und Beschwerden.

Öfter schon gingen von Warnemünde entscheidende Impulse für das Badeleben aus. Hier wurde 1882 der Strandkorb erfunden, so konnte das rheumakranke Fräulein von Oertzen an der frischen Seeluft sein und war doch windgeschützt. Der Strandkorb ist ein Möbel der Vorsaison. Wenn der Wind noch kühl ist, die Sonne aber schon warm, liegst du wohlig im frischgestrichenen Mini-Wohnzimmer in der ersten Reihe, ganz nah am Wasser. Die Wellen schwappen an den Strand, und du fühlst dich, als sei schon Sommer, nur besser, weil der Sommer ja noch kommt, du aber schon da bist. Gestohlene Sommertage im Mai sind wie das erkämpfte Ferienquartier zu DDR-Zeiten, man nimmt sich, was einem eigentlich nicht zusteht.

Du spazierst auf der Sonnenseite am Alten Strom, links Segelschiffe und Kutter, die "Min Herzing" oder "Düwel" heißen, rechts Kapitäns- und Fischerbehausungen, "liebe, kleine Häuser, eins beinahe wie das andere, windumweht und so gemütlich", fand Kurt Tucholsky. Auf der anderen Seite des Stroms ist Fischmarkt. Wetterfeste Männer in orangeroten Gummimänteln haben Dorsche, Heringe, Lachse, Flundern und andere Plattfische aus der Ostsee geholt, verkaufen den Frischfisch weiß und kühl oder räuchern ihn an Ort und Stelle in schwarzen schmalen Öfen, deren Dampfsäulen Zeichen der Prosperität zum Himmel senden. Die Möwen stürzen sich gierig auf die Reste in den Plastikkisten.

Binz lockt mit der neuen Schönheit des "Seebads von Welt"

In Warnemünde haben immer Fischer, Seeleute und Lotsen gelebt. "Herr, lass deine Augen offen stehen über diesem Schiff" - der Spruch steht gestickt auf einem Stoffbild; Orte am Meer tragen den Abschied in sich, das macht sie so selig. Auf dem Rückweg über die Mole erinnert dich ein herber Wind an die Jahreszeit. Du gehst zum Aufwärmen in den "Teepott". Zehn Jahre stand der wunderliche Bau mit dem tanzenden Dach verlassen am Strand, nun ist er auferstanden, mit griechischem Restaurant, Coffee-Shop und einer Ausstellung der Sammlerstücke von Kapitän Kasten. Der überlebte vier Schiffsuntergänge sowie einen Besuch bei Kannibalen.

Der "Teepott" hat jetzt eine Terrasse hin zum Meer, gut für Feste im Sommer, wenn Hanse Sail ist und die alten Windjammer Parade segeln. Der Himmel ist grau geworden, die Vorsaisonler sind aus den Strandkörben geflüchtet, laufen im Mantel frierend durch den Sand. Die Strandläufer sehen aus wie von Edvard Munch gesehen. Der nervenschwache Künstler mietete sich 1907 an der Strandpromenade ein und malte - Menschen am Meer, Menschen, die sich gegen den Wind stemmen, jeder für sich. Abends im "Seehund" sitze ich am Tresen und singe ins Mikrofon; das muss man sich mal vorstellen, eine alleinreisende Frau sitzt am Tresen und singt.

In Binz hätte ich das nicht getan, Binz war mir neu. Das "Seebad der Werktätigen" hatte ich nicht wahrgenommen, mich lockten erst die Berichte von der neuen Schönheit des "Seebad von Welt". Drei Tage im August. In Berlin herrschten 35 Grad stickiger Schwüle, auf der Seebrücke von Binz weiß ich wieder, was das ist - ein strahlender Sommertag. Sonne, die nicht sticht. Luft, durchsichtig wie Luft. Die Welt eine blaue Kugel aus Himmel und See.

Eine Frau in rosafarbenem Anorak über gebräunter Haut sitzt in einem Motorboot, neben ihr die Tochter, ein 17-jähriges Wesen, das den jungen Sailor anhimmelt. Er lässt das Boot lossausen. Zehn Minuten später fliegt über dem Wasser ein Ballon, darunter schwebt eine Frau, puppenklein - es ist die Mutter. Parasailing, sagt ein alter Herr in weißen Hosen. Parasailing, er lässt sich das Wort im Mund zergehen wie ein teures Praliné und schreitet die Seebrücke hinunter zum Kurkonzert.

Binz besticht durch Weite. Man läuft ewig auf feinem Sand ins Wasser, bevor es tief wird. Alles großzügig, die Bucht, der Strand, die Prunkvillen mit den Jugendstil-Schnitzereien. Warnemünde ist das unprätentiöse Nest, Binz der repräsentative Salon. Das verspielte Kunststück von Großstädtern.

Die Bankiers Friedländer und Sommerfeld gründeten 1888 die "Aktiengesellschaft Ostseebad Binz". Sie bauten Häuser mit Veranden, Balkons und Loggien, fröhlich, aufwendig, kostspielig, Meisterwerke architektonischer Pâtisserie. Die Sommergäste aus Berlin - Industrielle, Künstler, Offiziere - wollten es mondän.

"Im Entstöpseln des Champagners entwickelte ich eine bewundernswerte Fähigkeit", merkte Hoffmann von Fallersleben auf einer Postkarte aus Binz an. Champagner - der Binzer Traum wird wieder geträumt, es ist alles wie es war. Der teure Wiederaufbau vergangener Pracht soll sich lohnen; Joe, mach die Musik von damals. Im pompös rekonstruierten Kurhaus wirken die Möbel mondäner als die Gäste. Das Publikum nippt am Champagner, bewegt sich aber in der imperialen Kakadu-Bar mit dem dunkelroten Flügel wie Sparkassenangestellte, die beim Kaiser zu Besuch sind. Das Mondäne kommt nicht, wenn Binz ruft. Dafür ordentlicher Mittelstand, Ehepaare mit Kindern, Ehepaare allein oder mit Hund, Großmütter samt Enkeln, lesbische Freundinnen, Jungs und ihre Mädchen.

Binz, das größte Seebad auf der Insel Rügen, hat Platz für alle. Im Sommer ziehen Karawanen von Erlebnishungrigen über die vier Kilometer lange Promenade, sitzen in den Terrassencafés und betrachten einander. An Ständen werden selbstgemachte Schuhe verkauft, Schafwollpullover, Pareotücher, heiße Waffeln, scharfe Cocktails. Im Abendlicht porträtiert ein russischer Maler einen deutschen Ehemann. Weil ihr das Bild von Heinz so gut gefällt, macht seine Frau gleich noch einen Termin für sich selber aus. Die 30 Euro würde ich auch beim Friseur ausgeben, vertraut sie den Umstehenden an.

Am Strand ist Beach-Party, mit Wernesgrüner Pils und Grillsteaks; die Band Apollo singt von Liebe, weil das Motto "Dream boat" heißt, später wird im Sand getanzt, mir gefällt so was. Der Sommergast fordert Vergnügen und schönes Wetter, das steht ihm zu. Der Herbstgast fühlt sich beschenkt, nichts steht ihm zu, er bekommt viel.

Das Hotel Vier Jahreszeiten kostet kaum mehr als eine bescheidene Pension in der Hauptsaison. Man wohnt in Zimmern der "gehobenen Wohnkultur der Jahrhundertwende", die Dielen knarren, die Schränke haben goldene Schlösser. Das Frühstück wird im ausgebauten Dachboden gereicht; späte Sonne flutet und "Freude schöner Götterfunken" auf der Hammondorgel. Ein Nachsaison-Summen zwischen Kosmetik und Krematorium, esoterischer Abgesang des Mondänen.

Die Promenade an einem Abend im Oktober - das ist große Inszenierung. Schwarz ist die See, golden schimmern die Restaurants im Schein der Kerzen und Kronleuchter. Doch die umworbenen Gäste sitzen längst in ihren Hotelzimmern und sehen fern. Es ist die Zeit der einsamen Pianisten, die für einsame Gäste "Strangers in the Night" spielen. In der Villa Salve mit den steinernen Löwen vor der Freitreppe sammelt sich, was nicht fernsieht. Ein Mann, der sich Pianoman nennt, besingt den Whisky, das Schicksal und den Weg von Chicago nach L.A.; Nashville steht auf seinem T-Shirt, was sonst. Ein junges Pärchen trinkt große, bunte Cocktails, in denen Papierpalmen glitzern. Wie in einer heißen Sommernacht.

Autor:
Jutta Voigt