Rheinland-Pfalz BASF in Ludwigshafen

Wie auf dem Schachbrett stehen die Gebäude auf dem Fabrikgelände direkt am Rhein. Mehr als zehn Quadratkilometer, durchzogen von silbrigen Rohrleitungen und 115 Kilometer Straßen, deren Namen an den Chemieunterricht erinnern: Methanolstraße, Chlorstraße, Harnstoffstraße. Eine Stadt in der Stadt, die so viel Strom verbraucht wie das Großherzogtum Luxemburg. Wenn die Schnupfen hat, heißt es hier, hat das Land Grippe. In Ludwigshafen liegt das größte Chemieareal der Welt, und die BASF ist der bei weitem bedeutendste Arbeitgeber der Region: fast 33.000 Mitarbeiter, rund 2000 Gebäude.

Einmal im Monat dürfen Touristen auf das Gelände. Ein Bus fährt sie herum, und die Tourleiterin erklärt ihnen, dass die Ammoniakstraße die "Champs-Élysées des Werks" sei und das Polystyrol-Lager von den Mitarbeitern "Akropolis" genannt werde. Sie erfahren, wo das Styropor erfunden wurde und wo man Indigo produziert, jenen Stoff, mit dem Jeans eingefärbt werden. Als kleines Bonbon dürfen die Besucher noch eine Knallgasexplosion in einer Plexiglasröhre auslösen und verlassen beeindruckt das Firmengelände.

Gleich hinter den Werkstoren liegt die Hemshof-Kolonie, eines der idyllischsten Viertel von Ludwigshafen. Wohnhäuschen reihen sich in der Anilinstraße aneinander, die Vorgärten in der Sodastraße nebenan werden von Gartenzwergen bewacht. "Es gibt immer ein paar Leut', die einem net passen. Aber eigentlich ist es hier ganz okay", sagt Gerhard Garrecht. Seit 21 Jahren arbeitet er bei der BASF, trägt das hellblaue Poloshirt mit Firmenlogo auch an seinem freien Samstagnachmittag. Er steht vor seinem Haus, 74 Quadratmeter auf zwei Etagen, in dem er mit Frau, Sohn, Katze, Schildkröten und einem Papagei wohnt.

Als die Hemshof-Kolonie ab 1872 als Siedlung für Werksangehörige der BASF gebaut wurde, bejubelte die örtliche Zeitung "jene großartigen Wohltätigkeitsveranstaltungen zu Gunsten ihrer Beamten und Arbeiter". Sie gäben ein "lautes Zeugnis von dem humanen Geist, der die Direktion beseelt".

Vor sechs Jahren, als die Garrechts einzogen, musste erst einmal renoviert werden. "Nicht mal ein Bad gab es", sagt der Familienvater. In nächster Zeit will die Wohnungsbaugesellschaft der BASF einige der denkmalgeschützten Häuser verkaufen, und Garrecht möchte Hausbesitzer werden. "Viel kann die Anilin dafür nicht mehr verlangen", sagt er. "Bei dem, was ich hier reingesteckt hab."

"Die Anilin", sagt er, wie alle, wenn sie die BASF meinen. 1865 wurde die "Badische Anilin- & Soda-Fabrik" vom Unternehmer Friedrich Engelhorn in Mannheim gegründet. Er besaß dort bereits eine Leuchtgasfabrik und wollte mit der Produktion von Farbstoffen auf Teer- und Anilin-Basis expandieren. Doch die Großbürger wollten auf ihrer Rheinseite keine neue Chemiefabrik, die den ansässigen Unternehmen Konkurrenz machte.

In Ludwigshafen dagegen war Engelhorn willkommen. Ein früher Fall von Standortpolitik. Die Pfalz gehörte noch zu Bayern, und König Maximilian II. wollte das Städtchen am Rhein zum Flaggschiff der Industrialisierung ausbauen. 25 Jahre später war Ludwigshafen das "junge, rauchgeschwärzte pfälzische Chikago" geworden, "dessen Leben nur Arbeit ist", wie der "Pfälzische Kurier" damals schrieb. Auf der Pariser Weltausstellung 1900 präsentierte sich die Fabrik bereits als größte chemische Produktionsstätte weltweit.

Der Ruß ist längst verflogen. Seit den sechziger Jahren ist die Luft über Ludwigshafen klarer geworden. Heute erinnert nur die Stichflamme aus dem höchsten Schornstein der Fabrik an die giftigen Substanzen, die im Werk verarbeitet werden. Jeder kennt die Fackel, die gelegentlich über dem Steamcracker leuchtet, jener millionenteuren Anlage, in der aus Rohbenzin Ethylen und Propylen erzeugt werden, die beiden wichtigsten Grundstoffe für zahlreiche BASF-Produkte. Der Steamcracker ist das Herz der BASF. Fast alle Werksteile sind durch ein Pipeline-System mit ihm verbunden.

Eva Lohse, die Oberbürgermeisterin, kann die Stichflamme von ihrem Schreibtisch im 15. Stock des Rathauses sehen. Sie hat einen weiten Blick auf das gesamte Werksgelände. "Ludwigshafen und die BASF sind eine Traditions- und Schicksalsgemeinschaft", sagt sie. Das klingt nach einem alten Ehepaar, das sich nicht gerade liebt, aber nach langen Jahren weiß, was es aneinander hat. Keiner könnte mehr ohne den anderen.

BASF-Chef Jürgen Hambrecht lobt den Chemiestandort Ludwigshafen als "den besten der Welt". Die Stadt ist froh, dass der Weltkonzern seine Gewinne nicht lieber im Ausland versteuert. Damit das so bleibt, hat Ludwigshafen inzwischen einen der niedrigsten Gewerbesteuersätze der Republik.

Wegen der BASF wird Ludwigshafen von einer Schnellstraße zerschnitten, die Stadt braucht einen Evakuierungsplan und gibt eine 40-seitige Broschüre zum "Verhalten bei Störfällen" heraus. Im Stadtteil Oggersheim steht nicht zufällig eine weltweit anerkannte Spezialklinik für Brandopfer, auch wenn der letzte große Störfall sich kurz nach dem Krieg ereignete. Mehr als 200 Menschen kamen 1948 bei der Explosion eines Kesselwagens ums Leben.

Heute bemüht sich die BASF um positive Schlagzeilen, sponsert Konzertreihen und das überregional gelobte Filmfestival. Sie unterstützt das Wilhelm-Hack-Museum mit seiner berühmten Sammlung moderner Malerei. Und im städtischen Theater gingen ohne Zuschuss des Chemie-Riesen zumindest fürs Ballett die Lichter aus. Nicht weit von der Hemshof-Kolonie liegt das "Feierabendhaus". In dieser BASF-Kantine treffen sich Werksrentner zum Mittagessen und spekulieren über die neuesten Entwicklungen "ihrer Anilin". Das "Gesellschaftshaus" zwei Straßen weiter ist tagsüber Casino für die Chefs, abends Nobelrestaurant. "Errichtet ihren Beamten und Arbeitern 1898-1901" steht an der historistischen Fassade. Für die edlen Tropfen, die hier ausgeschenkt werden, sorgt Bernhard Wolff, Kellermeister der BASF. Sein Depot wurde einst gegründet, um Werkskantinen und Gesellschaftshaus mit Wein zu versorgen und um teure Flaschen für die Chefetagen bereitzuhalten, doch die Geschäfte sind längst darüber hinaus gewachsen. Die BASF-eigene Weinhandlung in der Anilinstraße ist eine der größten in Deutschland. "Wir sind ein Profitcenter jenseits des Kerngeschäfts", sagt Wolff. Die BASF ist nur einer von 25.000 Kunden weltweit, selbst die Deutsche Botschaft in Kabul ordert ihren Wein bei Wolff.

Einen Kilometer hinter Tor 11 liegt der Baggersee mit der BASF-Badeanstalt. Früher schwammen hier nur Diplomingenieure und Doktoren, "die Beamten" der BASF, wie sie sich nannten. Seit einigen Jahren ist die Badeanstalt auch für Nicht-Aniliner geöffnet. Noch ein Stückchen weiter, hinterm Zaun, stehen Geranien und Rosen in voller Blüte. Hier liegt das Reich der BASF-Kleingärtner. Die meisten von ihnen sind längst pensioniert und werden von ihrem alten Arbeitgeber kostenlos mit Dünger und Spritzmitteln versorgt.

Und gerade erst hat das Unternehmen wieder einen neuen Gartenweg finanziert. Man achtet auf Ordnung in der Kolonie, kein Baum darf höher als vier Meter wachsen, der Rasen wird stets kurz gehalten. "Bei uns soll es nicht wie Kraut und Rüben aussehen", sagt der Vereinsvorsitzende Richard Fuhrmann. "Schließlich sind auch wir Kleingärtner Repräsentanten der Anilin."

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Benno Stieber