Lübeck Außergewöhnliche Hotels und Herbergen

Columbia Hotel - im Nizza des Nordens

Bevor man sich an einen vornehm gedeckten Tisch mit Ostseepanoramablick setzen kann, verlangt einem das Frühstücksbüffet des Columbia Hotels Travemünde schwere Entscheidungen ab. So hat man angesichts des vergleichsweise kleinen Magenvolumens die Qual der Wahl zwischen zehn Brot- und 17 Honigsorten und kann sich zwischen Fünf- und Sieben-Minuten-Eiern entscheiden. Und während man sich noch fragt: Lachs- oder Heilbuttpraline, türmt der Wind hinter der Glasfront immer neue Wellen auf, die sich schäumend in der kalt-grünen Ostsee brechen. Mal bläst der Wind stärker, mal schwächer - das war schon immer so. Doch kaum ein Haus in Travemünde unterlag so sehr dem Wandel der Zeit wie das 1914 gebaute "Konversationshaus", das als "Casino Travemünde" berühmt wurde und seit 2001 vorwiegend als Hotel genutzt wird.

Die Geschichte des im anmutigen Bäderarchitekturstil errichteten Konversationshauses beginnt schon über hundert Jahre vor seinem Bau. 1802 wurde Travemünde das dritte staatlich anerkannte Seebad Deutschlands. Alles, was in den reichen Hansestädten Hamburg und Lübeck Rang und Namen hatte, besaß im 19. Jahrhundert hier eine Sommerresidenz. Die Liniendampfer brachten ab 1831 auch internationales Publikum aus St. Petersburg, Riga und Kopenhagen. Eine mondäne Mischung aus Adel und berühmten Schriftstellern wie Dostojewski, Turgenjew und Gogol genoss tagsüber die frische Seeluft und das gesittete Baden im Meer unter Ausschluss von Blicken in Badekarren.

Die Nächte vertrieb man sich im Casino, wenngleich die Frankfurter Nationalversammlung das Glücksspiel 1849 verboten hatte. Das hielt aber kein Casino davon ab, hinter verhängten Fenstern weiterzumachen wie bisher. Und so verspielten die Badegäste mitunter sogar das Geld für die Rückreise. Die missliche Lage des russischen Generals in Dostojewskis "Der Spieler" scheint daher wie aus dem Leben gegriffen. Im fiktiven Ort Roulettenburg wartet der General auf die Nachricht über den Tod seiner alten Tante in Russland, um von dem Erbe Spielschulden und Rückreise bezahlen zu können. Als dann jedoch die Erbtante selbst im Casino auftaucht und ein großes Vermögen verspielt, nimmt der Roman eine unerwartete Wendung.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs wurde das Glücksspiel 1872 abermals verboten, und diesmal setzten die Behörden das Verbot auch durch. Dadurch entzog sich den unterhaltungslustigen Kurgästen der Anreiz, weiterhin in das ansonsten eher verschlafene Travemünde zu reisen. Es fehlte an Zerstreuung, und die Besucherzahlen brachen drastisch ein. Von nun an hatte man sich anständig zu vergnügen. Für keinen anderen Zweck wurde 1914 ein Palast der Begegnung gebaut: Das Konversationshaus sollte gesellschaftliches Parkett sein für Konzerte, Lesungen und Bälle neben Restaurants und einer Bibliothek. Die Weltkriege brachten das Konzept jedoch etwas durcheinander, zwischenzeitlich wurde es als Lazarett oder sogar nur als Strandkorbunterstand genutzt.

Als 1949 das Glückspiel wieder erlaubt wurde, erwarb das Casino in Travemünde eine der ersten Konzessionen in Deutschland und zog ausgerechnet in das Konversationshaus ein. Bald war es zu einem der berühmtesten Glücksspielhäuser Europas avanciert. Die europäische High Society gab sich die Ehre. Stars wie Josephine Baker, Lale Andersen und Vico Torriani traten im Nachtclub "La Belle Epoque" auf. Illustrierte und Klatschreporter gaben Travemünde den Beinamen "Nizza des Nordens". Doch als in den Wirtschaftswunderjahren immer mehr Casinos eröffneten, war Travemünde plötzlich eines von vielen und büßte den Glamourfaktor ein, der es vorher auszeichnete.

2001 wurde das Konversationshaus zum Hotel umgebaut, das 2004 von der Gruppe Columbia Hotels & Resorts übernommen wurde. Das Fünf-Sterne-Hotel nimmt die Geschichte des Hauses auf, ohne verstaubt zu wirken. Alte Kronleuchter, Sprossenfenster und Stuck werden mit modernem Design kombiniert. Die 72 Zimmer und Suiten sind im Landhausstil, klassisch oder modern eingerichtet. Lediglich der Kursaal wurde in den ursprünglichen Zustand im Jugendstil zurückversetzt. Er bildet das Herzstück des Gebäudes. Hier fanden die Bälle und Konzerte statt. In der Blütezeit des Casinos diente er als großer Spielsaal. Das knarrende Parkett ist in Würde gealtert und von oben schaut eine alte Tiffanydecke herab. Die Wände wurden wieder im originalen Blau gestrichenen, der üppige Stuck nachgearbeitet. Jetzt werden in dem festlichen Saal wieder Hochzeiten gefeiert, Bälle veranstaltet und Galadinners ausgerichtet.

Von allen drei Restaurants und der Hotelbar "Seven C's Club" hat man einen Blick auf die Ostsee. Während die Fähren am Horizont gen Schweden oder Finnland verschwinden, wird im "La Belle Epoque" avantgardistische Küche serviert. Dem Gourmet-Restaurant wurde im letzten November der zweite Michelin-Stern verliehen. Im "Holstein's" wird hingegen typisch holsteinische Küche mit Produkten aus der Region gekocht. An stürmischen Abenden kann man sich am Kamin aufwärmen und auch sonst ist das Restaurant wie ein großes, gemütliches Wohnzimmer eingerichtet. Im "Tafelfreuden-Restaurant" steht für so ziemlich jeden Geschmack etwas auf der Karte. Auch hier kommt man um schwerwiegende Entscheidungen also nicht herum.

Columbia Hotel Casino Travemünde, Kaiserallee 2, 23570 Lübeck-Travemünde, Telefon 04502 308-0,

Gängeviertel - die Stadt in der Stadt

Schlendert man durch Lübecks Altstadt, wandert der Blick meist von Fassade zu Fassade - den Aushängeschildern der Bürger- und Kaufmannshäuser aus Backstein. Keiner der Stufengiebel ist wie der nächste: andere Silhouette, andere Farbe, anders windschief. Dabei entgeht einem schnell, was sich unmittelbar auf Augenhöhe offenbart. Schmale, niedrige Gänge unterqueren die großzügigen Vorderhäuser und führen in eine Stadt in der Stadt: das Gängeviertel.

Seit dem Zusammenschluss niederdeutscher Kaufleute zur Hanse im 13. Jahrhundert wuchs nicht nur Einfluss und Reichtum der Stadt, sondern auch die Einwohnerzahl von Lübeck. In einem Großraum von den Niederlanden bis Estland und von Schweden bis Köln und Krakau schlossen sich bald 200 große und kleine Städte der Hanse an. Der wirtschaftliche Einflussbereich reichte bis nach Portugal und Russland. Die Handelsvereinigung wurde so mächtig, dass sie zur Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen Interessen sogar Wirtschaftsblockaden gegen Königreiche und Fürstentümer verhängen konnte.

Der wirtschaftliche Aufschwung durch die Hanse brachte den Wohnungsmarkt der 8.000-Seelen-Stadt Lübeck völlig durcheinander. Das historische Stadtgebiet war durch die Flussläufe der Trave und der Wakenitz begrenzt und auch auf den gegenüberliegenden Flussseiten war kein Platz für Ansiedlungen. Aufgrund der Wohnungsnot begannen die Kaufleute ab dem 14. Jahrhundert in ihren Hinterhöfen Buden für Handwerker, Wanderarbeiter, Dienstboten, Seeleute und Witwen zu bauen. Im Jahr 1502 - knapp 300 Jahre nach Gründung der Hanse - zählte die blühende Handelsstadt über 25.000 Einwohner. Man geizte mit jedem Quadratmeter, mit jedem Quadratzentimeter. Die Durchbrüche zu den Gängen und ihren Ganghäusern sind daher oft so niedrig, dass man den Kopf einziehen muss und so schmal, dass keine zwei Menschen aneinander vorbeikommen.

Um 1700 bestand das Gassenlabyrinth noch aus rund 190 schmalen Gängen. Nur etwa 80 haben den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden. Ein besonders enges Geflecht aus Gängen gibt es rund um den Dom sowie im nordwestlichen Teil der Altstadt um die Engelsgrube. Die schmalen Gänge werden von zweistöckigen Kleinsthäusern begrenzt, die meist denselben Grundriss haben: Im Erdgeschoss ist die Küche, eine Wendeltreppe führt in den oberen Stock, wo Schlafzimmer und Bad untergebracht sind. Häufig wurde noch eine Ebene in den Spitzboden eingezogen. Nicht selten lebten neben drei Generationen auch Haus- und Nutztiere in einem 45-Quadratmeter-Haus.

Doch was früher für die Ärmsten der Armen gebaut wurde, ist in den letzten Jahrzehnten zu begehrtem Wohnraum avanciert, der auch als Ferienwohnung vermietet wird. Die winzigen Reihenhäuser sind Liebhaberobjekte geworden und oft bilderbuchmäßig herausgeputzt. Auf den Fensterbänken stehen Lavendel und Basilikum, in Kübeln gedeihen Sonnenblumen und Oleander, an den Häusern ranken Rosen und Kapuzinerkresse empor. Mit dem Platzmangel hat man sich arrangiert. Zumindest an regenfreien Tagen findet ein Großteil des Lebens draußen statt. Vor fast jedem Haus steht eine Bank - und, wenn es die Gangbreite zulässt, auch ein Tisch. Hier wird gefrühstückt, geklönt oder für die Medizinklausur gelernt, während auf dem Wäscheständer die Unterhosen trocken.

Allein als Tourist wünscht man sich im Gängeviertel einen Unsichtbarkeitsumhang herbei. Wie ein ertappter Voyeur latscht man über fremder Leute Balkon und beglotzt ihre Bewohner und deren Behausung wie Tiere im Zoo. Hunderte von Touristen werden an schönen Tagen durch die Gänge geschleust. Zehnmal auf den Auslöser des Fotoapparats gedrückt, ein bisschen Idylle aufgesogen und weiter geht's in den nächsten Gang.

Ganghäuser im Gängeviertel, Informationen zu Übernachtungsmöglichkeiten gibt es

Heuherberge - kein Laminat, kein gar nix

Auf der Weide am Fuß des Hügels des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer e.V. wird man von einem etwas unentschiedenen Empfangskomitee begrüßt: Neugierig unterbrechen vier prächtige Widder das Grasen, galoppieren ein paar Meter bergauf, um dann mit durchdringenden Blicken ihre Missbilligung auszudrücken. Oben an der Naturstation angekommen, hört man geschäftiges Blöken aus der hölzernen Scheune. Kleine Lämmer staksen durchs frische Stroh, schieben sich zwischen den Mutterschafen hindurch und erklimmen unbeholfen Strohballen. In ein paar Tagen werden sie auf die Weide getrieben. Dann heißt es für die Mitarbeiter des Landschaftspflegeheims: Ärmel hochkrempeln und ausmisten. Denn wo sich im Frühling, Herbst und Winter die Schafe aneinander kuscheln, schlafen in den Sommermonaten Kinder und Familien in Heu und Stroh.

Ein Platz in einer Heuherberge ist wohl die günstigste Übernachtungsmöglichkeit in Schleswig-Holstein - vom Wildcampen einmal abgesehen. Und die rustikalste von allen liegt etwa zwölf Kilometer von Lübeck entfernt Richtung Travemünde. Im Schlafsaal der Naturstation in Dummersdorf kann man die Tiere tatsächlich noch riechen.

Wie normale Hotels müssen auch Heuherbergen gewisse Standards erfüllen, für die die Landwirtschaftskammer bis zu fünf Punkte in den Bereichen Unterbringung bzw. Service und Freizeitaktivitäten vergibt. Betrieben werden die urigen Schlafstätten meist von Ehepaaren, die ihren Bauernhof umstrukturiert und die Stallungen und Scheunen bewohnbar gemacht haben. Die Heuherberge in Dummersdorf tritt als einzige als Verein auf und bildet mit zwei Punkten für Unterbringung das Schlusslicht der 24 geprüften Schlafscheunen.

"Wir haben keinen Laminatfußboden und wir haben kein gar nix. Wer Luxus will, muss woanders schlafen. Das ist der Stall für die Schafe und die werden wir nicht verbannen. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes eine Heuherberge", sagt Petra Radzuweit, die auf dem Hof in der Umweltbildung arbeitet. Als Matratze wird ein Meter Stroh ausgelegt, das Laken ist aus weichem Wildblumenheu. Nur den Schlafsack muss jeder selbst mitbringen. Allergiker können im Zelt übernachten.

Meistens sind es Kindergärten und Grundschulklassen, die ihre Abschlussfeste hier feiern und ein bis zwei Nächte bleiben. In den Sommerferien kommen Familien aus Lübeck und Hamburg. "Manche bleiben auch ne ganze Woche, aber da muss man hart im Nehmen sein", lacht Petra Radzuweit. Sie selbst wohnt zwar in der Naturstation, bevorzugt aber ein richtiges Bett. Durchschlafen geht maximal bis sechs Uhr morgens, dann kräht der Hahn. Ein paar Stunden später fährt der Traktor auf die Felder. Manchmal fliegt eine Fledermaus durch die Scheune oder die Katze bekommt in einer Ecke Junge - Das gehört zum Programm, das bucht man automatisch mit dazu.

Freiwillig hingegen ist das Freizeitangebot rund um die Umweltbildung. Bei der "Wassersafari" wird ein Biotop näher unter die Lupe genommen und bei "Vom Korn zum Brot" mahlen die Kinder Getreide mit einem Mahlstein, kneten ihren Brotteig und backen ihn im Lehmofen aus. Speziell für Mädchen ist "Naturkosmetik selber herstellten" konzipiert. Rosenblätter oder Calendula - was gerade blüht, wird zu Cremchen angerührt. Und bei der Rallye "Vom Schaf zur Wolle" filzen Kinder unter Anleitung ihr eigenes Andenken - ein Knäuel Wolle für Zuhause, ein bisschen Tiergeruch zum Mitnehmen.

Heuherberge des Landschaftspflegevereins Dummersdorfer Ufer e.V., Resebergweg 11, 23569 Lübeck, Telefon 0451 30 17 05,

Passat - Windjammer in Rente

Die Segelyachten im Priwallhafen am östlichen Traveufer wirken vor ihrer Kulisse wie Modellschiffchen. Masten schaukeln unruhig in den Wellen, Wanten klimpern im Wind und an der Kaimauer thront ruhig und majestätisch die Viermastbark Passat. Fast ein wenig sehnsuchtsvoll schaut das außer Dienst gestellte Segelfrachtschiff Richtung Ostsee. Die Passat ist viel herumgekommen. Seit 1960 liegt der stolze Tiefwassersegler als einer der letzten Zeugen des Segelschiffszeitalters in Travemünde und wird seither nicht nur als Museumsschiff, sondern auch als Jugendherberge, für Veranstaltungen, Tagungen und Hochzeiten genutzt.

Über eine schaukelnde und knarzende Gangway gelangt man an Deck des rund 115 Meter langen Schiffes. Was von außen mächtig und elegant aussieht, ist innen die Perfektion der Funktionalität. Um in den Bauch des Schiffskörpers zu kommen, muss man über bis zu 30 Zentimeter hohe Schwellen steigen. Diese so genannten Sülle sollten Seewasser, das über die Bordwand geschwappt war, davon abhalten, durch die Gänge zu rauschen.

Eine Doppelkammer ist etwa fünf Quadratmeter groß, hat ein hölzernes Stockbett, eine Bank, einen Tisch, zwei Spinde, zwei kleine Schubladen und zwei Bullaugen. Die Kojen muss man selbst beziehen, einen Kopfkissenbezug gibt es nicht, stattdessen legt man das keilförmige Polster einfach am Kopfende unters Bettlaken - ein Luxus, von dem die Schiffsjungen in ihren Hängematten nur träumen konnten. Die 34 Stammbesatzungsmitglieder hatten feste Kojen. Die Matrosen schliefen mit je 12 Mann in einem großen Raum, eingeteilt in Steuerbord- und Backbordwache. Nur die Offiziere und der Kapitän hatten Einzelkammern.

Die Geschichte der Passat ist so abenteuerlich, wie die einer 100-jährigen Weltenbummlerin nur eben sein kann. Als das Fünfmastvollschiff Preußen nach einer unverschuldeten Kollision mit einem britischen Dampfer vor Dover strandet, gibt die Reederei F. Laeisz die kleineren Viermastbarken Peking und Passat bei Blohm & Voss in Auftrag. Die alteingesessene Reederei existiert noch heute und wurde bekannt für ihre zuverlässige und robuste Segelflotte. Flying-P-Liner wurden die Großsegler genannt, weil sie schnell waren und 66 von 86 Segelschiffen einen Namen mit dem Anfangsbuchstaben "P" trugen. Unter voller Besegelung von 3860 Quadratmetern Segelfläche erreichte die Passat beispielsweise bis zu 18 Knoten (ca. 33 km/h) und ließ die Dampfschiffe damit in ihrem Kielwasser.

Am 20. September 1911 läuft die Passat bei der Hamburger Werft Blohm & Voss vom Stapel und wird in der Salpeterfahrt eingesetzt. Salpeter wird damals in großen Mengen in Chile gewonnen und zur Herstellung von Nitratdünger und Sprengstoff nach Europa verschifft. Nach dem Ersten Weltkrieg muss Deutschland die Passat als Kriegsentschädigung an Frankreich abtreten. Da die Franzosen aber keine Verwendung für das Schiff haben, kauft der Reeder Laeisz es zurück. 1928 kollidiert die Passat mit dem französischen Dampfschiff Daphne. Bevor die Daphne mit 2000 Tonnen Eisenerz sinkt, kann sich ihre Besatzung über den Klüverbaum, den nach vorne herausragenden Teil des Vorschiffs, auf die Passat retten. Der Flying-P-Liner hat nur ein paar Kratzer abgekriegt und nimmt wenige Tage später den Kurs Richtung Chile wieder auf.

Mit der Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens, durch das Ammoniak industriell hergestellt werden kann, wird die Salpeterfahrt unrentabel. Als die Wirtschaftskrise auch die Reedereien erreicht, verkauft Laeisz die Passat und ihr Schwesterschiff Pamir an den finnischen Reeder Gustaf Erikson, der Getreide aus Australien nach Europa bringen lässt. Nach dem Tod von Gustaf Erikson werden die "Passat" und "Pamir" 1950 an die Belgische Abwrackwerft Van der Loo verkauft. Dort werden sie von der Reederei Schliewen unter Zugabe des Schleppers "Thomas" für einen Schrottpreis gekauft und wieder als Frachtsegelschulschiff eingesetzt.

Wenige Wochen nach dem Untergang der Pamir am 21. September 1957 in dem Hurricane Carry wäre die Passat ebenfalls fast gesunken. Südwestlich der Biskaya gerät sie in einen Orkan, bei dem die Gerstenladung verrutscht und die Viermastbark in eine gefährliche Schlagseite von knapp 60 Grad gerät. Der Kapitän lässt den Steuerbord-Tieftank, der mit Gerste gefüllt war, fluten und segelt sie unter ständiger Kentergefahr in den rettenden Hafen von Lissabon. Anschließend wird sie endgültig außer Dienst gestellt und zwei Jahre später von der Stadt Lübeck gekauft. Seit 1960 ist sie in Travemünde fest vertäut, wenige Jahre später wird sie abgetakelt.

Seither hat die Passat nur noch Menschen geladen, die sich von echten Passat-Matrosen wie Klaus Grope nicht nur Seemannsgarn vertellen lassen, und Übernachtungsgäste, die für den Charme eines der letzten Frachtsegler gerne mal auf den gewohnten Alltagluxus verzichten. Aber wer braucht schon Luxus, wenn die alte Lady einen sanft in den Schlaf schaukelt? Durchs offene Bullauge hört man die Wellen rauschen. Und wenn eine Fähre vorbei fährt, ist das leise Dröhnen ihres Motors noch lange zu hören. Noch länger jedoch übertragen sich die leichten Erschütterungen der Schiffsschrauben durch die Bordwand aus Stahl, durch das Holz des Bettes und dann das feine Rucken in den schweren Trossen, mit denen die Passat an den Dalben festgemacht ist. Während die Fähre unbeirrt ihren Weg nach Schweden oder Finnland fortsetzt, schnattern zwei Enten als wollten sie sich über die Störung ihrer Nachtruhe beschweren.

SS Passat, Bordwache: Am Primwallhafen 16a, Telefon 04502 5287, , für Buchungsanfragen

Autor:
Katharina Müller-Güldemeister