Bayern Augsburg - eine Stadt mit Geschichte

Der Skandal ist etwa mannsgroß, aus Bronze und bis auf ein Weinblättchen nackt: Neptun, bärtiger Gott der Meere. 1537 lässt der Rat der Stadt Augsburg die Figur auf den Fischmarkt stellen, gleich neben dem Rathaus. Spielerisch, fast kokett, ist es die erste der antiken Mythologie entnommene Großskulptur der Stadt - und ersetzt deren Patron, ein Standbild des heiligen Ulrich. Wutentbrannt schreibt Augsburgs Bischof an den Kaiser: "Widersinnige Leute" seien die Bürger, einen "heidnischen Abgott" hätten sie aufgestellt! Er wittert einen Affront gegen den rechten, den katholischen Glauben. Und hat nicht einmal unrecht. Der Rat hängt der Reformation an; längst haben viele der reichen Bürger den Respekt vor Rom verloren - vor dem päpstlichen Rom.

Umso größer ist ihre Begeisterung für das Rom der Antike, für dessen Wissen um Form und Proportionen, seine reiche Mythenwelt. Seit italienische Künstler dieses Erbe wiederentdeckt haben, entstehen in Mailand und Florenz, Genua und Venedig streng komponierte Prunkbauten, lebendig gestaltete Gemälde und Skulpturen von ergreifender Natürlichkeit. Die mittelalterlichen Spitzbögen und ungebändigt gen Himmel strebenden Pfeiler geraten in Verruf: "Verflucht sei diese Pfuscherei; nur Barbaren konnten sie nach Italien bringen", schreibt ein Architekt. Ein Kollege wird den Spottnamen prägen, der bis heute gilt: stilo gotico, gotischer Stil - in italienischen Ohren klingt "Gotik" etwa so wie "Hunnen-Stil".

Vergessene Koryphäen wie der römische Baukünstler Vitruv (1. Jh. v. Chr.) gelangen zu neuem Ruhm; seine Jünger durchgraben die Äcker nach verlorenen Plastiken, vermessen zerfallene Tempel und Säulen - und erkennen darin ein ewiges Maß aller Schönheit: die Proportionen des menschlichen Körpers. Die Renaissance, die Wiedergeburt der antiken Kultur, ist eine Feier des Menschen, des Individuums. Ein Gebäude, das 1505-1508 im neuen Stil errichtet wird, ist der Fondaco dei Tedeschi, der Handelshof für die deutschen Kaufleute in Venedig. Hinter den freskenverzierten Arkaden, über die er sich zum Canal Grande hin öffnet, geben Augsburger Handelshäuser den Ton an.

Beide Städte ergänzen sich: Dient Venedig als Brücke zum Orient, von wo teure Gewürze, Safran und Seide, ägyptische Baumwolle und griechischer Wein herangeschafft werden, so ist Augsburg das Tor nach Nord- und Osteuropa. Von dort stammen Leder und Felle, Silber, Eisen, Kupfer und Blei, die in Venedig umgeschlagen werden. Augsburger Handwerker liefern Barchent- und Leinengewebe und Goldschmiedearbeiten von Weltruf. Venezianer das kostbare Murano-Glas, feine Klöppelspitzen, Brokat- und Samtstoffe.

Keine andere deutsche Stadt unterhält ähnlich enge Verbindungen mit Italien. Und kaum eine zeigt sich empfänglicher für "welsche" Moden und Neuerungen. Insbesondere die aufkommende Wertschätzung des Individuums, seiner persönlichen Leistung, von Bildung und freiem Denken spricht die selbstbewussten Bürger Augsburgs an. Und, natürlich, die Kunst. Die reichen Augsburger Kaufleute importieren nicht nur Handelsgüter, sondern auch Bilder und Bronzen, Bücher und Notensätze für ihre eigenen Häuser. Schicken Künstler, Musiker und Gelehrte nach Süden. Und erkennen in dessen Erbe auch ihr eigenes. Immerhin war das Land zwischen Alpen und Donau einst Teil des Römischen Reichs gewesen, ein Außenposten italienischer Kultur auf der barbarischen Seite. Damals, in den ersten Jahrhunderten nach Christus, blühte "Aelia Augusta" am Lech - bis die Stadt in den Germanenstürmen unterging und erst Jahrhunderte später als "Augustburc" wieder in den Quellen auftauchte.

Im Hochmittelalter zur Freien Reichsstadt geadelt, untersteht Augsburg seither allein dem Kaiser - der wiederum beansprucht, Nachfolger der römischen Imperatoren zu sein. 1509 gibt der Kaufmann und Bankier Jakob Fugger "der Reiche" eine Grabkapelle für sich und seine Brüder in Auftrag. Im Westteil der Klosterkirche St. Anna entsteht ein Altarraum von klarer geschlossener Form, ausgeschmückt mit Arkaden, Stuckrosetten, prächtigen Gemälden und "welschen Kindlein": So nennen die Schwaben die aus Italien übernommenen Putten. Fuggers in Marmor, Blattgold und Silber funkelnde Kapelle stellt die erste Raumschöpfung der Renaissance in Deutschland dar.

Die Renaissancebau-Legenden Holls

Das Jahr ihrer Einweihung, 1518, markiert indes noch eine andere Wende. Im Sommer nimmt ein Gesandter des Papstes bei Fugger Quartier, um einen aufsässigen Mönch zur Räson zu bringen: Martin Luther. Luther, im Fugger'schen Stadtpalast zur Rede gestellt, weigert sich, seine Thesen gegen die Papstkirche zurückzunehmen. Deutschland zerfällt in verfeindete Bekenntnisse, die sich bald erbittert bekämpfen. Erst 1555 beendet ein Reichstag am Lech den konfessionellen Bürgerkrieg mit dem "Augsburger Religionsfrieden". In Augsburg selbst sind nun beide Konfessionen frei. Und mit ihnen diejenigen, die den italienischen Kult der Schönheit feiern wollen.

Einer davon ist der Baumeister Hans Holl. Holls Arbeiten verbinden gotische Kreuzgewölbe mit lichter italienischer Eleganz, traditionelles Maßwerk mit freien, luftigen Arkaden: Ohne solche Säulengänge im Innenhof gibt sich kaum ein betuchter Bauherr mehr zufrieden. Oft prächtig bemalt, versehen mit aus Italien importierten Kunstwerken, ja selbst Pflanzen, atmen die großen Bürgerhäuser mediterranen Charme. Sonst jedoch ist die Stadt, in der Holl arbeitet, immer noch eine gotisch verwinkelte, vom alten Stil dominierte. Die meisten Menschen stinken vor Schweiß und faulen Zähnen, sammeln einander die Läuse ab, drängen hinzu, wenn ein Verbrecher mit glühenden Zangen zu Tode gefoltert wird. Parfümiert und kunstsinnig den Abend unter Arkaden zu genießen, ist das Privatvergnügen der happy few.

Im Februar 1573 kommt in Hans Holls Haus in der Bäckergasse ein Junge zur Welt: Elias. Als er 13 Jahre alt ist, nimmt der Vater ihn mit auf seine Baustellen, lernt ihn an. Es sind jene Jahre, in denen der Rat ein ehrgeiziges Bauprogramm anstößt - um die Stadt zu verschönern, seine Macht zu demonstrieren, den Armen Arbeit zu verschaffen. Vor dem Rathaus entsteht ein grandioser Prachtbrunnen, über dem ein mächtiges Standbild des Imperators Augustus prunkt. In majestätischer Pose, gepanzert und mit Lorbeer bekränzt, verweist die Figur auf den Gründer Augsburgs - und zugleich auf den deutschen Kaiser als dessen Erben und alleinigen Herrn der Freien Reichsstadt. Zwei weitere Brunnen folgen: Den einen ziert eine schwerelos aufragende Statue Merkurs, des Schutzgottes von Handel und Gewerbe; der andere zeigt Herkules, muskulös und in dramatischem Kampf mit der Hydra. Glänzend triumphal kehren die alten Götter nach Aelia Augusta zurück.

1600 reist Elias Holl, inzwischen selbst Baumeister, mit einem Auftraggeber nach Venedig, wo die Renaissance längst das Stadtbild prägt. Holl schaut, staunt, lernt. Keine zwei Jahre später wird er zum "Stadtwerkmeister" von Augsburg berufen, zum Leiter des öffentlichen Bauwesens. Was nun geschieht, gleicht einer Explosion: Als breche der in hundert Jahren angesammelte Geschmack und Geist sich Bahn, erhält Augsburg binnen zweier Jahrzehnte ein neues, modernes Antlitz. Holls Stil ist vordergründig schlicht, folgt dem antiken Lehrmeister Vitruv, der von einem Gebäude Festigkeit, Zweckmäßigkeit und Anmut fordert. Indes wird etwa die Fassade des neuen Zeughauses grandios aufgewertet von einer bronzenen Figurengruppe, die den Erzengel Michael im Triumph über den Teufel darstellt.

Es folgen ein "Kaufhaus" in der Heilig-Grab-Gasse, ein städtisches Schlachthaus - die "Stadtmetzg" -, das Gymnasium bei St. Anna, Stadttore, eine Brücke mit Ladengeschäften über den Fischgraben, deren Vorbilder der Ponte Vecchio in Florenz und die Rialtobrücke in Venedig sind. 1614/15 erhöht Holl den alten Rathausturm um ein steinernes Glockenhaus und krönt es mit Kuppel, Laterne und Zwiebelhaube. An einen italienischen Campanile erinnernd, nimmt der nun siebzig Meter hohe Bau die Stadtglocken des Rathauses auf - ein ästhetisches und bautechnisches Meisterstück, das zum Wahrzeichen der Stadt wird. Und doch nur Vorbereitung für den nächsten Coup ist. Denn nun, da die Glocken anderweitig untergebracht sind, kann Holl an sein größtes Werk gehen: einen spektakulären Neubau, der das gotische, längst zu klein und unpraktisch gewordene Rathaus ersetzt.

Am Ende gelingt ihm eine der bedeutendsten Renaissance-Schöpfungen nördlich der Alpen. Ein monumentaler Bau, dessen ruhige, in ihren Proportionen ausgewogene Fassade die Prunkelemente umso mehr zu Geltung bringt: das Portal mit dem auf Säulen im dorischen Stil ruhenden Balkon; die großartige Giebelarchitektur über dem aufstrebenden Mittelteil. Darin prangt stolz und mächtig der Doppeladler - Symbol des Reichs, unter dessen Schutz die Freie Stadt Augsburg steht. Als jedoch 1620 die Bauleute das Gerüst abbauen, die Künstler vier Jahre später die an Pracht kaum zu übertreffende Innenausstattung vollenden, liegt dieses Reich im Bürgerkrieg. Der schwelende religiöse Streit ist abermals aufgelodert. Er wird dreißig Jahre dauern, Deutschland ruinieren und Augsburgs goldene Zeit beenden. Was bleibt, ist ein auf die falsche Seite der Alpen getropfter Klecks Italien.

Autor:
Mathias Mesenhöller