Mit Stil Aufs falsche Pferd gesetzt

Ich gehöre zu den Menschen, die bei Pferderennen und Hotels im Zweifelsfall nach dem Namen entscheiden. Auf der Rennbahn setze ich zum Beispiel immer auf die Rösser, die wie internationale Fußballer heißen (zum Beispiel Roque, Torres oder Diego). Diese Strategie kann ich absolut empfehlen. Jedoch nur bei den Gäulen. In Sachen Herbergsauswahl lasse ich mich ab sofort nicht mehr vom Namen leiten. Zumindest in Deutschland.

Wir wollten vor drei Wochen spontan an die Ostsee fahren, was im August das Angebot stark eingrenzt und etwa auf alte DDR-Zeiten zurückwirft. Auf dem Darß war so gut wie kein Zimmer mehr frei. Vor allem keines in unserem Lieblings-Hotel mit dem schönen Namen "Fischland". Kühlungsborn fiel ebenfalls aus. Schließlich waren wir dort beim letzten August-Spontan-Ausflug im "Vier Jahreszeiten" gelandet, das wir nach dem Wochenende nur noch "Zwei Schlafzeiten" nannten. Die anderen Gäste des Hotels hatten ab 7 Uhr so einen Lärm veranstaltet, dass wir erst eine Stunde später noch mal einschlafen konnten.

Blieb also noch Rügen und eine Handvoll großer Hotels mit so vielversprechenden Namen wie "Alexa" (kommt für jemanden, der in Berlin in der Nähe des Alexanderplatzes und dieses pinkfarbenen Einkaufszentrums wohnt, nicht in Frage), "Travel Charme Kurhaus Sellin" (Ah, nein!) oder "Ostseeperle". Wir entschieden uns keines der drei, sondern stiegen in einer Herberge ab, die nach einem Nobelstadtteil von Los Angeles benannt ist. Wenn schon Kitsch, dann richtig. Außerdem hatten wir am Tag zuvor einen Kalifornienurlaub gebucht. Eindeutig ein Zeichen.

Es war kein Zeichen. Von außen ist das besagte Hotel ein standardisierter weißer Neubau, der so auch in Osnabrück stehen könnte. Von innen - abgesehen von einem reizenden Papier-Herz mit "Herzlich Willkommen" an der Tür - ebenfalls deutscher Standard: gelbe Wände, blauer Fußboden, mediterrane Holzverkleidung, Vorhänge, goldener Deckenfluter. Hätten wir eine Suite gehabt, wäre bestimmt noch Platz für die terracottafarbene Couch mit Glastisch gewesen. Das typische deutsche Wohnzimmer, das die Werbeagentur Jung van Matt vor ein paar Jahren einmal nachgestellt hat, ist auch das typische deutsche Hotelzimmer. Leider kann ich mir weder vorstellen, dass man so wohnt, noch dass man - einmal von zu Hause weg - irgendwo anders so wohnen möchte.

Wahrscheinlich sollen die gelben Wände (Dulux-Farbe "Editione Marmor Sansibar", gerne mit Wischtechnik) eine wohlige Wärme erzeugen, Sonne und Strand suggerieren. Wahrscheinlich gibt es genug "Sansibar" in Deutschland, um einmal den Äquator damit abpinseln zu können. Bei mir funktioniert die Farbe in soweit, dass ich tatsächlich mehr Zeit in der Sonne und am Strand verbringe, weil es im Zimmer schlicht nicht auszuhalten ist. Und vielleicht ist gerade das der Trick: eine harte, aber gut gemeinte erzieherische Maßnahme der Hotelleitung.

Draußen hatten wir dann Gelegenheit uns anzusehen, was die Alternative zu unserem Hotel gewesen wäre: die "Ostseeperle". Was nach Muscheln in Fischernetzen an der Decke klingt, ist im Gegenteil der neue Hotspot in der beschaulichen Gemeinde Glowe. Ein terrassenförmiger Bau mit langgezogenen Balkonen und einem gläsernen Pavillon-Anbau, direkt am Strand gelegen, aus dem am Abend eine abenteuerliche Mischung aus Chart-Hiphop, Boney M. und AC/DC drang. Anscheinend legt der DJ sonst auf Hochzeiten auf.

Im nächsten August fahren wir vielleicht etwas weniger spontan wieder an den Darß, in eines der reetgedeckten kleinen Landhäuser, die zu unserem Lieblingshotel gehören. Die sind nur von außen gelb. Damit kann ich leben.

Autor:
Silke Wichert