Sylt Artenvielfalt im Wattenmeer

Nichts. Nicht mal ein Horizont. Endlose Weite, wohin man blickt. Ein fernes Flirren bestenfalls, das sich im Dunst verliert. "Rüm Haart, klaar Kimming", sagen die Friesen - weites Herz, klarer Blick. Gerade noch schwappte das Wasser verspielt um die Knöchel. Es ist geflohen aus diesem Niemandsland zwischen Meer und Düne, und die Zeit stahl sich mit ihm davon. Zurück blieb, nackt und triefend, ein fremder Kosmos. Darin, wie Außerirdische, 17 Menschen.

"Abenteuer Nationalpark Wattenmeer" stand klein gedruckt im Veranstaltungskalender. "Treffpunkt: Bushaltestelle Hörnum-Nord". Pünktlich um 14 Uhr blähten sich die Windjacken der Abenteurer vor dem Restaurant Theeknob im Wind. Ihre Wanderstiefel pflügten den sandigen Weg durch die Dünen. "Ziehen Sie die Schuhe aus und gehen Sie barfuß", hatte der Nationalpark-Betreuer Filip Rajsic geraten und seine Jeans bis zu den Knien hochgekrempelt, "nehmen Sie die Natur intensiv wahr."

Jetzt staksen sie mit weißen Waden durchs Watt. Patschende Kinderfüße jagen hinter Krabbenpanzern her, die wie rosa Schiffchen in den Lachen treiben. Rotlackierte Zehennägel schlagen Wunden in den mokkabraunen Boden, aus denen schwarzer Sand blutet. Vornübergebeugt, die Augen auf den Grund gerichtet, mäandern die Eindringlinge durch die Ödnis, noch blind für den platten Dschungel unter ihren klammen Füßen.

"Das Watt ist ein Lebensraum", sagt Rajsic, "den man erklären muss." Er nennt Zahlen: 2500 Tier- und Pflanzenarten leben hier, ein Gutteil davon im Eulitoral, jener Zone, die zweimal täglich von der Nordsee überflutet wird. Auf einem Quadratmeter bis zu 100.000 Individuen: Millimeter kleine Wattschnecken zumeist oder Schlickkrebse, deren zigtausendfachem Schmatzen Theodor Storm in seinem Gedicht "Meeresstrand" zwei Zeilen gewidmet hat: "Ich höre des gärenden Schlammes / Geheimnisvollen Ton".

Eine vielgliedrige Nahrungskette verbindet Myriaden von Algen, Bakterien und winzige Würmer, die in den Lücken zwischen Sandkörnchen siedeln, mit den "Endverbrauchern": Kegelrobben, Seehunde, Schweinswale und bis zu drei Millionen Vögel. 1985 wurde das Wattenmeer Nationalpark und wegen der intensiven Nutzung der Nordsee im Jahr 2002 von der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) zum "Besonders empfindlichen Meeresgebiet" erklärt. Weltweit tragen erst fünf Regionen, darunter das Barrier Reef vor Australien und die Florida Keys in den USA, dieses Prädikat.

In List, am anderen Ende der Insel, erforscht der Meeresbiologe Karsten Reise den spröden Charme der Wattbewohner seit bald 30 Jahren. "Es sind Lebenskünstler," erklärt der Leiter der Wattenmeerstation in List, einer Dependance des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, "die vor allem eines gelernt haben: dass nichts bleibt, wie es ist." Weißes Haar umtost das bärtige Haupt des 56-jährigen Professors, als herrsche in seinem Büro ständig Windstärke acht. 1924 als Austernlabor gegründet, ist das Institut weltweit eine der ältesten Forschungsstätten für Küstenökologie. Reise ist Spezialist für Zwischenräume. "Die Menschen wollen alles eindeutig zuordnen. Hier ist das Meer, dort das Land. Dabei ist der Grenzbereich viel bedeutender. Watt und Salzwiesen, die gelegentlich überflutet werden, gehören zu den reichsten und flexibelsten Biotopen überhaupt."

Ganz Sylt ist - aus geologischer Perspektive - eine vorübergehende Erscheinung. In den vergangenen 8000 Jahren hob sich der Meeresspiegel um 35 Meter, rückte immer näher an den Inselkern heran, den Flüsse und Gletscherströme zurechtgeschliffen hatten. Durch eine Laune der Natur war Sylt, verglichen mit den übrigen Nordfriesischen Inseln, ein wenig zu weit im Westen entstanden. Nun versucht "die böse Nordsee", wie Reise das gespannte Verhältnis der Sylter zum Blanken Hans bespöttelt, das Eiland auf Linie zu bringen.

Seit 5000 Jahren schwappen die Fluten auch über das einstige Marschland zwischen Sylt und der nordfriesischen Küste. Die Gezeiten, vor allem aber brachiale Sturmfluten trugen über die Jahrtausende Sedimente in das Tidebecken ein, lagerten sie um, wuschen sie wieder aus. Tiere spielen bei der Umgestaltung eine zentrale Rolle: Miesmuscheln filtrieren in wenigen Sommertagen das gesamte Wasservolumen des Wattenmeers durch ihre Kiemen. Einmal im Monat wandert der oberste Zentimeter des Bodens durch die Därme der Wattwürmer.

Die Wesen des Watts sind den Naturgewalten ausgeliefert - und entwickelten Strategien, sie für ihre Zwecke zu nutzen. "Jedes Jahr werden die Karten wieder neu gemischt", sagt Reise und erzählt von räuberischen Jungkrebsen und ihrer Beute, den Herz- und Plattmuscheln.

Nach milden Wintern fressen die Krebse fast alle jungen Muscheln auf. Einen harten Winter stecken die Opfer jedoch besser weg als die Räuber: Sie beginnen zwei Wochen früher zu wachsen und sind dann immer wenige Millimeter zu groß für die Scheren der Krebse. Die Poster, die den Flur des Forschungsinstituts tapezieren, erzählen Dutzende solcher Fabeln. Der Stoff dafür lagert in den Kühlschränken des Hafenlabors: Seewasser, Filtrate, Bodenproben. Garnelen glotzen aus Becken, die ständig mit Nordseewasser beschickt werden. Auf Computerschirmen flimmern Diagramme. Studenten starren in Mikroskope.

Wandel ist das Gesetz - Fremde Arten verdrängen heimische

Wenn die 28-jährige Wattforscherin Susanne Diederich zur Arbeit geht, bedeutet das eine Stunde Rodeo im bockenden Schlauchboot. Das Satelliten-Navigationsgerät zwischen die Knie geklemmt, prescht sie vom Lister Hafen aus die Ostküste entlang nach Süden, der ablaufenden Tide entgegen. Ist das Dorf Munkmarsch in Sicht, drosselt sie den betagten Yamaha-Außenborder und wartet. Wie aus dem Nichts tauchen ringsum plötzlich Muschelbänke aus den Fluten wie Buckel einer Walherde: schwarz und schaumumkränzt.

Schalen knirschen unter ihren Stiefeln, als die Forscherin das Boot auf ein trocken gefallenes Stück zieht. Der federnde Boden ist ein einziges Schmatzen und Gurgeln, in dem rotweiße Wimpel Versuchsareale markieren. "Hier leben mittlerweile bis zu 80 große Austern auf einem Quadratmeter," konstatiert Susanne Diederich, "und sie nehmen weiter drastisch zu." Susanne Diederichs Forschungsprojekt dokumentiert den Feldzug von Crassostrea gigas, der Pazifischen Auster, gegen die einheimische Miesmuschel Mytilus edulis. Sie gräbt ein faustgroßes Exemplar aus dem Sand. Die Schale, brüchig wie Plundergebäck, ist von schwarzen Höckern übersät. "Die Larven benötigen festen Untergrund, um sich festzusetzen", erklärt die Forscherin. Im Wattenmeer, wo Sand oder Schlick vorherrschen, zementieren sich die Austernlarven zunächst auf den daumenlangen Miesmuscheln fest, die hier von jeher ausgedehnte Kolonien bilden. Nach einigen Jahren dann dienen die herangewachsenen Austern als bevorzugter Landeplatz für weitere Larven. "Die Phase des starken Wachstums hat hier längst begonnen," schließt Diederich und hebt einen scharfkantigen Brocken auf : "Das ist der Anfang eines Austernriffs."

Zahlenkolonnen, mit denen die Wissenschaftlerin ihr Versuchsprotokoll füllt, erzählen noch eine andere Geschichte - die vom Ende der Wattkönigin. Jahrhundertelang hatten die Bewohner der Nordfriesischen Inseln von der Europäischen Auster Ostrea edulis gelebt. Sie gedieh prächtig, war perfekt in die Lebensgemeinschaft des Wattenmeers eingepasst, und ein Exportschlager dazu. Sogar in St. Petersburg soll Zarin Katharina II. "Schleswigsche Österlinge" geschlürft haben.

Die Austernfischer hatten immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen. Extreme Frostperioden dezimierten die Kulturen von Zeit zu Zeit, doch der Profit lockte pausenlos. So erhielt die Auster keine Erholungsphasen mehr, und nach außergewöhnlich harten Wintern brach der Bestand Mitte der zwanziger Jahre endgültig zusammen. Die Wattkönigin hatte ihr Reich für immer verlassen.

Alle Versuche, die Austernfischerei vor Sylt mit Amerikanischen oder Portugiesischen Austern wieder zu beleben, scheiterten. Erst 1985 gelang der Durchbruch. Die Pazifische Auster gedieh prächtig im rauen Nordseeklima. Seither ragen in der Blidselbucht die Zuchtgestelle von "Dittmeyers Austern-Compagnie" auf, bestückt mit 2,5 Millionen Tieren. Drei Jahre im Watt, versichern die Betreiber, veredeln die dicht in Drahtsäcke gepackten Import-Auster zur "Sylter Royal".

Sechs Jahre nach der Ansiedlung wurden erste Ausreißer huckepack auf Miesmuscheln entdeckt. Die stille Invasion der Pazifischen Auster hatte begonnen - und es war beileibe nicht die einzige. Im Schlepptau gelangten fremde Algenarten ins Sylter Watt. Amerikanische Bohrmuscheln und Pantoffelschnecken setzten sich fest. Mehr als 30 Exoten haben mittlerweile das Watt erobert und seine Lebensgemeinschaften grundlegend verändert. Zur Invasion kam der Exodus. Das einheimische Seemoos wurde von Kuttern aus dem Wattboden gerissen, um - getrocknet und gefärbt - Blumengestecke zu garnieren.Von 17 Sandkorallenriffen des Borstenwurms Sabellaria spinulosa ist nur eines im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer erhalten. Wogende Seegraswiesen, die Kinderstube von Hornhecht und Hering, sind heute Raritäten.

Dass einem wie Lothar Koch die wissenschaftliche Dokumentation des Wandels nicht genügt, ist ihm ins Gesicht geschrieben: ein Hauch Melancholie, ein kräftiger Schuss Widerstandsgeist, in 15 Jahren Naturschutzarbeit gereifte Hartnäckigkeit. Einer wie Koch kämpft: für Besucherlenkung und Ruhezonen, gegen industriell bewirtschaftete Miesmuscheläcker, gegen Deiche im Vogelschutzgebiet. Seine Argumente hat der Sprecher der Naturschutzgesellschaft Schutzstation Wattenmeer e.V. gut sortiert, Faltblätter und Broschüren stets griffbereit. "Das Wattenmeer ist ein einmaliger Lebensraum", heißt seine Botschaft. "Jeder Quadratmeter, der verlorengeht, ist unwiederbringlich." Sicher, er hat Siege errungen. Die Morsumer Odde, einer der wichtigsten Brut- und Rastplätze entlang der nordfriesischen Küste, wurde zur "Null-Nutzungs-Zone" des Nationalparks erklärt. Vor der Westküste entstand 1999 das erste deutsche Schutzgebiet für Schweinswale, die zu Tausenden in den Stellnetzen ausländischer Fischer verenden.

"Aber", wirft Koch ein, "wir müssen aufpassen." Zwischen August und November 2002 warf das Meer 703 tote Seehunde an Sylts Strände, Opfer einer Staupe-Epidemie. In Nord- und Ostsee erlagen der Seuche insgesamt mehr als 21.000 Tiere. "Weshalb brach sie schon zum zweiten Mal aus?", fragt Koch. "Sprang das Virus aus Nerzzuchten über? Ist die Population groß genug, um weitere Epidemien zu überstehen?" Bald werden wieder Heuler auf den Sänden vor Sylt liegen - bereit für die Fotoapparate der Touristen, die gegen den schmalen Streifen Land anbranden werden. Gegen jenen exponierten Flecken, auf dem nichts bleibt, wie es ist. Wo die Fähigkeit zum ständigen Wandel Lebenskunst heißt.

Es ist diese Erkenntnis, die Filip Rajsic dem zweistündigen Wattlauf entlockt.Wie ein Schamane tanzt er auf dem Sand, bis es die darin verborgenen Muscheln an die Oberfläche treibt. Beherzt greift er sich Strandkrabben und erklärt, mit welchen Tricks sie den Schnäbeln gefräßiger Vögel entkommen. Den Kindern legt er Würmer in die Hände und redet, bis Ekel in Faszination umschlägt. Sie lauschen seinen Erzählungen von Alpenstrandläufern, die sich auf ihrer Route zwischen Arktis und Afrika zu Hunderttausenden im Watt stärken. Lauschen, bis sie die Vogelwolken selbst zu hören glauben. Spüren, wie das Meer langsam an ihren weißen Waden emporkriecht. Wie es das Nichts vor ihren Augen wieder verschlingt.

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Autor:
Hans Haltmeier