Schleswig-Holstein Angeln an der Ostseeküste

Ist es wieder so weit? Seit er die A7 bei Schleswig verlassen hat, um über die Dörfer zu fahren, geistert diese Frage durch Kettlers Kopf. Und dann auch das noch: Es ist Dienstagabend, und in Niesgrau ist der Gasthof "Marcussen" verrammelt. Kettler ist entsetzt, sein Magen knurrt. Er hatte sich dermaßen auf den gebratenen Aal gefreut! So 'n Schiet, keine guten Vorzeichen. Und es wird nicht besser. Vor Norgaardholz schaukelt im Mondlicht ein Fischerboot in der eisigen Ostsee, keine Positionslampen. Zwischen Griesgaard und Kraghöh liegt ein Ford Taunus im Straßengraben.

Ist es wieder so weit? Die Zeichen mehren sich. Kettler registriert dies irritiert, während sich sein alter Golf auf Sommerreifen mühsam durch den Schnee walzt, den ein zusehends stürmischer Nordost zu hohen Wehen auftürmt. Kurz vor Grauhöft brausen Wildgänse aufgescheucht über den Knick. Hinter Rabenholz reißen bei einbrechender Dämmerung drei Kinder einen Schneemann nieder; von Kettler aus dem Auto heraus nach dem Weg befragt, fliehen sie irre kichernd westwärts. Kettler ist ein bisschen kreuz und quer durch Angeln gefahren. Erst einfach so, aus Neugier und Spaß; dann - nachdem das Navi ausgefallen war - aus purer Not und mit wachsender Beklemmung. Ist es wieder so weit? Am Gammeldamm hängen vergessene Netze im Schilf. All die properen Dreiseithöfe zwischen Düstnishy und Tolkschuby, zwischen Grimsnis und Geschlossenheck - sie wirken verlassen, als hätten die Bewohner Hals über Kopf das Weite gesucht. Ist es wieder so weit? Machen die Angeliter sich wieder auf den Weg, wie damals vor 1500 Jahren?

Kettler stapft mittlerweile zu Fuß durch den Schnee. Nachdem das Navi streikte, meldete sich auch sein Handy ab. Schließlich blieb der Golf in einer Schneewehe stecken. Kettler im Winteranorak mit Fellkapuze. Kopfschüttelnd und nach Atem ringend. "All diese düsteren Namen", brummt es aus der Kapuze. "Wer denkt sich so was aus? War Tolkien in Angeln, bevor er Mittelerde erschuf?"

Kettler ist aus Hamburg gekommen, studiert dort Geschichte. 17. Semester, aber das muss nicht jeder wissen. In der Stadt wurde er hibbelig, zu viel Hektik, zu viele Termine. Kettler wollte für ein paar Tage mal raus aufs Land, und das hat er nun davon. Wollte Quartier nehmen im "Alten Zollhaus Oestergaard" und sich Gedanken zu seiner Magisterarbeit machen. Entweder über die rätselhafte Auswanderung der Angeln im 5. Jahrhundert oder über Offa, den legendären König der Angeln, der den germanischen Stamm an der Eider gegen das geheimnisvolle Volk der Myrgingen zum Sieg geführt haben soll. Kettler hat sich da noch nicht festgelegt.

Unergründliche Landschaften

Wunderschön gelegen, dieses "Zollhaus", in einem Wäldchen, knapp hundert Meter bis zur Geltinger Bucht. Hieß es jedenfalls auf der Website. Gesehen hat Kettler noch nix davon. Er kämpft sich jetzt durch den immer dichter fallenden Schnee, sinkt bis zur Hüfte in meterhohen Schneewehen ein, sieht keine Straßen und Wege mehr. Klettert über Weidezäune, holt sich einen Nassen beim missglückten Sprung über einen Bach. Ihm ist unheimlich. Aber nun glaubt er zu verstehen. So muss es damals auch gewesen sein, Kettler ist sich sicher. Damals, um das Jahr 450 nach Christi Geburt, haben die Angeln auch alles stehen und liegen gelassen. Sind auf und davon. Zu Fuß und dann in geklinkerten Booten. Nach Westen. Und dann immer geradeaus. Zu der Insel, die seitdem ihren Namen trägt: England, Land der Angeln.

Kettler ist plötzlich klar, dass die Historiker irren, die meinen, dass die Angeln es satt hatten, in kriegerische Auseinandersetzungen verstrickt zu werden und deshalb rübermachten. Alles Unfug. Die sind weg, weil es schneite wie verrückt! Klimawandel ist das Stichwort. Kettler überlegt, diese bahnbrechende Theorie in seiner Magisterarbeit zu thematisieren. Aber dazu müsste er überleben, und danach sieht es gerade nicht aus. Kettler schwitzt, obwohl ihm kalt ist. Er hatte schon eine leichte Bronchitis, als er in Hamburg los ist, und er könnte sich auspeitschen, weil er das Wick DayMed im Wagen gelassen hat. Kettler spürt, dass er fiebert, will sich aber nicht hängen lassen und hechelt weiter über gefrorenen Ackerboden.

Man soll bloß nicht glauben, dass das Land hier oben im Norden flunderflach ist. Die Landschaft ist geschwungen, Hügel reiht sich an Hügel. Von riesigen Gletschern in der letzten Eiszeit hergeschobene Endmoränen. Aber was heißt hier "letzte" Eiszeit, was heißt hier Endmoräne - "Endzeitstimmung in der neuen Eiszeit" trifft es besser, findet Kettler, der gerade eine Hügelkuppe erreicht, und lacht wie blöd, wovon ihm der Schnee in die kalten Bronchien rieselt.

Er muss husten, ein heiseres Bellen, das er da in die Nacht schickt. Und das zu ihm zurückfliegt. "Ein Echo?" Kettler wundert sich. So steil sind die Endmoränen dann doch nicht. Und das Bellen hört nicht auf, wird lauter, wütender. Kettler sieht einen schwarzen Schatten über das Weiß fliegen. Ein Hund! Stürmt zielstrebig über die Weide auf ihn zu. Ein ziemlich großer Hund. Ach was, ein Wolf! Eine Ausgeburt der Hölle!

Kettler hält es für angebracht, nun in Panik zu verfallen, und nimmt die Beine in die Hand. Flieht wie einst die Angeln, wetzt in Richtung eines Buchenwäldchens. Spürt den heißen Atem Zerberus' in seinem Nacken, erreicht das Dickicht, stolpert weiter; Äste zerkratzen sein Gesicht, die Fellkapuze wird Opfer einer Brombeerranke. Jeder Moment wird sein letzter sein, Kettler sieht sich in den Fängen des Untiers, sieht sein Blut, wie es Bilder in den Schnee kleckst. Sein Atem rasselt, in der Seite sticht's, und Kettler kann einfach nicht mehr. Mit einem letzten müden Schritt bricht er aus dem Wald hervor. Und dann ist da nichts mehr, kein Wald, keine Äcker, kein Land - nichts, außer dem grauen Leichentuch der See. Kettler ist am Ende, die Ostsee schiebt ein paar Eisschollen ans Ufer. Und Zerberus? Das Knurren und Kläffen ist nah, in seiner Not wagt Kettler den Schritt aufs dünne Eis. Zu dünn.

Nun wird's verschwommen. Kettler wird später berichten, dass ihn ein Hund am Kragen des Anoraks fasste und aus der eisigen See zog. Er wird erzählen, dass zu dem Hund ein Herr gehörte, ein Hüne mit zotteligen, langen blonden Haaren. Ja, Kettler wird sogar behaupten, dass dieser Mann, wie ein mittelalterlicher Krieger in einen Umhang gehüllt und mit einem Schwert bewaffnet, aus einem Stein Funken geschlagen und ein Feuer auf dem verschneiten Strand entfacht hätte. Dort habe er seine Sachen getrocknet und ihm aus einem ledernen Horn zu trinken gegeben. Harter Stoff sei das gewesen. "Angler Muck" - je zur Hälfte heißes Wasser und Rum und "'n lütt beten" Zucker und ein Hauch Zitronensaft. In einigen Rezepten wird das Wasser auch weggelassen. Selbst der Hund, der laut Kettler wirklich ein Wolf war, sei verrückt nach dem Muck gewesen und habe so lange den Mond angeheult, bis der Krieger ihm einen Doppelten einschenkte.

Dann war Ruhe, der Wind hatte sich gelegt, es schneite nicht mehr, und die drei saßen ums Feuer und schauten auf die Ostsee. Am Horizont ließ sich schemenhaft die dänische Küstenlinie erahnen, die Feuer von Sønderborg und der Leuchtturm Kalkgrund in der Flensburger Förde blinkten. Kettler, ein studierter Mann, wir erinnern uns, glaubte plötzlich zu wissen, wer sein Retter war. "Offa? König der Angeln! Du bist hiergeblieben", sagte er mehr, als dass er fragte. "Du bist damals nicht mit nach Britannien."

Eine Reise in die Vergangenheit

Der Krieger zuckte die Schultern, machte noch eine Runde Muck klar und soll, jedenfalls versteigt sich Kettler hierzu, gesagt haben: "Quatsch, ich war mit bei den Briten, aber nun bin ich zurück." Kettler glaubte sich auf dem Weg zu einer wissenschaftlichen Sensation und hakte nach: "Aber warum? Warum sind die Angeln damals alle fort? Waren es die Kriege? War es ein Klimawandel?"

Der Krieger schaute ihn lange an, rieb dabei seine Schwertscheide mit Schnee blank. Dann nahm er noch einen Schluck Muck und antwortete rhetorisch ausgebufft mit einer Gegenfrage: "Warum bist du aus deiner Stadt weg, warum bist du hier, Kettler?" Kettler überlegte und fing dann an, umständlich von seiner Magisterarbeit und der unerlässlichen Quellenrecherche vor Ort zu schwadronieren. Der Krieger unterbrach ihn schnell: "Nein, nein, ich meine den wahren Grund." Kettler überlegte diesmal länger, Offa war offenbar an tiefen Wahrheiten gelegen, aber ihm fiel kein rechter Grund ein. Der Krieger half: "Schau in das Lodern des Feuers, und dann schau auf die See." Kettler begriff nicht, wozu, tat aber wie geheißen. Die Flammen sprangen hin und her, leckten mal an dem einen Ast, mal verschwanden sie unter einem Scheit, um dann wieder wild tanzend in die Höhe zu toben. Die See hingegen lag nun bei Windstille fast reglos da. Kettler verstand. "In der Stadt, da habe ich mich wie das Feuer gefühlt, eine seltsame Unruhe war in mir."

Kettler schaut den Krieger an, der seinen Hund streichelt und Kettler zufrieden nickend anlächelt. Kettler kapiert nicht recht, was das mit dem Auszug der Angeln nach Britannien zu tun haben soll. Der Krieger seufzt, dass doch alles ganz klar sei: "Wir sind aus dem gleichen Grund weg, aus dem du hier bist, Kettler. Das steht doch aber alles schon geschrieben." Kettler runzelt die Stirn: "Wie, steht alles schon geschrieben?" Aber außer heißem Muck ist aus dem Krieger nichts mehr herauszukriegen. Zudem wird Kettler langsam schwindlig, er bettet seinen Kopf auf Zerberus' wärmendes Fell und schließt die Augen.

Kettler erwacht von weißem Licht, das ihn in der Nase kitzelt. Er schlägt die Augen auf und ist geblendet. Durch hohe Fenster wirft die Sonne ihre Strahlen von einem meerblauen Himmel. Kettler rollt sich aus der Decke, in die er eingemummelt vor dem gusseisernen Ofen liegt. Es glimmt noch Glut auf dem Kaminrost. Kettler rappelt sich auf: "Wo bin ich?" Auf dem Couchtisch ein Schreiben seiner Gastgeberin, die ihn im "Alten Zollhaus Oestergaard " willkommen heißt und erklärt, wie der Fernseher funktioniert und wo sich das Kaminholz befindet. Kettler ist die reine Verwunderung. Alles nur geträumt? Er schaut aus dem Fenster. Der Wald, in dem das Haus liegt, ist tief verschneit, die Eiskristalle an den Bäumen glitzern. Ein Meisenpärchen balgt sich am Vogelhäuschen um eine Futterkugel. Kettler tritt durch die verglaste Haustür ins Freie. Atmet tief durch, es riecht nach Wald und Meer. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hört Kettler die Stille. Schön.

Am Carport steht friedlich der treue Golf. Kettler schüttelt den Kopf, geht ins Haus zurück. Was für eine Nacht! Was man sich im Fieberwahn so zusammenträumt! Er hätte schwören können, Offa, der legendäre Angelnkönig, habe ihm sagen wollen, warum sein Volk das Land gen Britannien verließ. Kettler versucht sich zu erinnern - was hat der Krieger gesagt, als Kettler von der seltsamen Unruhe in ihm sprach, die ihn getrieben hat, Hamburg zu verlassen? "Wir sind aus dem gleichen Grund weg." Und dass dies alles schon geschrieben steht. Was hat er damit nur gemeint? Kettler wirft ein paar Scheite in den Kamin und durchforstet die Küchenschränke nach Kaffee.

Als das Wasser durch die Maschine läuft, inspiziert er sein Domizil. Es ist nicht nur phantastisch gelegen, sondern auch reizend eingerichtet. Sogar eine kleine Bibliothek für die Feriengäste ist vorhanden. Kettler stöbert in dem Regal herum. Abgegriffene Taschenbücher, Krimis von Patricia Highsmith und Radwanderführer. Dann fällt ihm ein schmaler Leinenband in die Hand. Kettler blättert wahllos. Sein Blick heftet sich auf eine Stelle, die unterstrichen ist: "…warum die Angeln plötzlich in eine seltsame Unruhe verfielen und sich aufmachten", steht da. Kettler ist aufgeregt, vergisst den Kaffee, liest noch einmal: "eine seltsame Unruhe". Kettler blickt auf den Titel. "Ernst von Salomon: Deutschland deine Schleswig-Holsteiner". Und eine Widmung. Kettler stockt der Atem. "Für Kettler: Früher hat uns die Unruhe weggetrieben. Heute kommen die Unruhigen zu uns. Nach Angeln. Dein Offa." Was für eine Nacht.

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Autor:
Thorsten Kolle