Köln Alternativen zum Kölner Karneval

Einst nutzten vernunftbegabte Rheinländer den Rosenmontag als Brückentag. Sie flüchteten vor ihren Mitbürgerinnen, die am Donnerstag vor Karneval der männlichen Bevölkerung oft ohne Vorwarnung auf offener Straße die Krawatten abschnitten, bis zum Aschermittwoch in das Münsterland. Dieser westfälische Frieden währte nicht ewig. Angestachelt durch TV-Übertragungen von rheinischen Fastnachtssitzungen und Karnevalsumzügen begannen die Eingeborenen zwischen Emscher, Lippe und Dortmund-Ems-Kanal ebenfalls auf den Tischen zu tanzen.

Die Karawane der Karnevalsflüchtlinge zog von Münster, Warendorf, Soest und Coesfeld weiter nach Norden. Dort befreite sich der Teutoburger Wald in den 1990er Jahren ohnehin von seinem antiquierten Badeorte-Image und empfahl sich mit Wellness-Resorts und Golfplätzen als Top-Adresse für eine vorgezogene Kurfastenzeit - bis dann auch im Osnabrücker Land der närrische Virus zu grassieren begann und ganz Niedersachsen infizierte.

Der närrische Norden Deutschlands

Dort mausert sich vor allem die Heimat des Comedy-Altmeisters Otto Waalkes zum närrischen Brückenkopf nördlich von Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel. Zwischen Emden und Wilhelmshaven können die Liebhaber von und gemütlichen Saalveranstaltungen live erleben, wie Ostfriesland singt und lacht.

Weiter nördlich gilt nicht einmal mehr Schleswig-Holstein als karnevalsfreie Zone. Jahre lang hatten Helgoländer Jecken ihre konspirativen Karnevalssitzungen in einem Kneipen-Hinterzimmer abgehalten; ermutigt durch rheinische Frohnaturen, die hier seit Jahren zur Karnevalszeit anlandeten, präsentieren sich jetzt auch Bewohner von Deutschlands einziger Hochsee-Insel als Jecken und laden die Helgoland-Besucher ungeniert zum Mitschunkeln ein.

Noch schlimmer treiben sie es in Marne. Dieses Städtchen in dem einst als humorfreie Zone geltenden Landkreis Dithmarschen feiert jedes Jahr seinen - von den örtlichen Tourismus-Managen bereits als "tradionell" bezeichneten - Rosenmontagsumzug. 15.000 Besucher kamen 2010 und brüllten das "Helau" der Marner Jecken: "Marn'hol fast". Zum Dank dafür wurden sie von 30 Wagen herab mit mehr als 4.000 kg Bonbons, Schokolade, Popkorn und anderem Wurfmaterial versorgt - fast schon wie im richtigen Leben in Kölle, Meenz und Düsseldorf.

Marschmusik in Liechtenstein

Samba-Karneval in Rio. Jazz-Kapellen, die mit Blues- und Rumba-Feeling den Mardi Gras in New Orleans feiern. - Was ist das alles im Vergleich zu einer deftig kräftig aufspielenden Guggenmusik? "Gugge" ist die schwiizerdütsche Bezeichnung für ein verbeultes Blech-Blasinstrument. Stilistisch lässt sich der damit erzeugte schwäbisch-alemannischen Fas(t)nacht-Radau am besten einordnen mit den Worten eines Guggenmusik-Bandleaders: "Hauptsach' laut! Hauptsach' schnell! Hauptsach' viele Leut'!" Die laut und schnell spielenden vielen Leut' gehören zu den Attraktionen bei den Fasnacht-Umzügen (schwiizerdütsch: Ommengang) zwischen Basel und Bern.

Die Straßen im österreichischen Bundesland Vorarlberg, das im Osten der Alpen-Republik an die Schweiz grenzt, sind zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch ebenfalls Spielstätten für diese schnelle und laute - nennen wir sie mal so - "Amateur-Marschmusik". Ein Dirigent aus der Vorarlberger Bodensee-Region nennt als Qualitätsanforderung an seine Musiker, dass "mindestens 30 Prozent von ihnen das Instrument beherrschen sollten. Die übrigen Mitwirkenden leisten ihren künstlerischen Beitrag nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Dermaßen viel Versuch und Irrtum mag einer seiner Kollegen aus Feldkirch nicht durchgehen lassen: "Ich erwarte, dass mindestens die Hälfte meiner Bläser den richtigen Ton trifft." Bei den Trommlern setzt der Feldkirchener Guggen-Maestro sogar eine noch höhere Trefferquote voraus.

Feldkirch liegt keine fünf Autominuten entfernt von der Grenze nach Liechtenstein. Dieses 35.000-Seelen-Land spielt im Konzert der europäischen Kultur-Nationen ganz weit vorne mit dank seiner . In den 1970er Jahren mauserte sich ausgerechnet das Fürstentum mit den vielen Briefkästen zu einer Hochburg dieser Armeleute-Marschmusik. Aus jener Epoche stammt auch der größte Teil vom heutigen Guggenmusik-Repertoire: anspruchslose Beatles-Gassenhauer und andere Pop-Oldies.

Ein weiteres Opfer des "verbeulten Blechs" ist Maurice Ravel, dessen "Bolero" bei Liechtensteiner Fasnacht-Umzügen oft in einer rhythmisch weitestgehend entkernten Version zu hören ist. Für solche kulturellen Leistungen wurden die Wegbereiter der Guggenmusik-Renaissance von Seiner Durchlaucht Fürst Hans-Adam von und zu Liechtenstein geadelt mit dem Combo-Namen "Fürstliche Guggamusik Röfischrenzer Schaan". Von einer derartigen Ehrung durch den Bundespräsidenten wagen die ungefähr 1.000 Mitglieder des DGV (Deutscher Guggenmusik Verband) nicht einmal zu träumen.

Hüpfburg und Opernball in Wien

O, P, E, R, N, B, A, L, L. Diese neun Buchstaben wecken romantische Erinnerungen an kaiserliche und königliche Biedermeier-Zeiten. In der Ballsaison 1814/15 tanzte der Wiener Kongress nach der Pfeife von Hofoper-Musikern und begründete damit eine große Tradition. Heute ist das "Gemma Opernball schaun" (deutsch: sehen und gesehen werden) ein Privileg für Sponsoren der Wiener Staatsoper. 40.800 inclusive Umsatzsteuer sind der Mindestpreis für eine publikumswirksame Parterre- oder Rangloge im Zuschauerraum der Wiener Staatsoper. Die Herrschaften auf den billigen Plätzen zahlen 16.000 Euro für ihre Bühnenloge.

Es gibt Ausweichmöglichkeiten: 1955 fand im New Yorker Waldorf Astoria der erste Wiener Opernball außerhalb von Wien statt - ein beliebter Treffpunkt für Arnie Schwarzenegger und andere Auslands-Österreicher. 2005 folgten Dubai und Zagreb. Seit 2007 findet ein Wiener Opernball sogar in Kuala Lumpur statt.

Wien selbst bietet . Vor allem die Hofburg wird gerne zur Hüpfburg umfunktioniert. Zum Beispiel beim "Ball der Universität für Bodenkultur", beim "Dancer against Cancer - Krebshilfe Gala Ball" oder beim guten alten "Juristenball". Die Mitarbeiter der ortsansässigen Atomenergie-Behörde laden zu ihrem "IAEA-Ball / Ball of the International Atomic Energy Agency Staff Association" ebenfalls in die ehemalige Residenz der Habsburger. Beim "Wiener Regenbogenball" tanzen Schwule mit Schwulen und Lesben mit Lesben in der Hofburg.

Karneval auf Teneriffa

Die Brauchtumspfleger vertreiben mit Humbatätärä den Winter. Andere Frostgefrustete fliegen einfach dorthin, wo die Sonne auch ohne verordnete Fröhlichkeit scheint. Nicht alle wollen nach Malle, denn auf den Balearen-Inseln fliegen auch schon die Kamelle.

Das Kanaren-Eiland Teneriffa kultiviert dagegen einen ureigenen närrischen Stil und feiert den zweitgrößten Karneval der Welt. Nur Rio de Janeiro bringt mehr Tanz- und Musikgruppen auf die Beine. Wenn der "Coso" (Umzug) am Karnevalsdienstag durch Santa Cruz de Tenerife gezogen ist, hat die Fiesta del Carnaval auf Teneriffa noch lange kein Ende. Denn am Aschermittwoch folgt die "Entierro de la Sardina" (Beerdigung der Sardine); dieser vergnügte Trauerzug transportiert eine Sardine aus Pappmaché zur Verbrennung, bei der die Feuerwerkskörper in ihrem Bauch explodieren.

Zwei Tage später beginnt für viele Teneriffa-Fans erst so richtig der . Beim "Stöckelschuhlauf der Männer" rennen Travestie-Akrobaten auf High-Heels durch die Straßen von Puerto de la Cruz. Zum anschließenden Tunten-Tanz bis in den frühen Morgen kommt auch jedes Jahr das Düsseldorfer Prinzenpaar mit seinem Gefolge und feiert auf Teneriffa endlich mal wieder so richtig Karneval.

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Winfried Dulisch