Delmenhorst Industriedenkmal

Die hohen Eisengitter am früheren Haupttor versperren niemandem mehr den Weg; das riesige Areal ist an vielen Ecken und Enden offen. Früher dagegen markierten sie Anfang und Ende einer hermetischen Welt. Wer hinein wollte, erzählt Berthold Bellersen, musste einzeln vortreten - und kam in der Regel nur durch, wenn er Wolle, Werkzeug oder seine Arbeitskraft mitbrachte. Alles längst passé, genau wie die original erhaltene Pförtnerloge mit der Feuermeldeanlage und den Steckkästen für die Stempelkarten. "Wer eine Minute zu spät kam", erinnert sich Bellersen, "kriegte eine Viertelstunde abgezogen."

Es liegt wohl auch daran, dass der 78-jährige Rentner bis heute pünktlich ist. Jeden ersten Sonntag im Monat exakt um elf sowie auf Anfrage führt der untersetzte Mann seine Laufkundschaft über das Gelände jener stillgelegten Fabrik, in der er schon als Lehrling gearbeitet hat. Über "die Wolle", wie man die Norddeutsche Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei in Delmenhorst kurz nannte. Sie war eine der größten Textilfabriken Europas, bis zu 25 Prozent der Weltproduktion an Rohgarn kamen in den 1920er Jahren von hier - einer riesigen Galeere gleich, mit mehreren tausend Beschäftigten, auf der rund um die Uhr Rohwolle gewaschen, gekämmt und versponnen wurde.

 

Nun aber gilt "auf der Wolle" als Synonym für ein viel beachtetes Wohn- und Erlebnisprojekt. So wie der ehemalige Meister der Wollwäscherei heute den Außenrundgang des Fabrikmuseums leitet, so wurden die 24 Hektar Fabrikgelände im großen Stil verwandelt. Dabei ist hinter der imposanten Ziegelsteinfassade ein neuer Stadtteil entstanden. Erneut eine "Stadt in der Stadt", nun postmodern gemeint, wo gleichberechtigtes Wohnen und Werken in der Nachbarschaft zahlreicher Bildungs- und Freizeiteinrichtungen an die Stelle knochenharter Akkordarbeit und steiler Hierarchien getreten sind.

Gleich bei der Fabrikantenvilla beginnt die Reihe der ehemaligen Beamtenhäuser, in denen nun Doppelverdiener und solvente Jungfamilien wohnen. Dahinter die alte "Speiseanstalt", heute ein mexikanisches Restaurant. Hier der lauschige Wollepark, ursprünglich den Besitzenden vorbehalten, dort das Mädchenwohnheim, heute eine Seniorenwohnanlage.

Beinahe überall ist neues Leben in altes Gemäuer eingezogen - das war der Leitgedanke, als das Projekt Mitte der neunziger Jahre entstand. Hinten am Nordttor lässt der emsige Rentner auf keinem Rundgang das Atelier des Bildhauers Jürgen Knapp aus, der mit seiner Familie im angrenzenden Pförtnerhaus wohnt. Und an der Nordenhamer Straße weist er heute ausnahmsweise, aber spürbar amüsiert auf das alte Wohnhaus des Pastors: Da drinnen werden nun die Kunden des "Club 15" diskret aufs Kreuz gelegt. Hauptsache belebt, lautet der Delmenhorster Pragmatismus, denn es ist noch nicht lange her, dass hier eine gigantische Ruine zu entstehen drohte.

Im Frühjahr 1981 musste die Kammgarnspinnerei endgültig den Betrieb einstellen; 850 Beschäftigte wurden entlassen. Damit war nicht nur eine fast 100 Jahre alte Textilproduktion, sondern auch das industrielle Zeitalter an der Delme abgehakt. So wie das Wolleimperium der Familie Lahusen war auch das kleine Ackerbürgerstädtchen gediehen. Fast 9000 Arbeiter strömten noch in den sechziger Jahren in die Fabriken für Jute, Garn, Kork und Linoleum. Nun aber begann das verlassene Gelände zu verfallen - bis ein Braunschweiger Planungsbüro Mitte der achtziger Jahre im Auftrag der Nachfolgegesellschaft eine neue Vision erspann.

Installationen für ein besseres Gedächtnis

Einmal von den Altlasten der Produktion befreit, wurden die diversen Hallen und Lager nach Möglichkeit eher saniert und umgenutzt statt abgerissen - auch wenn 1990 ein eigenmächtiger Oberstadtdirektor noch vor dem fälligen Ratsbeschluss einen Teil der Werkshallen platt machen ließ.

Dazu entstanden einige hundert neue, an die Scheddach-Architektur der Fabrik angelehnte Eigenheime und Wohnanlagen. Auf diese Weise sollte "ein Stadtteil auf dem Weg ins 21. Jahrhundert" entstehen, wie es zur Vorstellung dieses ersten Außenprojekts der Weltausstellung 2000 hieß. Eine kompakte, per Glasfaser vernetzte Metropolis, in der jeder nur so durch den Alltag surft - vom Tele-Arbeitsplatz bis zum Online-Shopping.

 

Die Glasfaser leistet auch schnelle Dienste, wenn Andreas Scholz im Netz nach den Wetterprognosen sucht. Als Koordinator in der Bremer Seenotleitung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger muss der ehemalige Kapitän stets über die Verhältnisse an der deutschen Küste im Bilde sein. Von seinem Haus im "Argentinischen Viertel" aus ist der Job jedoch nicht zu erledigen, sagt der 55-Jährige - so wie auch sonst fast keiner hier das amtliche Motto "Arbeiten und Wohnen an der Datenbahn" eins zu eins umsetzt. Was bleibt, sind die Ruhe, eine konstante Nachbarschaft und der Standortvorteil. In zehn Minuten ist Scholz auf der Arbeit, "und bis Hamburg ist es auch nur eine Stunde".

Das Idyll zwischen den Niedrigenergiehäusern ist zum Teil selbst erkämpft. Zunächst waren die frühen Anwohner von den Symptomen einer schleppenden Erschließung betroffen: Mit Blick auf viel Brachland lauschte man über Jahre dem Gesang der Bagger und Raupen, wartete auf neue Straßen und Infrastruktur. Erst als Scholz und andere sich 2002 zu einer Interessengemeinschaft formierten, ging es voran. Inzwischen ist hier "fast alles dicht", wie Scholz zufrieden konstatiert. Nur hatte das seinen Preis: Den Häusertypen ist unter der ambitionierten Regie neuer Bauträger zuletzt ein Patchwork eher piefiger Stile für den Durchschnittskunden nachgefolgt. So wie jener farblose Wohnklotz gleich nebenan, der Scholz die Nachmittagssonne nimmt. "Am Anfang gab es ein schlüssiges Konzept", sagt der IG-Vorsitzende Hans-Hermann Baass, selbst gelernter Architekt. "Nur ist das später trichterförmig auseinander gelaufen."

Nicht überall ist die Zukunft eben so eingezogen, wie man sie sich vor zehn, zwölf Jahren vorgestellt hat. Im "Technologie-Zentrum" in der ehemaligen Wollwäscherei sitzen zwar ein Bürgerrundfunk und ein Analyselabor, aber sonst keine innovativen Start-up-Unternehmen. Ähnlich sind im "Medien- und Kommunikationszentrum", dem alten "Lager U", nun eher profane Dienstleister statt Medien- und IT-Spezialisten untergebracht. Unter den Lichtleisten eines halb eingerichteten TV-Studios drehen sich inzwischen die Teilnehmer von Tanzschulkursen.

So sind die schalldichten Wände zu vorgerückter Stunde wenigstens zu etwas gut, bedeutet Tanzlehrerin Ute Wessels. Gleich um die Ecke suchen rastlose Hausfrauen und leitende Angestellte in einem Fitness- und Reha-Center die physische Herausforderung. Solche Körpererfahrung musste der "Wolleaner" in früheren Zeiten nicht lange suchen, wie das 1996 eröffnete Museum für Industriekultur zweifelsfrei belegt.

Im alten Turbinenhaus sowie einem früheren Schedriegel ersteht auf 2300 Quadratmetern Ausstellungsfläche noch einmal die beklemmende Welt unterbezahlter Frauen und Arbeitsmigranten im täglichen Kampf mit dem Akkord. Die war lange absolut, weil sie die Besitzlosen gerade mit ihren Werkswohnungen und Mädchenheimen, der Badeanstalt und dem Konsumladen lückenlos umgab - und man jenseits ihrer Mauern über beengte Verhältnisse, derbe Sitten und eine krasse Quote unehelicher Kinder im so genannten "Nachtjackenviertel" die bourgeoise Nase rümpfte.

Ganz sicher findet in diesen Tagen also mehr Austausch zwischen der Stadt und ihrer Fabrik statt als je zuvor. Denn wer sich weiterbilden oder -qualifizieren will, landet heute fast zwangsläufig "auf der Wolle". Neben Fabrik- und Stadtmuseum ist die Volkshochschule in den Komplex des früheren Kesselhauses und des Kalihauses eingezogen. Zum "Umgang mit Konflikten und Emotionen" oder "Swinging Qigong" kommen jährlich noch rund 3000 Unterrichtsstunden zur sprachlichen Integration, rechnet Geschäftsführer Claus Hübscher vor - und lobt die "gute Mischung aus Bildungsangeboten", die durch das Institut für Weiterbildung in der Kranken- und Altenpflege, das Ausund Weiterbildungszentrum für den Metallbereich, das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft und andere entstanden ist. "Hier brennt bis 22 Uhr das Licht", sagt Hübscher.

Kann man am Ende des Tages mit den Verhältnissen zufrieden sein? Natürlich hatten sie sich mehr versprochen, als die Expo 2000 für kurze Zeit Neugierige aus der halben Welt auf das Gelände lockte, erinnert sich Berthold Bellersen. "Aber es war wohl nicht das Gelbe vom Ei", sagt er trocken. Dennoch ist das Leben jetzt ohne größere Einbußen weitergegangen - für ihn, die "Wolle" und Delmenhorst. "Und wenn man überhaupt mal guckt, die ganze erhaltene Architektur hier auf diesem Gelände: So was finden Sie doch in ganz Norddeutschland nicht mehr!"

Autor:
Bertram Job