Danzig Interview: Günther Grass und Pawel Huelle

MERIAN: Rückt Ihnen, Herr Grass, das polnische Danzig durch die EU-Mitgliedschaft näher?

Grass: Das begann bei mir schon viel früher. Ich bin bereits 1958 nach Danzig gefahren. Damals war ich ausschließlich auf der Suche nach Spuren des alten Danzig. Ich traf dort auf eine Bevölkerung, die aus Wilna und aus Grodno kam. Das waren auch Flüchtlinge, die verstanden meine Gefühle. Und im Lauf der Jahre habe ich dann den Aufbau der Stadt erlebt. Mein Verhältnis zum polnischen Gdansk ist also mit den Jahren gewachsen, das wird sich jetzt durch den Eintritt in die europäische Gemeinschaft, ich will nicht sagen verstärken, aber bestätigen.

MERIAN: Bei Ihnen in Gdansk, Herr Huelle, gibt es Befriedigung, aber auch Besorgnisse.

Huelle: Ich denke, dass die europäische Perspektive nichts Schockierendes ist, weder für Danzig noch für Polen. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren eine Arbeit geleistet, die nicht einfach war. Aber das Resultat lässt sich sehen ...

Grass: Sagten Sie in den vergangenen 20 Jahren? Das finde ich sehr interessant.

Huelle: Von Solidarno an gezählt. Das war ein Prozess. Meine Zeitrechnung geht von der Solidarno aus.

Grass: Ich würde es noch früher ansetzen. Polen hat innerhalb des kommunistischen Blocks immer eine Sonderrolle gespielt und ist deshalb auch intellektuell auf den Verbund mit den EU-Staaten viel besser vorbereitet als andere Länder.

Huelle: Was jetzt europäischer Standard ist, hatte in Polen und Danzig vom 16. bis zum 18. Jahrhundert ja längst stattgefunden. Dieses Ineinandergreifen der Kulturen war damals alltäglich. Sie, Herr Grass, haben zum Beispiel viel über Daniel Chodowiecki geschrieben. Auch er (Danziger mit polnischem Vater und hugenottischer Mutter, Kupferstecher und Direktor der Königlichen Preußischen Akademie der Künste in Berlin - d. Red.) verkörperte dieses Miteinander. Erst das 19. und 20. Jahrhundert haben uns so entzweit.

Grass: Ich stimme Ihnen zu. Danzig hat - gefördert auch durch die Hanse - sehr früh ein europäisches Gesicht bekommen. Sicher überwiegend durch deutsche Ansiedler, aber es waren auch Holländer da, und es kamen Schotten hinzu. Danzig erlebte 300 Jahre seiner Blütezeit unter der polnischen Krone und befand sich - wenn nicht gerade Krieg war zwischen den polnischen Königen und Gegenkönigen - in einer privilegierten Situation: Die Stadt war reich und konnte die Schulden der polnischen Könige bezahlen.

MERIAN: Geht Gdansk, in der Tradition dieser freistädtischen Souveränität, mit der neuen Zugehörigkeit zur EU und mit dem dadurch näher gerückten deutschen Nachbarn selbstbewusster um als das restliche Polen?

Huelle: Die Danziger sind sehr offen. Die Geschichte der vergangenen Jahre zeigt das besonders. Günter Grass hat einmal in Danzig gesagt, dass die Solidarität und die Streiks eine Danziger Tradition seien. So eine Tradition, die aus der tiefsten untersten Reihe, von Plebejern erweckt, hervorgerufen wird. Danzig scheint mir ein guter Kristallisationspunkt zu sein für neue Überlegungen - auch zur Zusammenarbeit von Deutschen und Polen im Rahmen der Union. Vieles ist längst selbstverständlich. Als 1972 oder 1973 eine Yacht nach Danzig einlief und neben der deutschen auch die Flagge der Freien Stadt Danzig aufgezogen hatte, haben sich die Kommunisten noch fürchterlich aufgeregt. Heute gehört diese Flagge zum Stadtbild. Und so von Mitte Mai bis September hört man sehr viel Deutsch in der Stadt. Das stößt niemanden vor den Kopf. Die Danziger denken pragmatisch - und an die Quellen für Hoteliers, Gastronomen und Geschäfte.

Grass: Ich glaube, es liegt auch daran, dass Gdansk, früh und wahrscheinlich vor anderen polnischen Städten, die Vergangenheit und Vorvergangenheit Danzigs akzeptiert hat. In der Literatur begann es gerade bei Pawel Huelle, seine ersten Bücher stellen Fragen. Wer hat an diesem Tisch in diesem Haus gesessen? Das waren Deutsche. Wie waren die beschaffen? Er hat die Fragen gestellt, die lange tabuisiert waren. Es gab eben Nationalisten auf beiden Seiten. Die polnischen Nationalisten sagten: Urpolnisches Gebiet ist zurückerobert worden. Und auf deutscher Seite: Unsere Ostprovinzen sind verloren gegangen. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Es war ein von Deutschen begangenes politisches Verbrechen, das zum Verlust dieser Provinzen geführt hat, und wir Deutsche haben uns sehr schwer mit diesem Verlust getan. Die Polen haben sich auch damit sehr schwer getan anzuerkennen, dass dort breit gestreut Wurzeln deutscher Kultur zu finden sind. Und indem sie Danzig wieder aufgebaut haben, haben sie sich bekannt machen und befreunden müssen. Und das ist geschehen.

Grass: Mit dem Beitritt in die EU eröffnen sich die Möglichkeiten

MERIAN: Wenn deutsche Danziger zu Besuch kommen, wird manchmal etwas abfällig von Heimwehtourismus gesprochen.

Grass: Ich finde das verständlich. Es sind zumeist alte Menschen, die mittlerweile mit ihren Kindern und Enkelkindern hinreisen und zeigen, wo sie hergekommen sind. Das gibt es übrigens auch in umgekehrter Richtung. Ich habe kürzlich einen sehr interessanten Film gesehen über den Bug als Grenzfluss. Und da wird gezeigt, wie Polen nach Lemberg fahren und von den dort lebenden Ukrainern ein bisschen freundlich, aber auch mit einem gewissen Misstrauen angesehen werden - wollen die alle wieder nach Lemberg zurück?

Huelle: Im vergangenen Jahr - meine Familie stammt ja aus Lemberg - war ich das erste Mal dort. Ich wollte vorher nicht hinfahren. Das war so eine mythologische Stätte meiner Vorfahren. Nun bin ich doch da gewesen und ich bedauere es nicht. Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt als Heimwehtourist qualifiziere ...

MERIAN: Der Bevölkerungsaustausch, in Lemberg gleichermaßen wie in Danzig, zog naturgemäß für zigtausende Menschen die Frage ihrer Identifikation mit einem neuen Lebensumfeld nach sich. Das Einleben hat Jahre benötigt und die Bürger von Gdansk lernten, dass sie in der Kontinuität Danzigs stehen. Haben sie inzwischen erkannt, dass sie nun auch Hanseaten sind?

Huelle: Ich möchte scherzhaft darauf antworten. Die Hanse ist zur Verteidigung der Kaufmannschaft gegründet worden. Das war damals ein begründetes Anliegen. Heute dagegen - nach meinen Erfahrungen mit dem polnischen Kapitalismus - würde ich die Wirtschaft nicht so sehr schützen, sondern eher noch ein bisschen mehr mit höheren Zöllen oder Abgaben schröpfen wollen. Doch im Ernst: Natürlich ist die Tradition der Hanse auch für die Danziger eine sehr gute Tradition, weil sie international begründet ist.

MERIAN: Als der Danziger Stadtrat 1997 im Artushof seine Festsitzung zur Eröffnung der Milleniumsfeier abhielt, war Alexander Kwaniewski, der polnische Präsident, nicht eingeladen worden. Peinlicher Protokollfehler oder Demonstration stolzen Hansebewusstseins?

Huelle: Beides. Wahrscheinlich ist dem Stadtrat ein Fauxpas unterlaufen. Aber viele Danziger sagten damals tatsächlich: Das ist prima. Vom Zentralismus halten wir nichts, wir sind eigenständig genug.

MERIAN: Im selben Jahr richtete Danzig den 17. Hansetag der Neuzeit für 106 Mitgliedstädte aus. An der prinzipiellen Zielsetzung der Hanse hat sich ja nichts geändert. Wie im Mittelalter geht es um die Förderung des Handels und um den Schutz von Investitionen, hinzugekommen ist die Promotion des Tourismus. Wie geht die Entwicklung weiter?

Grass: Mit dem Beitritt zur Europäischen Union eröffnen sich die Möglichkeiten gerade erst. Ich glaube, dass Brüssel mit seiner immer stärker wachsenden Bürokratie eines hanseatischen Impulses bedarf. Die Hanse war weit weniger bürokratisch organisiert. Das Fördern der Kultur kam aus dem Selbstverständnis der hanseatischen Kaufleute, während im heutigen Europa Kultur etwas ist, was man als schmückende Feder ansteckt. Die Wirtschaftsinteressen sind zu ausschließlich und es kommt hinzu, dass Europa unter einem demokratischen Defizit leidet. Was ich mir wünsche: dass Polen und die anderen neuen Mitgliedsländer nicht nur auf die Fleischtöpfe in Brüssel schauen, sondern dafür sorgen, dass das Straßburger Parlament mehr Kontrollkompetenzen bekommt. Das wäre durchaus auch ein hanseatischer Impuls.

Huelle: Der hanseatischen Tradition entsprechend sollten die heutigen Kaufleute mehr auf ihre Eigenständigkeit setzen und diese auch entwickeln können. Und wie damals über Grenzen hinweg denken, was ja zum Teil mit den Regionalisierungen schon passiert.

MERIAN: Wenn Brüssel ab jetzt bestimmt, wie viele und welche Schiffe auf der Danziger Werft gebaut werden dürfen - wovon deren Existenz nun sogar endgültig abhängen kann -, widerspricht das der Möglichkeit größerer unternehmerischer Freiheit.

Huelle: Unternehmertum und Reglementierungen - das ist natürlich sehr konträr. Aber es wird schon noch eine Werft in Danzig geben. Es ist wie mit der polnischen Nationalhymne, in der es heißt: "Noch ist Polen nicht verloren." Die Parallele: zwar am Abgrund, aber noch nicht tot.

MERIAN: Auch die Esten haben eine schöne Hymne, aber "Noch ist Estland nicht verloren" kommt darin nicht vor. Vielleicht, weil sie sich voll auf neue Technologien konzentriert haben. In Wirtschaftsnachrichten aus dem Ostseeraum hört man immer Tallinn und Riga und fragt sich, ob die da oben Gdansk nicht längst schon davongelaufen sind.

Huelle: Diese baltischen Städte scheinen sich zurzeit schneller zu entwickeln. Es stimmt, dass Gdansk im Wettbewerb hinterherhängt. Die Zeit, als 80 Prozent des Ostseehandels über Danzig abgewickelt wurden, liegt mehrere Jahrhunderte zurück. Ich finde auch, dass Gdansk zu wenig tut, um moderne Technologien und zukunftsträchtige Industrie herzuholen. Es ist heute schwer, etwas Konkreteres über die Zukunft zu sagen. Ich denke aber, sie liegt für uns im Tourismus - und in der Kultur natürlich.

Grass: Die Danziger sind rasch bereit, neue Museen und Gedenkstätten zu bauen. Ich habe mal mit dem Stadtpräsidenten Adamowicz ein Gespräch geführt, es ging um Chodowiecki. Ich habe gesagt, macht bitte kein Museum, sondern richtet eine Druckerwerkstatt ein. Chodowiecki war ein großer Radierer und ich kann mir vorstellen, dass viele polnische Künstler dankbar sind, wenn eine gut funktionierende grafische Werkstatt entsteht, in der man Radierungen und Lithografien herstellen kann. So dass sich dieses neue Haus selber tragen kann, also nicht subventioniert werden muss. Wie man in der Industrie etwas Neues einführen kann, habe ich in meinem Buch "Unkenrufe" beschrieben. In der Geschichte gibt es einen Inder, der in Danzig zur Zeit der Werftenkrise einige leer stehende Hallen mietet und mit der Produktion von Fahrrad-Rikschas beginnt. Auch mit der Perspektive, dass mit der Fahrrad-Rikscha innerstädtische Verkehrsprobleme nicht nur in Danzig gelöst werden könnten. Aber man hat meinen literarischen Vorschlag bisher leider nicht umgesetzt.

Huelle: Ich kann dazu sagen, dass der Film zu dem witzigen Buch, das Herr Grass geschrieben haben - und ich das Drehbuch dazu -, nun realisiert wird.

Grass: Da wird man die Fahrrad-Rikscha, so hoffe ich, rollen sehen und begreifen, dass sie eine vernünftige Alternative ist zu den Autos, die die Städte verstopfen.

Huelle: "Manchmal will ich ein bisschen klagen"

MERIAN: Zum gegenteiligen Problem: Die Danziger Innenstadt ist abends auf seltsame Art leer und ungastlich. Man hat das Gefühl, die Tore eines Freilichtmuseums hätten sich geschlossen, obwohl im Danziger Zentrum, anders als sonst in Innenstädten, noch viele Menschen wohnen.

Huelle: Zwei ganz fundamentale Gründe dafür. Die Stadt war dem Erdboden gleichgemacht worden. Die polnische Regierung traf die wunderbare Entscheidung, Danzig wieder aufzubauen. Aber dieser Wiederaufbau fand in den schwersten kommunistischen Jahren statt. Das führte dazu, dass das Prinzip des Danziger Hauses, in dem unten ein kleines Geschäft war und oben die Familie lebte, umgeworfen wurde. So entstand ein fast reines Wohngebiet. Der Hafen wurde weg vom Zentrum verlegt, es könnten ja Ausländer kommen und gucken. Insofern gab es kein Leben, das sich aus dem Hafen gespeist hätte und in die Stadt hineingeflossen wäre. Nicht vorstellbar, dass etwa schwedische Seeleute in die Stadt gingen. Und was man unter Hafenleben versteht, also Kneipen, Jazz, Prostitution, das alles war noch in den siebziger Jahren sozusagen im Untergrund. In der schönen aufgebauten Altstadt haben nur verdiente Parteigenossen eine Wohnung bekommen, keine Kaufleute. Es gab ja sowieso keine Kaufleute.

Grass: Ich bin in der Kritik an Kommunisten nicht zu übertreffen - aber man darf eins nicht außer Betracht lassen: Wenn Danzig nach der Zerstörung zu einem kapitalistischen System gehört hätte, wäre es nie aufgebaut worden. In Westdeutschland sind zudem unter kapitalistischen Bedingungen mehr Altstadt und kulturelle Bausubstanz zerstört worden als während des Krieges durch die Bombenangriffe. Es wurde aber, glaube ich, in Danzig nach einer gloriosen Aufbauleistung ein Fehler gemacht. Man hat die Speicherinsel, die in ihrem Urzustand nur aus Speichern bestand, mit Pseudogebäuden bebaut, die dort nie gestanden haben. Nicht erwogen wurde z. B. ein modernes Stadtviertel mit leichter technologischer Industrie und anderen Dingen. Man hat nur die touristische Komponente Danzigs weiter ausgebaut. Das ist aus meiner Sicht ein Versäumnis, dort wäre es möglich gewesen, ein merkantiles Gegengewicht zu schaffen, wie es die Stadt braucht. Neben dem sehr tüchtigen kulturell-touristischen Bein ein zweites Standbein.

Huelle: Völlig einverstanden. Ich habe selbst mal ein Projekt entworfen, was die Speicherinsel betrifft. Das zweite Standbein, das war auch mein Gedanke. Die jetzigen Investoren in Danzig haben meines Erachtens zu wenig Achtung vor der Tradition. Ich verstehe, dass man nicht alles wieder so aufbauen kann, wie es mal war. Aber wenn wir etwas bauen, was die Marienkirche auf der Perspektivachse hat, dann muss es eine Verbindung zu der anderen Architektur geben. Es muss ein Dialog zwischen beiden Stilen entstehen, hingebaut werden kann nicht irgendetwas, was sonst wo stehen könnte. Darum hassen mich alle modernen Danziger Architekten. Als vor vier Jahren auf dem Kohlenmarkt das nächste Glasgebäude entstehen sollte, habe ich eine Protestbewegung ins Leben gerufen. Man hat den Bau in dieser Form da dann auch nicht hingestellt. Nicht, weil ich ein Gegner der modernen Architektur wäre, nur meinte ich, an dieser Stelle solle ein Objekt stehen, das zumindest an das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert erinnert, das früher da stand. Doch "19. Jahrhundert" bedeutete bis vor kurzem wilhelminische Zeit, Bismarckzeit, Feindseligkeit. Inzwischen hat sich eine völlig andere Einstellung durchgesetzt.

Grass: Es ist an sich eine klare Sache. Die Polen hatten keine ideologischen Schwierigkeiten, die Bauwerke ihres größten Feindes, des Deutschen Ordens, wieder aufzubauen. Die Große Mühle in Danzig ist so ein Bau des Ritterordens. Und jetzt kommen wir auf die Gebäude des 19. Jahrhunderts. Es gibt eine ganze Reihe von Villen, die sehr schön sind. Zumeist liegen sie im Vorort Langfuhr (heute Wrzeszcz - d. Red.) oder zwischen Danzig und Langfuhr an der Allee. Viele dieser Villen sind jahrelang mit Familien überbelegt gewesen. Die sind verwohnt, dringend restaurierungsbedürftig. Und soweit ich sehe, werden diese Häuser auch wieder langsam instand gesetzt. Es stellt sich natürlich immer die Frage, wer Besitzer ist, wer die Kosten trägt. Da wird man sicher auf dem Privatsektor Investitionsmodelle entwickeln müssen. Die Gebäude sind von ihrer baulichen Substanz noch gut und es besteht kein Grund sie abzureißen.

MERIAN: Auf der Speicherinsel sollen einige Hektar Baufläche zur Verfügung stehen, die noch nicht im Privatbesitz sind. Wäre es nicht eine großartige Chance für Danzig, das ja etwa der geografische Mittelpunkt im Ostseeraum ist, sich darum zu bewerben, hier einige Institutionen des Ostseerates der zehn Anrainerstaaten anzusiedeln?

Huelle: Über "nicht im Privatbesitz" stelle ich ein Fragezeichen. Wenn es nicht schon so ist, dass die Amerikaner es besitzen. Ob die zentrale Lage die Rolle Danzigs in eine besondere verwandeln kann und ob die Politiker ihre Aufgaben so gut erfüllen, dass sich das realisieren lässt, weiß ich nicht.

Grass: Es wird sich die Frage stellen, ob man einige europäische Behörden auch in Polen beheimatet, und dann die nächste, inwieweit Danzig mit Warschau konkurrieren kann…

MERIAN: ... in Warschau existierte zu keiner Zeit der kosmopolitische Geist einer Stadtrepublik Danzig ...

Grass: Der Staat ist zentralistisch organisiert und die Warschauer neigen dazu, alles außerhalb ihrer Stadt als Provinz anzusehen. Es wird also eines Aufstandes der Provinz bedürfen, um eine Brüsseler Behörde nicht nach Warschau, sondern nach Gdansk zu holen.

MERIAN: Gewiss aber etablieren werden sich ausländische, auch deutsche Investoren und Konkurrenten. Empfindlichkeiten?

Huelle: Das kann ich so nicht bestätigen. Natürlich haben wir auch politische Gruppierungen, die rechtsaußen sind. Die stellen jeden Deutschen, der in Polen investiert, als den Großmeister des Ritterordens dar. Aber das ist marginal. Man muss pragmatisch denken. Wenn es eine Gleichberechtigung zwischen ausländischem und polnischem Kapital gibt, dann ist es fair.

Grass: Auch ich glaube nicht, dass sich diese Frage so brisant stellen wird. Nach meiner Prognose wird sich die Wirtschaft Polens in den nächsten Jahrzehnten positiver entwickeln als bei uns. Es kann durchaus passieren, dass eines Tages ein Achtel des Berliner Kurfürstendamms in polnischem Besitz sein wird.

Huelle: Im Moment lernen wir die harte Lektion des Kapitalismus. Manchmal will ich ein bisschen klagen. Dann trinke ich meinen Wodka mit Freunden und wir klagen mal 'ne Runde. Irgendwann sagt jemand zwischendurch: "Halt, stopp, das ist doch genau das, was ihr eigentlich wolltet!" - Es ist eine philosophische rage, ob es einen dritten Weg gibt.

Grass: Ich möchte dem widersprechen. Das ist keine philosophische Frage, sondern die einer genauen Prüfung von möglichen Maßnahmen. Wenn Polen einerseits zu Recht darauf dringt, dass Deutsche dort keinen Grundbesitz erwerben dürfen und - wie schon die Dänen - auch eine entsprechende Ausnahmeregelung in dem neuen Kontext Europa durchsetzt, muss man andererseits in ähnlich heiklen Bereichen genauso Vorkehrungen, zum Beispiel durch Kartellgesetze, treffen. Ich denke hier konkret an die Presse in ausländischer Hand. Es gibt hierzu aus meiner Sicht ein Ärgernis, das ich auch bei einem Besuch in Gdansk zur Sprache gebracht habe. Der Pressekonzern Passauer Neue Presse der Familie Kapfinger hat nach 1990 in Tschechien viele Provinzzeitungen aufgekauft. Danach ging das Unternehmen nach Polen. In Gdansk sind Dziennik Batycki und Wieczór Wybrzea in seinem Besitz. Man muss wissen, dass die Passauer Neue Presse über zwei Jahrzehnte lang Diffamierungskampagnen gegen Willy Brandt betrieb: Brandt als Emigrant, als uneheliches Kind, mit allen möglichen Geschichten. Gegen den Mann also, der 1970 als Bundeskanzler nach Warschau reiste und den Mut hatte, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen. Für ihn müsste - wenn er noch lebte - beschämend sein zu erfahren, dass ausgerechnet die Passauer Neue Presse in Danzig Fuß gefasst hat. Ich habe mit Polen darüber gesprochen, auch in Danzig. Man sagt mir, die Passauer Neue Presse habe neue Computer gekauft und es gäbe ganz neue Räume. Man geht über diese unglückselige Geschichte einfach hinweg. Da sehe ich in meiner Liebe und auch in meinem kritischen Verständnis zu Polen Zündstoff. Ich habe hier von polnischer intellektueller Seite keine Unterstützung bekommen.

Huelle: Ich bin ein indirektes Opfer dieses Konzerns. Ich arbeitete für die erste polnische private Zeitung, die weder kommunistisch noch im Besitz vom westlichen Kapital war. Aber wir hatten kein Geld, um zu investieren, und niemand wollte uns Kredite geben. Die Zeitung machte bankrott, obwohl wir wirklich nicht schlecht waren. Die Danziger, die durchaus die Besitzverhältnisse kennen, unterscheiden heute deshalb ironisch zwischen der "polnischsprachigen" und der "polnischen" Presse.

Grass: "Ich würde mit Herrn Huelle in meine alte Schule gehen"

MERIAN: An einigen Stadttoren und Mauern finden sich in schöner Eintracht die drei Schilde mit dem polnischen Adler, dem preußischen Adler und dem Danziger Wappen. Wäre von Ihnen in Gdansk, Herr Huelle, eine Toleranz gegenüber der Historie zu erwarten, die es zuließe, unter Straßenschilder wie Dugi Targ und Mariacka auch die alten Namen Langer Markt und Frauengasse zu setzen?

Huelle: Ich würde damit gut umgehen können. Wir leben doch in einer Epoche, wo wir das, was von den Nationalismen und vom Krieg weggefegt wurde, wieder hervorholen. Ich war kürzlich in einem kleinen ukrainischen Ort, der auch Judenverfolgungen erlebt hatte. Es hat mich zutiefst berührt, dass die Straßen heute ukrainisch und jüdisch benannt sind.

Grass: Von deutscher Seite sollte man das nicht fordern. Aber es wäre eine schöne Überraschung, wenn eines Tages, mit Einwilligung der Bürger der Stadt, diese sehr schön klingenden deutschen Gassennamen daneben stünden. Es gibt am Grünen Tor eine ganz schmale Gasse, die hieß Kleine- Hosennähergasse. Ein so wunderschöner Name, ich würde den gerne dort wieder lesen.

Huelle: Wir haben dafür den polnischen Namen ulica Dziana.

Grass: Ja, ja, das ist richtig. Viele, viele sind ja übersetzt. Auch Brotbänkengasse ...

MERIAN: Krakau, sagt man, sei sehr viel urbaner als Danzig. Liegt es vielleicht daran, dass es dort eine alt eingesessene Bevölkerung gibt und hier nicht?

Huelle: So ist es. Die gewachsene Kultur durch Generationen hat bewirkt, dass Krakau viel vitaler ist.

Grass: Aber dadurch natürlich viel konventioneller. Ich würde die Frage in eine andere Richtung stellen. Was mich immer gewundert hat, ist, dass ein bedeutender Teil der neuen Bewohner von Gdansk aus Wilna kam und dennoch so wenig von der Wilnaer Tradition in Danzig ansässig geworden ist.

Huelle: Sie haben Recht. Aber hiermit sind Sie in ein Danziger Wilna-Restaurant eingeladen, wenn Sie das nächste Mal bei uns sind.

Grass: Ich komme sehr gern mit!

MERIAN: Sie treffen sich in Danzig. Sie, Herr Grass, möchten Herrn Huelle etwas sehr Deutsches zeigen und Sie, Herr Huelle, Ihrem Besucher etwas sehr Polnisches.Wo führen Sie einander hin?

Grass: Ich würde mit ihm ins Conradinum gehen, in meine alte Schule, wo ich gelitten habe. Zu Schülererinnerungen - und Pawel Huelle hat ja auch Schülererinnerungen. Als ich ihn kennen lernte, hatte ich bereits "Weiser Dawidek" von ihm gelesen und das ist schon etwas Erstaunliches. Während ich in der Novelle "Katz und Maus" die letzten Kriegsjahre unter Jugendlichen geschildert habe, beschreibt er die unmittelbare Nachkriegszeit aus polnischer Sicht und Erfahrung. Es ist wie eine Fortsetzung. Und man sollte den deutschen wie den polnischen Verleger ermuntern, seinen kurzen Roman und meine Novelle in einem Band herauszugeben.

Huelle: Herr Grass kennt ja alles. Doch ich nehme jetzt mal an, er käme zum ersten Mal her. Ich würde ihn in die Altstadt führen und sagen: Schauen Sie mal, das alles war deutsch. Aber wir Polen haben das wieder aufgebaut. Also sind wir aufeinander angewiesen.

Grass: Dann würde ich zu ihm sagen: Das weiß ich!

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