Europop Hochzeit im Wurstwunderland

Wenn es so etwas gäbe wie die EFS, die offizielle "Europäische Flugnutzung-Statistik", dann dürfte in diesem Ranking nach den stinknormalen Urlaubs- und Geschäftsreisen schon bald der Hochzeitsverkehr seinen Platz finden: eher bodenständig auf dem Anwesen der Großeltern mütterlicherseits bei Hannover, mit dem Billigflieger zur White Wedding nach Venedig oder per Schiff nach Guernsey oder gleich heiraten auf der Fähre nach Helgoland.

Die verschärfte Variante dieser Halb-Pflicht-Halb-Spaß-Touren jedenfalls führt in die polnische Provinz. Nach Kaschubien etwa. Kenner nicht nur der "Danziger Trilogie" von Günter Grass wissen, dass damit das ausgesprochen urige Umland von Gdansk, Sopot, Gdynia bezeichnet ist - die sogenannte , ein inzwischen heftig boomender Ostsee-Ballungsraum.

Auf dem putzigen Lech Walensa Airport ziert ein drachenlöwiges Fabelwesen die Wappentafel. Von hier aus geht's nicht mit dem 110er-Bus über den ewig verstopften Zubringer Richtung Innenstadt, sondern per Hochzeit-Privat-Shuttle direkt aufs platte Land, das schon bald allerdings hügelig und somit zur Kaschubischen Schweiz wird. Hier murmeln die Bächlein und Seen, und bewaldete Höhen hat's auch. Die Straßen rumpeln wie Bolle. Eine Gegend, wie geschaffen für ein verlorenes Wochenende im Zeichen der Liebe.

Das Brautpaar hat nach langer Suche in der Nähe von Kartuzy gefunden, die Westler "knuffig" finden und die die Einheimischen von den Erzählungen der Oma her kennen. Das reetgedeckte Landgut ist über eine herbe Lehmpiste zu erreichen. Ein See direkt vor dem Frühstücksraum. Kurzum: Traumhaft gelegen im Nichts.

In Deutschland ersticken gut organisierte Hochzeiten gern mal in gepflegter Ultra-Langeweile. Die künftigen Eheleute wollen es jedem recht machen. Also redet der eitle Brautvater sich um Kopf und Kragen und der ansonsten verlässliche Kumpel Alex erwischt den schlechtesten Tag seiner Karriere als Kneipen-DJ.

In Polen wird solcherlei Gefahr an diesem Wochenende offensiv anders begegnet. Bereits 15 Minuten nach Ankunft kreisten auf dem kaschubischen Landhof die ersten Kurzen. Wobei es entgegen aller Klischees keinerlei Schnapszwang gab, sondern jeder nach seiner Façon glücklich werden durfte. Auch lustige Anti-Alkoholiker oder -Biertrinker kamen hier zu ihrem Recht.

Weitaus schwieriger (wenn auch nicht unmöglich) ist das Kaschuben-Dasein für Vegetarier. Es gibt - wie fast überall in Polen - etwa 325 hervorragende Wurstsorten. Dazu Fleisch, Pasteten und Braten. Eine überbordende Vielfalt, die bereits mit dem Frühstück beginnt. Nur auf die traditionelle Gänseblutsuppe hatte man fürsorglich verzichtet.

Der Gang aufs Klo ist mit einer kleinen Umorientierung verbunden: Nicht nur in Kaschubien sind Männer Dreiecke und Frauen Kugeln, zumindest was die Symbole auf den Toilettentüren betrifft. Ein piktogrammatisches System, das im Gegensatz zum landestypischen Design und Styling steht, wo der Herren-Look gemeinhin mit kugelig-gemütlich besser übersetzt wäre; wohingegen die Damen sich eher am schnittigen Minirock-Outfit des New-Wave-Zeitalters orientieren. Auf der Hochzeit in Kaschubien kam dazu noch die gepflegte Schluffi-Kluft einer Künstlergang aus Lodz, die sich samt mitgebrachtem Pittermännchen aus Köln und Berliner Wortwitz zu einem extrem völkerverbindenden Mix bei gefährlich aromatisiertem Selbstbrenner-Wodka entpuppte.

Beschwingt von der wirklich schönen Naturparklandschaft, die mit Pferdegespann und Folklore-Ghettoblaster erkundet wurde, stellt man sich so das Landleben zu Zeiten von "Hoch auf dem Gelben Wagen" und Walter Scheel vor - wären da nicht die zeitgenössischen Satellitenschüsseln und die Toyota-Previa-Vans in den umliegenden Garageneinfahrten des kaschubischen Wurstwunderlandes. Die Hochzeit nahe jedenfalls endete im Laufe des Sonntags mit Kuchen, Wegtrinken der letzten Reste und unendlichem Gesang.

Autor:
Ralf Niemczyk