Texas Die Größen der Musikszene

Was ist groß? Das Austin City Limits beispielsweise ist groß. Jeden Herbst treten im Texas' Zilker Park von Austin binnen drei Tagen mehr als 100 Pop-Acts auf acht Bühnen auf. Das ist eindrucksvoll, aber natürlich kann man es im Heimatstaat des großen George W. Bush auch noch ein wenig größer haben.

Etwa beim "South by Southwest" (SXSW), einem seit 1987 ebenfalls jährlich in Austin und Umgebung stattfindenden Festival mit Schwerpunkt Independent-Music. An vier Tagen im März gastieren hier mehr als 1000 Musiker. Für die Texaner ist SXSW das größte Konzert-Event der Welt. Zieht man den Lokalpatriotismus ab, bleibt immerhin eines der größten Musikfestivals in den USA.

Auch außerhalb der Festivalsaison präsentiert sich Austin als "Live Music Capital of the World": Jeden Abend finden über die Stadt verteilt mindestens 100 Konzerte statt. Von Klassik bis Rock, Folk und Jazz, Country, Indie, Blues, Hip-Hop, Reggae, Bluegrass - you name it! We play it!

Mehr als zehn Prozent der Einwohner von Texas sind deutscher Abstammung, das sind etwa 2,5 Millionen Menschen. Wie alle Nachfahren von Einwanderern tanzen auch die "deutschen" Texaner gerne zu jener Musik, die in der Heimat ihrer Vorfahren zum Zeitpunkt der Auswanderung populär war.

In deutschen Landen und bei den Untertanen des österreichischen Kaisers hießen die Dancefloor-Fillers im frühen 19. Jahrhundert: Polka, Walzer und ein Hüpftanz namens "Schottischer". Aus diesen Wurzeln sprießen zwischen Houston und San Antonio Blüten, die auf der von Thomas Meinecke exzellent zusammengestellten Compilation "Texas Bohemia Vol. I - Polkas Waltzes Schottisches / The Texas Bohemian-Moravian-German Bands" (Trikont US-0201/ ) zu finden sind.

Von Polka bis ZZ Top

Ein Pendant zur deutsch-böhmischen Polka-Nostalgie bilden die Einwohner mit spanischen und/oder mexikanischen Wurzeln - also jeder dritte Texaner. Eines ihrer Sprachrohre ist der 1939 geborene Akkordeon-Spieler Flaco Jimenez. Sein Hispano-Rock'n'Roll ist ein Cocktail aus Polka, Rumba, Walzer, Bolero und Blues. Die wesentlichen Sound-Merkmale sind: Knopf-Akkordeon, akustische Bassgitarre, knochentrocken klingende Drums mit straff gespannten Fellen.

Für zwei Drittel der Texaner ist diese Musik nur "Tex-Mex", ein Mischwort aus "Texas" und "Mexiko". Das übrige Drittel bezeichnet sie lieber als "Conjunto" - das spanische Wort für "Gruppe". Zur Einstimmung empfiehlt sich die CD "Ya Volvi De La Guerra / He'll Have To Go" (Me & My Records 0681833 / in-akustik), auf der Flaco Jiménez solche biederen Country-Schnulzen wie "Crying Time" mit Conjunto-Stilmitteln würzt.

Die Werkzeuge der Country-Music waren von irischen und englischen Einwanderern mitgebracht worden: Banjo, Fiddle und andere Saiten-Instrumente. Im Südosten der USA entwickelten sie damit die Bluegrass-Music. In den Vergnügungsvierteln rund um die texanischen Ölfelder wurden die wehmütigen Bluegrass-Melodien rhythmisch aufgepeppt zum Honky Tonk (Slang-Ausdruck für "Kneipe"). Bob Wills und seine Texas Playboys verfeinerten den Honky Tonk zum Western Swing und inspirierten damit Elvis Presley und andere Rock'n'Roll-Erfinder.

Mit "Deep In The Heart Of Texas" sind Bob Wills und seine Texas Playboys vertreten auf "Greetings From Texas" (Bear Family ACD 25011 AH). Mehr Texas auf einer CD ist kaum möglich, das Repertoire dieses Country-Samplers reicht von der "Yellow Rose Of Texas" eines Roy Rogers über "Texas Tornado" und "Texas Lullaby" bis hin zu "Texas In My Soul" von Willie Nelson.

Der Willie Nelson. Markenzeichen: lange weiße Haare, gebunden zu zwei Zöpfen. Und eine Gitarre, die der Sänger mit dem Outlaw-Image im Laufe von mehr als einem halben Jahrhundert schrottreif geschrammelt hat. Als Leitwolf wurde Nelson Anfang der 1970er Jahre von einer Reihe zorniger junger Barden anerkannt, die die Country-Hochburg Nashville (Tennessee) verließen, weil sie endlich singen wollten, wie ihnen der Schnabel gewachsen war. In der damals aufstrebenden Musikmetropole Austin fanden sie eine Atmosphäre vor, die an die kalifornische Flowerpower-Zeit erinnerte.

Aber Kris Kristofferson, Waylon Jennings und die übrigen "Nashville-Flüchlinge" verblassen hinter Calvin Russell, geboren 1949 in Austin. Sein Narbengesicht und seine Reibeisenstimme sind vom Leben noch prägnanter gezeichnet als Willie Nelsons Gitarre. In der CD&DVD-Box "Calvin Russell: A Man In Full" (Last Call 309 2482 / Fenn) präsentiert der country-rockende Singer-Songwriter sein Gefühlsleben und seine texanische Heimat überwiegend aus der Perspektive eines Underdogs.

Aber es geht noch weiter runter: Huddie William Ledbetter (1888-1949), besser bekannt als Leadbelly, arbeitete als Sänger im Rotlichtviertel von Dallas und wurde 1925 wegen Mordes zu 30 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Seine romantisch verbrämte Biografie erzählt, dass er begnadigt wurde, weil Leadbellys Gesang den Gourverneur von Texas bei einer Gefängnis-Besichtigung tief berührt haben soll. "Leadbelly: The Definitive" (SBL 506 / Soulfood) vermittelt wegen aufnahmetechnischer Mängel nur wenig von dieser Herzenswärme, aber seine Bedeutung als lebendiges Folksong-Archiv ist hier bestens dokumentiert.

Ein anderer Afro-Texaner, dem die Rock- und Jazz-Musiker - oft ohne es zu wissen - viel zu verdanken haben, ist der Sänger und Gitarrist Sam "Lightnin'" Hopkins (1912-82). Mit seinem sonor genuschelten Talkin' Blues beeinflusste er einen Bob Dylan ebenso wie die heutige Rapper-Generation. Im Houston County, wo Hopkins die meiste Zeit seines Lebens verbrachte, steht eine Statue, die ihn mit Sonnenbrille, Zigarre im Mundwinkel und Gitarre auf dem Schoß darstellt. Als klingende Denkmäler sind seine - überwiegend spartanisch rau produzierten - Aufnahmen auf mehr als 100 Tonträgern zu hören. Jedoch nur das digital sorgfältig restaurierte Album "Lightnin' Hopkins: Goin' Away" (JVC XR-0211 / Sieveking) kann die Sound-Ansprüche eines heutigen CD-Hörers wirklich befriedigen.

Aus Houston kommt auch Billy Gibbons, Sänger und Gitarrist von ZZ Top. Diese als amtlich geltende "Lil' ol' blues band from Texas" lockt seit den 1970er Jahren große Massen in die Football-Stadien. Als Ausgangsmaterial für diese volle Dröhnung verwendet das Trio rüde Gitarren-Riffs, wie sie ursprünglich von texanischen Baumwollpflückern zur Feierabend-Unterhaltung gezupft wurden. Die Doppel-CD "The Very Best Of ZZ Top" (Warner Bros. 8122 78908-2) verbreitet bei bis zum Anschlag aufgedrehtem Volume-Regler eindrucksvoll die künstlerische Botschaft: Everything is bigger in Texas.

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Autor:
Winfried Dulisch