Dallas Der Schauplatz des Kennedy-Attentats

Ein weißes Kreuz markiert den Punkt am Dealey Plaza. Man sagt, die USA hätten hier ihre Unschuld verloren. Am 22. November 1963 wurde Präsident John F. Kennedy genau an dieser Stelle erschossen. Das Attentat löste ein nationales Trauma aus - und ist seit Jahrzehnten die größte Touristenattraktion in Dallas.

Das auf die Straße gepinselte Kreuz ist wohl einer der am meist fotografierten Orte in der texanischen Metropole. Jeder möchte da stehen, wo JFK einst in den Kopf geschossen wurde. Gerade werden mal wieder lustige Gruppenbilder gemacht. Danach begutachten die Touristen einige Meter weiter kleine Ölflecken auf der Straße. Handelt es sich vielleicht um das getrocknete Blut des US-Präsidenten? Das gegenüberliegende John F. Kennedy Memorial Plaza vom Architekten Philip Johnson interessiert die vier Männer aus New York weniger. Eigentlich sind sie für das All-Star-Game der Basketball-Liga nach Dallas gekommen. "Aber hey", sagt einer der Sportfans. "Das hier muss man doch gesehen haben, oder?"

Das Kennedy-Attentat ist für Dallas Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist es nicht schön, immer im Zusammenhang mit einem toten Präsidenten erwähnt zu werden. Anderseits zieht der Mord an JFK die Touristen in die Stadt. Auch wenn man das nicht gerne zugibt. Früher trafen sich in Dallas lediglich die Ölbarone zum Geschäftemachen, jetzt kommt die Welt zum Tragödientourismus. Die ganzen schönen Museen voll moderner Kunst, das Dallas World Aquarium oder die Southfork Ranch sind lediglich schmückendes Beiwerk. Wer Dallas besucht, der pilgert zum denkmalgeschützten Dealey Plaza. Das hat sich nicht geändert und wird sich auch nicht ändern.

Mehr als 325.000 Besucher wandern jährlich durch das kleine Sixth Floor Museum. Der sechste Stock des ehemaligen Lagerhauses für Schulbücher bietet den besten Blick auf den Tatort. Schließlich feuerte hier Lee Harvey Oswald die tödlichen Schüsse auf JFK ab. Die Ecke, in der der Attentäter sich einst versteckte und auf den Autokorso des Präsidenten wartete, wurde mit ein paar Pappkartons möglichst detailgetreu wiederhergestellt. Das sieht nicht wirklich spektakulär aus, aber die Menschen verharren trotzdem in andächtiger Stille, während eine Webcam 24 Stunden am Tag live den Blick aus dem Fenster auf den Dealey Plaza ins Internet überträgt. Letzteres ist auch eher langweilig, schließlich ist kaum damit zu rechnen, dass ein weiterer US-Präsident an dieser Stelle sein Leben lassen muss.

Waren es die Russen oder Fidel Castro?

13,50 Dollar kostet der Eintritt ins Sixth Floor Museum, das es seit 1989 in Dallas gibt. Dafür gibt es zum Glück mehr als eine kleine Ecke voller Pappkartons. Über 25.000 Ausstellungsstücke wurden zusammengetragen. Natürlich kann man den berühmten Zapruder-Film und den Orville-Nix-Film sehen, in denen das Attentat verwackelt in Farbe zu bestaunen ist. Es gibt Krankenhausunterlagen, Ermittlungsakten, Zeitungsausschnitte, Fotografien, Waffen und Kameras zu besichtigen. JFK, Ehefrau Jackie, Lee Harvey Oswald, Jack Ruby - der gesamte Attentatskosmos wird erklärt. Eine großartige Audiotour mit Zeitzeugen und original Tondokumenten liefert weitere Informationen.

Die zahlreichen Verschwörungstheorien zum Kennedy-Attentat dürfen im Sixth Floor natürlich auch nicht fehlen. War es die Mafia, der Russe, das FBI oder gar Fidel Castro? Gab es mehrere Schützen oder doch nur Oswald? Und warum erschoss Ruby den Attentäter? Auf einer großen Tafel werden all diese Fragen gestellt. Antworten liefert allerdings auch das Museum nicht. Die wilden Spekulationen dienen eher der guten Unterhaltung. Ein wenig Show muss sein.

In einer dunklen Ecke wird ein bewegender Film über die Beerdigung Kennedys gezeigt. Manch einer kämpft hier mit den Tränen. Aus Touristen werden wieder Traumatisierte. Auch wenn sie nicht einmal 30 Jahre alt sind. Einige der Besucher verewigen sich später im Gästebuch des Museums. "Der Mann starb hier, aber seine Träume leben weiter", steht dort geschrieben. Aber auch "Frohes neues Jahr" oder "Die Sowjetunion und die Mafia haben JFK umgebracht".

Im unvermeidlichen Souvenirladen des Sixth Floor kommt der texanische Geschäftssinn wieder zum Vorschein. Es ist fast schon pietätslos, was alles mit dem Konterfei Kennedys und im Zusammenhang mit dem Attentat verkauft wird. Schlüsselanhänger, Kaffeetassen, Poster - das Museum bietet das volle Nippesprogramm. Sogar eine Schmuckkollektion, die den Geschmeide von Jacqueline Kennedy nachempfunden ist, steht zum Verkauf.

Auch vor dem Eingang des Museums werden mit dem Attentat ein paar schnelle Dollar verdient. Bei gutem Wetter warten hier die inoffiziellen Hüter der JFK-Geschichte. Sie verkaufen "Historic Journals", und für ein paar Dollar obendrauf gibt es auch noch ein paar schmutzige Details aus dem Präsidentenleben sowie eine Einführung in die beliebtesten Verschwörungstheorien. An Kundschaft mangelt es ihnen nicht.

Aber nicht nur die Touristen packt die morbide Faszination, wenn es um das Attentat geht, selbst die Bürger von Dallas sind dieser nicht abgeneigt. Bestes Beispiel ist das "Lee Harvey's". Die runtergekommene Kneipe liegt im Süden von Dallas. Während in den Nachbarstraßen offen mit Crack gedealt wird und man hier nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht mehr herumwandert, erfreut sich die düstere Pinte großer Beliebtheit in der alternativen Szene der texanischen Stadt.

An Wochenenden ist das "Lee Harvey's" brechend voll. Der Grund für die Beliebtheit ist nicht die minimalistisch bestückte Jukebox oder das günstige Bier, sondern das Gerücht, in dem Haus hätte früher der Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald gewohnt. "Das ist der totale Quatsch", sagt der Barmann und schüttelt lachend den Kopf. "Aber solange deshalb die Leute kommen, ist mir das ziemlich egal."

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Autor:
Denis Krah