Kopenhagen Strandweg am Øresund

Beim Neujahrsspaziergang am Strand von Bellevue fielen uns drei ältere Herren in weißen Bademänteln auf. Schwungvoll gingen sie mit Champagnerflasche und Gläsern den reifbedeckten Strand entlang, dem Badesteg entgegen. Dort erhoben sie die Gläser, zogen ihre Frotteemäntel aus und sprangen, einer nach dem anderen, kopfüber in den Øresund. Die Herren schwammen ein paar Züge, dann kletterten sie zurück auf den Steg, zogen ihre Bademäntel wieder an und verschwanden eilig in einem der kleinen Bootshäuser. Das Ganze wirkte wie ein alter Neujahrsbrauch unter Freunden. Am Strandvej hat so etwas Tradition. Hier paart sich von jeher das Mondäne mit dem Drang ins Freie, der Hang zum guten Leben mit einer Dosis Sportsgeist.

Kopenhagen hat es gut; es hat seine Riviera gleich vor der Haustür. Strandvejen, Strandweg also, heißt die 42 Kilometer lange Straße, die von Kopenhagen hinauf nach Helsingør führt, den schmaler werdenden Øresund entlang. Der Strandvej zeugt von altem Glanz und neuem Geld, von dänischem Klassizismus und funktionaler Architektur, von Gartenkunst und einer verfeinerten Kultur der Muße. In einem Strandvej-Buch aus den dreißiger Jahren wird frohgemut der Wettbewerb mit Paris aufgenommen - und gewonnen. Während die Pariser es weit an ihre Strände hätten, haben die Kopenhagener sie ganz nah. "Der Strandvej mit all seinen Herrlichkeiten liegt vor unserer Tür", heißt es schwärmerisch, "es ist der Ort, wo sich die ganze Stadt trifft, wo das Fahrrad mit dem Rolls Royce um die Wette fährt, und wo am Sonntag zwischen den monumentalen Villen der Reichen Bier und Butterbrote ausgepackt werden."

Den Rolls Royce sieht man inzwischen seltener, aber sonst stimmt die Szenerie noch heute.Die Straße, an der sich die schönsten und teuersten Häuser Dänemarks aneinander reihen, ist Kopenhagens bevorzugter Wohnort und sein beliebtestes Ausflugsziel.

Hier liegen die traditionellen Lustbarkeiten, Dyrehave - der Tiergarten -und Bakken, die Strandbäder von Charlottenlund und Bellevue, alte Bade- und Kurhotels und die Landgasthöfe, Kro genannt.Wem nach sportlicher Betätigung zumute ist, für den bietet sich die klassische Radtour von Kopenhagen nach Helsingør an. Am Wendepunkt gönnt man sich eine Eiswaffel und radelt dann die 42 Kilometer zurück. Ein "Luftventil" für die Stadt sei dieser Weg, sagt Niels, der mit seiner Familie in Espergærde wohnt, in Kopenhagen Philosophie unterrichtet und zum Ausgleich gern mit dem Rennrad zur Arbeit fährt.

Strandvejen, das Wort lässt an üppige Heckenrosen denken, an pastellfarbene Badehäuschen, ledrig gebräunte Allwetterkörper auf Badestegen, an Strandfeste in lauen Juninächten, an Bootshäfen und Segelfreuden. Wer hier wohnt, der rudert, surft, segelt und schwimmt - und ist meist Mitglied einer Badevereinigung, was ihm die Nutzung von Stränden erlaubt, zu denen Fremde keinen Zugang haben.

Gern beginnt man seinen Tag mit einem frühmorgendlichen Gang zur Badestelle. Körperkult steht hier hoch im Kurs. Als Lohn der Ertüchtigung winkt dem Strandvej-Menschen, wie es scheint, die ewige Jugend. Andererseits stehen die Bewohner dieser Gegend seit jeher unter Verdacht, dem Wohlleben zu frönen. So nennt man das Areal nördlich von Kopenhagen gern den "Whiskybælt", den Whisky-Gürtel, weil die Leute hier schon teure Spirituosen konsumierten, als dies in Dänemark noch Privileg der "happy few" war. Aber das Klischee stimmt nicht mehr ganz. Erstens, weil inzwischen das ganze Land die Freuden der gehobenen Lebensart entdeckt hat, zweitens, weil man am Strandvej jetzt den körperbetonten Hedonismus neuen Stils pflegt.

Grob gesprochen, lässt sich der Strandvej von Süd nach Nord in drei Abschnitte gliedern. Der erste, noch städtisch geprägte Teil reicht von Tuborg Havn bis nach Klampenborg und ist in vieler Hinsicht Arne Jacobsens Reich - auch wenn andere Bauten den Blick genauso auf sich ziehen, so etwa die türmchenbewehrte Gründerzeitvilla Rydhave am Strandvej 259, in der Besatzungszeit Sitz des deutschen Reichsbevollmächtigten Werner Best und heute Residenz des amerikanischen Botschafters. Vieles hat Jacobsen, der Architekt und Designer, im nördlichen Kopenhagen gebaut.

Vor allem die Jacobsen-Tankstelle in Skovshoved Havn ist zu einer Ikone funktionalen Designs geworden. Mit ihrer pilzförmigen Vordachkonstruktion, ihrer weißen Klinkerverkleidung und der großen Uhr auf der Frontseite erinnert die Tankstelle, die 1938 gleichzeitig mit der neuen Küstenstraße gebaut wurde, ein bisschen an die Bastelarbeit eines erfinderischen Kindes. Ins Auge fällt dem Besucher natürlich auch die Wohnsiedlung Bellavista, die Jacobsen 1934 westlich des Strandvej in Klampenborg fertig stellte, ein kreideweißer Komplex aus lauter Kuben, zu dem 68 Wohnungen, ein Theater, ein Restaurant und das Strandbad gehören, eine weiße Stadt für sich. Hinter Klampenborg fängt das klassische Mittelstück des Strandvej an, die Villen, Herrenhäuser, Sommerresidenzen und Badehotels von Taarbæk über Skodsborg nach Vedbæk und Rungsted. Unübersehbar das monumentale Skodsborg-Kurhotel, noch eine weiße Stadt, in deren weitläufigem Inneren alles im Dienst der Wellness steht. Weiter nordwärts passiert man Schlösschen, Paläste und Landsitze mit Namen wie Rosenlund, Sølyst und Miramare.

Fast jedes Haus an dieser Küste hat nicht nur einen Namen, sondern eine unverwechselbare Vita. Etwa Strandridergården, der Strandreiterhof in Vedbæk. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde er vom königlich-dänischen Zoll als Wachhaus errichtet.

Dann kaufte ein reicher Weinhändler den Hof und errichtete auf seinem Grund einen palastartigen Neubau. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus der Villa ein Kinderheim, das bis heute existiert. Für den Umbau verantwortlich war damals Poul Henningsen, der Schöpfer der berühmten PH-Lampe und, neben Arne Jacobsen, der wichtigste dänische Designer des 20. Jahrhunderts. Beeindruckend auch Mikkelgaard, der Landsitz, den der Komponist Hakon Schmedes 1915/16 bei Kokkedæl errichten ließ, ein englisch inspirierter, vierkantiger Herrenhof, in dessen Stallgebäude sich eines der besten Restaurants befindet. Ein Haus ragt aus der Fülle besonderer Häuser noch heraus, Rungstedlund, das Domizil von .

Kunst am Sund, Leben am Strand

In den nun zugänglichen Privaträumen der Schriftstellerin mit ihrem Chintz, den Blumenarrangements und verblichenen Teppichen zeigt sich die Gegenwelt zu Jacobsens schnörkellosem und funktionalem Design. Mit der Literatur ist der alte Hof an Rungsteds Küste, gegenüber dem großen Yachthafen, schon lange verbunden. Im 18. Jahrhundert beherbergte er den Rungsted Kro, in dem einer von Dänemarks großen Lyrikern, Johannes Ewald, 1773 bis 1775 wohnte und seine Ode "Rungstedlunds Glückseligkeiten" schrieb. 1879 kaufte Karen Blixens Vater den Hof und 1885 kam hier Karen Christence Dinesen zur Welt. Nach Jahren als Farmerin in Afrika kehrte sie 1931 nach Rungstedlund zurück und widmete sich fortan der Literatur, ihrem Haus und dem dazugehörigen Park, den sie zum Vogelreservat erklärte. 1962 starb sie und wurde, so war es ihr Wille, auf einer Anhöhe im Park unter einer alten Buche begraben. Blixens Park und Haus sind wie ein magischer Bezirk, in dem bis heute die Hausherrin unsichtbar Regie führt.

Hinter Rungsted beginnt der dritte und letzte Abschnitt des Strandvej. Die Landschaft weitet sich, die Straße führt ein Stück vom Meer weg und der Goldküstenglanz verblasst ein wenig. Manche fühlen sich hier wohler. Niels wohnt am Gammel Strandvej, einem der Seitenwege, die direkt am Strand entlangführen, mit Stroh gedeckten Fischerkaten und Vorgärten voller Rittersporn und Stockrosen. Diese Seitenwege sind wie Nischen, sagt Niels, die der Strandvej für alle möglichen Leute und Lebensformen lässt; keineswegs nur für Millionäre. Hier oben hat sich eine Spezies eingenistet, für die das Wort von den "Kystbanesocialister" geprägt wurde, den Küstenbahn-Sozialisten.

Seit den siebziger Jahren sind Bohemiens, Intellektuelle und andere unbürgerliche Elemente an den nördlichen Strandvej gezogen, angelockt vom kurzen Reiseweg in der Küstenbahn und (damals noch) günstigen Immobilienpreisen. Architekten haben für wenig Geld die alten Fischerhäuser erworben und umgebaut. Noch sind die Handwerker und Fischer nicht verschwunden, aber dazwischen wohnen jetzt Minister oder Journalisten, und die Küstenbahn-Sozialisten haben Kinder bekommen, die jetzt selbst Familien gründen und auch am Gammel Strandvej wohnen möchten.

Auch sonst zieht es junge Familien ins Freie. Tine, die Freundin unserer Tochter, ist mit Eltern, Geschwistern und Hund von Nørrebro hierher gezogen. Fast sieht es im neuen Zuhause aus wie in Astrid Lindgrens Villa Kunterbunt. Die Requisiten dieses Wohnstils kann man in Charlottenlunder Einrichtungsläden erwerben - als dänische Variante von "shabby chic".

Am Gammel Strandvej in Humlebæk hat Knud W. Jensen, ein Freund und Nachbar Karen Blixens, 1958 eine alte Villa gekauft, in der er sein Museum einrichtete. " " hieß der hundert Jahre alte Landsitz. Sein Erbauer war dreimal verheiratet, und jedes Mal mit einer Louise.

Jensens Idee war, dass man Kunst in unmusealer Umgebung erleben solle, in einem Landhaus mit großem Park. Aber weil er ein rastloser Sammler und großer Organisator war, wurde das Museum schrittweise erweitert - auch jetzt wird wieder gebaut. Was ursprünglich ein Museum für dänische Kunst werden sollte, hat sich zu einer umfassenden Sammlung der klassischen Moderne mit großen internationalen Wechselausstellungen ausgeweitet. Kunst ist in Louisiana das eine, die Schönheit des Ortes - mit der Hanglage am Sund, dem alten Park, den Farben von Wasser und Wolken - das andere. Mit Picknickkörben macht man es sich im Museumspark bequem, durch die Fenster des Konzertsaals schaut man auf vorbeiziehende Schiffe. Durch eine Drehtür verlässt man den Museumsbezirk und ist schon am Strand. Boote vom nahe gelegenen Ruderclub ziehen vorbei, Sportangler geben sich der Muße hin, Kinder lassen sich von der Kühle des Sunds nicht schrecken. Am Strandvej lässt es sich leben.

Autor:
Christoph Bartmann