Fast Lane Lieber Zug statt Flug

Die letzte, wegen Ostern verkürzte Arbeitswoche begann für mich mit einem eindrucksvollen Auftakt, als ich im Hôtel des Bergues in Genf aufwachte, die Vorhänge zurückzog und von einem strahlend sonnigen Morgen begrüßt wurde, inklusive schneebedeckter Alpen, dem Jet d'eau (s. Fotostrecke zu dieser Kolumne, d. Red.) und flatternden Schweizer Kantonsflaggen.

Im Frühstücksraum des Hotels hatten meine Kollegen Pam und Andrew entsprechend sonnige Laune; Pam, weil es im Bergues einen ordentlichen Cappuccino gibt, und Andrew, weil er eh immer gut gelaunt ist. Pam ging den Ablaufplan für den Tag durch und Andrew seine Checkliste für redaktionelle und allgemein organisatorische Fragen der Juni-Ausgabe von . "Die Illustrationen für die Rad-Geschichte aus Taipei?" Sind da. "Die Grafik mit der Abbildung einer elektrowagenfreundlichen Zukunftsstadt?" Fehlt noch.

Draußen überlegten wir, zu unseren ersten Termin zu Fuß zu gehen, aber Pam hatte keine Lust auf flache Absätze und so sprangen wir in ein Taxi und machten uns auf den Weg zu unserem Treffen.

An einem guten Tag läuft Genf so reibungslos wie die Uhren-Unternehmen, die hier beheimatet sind. An einem schlechten Tag verstopfen Massen an Ferraris mit Nummernschildern aus Katar, klapprige Taxis und aggressive Busse die Straßen und sorgen für ein totales Verkehrschaos. Zum Glück hatten wir die Variante eins erwischt, als wir uns durch die Stadt bewegten. Später hatten wir dann Zeit aufzuholen, die wir bei einem köstlichen wie langen Lunch im Speisesaal einer von Genfs muskulöseren Zeitmesser-Marken eingebüßt hatten.

Um 16 Uhr teilten wir uns - Pam und Andrew machten sich auf den Weg zum Cointrin Flughafen, um zurück nach London zu fliegen, ich blieb in der Hotelbar, um ein paar Gläser Sancerre mit einem befreundeten Diplomaten der deutschen UN-Mission zu trinken. Im Nachhinein hätten wir uns die Diskussion "Indien oder Brasilien" vielleicht lieber für einen späteren Zeitpunkt aufsparen sollen. Kurze Zeit später nämlich saß ich fluchend auf dem Rücksitz eines Taxis, das gen Cointrin kroch, von wo aus mein Flug nach Kopenhagen um 20 Uhr starten sollte. Es war schon 19.30 Uhr, als ich mich schließlich dem SAS-Schalter näherte und versuchte, noch einzuchecken.

Obwohl die Mitarbeiterin recht zuversichtlich schien, dass ich noch an Bord könne, war ich mir dessen nicht so sicher. Und während Sie den Telefonhörer in die Hand nahm, um zu klären, ob ich den Flug noch erwischen würde, überlegte ich bereits, wie ich rechtzeitig für meinen Vortrag um 9.30 Uhr am nächsten Morgen nach Kopenhagen gelangen könnte; eine Wiederholung meiner positiven Check-In-Erfahrung in São Paulo vor einigen Wochen war das nicht gerade.

Auf dem Weg zum Ticket-Schalter beschloss ich, mich der - wie ich aus Erfahrung wusste - großen Herausforderung zu stellen, mir meine frühlingshaft gute Stimmung weder durch mehrfache Anschlussflugverbindungen noch durch mürrischen Kundenservice verderben zu lassen - egal wie logistisch absurd das Ganze sich gestalten sollte. Obwohl sie eigentlich Zugriff auf eine Tastatur hatte, erwies sich die junge Dame als wenig hilfreich und ich musste ihr gut zureden, weniger offensichtliche Verbindungen nach Kopenhagen rauszusuchen.

Im Hotel riecht's nach inkontinenter Katze

Am Ende sagte ich ihr, ich würde mich einfach selbst drum kümmern, verließ den Terminal, fuhr eine Rolltreppe hinunter und stieg in einen Zug nach Zürich. Ich hatte den gesamten doppelstöckigen Wagen für mich allein und richtete mich, bewaffnet mit meinen Lieblingszeitungen, Swisscom wi-fi und einem uninspirierten, aber akzeptablem Salat von Migros für die Fahrt ein.

Ich hätte auch einen frühen Flug am nächsten Morgen nach Zürich nehmen können, aber die dreistündige Reise verging wie im Flug: Ich erleidigte meine Arbeit, erhielt Berichte über die Flut in Rio von meinem Editor-Freund Ricardo in São Paulo und beantwortete Mails zu meiner Kolumne von letzter Woche. Als der Zug dann im Züricher Hauptbahnhof einrollte, wäre ich am liebsten sitzen geblieben und hätte fröhlich den ganzen Weg über Frankfurt, Hamburg und schlussendlich Kopenhagen weitergearbeitet oder vor mich hingedöst.

Die sonnige Stimmung des Tages war allerdings endgültig Vergangenheit, als ich in das ziemlich neue Radisson eincheckte, das an eine Seite des Züricher Flughafens geklebt worden ist. Der Geruch in meinem Zimmer haute mich von den Socken - der Raum schien auch als Unterkunft für inkontinente Katzen zu dienen.

Ja, ja, ich weiß, allein der Gedanke, in einem Flughafenhotel abzusteigen, war natürlich falsch. Ich hätte einfach auf meine vertraute, zuverlässige Adresse im Stadtzentrum setzen sollen. Aber die Aussicht, eine Stunde länger schlummern zu können, dann nur aus dem Bett zu rollen und direkt in den Terminal zu gehen, verführte mich dazu, einmal etwas Neues auszuprobieren. Nie wieder!

Sechs Stunden später guckte ich mir aus Angst, immer noch nach Katzenpisse zu müffeln, die einsamste Ecke des Terminals aus und ging dann etwas verlegen an Bord des Flugzeugs nach Kopenhagen. Als wir 90 Minuten später in Kastrup landeten, kehrte auch meine ursprünglich sonnigere Laune zurück; keine Kinder hatten sich die Nase zugehalten und dabei auf mich gezeigt, und zu meinem Vortrag hatte ich es auch gerade noch rechtszeitig geschafft.

Weitere vier Stunden später war ich wieder in Kastrup und freute mich auf den Rückflug nach Hause - bis ich eine frühnachmittägliche Schlange entdeckte, die sich kaum bewegte. Ich studierte sie genau und stellte mich dann dort an, wo die Wartenden den professionellsten Eindruck machten (17 insgesamt). Eine halbe Stunde später näherte ich mich endlich der Kontrolle, der Flug schloss schon und plötzlich war wie von Zauberhand der Zeitpunkt für einen Schichtwechsel gekommen.

Überflüssig zu sagen, dass ich den Flug verpasste, während meine Tasche auf ihren Rollen stehen blieb und die Angestellten sich darüber unterhielten, was sie zu Mittag gegessen hatten.

Passiert so etwas, wenn ein öffentliches, serviceorientiertes Unternehmen privatisiert wird? Vielleicht. Auf dem Weg zur Umbuchung bewölkte sich der Himmel über dem Øresund und Kopenhagens Strahlen wurde schwächer.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé