Wattenmeer Feind zwischen Holland und Dänemark

Manchmal kam der Nebel schneller, als wir laufen konnten. Du musstest ihn erkennen, lange bevor er dich erreichte. Im Westen ein blaugrauer Balken über dem Wasser und über ihm ein sonnenglänzender Rand. Das war der Nebel. Du musstest den Weg kennen. Und dann musstest du rennen. Denn der Nebel kam mit der Flut, das Wasser füllte die Priele, in wenigen Minuten wurden aus Rinnsalen Ströme, die dir die Beine wegrissen. Dann konntest du nur noch auf der Sandbank stehen und bei zwei Metern Sicht warten, wie das Wasser deine Füße umspülte, deine Knie, deinen Bauch …

Wir Kinder hatten großen Respekt vor der See, aber mehr noch vor dem Watt. Die See war gefährlich für die Fischer, im Sturm, und manchmal auch für die Deiche, aber das war selten. Das Watt war jeden Tag gefährlich, mehr noch, zweimal täglich, bei Flut. Wenn im Sommer die Urlauber kamen, hatte die DLRG alle Boote voll zu tun: Wattenwanderer, die zwischen den Prielen hingen und auch ohne Nebel zu ertrinken drohten, Damen, die ihre Krampfadern bekämpften, indem sie sich bis über die Knie im weichen Modder einstrampelten und dann feststellten, dass das Watt sie nicht mehr freigab. Nicht immer kamen die Lebensretter rechtzeitig. In Büsum gab es in den fünfziger und sechziger Jahren jeden Sommer Tote im Watt.

Wer an der Nordsee lebte, der fuhr hinaus auf See, weil er es musste. Aufs Watt ging man höchstens, um Miesmuscheln zu sammeln oder um Buhnen zu bauen. Fangzäune für Sand und Schlick, hinter denen aus dem Watt Land wurde. Eingedeichtes neues Land für Bauernhöfe, Hektar um Hektar dem Meer, dem Watt abgerungen. Ein gewaltiger Sieg über den Feind.

Der Feind war aber auch wertvoll, er lockte die Touristen an. Für sie räumten Familien Schlaf- und Wohnzimmer und nächtigten in der Sommersaison mit Kind und Kegel in der Küche. Man hat den Gästen aus Bottrop und Berlin damals nicht gesagt, was sie erwartete. Und sie stattdessen mit Blasmusik und lustigen Gesellschaftsspielen zur Wattenpolonaise geladen.

Es brauchte auch des Trostes. Wer aus grauer Städte Mauern an die Küste reiste und nach Überwindung des Deiches statt an den Strand ziehender Nordseewellen nur bis zum Horizont reichenden graubraunen Schlick sah, der fühlte sich betrogen. Denn das Watt ist nicht schön. Es ist fremdartig und schwer zu überschauen. Es ist heimtückisch. Es ändert sich ständig. Es ist unser Feind. Es ist Naturerbe der Menschheit.

Das Wattenmeer ist einzigartig, aber was der Anwohner in Jahren nicht recht erkannte, will dem Besucher erst recht nicht auf Anhieb ins Auge springen: Eine Landschaft, die es nicht noch einmal gibt auf der Welt, mit Tieren, die nur hier leben und brüten und säugen und aufwachsen und mausern und rasten. Nur manchmal standen wir schon als Kinder und staunten mit offenem Mund, wenn am Horizont wie riesige Rauchwolken die Vogelschwärme heranschwankten, großen, sich blähenden Körpern gleich, zu dunklen Faltenwürfen verdichtet und im nächsten Moment sich in glitzernde Leichtigkeit auflösend. Im Frühjahr und im Herbst, wenn Millionen Zugvögel die Küsten bevölkerten, dann sahen auch wir etwas von der erschütternden Schönheit dieser Zwischenwelt.

Noch öfter vielleicht, als dass wir sahen, ahnten wir, dass die Welt an dieser unsteten, offenen Grenze von Land und Ozean etwas Besonderes ist. Wenn etwa sich am Himmel das Spiel der beiden Lebenswelten auf heiterste Weise spiegelte: Da konnte man auf der Wiese liegen und der himmlischen Wolkenfabrik zuschauen. Von Westen kam klare, blaue Luft heran und hatte sich über dem Meer mit Wasser getränkt, das über Land kondensierte. Genau im Zenit bildeten sich die ersten kleinen Wolken, nach Westen dünn und zerzaust, nach Osten bauschig und dicht, und ganz im Osten, da schlossen sie sich zu grauen Regenwolken zusammen. Manchmal wurde einem schwindelig bei diesem Anblick, dann breiteten wir unsere kurzen Arme aus, spannten den Rücken gegen den Boden und krallten die Finger ins Gras. Wir mussten uns festhalten, denn auf einmal spürten wir Erdenkinder die große Kugel unter uns, sie drehte sich.

Die Welt der Watten ist jung und im ständigen Wandel, Heimat der seltsamsten Lebensformen. Und sie ist kosmisches Ereignis: Der Mond, unter dessen Schwerkraft wir uns hinwegdrehen, zieht das Wasser an und lässt es wieder los. Er da oben macht Ebbe und Flut, und wir hier unten staunen.

Es ist die landschaftliche und biologische Einzigartigkeit, die die Unesco zur Auszeichnung des Wattenmeers als Naturerbe der Menschheit bewogen hat. Etwas anderes mag hinzutreten: Diese Landschaft kann uns lehren, dass wir alle auf einem mittelgroßen Planeten leben, der zum größten Teil mit Waser bedeckt und Teil des Kosmos ist.

Man kann es hier mit Händen greifen.

Amrum - die Wüste und das Wasser

Eine richtige Reise ist eine, bei der man das Transportmittel wechselt. Mit dem Flieger nach Afrika und dann mit dem Jeep in die Wüste. Oder mit der Bahn nach Dagebüll, dann mit dem Schiff nach Wittdün und dann zu Fuß in die Wüste. Die Wüste heißt Kniepsand, sie liegt an der Westküste und umschließt Amrum wie in einer weiten fürsorglichen Geste. Der Kniep ist gewiss nicht das, was man landläufig als Strand kennt, er ist nicht der Teil des Landes, der sich zum Meer öffnet.

Seiner Entstehung nach ist dieses bis zu zwei Kilometer breite Sandland nicht einmal ein Teil der Insel, sondern eine von mehreren Sandbänken, die sich entlang der Grenze vom Wattenmeer zur offenen See gebildet haben. Nur liegt Amrum so weit westlich, dass es diese Sandbänke berührt.

Der Kniep ist mehr als acht Kilometer lang und an seinen breitesten Stellen kann dem Meeresurlauber Wunderbares passieren. An manchen Abenden im Sommer wird die Luft ein wenig diesig, und dann verschwinden die Grasbüschel, die man eben noch auf den Dünen erkennen konnte, dann ist der hauchdünne Saum, den man als Meer erahnen konnte, wie aufgelöst und dann steht man, allein mit sich im Nirgendwo. Phantasievolle Naturen könnten meinen, sie seien auf einen fremden Planeten versetzt worden. Sand ohne Ende, ein krachender Wind, der die Körner in flach verwirbelten Figuren von einem Horizont zum anderen weht, und monströse Einsamkeit. Es ist viel die Rede von den endlosen Blicken des Nordens, "Rüm haart, klaar kimming" lautet auch der Amrumer Wahlspruch, zu Deutsch "Tapferes Herz, weiter Horizont".

Aber dies hier ist etwas anderes, etwas Elementares, Prägendes. Um solche Erfahrungen zu meistern, steht dem marsianischen Amrum ein ganz irdisches zur Seite. Das Örtchen Nebel hat sich, von Dünen und Kiefern vorm ewigen Westwind geschützt, an die Wattseite der Inseln gekuschelt. Es liegt dort auf halber Strecke zwischen dem künstlich wirkenden Wittdün und dem sich irrtümlich mondän wähnenden Norddorf.

Nebel beschreibt nicht etwa die Wetterlage, sondern bedeutet neuer Ort, denn es ist ein wenig jünger als Süddorf. Erst spät hat sich hier Fremdenverkehr angesiedelt, noch spürt man den Charme des Seefahrerdorfes, besonders wenn man die Grabsteine der Walfänger auf dem Friedhof studiert. Dort finden sich ganze Lebensgeschichten, gewaltige Abenteuer, wie die von Hark Olufs, der verschleppt und versklavt wurde, aber nach vielen Jahren steinreich und in orientalischer Pracht auf seine Insel zurückkehrte.

Aus dieser Zeit um 1700 stammt auch die Einrichtung des "Öömrang Hüs", des Heimatmuseums. Das Haus gehörte einst einem Kapitän, die mit kunstvollen Fliesen geschmückten Wände der "dörnsk", der guten Stube, zeigen unter anderem sein prächtiges Schiff. An diesem Begriff zeigt sich auch schon die sprachliche Besonderheit: Hier wird nicht nur Friesisch gesprochen, sondern Öömrang, seine Inselvariante, die nur für Amrumer und Föhrer verständlich ist. Schon Sprecher des Sylter Friesisch haben mit dem Öömrang Probleme.Versuchen Sie es gar nicht erst.

Öömrang Hüs, Nebel, Waaswai 1, Sonntag geschlossen, Anmeldung für Gruppen: Tel. 04682 2118

Norderney - die Kanzler und die Dünen

Die Reichskanzler von Bülow und Bismarck waren hier, die Bundeskanzler Kiesinger, Brandt, Kohl und Schröder. Sie alle standen vor dem Denkmal, das zur Reichseinigung 1871 errichtet wurde. Eine steile Pyramide aus Steinen, die aus 61 Städten, Ländern und Gemeinden des neuen Reiches geschickt worden waren. Auf einem Podest stand früher eine Büste von Kaiser Wilhelm, heute steht dort eine Möwe als Skulptur.

Dieses wohl das hässlichste Denkmal Deutschlands schadet Norderney nicht. Noch immer hat das einzige deutsche Nordseebad mit ernst zu nehmender Bäderarchitektur eine besondere Atmosphäre. Die seit 1797 "Königlich-Preußische Seebadeanstalt" vereint den Glanz einer alten Zeit mit dem Licht des Wattenmeers, beide zusammen legen besonders an kühlen Tagen der Nebensaison einen geradezu wehmütigen Schimmer über die Insel. Die zweite Besonderheit: Die Stadt liegt ganz im Westen, der Rest ist Wildnis.

Es gibt hier zum Ausgleich noch ein anderes Denkmal. Das ist zwar von Arno Breker, zeigt aber Heinrich Heine.

Neufeld - der Deich und der Grog

Noch immer fahren die Urlauber an Neufeld vorbei. Dabei ist es, hat man erst Hamburg hinter sich gelassen, die erste Gelegenheit, in Schleswig-Holstein ans Meer zu kommen. Neufeld liegt dort, wo die Elbe nicht mehr als Fluss zu erkennen ist und die See beginnt.

Auf dem Deich steht unter alten Bäumen die Gaststätte "Op'n Diek" und bietet Fisch- und Krabbengerichte an, zum Beispiel Aal mit Schwarzbrot und einen ausgesprochen steifen Eiergrog. Wer den genossen hat, kann auf den Deich hinaustreten und mit gestärktem Blick über den kleinen Hafen schauen, den breiten Priel, der zu ihm führt; er kann sich umdrehen und auf die kleinen Häuser hinunterschauen und Luft holen.

Mehr ist über Neufeld nicht zu sagen. Höchstens, dass es einmal im Jahr ein "Lustvogelschießen" gibt, bei dem mit der Armbrust auf einen Holzadler geschossen wird. Recht speziell. Das ist aber nun wirklich alles. Wem das nicht reicht, der muss weiter nach Friedrichskoog, da ist mehr los. Oder nach Büsum, da geht's ab. Nicht in Neufeld: "Bliev so, as du büst, de smuckste lütt Steed wiet un siet an de Küst", schrieb der Heimatdichter Emil Hecker. So soll es sein.

Gaststätte: Op'n Diek 3, Neufeld, Tel. 04851 1840, Montag Ruhetag