Dänemark Die Karibik der Ostsee

Ein Familienurlaub ist normalerweise eine höchst komplizierte Sache. In die Planung fließen Vorlieben der Kinder und Erwachsenen ein, die schon im Vorfelde zu erhitzten Diskussionen führen. Bei diesem Urlaub ist alles anders. "Wir fahren in die Dänische Südsee," sage ich zu meiner fünfjährigen Tochter Polly. "Au ja, wann fliegen wir?", ist ihre knappe Antwort. Ehe ich etwas sagen kann, packt sie Surfkleid, Flip Flops und den Sonnenhut in ihren Mini-Trolley.

Es geht zwar in die Südsee, aber ohne Flieger. Schließlich liegt unser Ziel nur zweieinhalb Autostunden von Hamburg entfernt. Mit dem Begriff Dänische Südsee meinen wir den Seebereich südlich von Fünen einschließlich Ærøskøbing, Langeland und der vielen Inseln dazwischen. Wir gleiten von der Autofähre hinab aufs Festland von Fünen - sofort spüren wir den gemächlichen Takt, in den man als Urlauber verfällt. Hier gibt es weder Hektik, noch Autogehupe, nur das Rauschen von Rapsfeldern im Wind - und das Gezeter der allgegenwärtigen Seemöwen.

Unser Weg führt uns erstmal in die größte und wohl auch schönste Stadt der Insel, nach Odense. Hier zeugen die historischen Gebäude, wie beispielsweise die Sankt Knuds Kirke, vom mittelalterlichen Gesicht der beschaulichen Stadt. Aber deswegen sind wir ja nicht da, sondern, um den größten Sohn der Stadt zu besuchen: Hans Christian Andersen.

Der Dichter, nach den Gebrüdern Grimm einer der bekanntesten Märchenerzähler der Welt, wurde hier geboren. Ein ganzes Museum widmet sich allein dessen Werk und Leben. Kinder wie Erwachsene tauchen schnell in die ganz besondere Welt von Klassikern wie "Des Kaisers neue Kleider" oder die "Kleine Meerjungfrau" ab. Für alle Neulinge in Sachen Andersens Märchen findet jeden Tag dreimal im Park hinter dem Museum ein Crashkurs statt. Vor der Bilderbuch-Kulisse eines kleinen Sees steht das Märchenschloss, aus deren Tür pünktlich um 15 Uhr Hans Christian Andersen erscheint.

Der Schauspieler Torben Iversen verkörpert seit über 20 Jahren und mehr als 5000 Vorstellungen den Dichter und führt unter dem Motto "20 Märchen in 20 Minuten" mit Zylinder samt Frack die H.C.-Andersen-Parade an. Nach und nach bevölkern Fabelwesen das kleine Schloss, alle der Fantasie des Meisters entsprungen. Unsere Tochter Polly lässt sich am Schluss noch mit der Prinzessin auf der Erbse fotografieren - das ganze Spektakel ist übrigens kostenlos.

Während Odense die einzige Großstadt auf Fünen ist, wird die Insel von weitläufiger Natur geprägt. Urlauber schätzen das Eiland in der Ostsee für lange Strandspaziergänge und Wanderungen im Landesinneren. Die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt wartet darauf, entdeckt zu werden. Und wo sich die originäre Natur nicht richtig betrachten lässt, da helfen Institutionen wie das Fjord- und Beltcenter in Kerteminde, das etwa 20 Minuten von Odense entfernt liegt.

Im Forschungs- und Vermittlungscenter für Dänemarks Förden und Belte lernen wir die Mysterien der Ostsee in einem 50 Meter langen Unterwassertunnel kennen. Das Fjord- und Beltcenter hält Seehunde und Schweinswale, um deren Verhalten zu erforschen. Dänische und ausländische Wissenschaftler beschäftigen sich das ganze Jahr über mit den Säugetieren. Im Gegensatz zu Delfinarien, schwimmen sie hier in einem großzügigen Areal in der Ostsee - vom Meer nur abgegrenzt durch Netze. Auch Freja und Eigil, die beiden Schweinswale, scheinen sich an diesem Ort heimisch zu fühlen - und vollführen ihre kleinen Kunststücke.

Am meisten Spaß bringt den Kindern aber das "Krebsefischen". In kleinen Bassins krabbeln die Schalentiere herum und müssen mit einer kleinen Angel gefangen werden. Dazu wird der Haken mit Muschelfleisch präpariert. Wer die meisten Krebse im Eimer versammelt, hat gewonnen. Polly müht sich, aber sieht die Tierchen lieber im Wasser schwimmen als im Eimer krabbeln.

Am nächsten Tag starten wir von unserem Hotel im malerischen Fischerort Faaborg in Richtung Strand. Auf dem Weg dorthin leuchten die typischen bunten Puppenhäuser entlang der Straße. Wir stoppen, holen uns aus einem der weit verbreiteten Holzverschläge vor den Häusern Erdbeeren heraus und stecken das Geld in einen kleinen Schlitz. Hausbesitzerin Merte tritt an die Tür und wünscht uns eine "hygge" Weiterfahrt. Der Begriff bedeutet "Gemütlichkeit" und ist eines der Lieblingswörter aller Dänen, das wir noch häufiger hören werden.

Als wir nach kurzer Fahrt von Fünen über die Brücke Langeland erreichen, steuern wir die Halbinsel Ristinge an. Hier liegt eines der schönsten Badeparadiese überhaupt, der 15 Kilometer lange Strand Ristinge Hale. Wer das türkisblaue Meer und die sanft abfallenden Strände sieht, dazu die bunten Häuschen hinter den Dünen, der wähnt sich vor einer Kitschtapete mit klassischen Südsee-Zutaten. Bis auf die fehlenden Palmen würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, bei dieser paradiesischen Aussicht in Nordeuropa zu sein. Das Wasser erwärmt sich schnell, so dass jeder den Sprung ins malerische Meer wagt. Übrigens wird es an Sommertagen schon mal 30 Grad warm - wie sich das für die "Südsee" gehört.

Autor:
Thomas Soltau