Dänemark Antiker Vergnügungspark auf Schloss Egeskov

Graf Michael Ahlefeldt-Laurvig-Bille liebt seinen Job als Schlossherr. An diesem Sonntag fährt er mit wehendem Haar auf einem Segway-Roller über sein riesiges Gut und winkt fröhlich den Besuchern zu. Jährlich zieht es 200.000 Touristen auf das Wasserschloss und in die dazugehörigen Gärten. Nicht nur das Anwesen mit seinen 66 Zimmern und 200 Fenstern verfügt über eine beeindruckende Historie - auch die bis zu acht Meter hohen Hecken im Park sind teilweise fast 300 Jahre alt. Der Schlossherr, dessen Vorfahren hier seit Jahrhunderten leben, ist ein Experte in Sachen Marketing. Rund 150 Angestellte sorgen in der Saison von Ende April bis Anfang Oktober dafür, dass die neuen Ideen des Grafen auch umgesetzt werden.

Denn anders als bei vergleichbaren Anwesen, die als Höhepunkt eine Schlossführung anbieten, hat Graf Michael sein Areal in ein antikes Disneyland für die ganze Familie verwandelt. Auf dem 20 Hektar großen Gelände in Kværndrup, etwa 20 Kilometer von der Svendborg entfernt, freuen sich Abenteurer, Nostalgiker und Kinder gleichermaßen über einen spannenden Tag. Neben dem Schloss mit seinen sehenswerten Räumen gibt es einen Hochseilgarten, ein Oldtimermuseum, einen großen Kinderspielplatz - und Draculas Gruft.

In diesem Jahr erwartet den Besucher zudem eine Zeitreise in das Jahr 1875. Dazu spielen Schauspieler die Geschichte des Schlosses auf dem Gelände in Originalkostümen nach. Ein absolutes Novum in der Geschichte des 1964 eröffneten Parks. "Egeskov hat eine phantastische Historie. Die möchten wir unseren Gästen gern erzählen. Sie können sich in die Geschichte einleben, und dazu wird der Park voller Schauspieler, Töne und Düfte sein, die zusammen die Stimmung von 1875 entstehen lassen," erklärt Michael Ahlefeldt.

Also treffen wir im Park immer wieder auf Stallknechte, Handwerker und Schlossbewohner, die ein munteres Bild von Leben in der Vergangenheit zeichnen. Das Publikum wird aktiv in die Rollenspiele einbezogen - so können Kinder erleben, welcher Unterschied zwischen den Kindern des Grafen und einem Stallknecht bestehen. Als Blaupause für das Projekt dient Astrid Lindgrens Themenpark im schwedischen Vimmerby, wo die Figuren der beliebten Autorin lebendig werden.

Ein Eichenwald als Fundament

"Unsere Aufgabe hier auf Egeskov ist jedoch noch umfangreicher, weil wir eine Geschichte vermitteln wollen, die nur wenige unserer Gäste kennen", erläutert der 45-jährige Graf, der als Schlossherr seine 19. Saison in dem 456 Jahre alten Gemäuer verbringt. Sogar ein Regisseur wurde engagiert, der Schauspieler und Laien koordiniert. "Immer wieder wollen neben den Schauspielern ganz normale Menschen mitspielen - wir versuchen sie dann zu integrieren."

Der agile Graf pflegt das Image seines Anwesens, das einst mit seinem bis zu fünf Meter tiefen Burggraben als Verteidigungsanlage diente. Dazu gehört auch die Förderung der Legendenbildung. Denn das in der Mitte eines Sees errichtete Schloss steht laut Überlieferung auf einem Fundament aus so vielen Eichenstämmen, das dafür angeblich ein ganzer Eichenwald gefällt werden musste.

Auf dem Dachboden des Treppenturmes liegt eine kleine Holzfigur mit großer Bedeutung. Der Sage nach darf diese nie von ihrem Platz entfernt werden und benötigt Weihnachten immer ein neues Stroh-Lager. "Anderenfalls soll Egeskov in der Heiligen Nacht im Graben versinken," betont Graf Michael mit ernster Mine.

Bislang steht es noch zur Freude der Touristen. Die würden sonst auch nicht in den Genuss von "Titanias Palast" kommen. Das wahrscheinlich märchenhafteste Puppenhaus der Welt steht im Schloss und wurde vom englischen Maler und Offizier Sir Nevile Wilkinson für seine kleine Tochter gebaut. Der eifrige Vater brauchte 15 Jahre, um den imposanten Palast aus 3000 Teilen und vielen kleinen Kunstschätzen zusammenzubauen.

Was den Kleinen den Glanz in die Augen treibt, ist für die Erwachsenen der Park mit seinen Renaissancegarten, Buchsbaumhecken, der größten Fuchsiensammlung von Europa und faszinierenden, uralten Labyrinthen.

Spätestens beim Blick in die ehemalige Scheune wird klar, dass Graf Michael neben der Natur ein Faible für Autos und Motorräder pflegt. Das jetzige Oldtimermuseum beherbergt zahlreiche herrliche Autos, Motorräder und Mopeds. Darunter befindet sich ein Jaguar XK 100, ein BMW 501, Jahrgang 1955, sowie ein Ford T 1916, Sondermodell Rajo-Rennwagen. Allein die Ausstellung mit Zweirädern von den 1920er-Jahren bis zu den 1970er-Jahren zählt zu den größten in Europa.

Graf Michael wäre kein Marketing-Profi, wenn er sich nicht einen krachenden Abschluss zum Ende des Tages überlegt hätte. Am späten Abend verabschiedet die alte Kanone auf dem Schlossplatz mit einem großen Knall seine Besucher. Nur noch getoppt durch ein großes Feuerwerk - fast wie in Disneyland.

Autor:
Thomas Soltau