Niedersachsen Wo auch Heinrich Heine kurte

Cuxhaven

Das Meer ist nicht weg. Noch immer nicht. Tausende Menschen warten an diesem Sonntag im August dicht gedrängt am Ufer. Auf der VIP-Tribüne verkürzen sich einige Damen die Zeit mit ein, zwei Gläschen Sekt, während ihre Gatten durch Ferngläser auf das grauschwarze Watt starren. Noch sind statt der Rennpferde nur ein paar Containerschiffe am Horizont zu sehen. Einer der Herren verkündet seufzend: "Auflandiger Wind. Dat kann dauern."

Erst wenn das Wasser den Meeresgrund vollständig freigegeben hat, kann das starten. Seit 1902 ist das Pferderennen der Höhepunkt der Cuxhavener Sommersaison, zu dem meist mehr als 30.000 Besucher anreisen. Doch auch an anderen Tagen wirkt der Duhner Strand nicht gerade verlassen: Kinder sammeln Wattwürmer in Eimern, junge Mädchen zischen mit Inlinern über den Deich, und Väter schwitzen beim Beachvolleyball. Niemand scheint das Wasser während der Ebbe besonders zu vermissen.

Die beste Idee war sicherlich das Stadion am Meer. Vor zehn Jahren kamen die Ersten mit dem Sportverein, jetzt bringen sie ihre Kinder mit. Inzwischen ist nach Angaben der Kurverwaltung der jüngste Urlaubsort Deutschlands. Das Strand-Stadion mit tausend Plätzen bietet Raum für Massen-Events, für eines der größten Beachvolleyball-Turniere Europas, den Nordsee-Lauf oder die Deutschen Meisterschaften im Beachhandball.

Endlich, das Meer ist weg. Ein Ruck geht durch die Menge, als die Traber über das Watt preschen. Pferdehufe wirbeln den Jockeys Schlamm in die Gesichter, die Wagenräder ziehen Gischtwolken hinter sich her. Die Damen auf der VIP-Tribüne stellen ihren Sekt beiseite und springen begeistert von den Sitzen.

Heinrich Heine kurte, scheint es, im falschen Jahrhundert in Cuxhaven. 1823 schrieb der Dichter an seine Schwester: "Es sind wenig Menschen hier, alles ist hier triste und ennuyant ... (langweilig, Anm. der Red.)". Damals weilte kaum jemand wirklich gern an der Nordsee. Man badete auf ärztliche Anweisung, fürchtete sich anfangs gar, so der Dichter, vor der "beweglichen Berggegend" und kam doch wieder, der guten Luft wegen.

"Mit meiner Gesundheit bessert es sich ... Das Salzwasserelement sagt mir zu. Es wird mir wohl und leicht zumut, wenn mein Kahn von den Wellen wie ein Ball hin und her geworfen wird ...", berichtete Heine drei Jahre später von der Insel .

Norderney

Der Kahn, der mich von Norddeich auf das ostfriesische Eiland bringt, ist eine Autofähre und pflügt gelassen durch die Wellen. Das Salz in der Luft macht hungrig. Nach zehn Minuten sind die Sandwiches ausverkauft.

Wie aus einem Ostfriesland-Werbespot tuckert ein roter Kutter vorbei. Der Fischer in schwarzen Gummihosen winkt. Kaum jemand grüßt zurück, weil auf der anderen Seite der bessere Film läuft: Auf einer Sandbank sonnen Seehunde ihre braun glänzenden Bäuche. Als im Dunst die Konturen Norderneys auftauchen, bemerkt eine Frau irritiert: "Da sind ja Hochhäuser!"

Norderney, einst Deutschlands erstes Nordseebad und im 19. Jahrhundert Sommerresidenz der Könige von Hannover, ist heute zweite Heimat der Nordrhein-Westfalen, die mit dem IC direkt bis zur Fähre schaukeln. Gesichtslose Hotels schummelten sich in den siebziger Jahren zwischen klassizistische Kurbauten und gehören mittlerweile dazu. Das der Könige ist jetzt für alle da. Und es ist für jeden anders.

An diesem sonnigen Wochenende Anfang Oktober flanieren Familien mit Eiswaffeln über die sechs Kilometer lange Strandpromenade. Ehepaare bummeln an Schaufenstern mit Fleecepullovern vorbei, Fußballmannschaften auf Vereinsausflug stoßen schon mittags in den Bars am Kurplatz auf ihre Männerfreundschaft an.

Im Café Marienhöhe hingegen dampft Ostfriesentee auf goldenen Stövchen. Man isst Himbeertörtchen aus der hauseigenen Konditorei, während draußen die Wellen schäumen, sich Menschen gegen den Wind stemmen. Das Café ist nach Königin Marie von Hannover benannt, die auf dieser Düne ihres Lieblingspoeten Heine gedachte. Er soll, so erzählen die Norderneyer gern, hier sein "Lied ans Meer" geschrieben haben. Doch nicht die tosende See von Norderney, sondern die sanfteren Wogen vor Cuxhaven inspirierten den Dichter.

Spiekeroog

Auf dieser Insel hingegen war Heine nie, eine Königin auch nicht. Und so gibt es auf der Insel weder Dichter-Cafés noch Prachtbauten. mit seinen Rotklinkerhäuschen und jahrhundertealten Linden ist stolz auf alles, was es nicht hat: keine Strandpromenade, keinen Golfplatz, keine Autos und noch nicht mal einen Fahrradverleih. Reisetaschen und Kinder werden in Bollerwagen verstaut.

Besucher sollen mitschwingen im Takt der Insel, sollen sich einlassen auf Langsamkeit und Stille. "Wir haben lange darum gekämpft, dass alles so bleibt wie es ist," sagt Ulrich Bauer, ehemaliger Bürgermeister der 730-Einwohner-Gemeinde. Der 61-Jährige, dessen weiße Locken im ständigen Wind tanzen, sitzt im Beirat des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. Auf einer Wanderung will er mir zeigen, warum gerade Spiekeroog die schönste aller sieben ostfriesischen Ferieninseln ist.

Wir verlassen das Dorf Richtung Osten. Auf den Dünen spazieren Fasane. Es riecht nach dem Salz der Nordsee und nach Heckenrosen. Spiekerooger Dünen sind nicht nur grüner als viele andere, sie sind auch höher. Die höchste ist die Wittdün, mit 24,6 Metern der Mount Everest von Ostfriesland. Nachdem wir ein Kiefernwäldchen durchquert haben, breitet sich vor uns eine riesige Ebene aus. Wie die anderen Inseln auch, wandert Spiekeroog seit Jahrhunderten ostwärts. Die Ostplate, sieben Kilometer lang, umfasst jetzt schon 60 Prozent der Fläche, wächst ständig weiter.

Strandflieder und Astern blühen hier blau im Sommer, und jetzt im Herbst hat sich zwischen gelbem Strandhafer der Queller rot verfärbt. "Das ist die einzige naturreine Salzwiese an der Nordsee", meint Ulrich Bauer und zückt seinen Fotoapparat.

Es ist still. Außer uns ist niemand zu sehen. Man hört nur, wie die Gummistiefel durch die Salzwasserpfützen platschen. Die Wiesen der Ostplate dürfen nur mit einem Führer betreten werden. Nationalpark, Schutzzone eins. Wehe dem, wer sich von Ulrich Bauer erwischen lässt.

Bad Rothenfelde

"Willkommen an unserer Nordseeküste", sagt Sabine Schulte von der Kurverwaltung zur Begrüßung. Nordsee am Rande des Teutoburger Waldes? Wir stehen vor einem riesigen Kasten. Ein dunkelbrauner Holzbau, circa 400 Meter lang und zehn Meter hoch, an dessen Seiten Wasser herunterrieselt. "Atmen Sie tief durch. Ist gut für Ihre Bronchien", rät Sabine Schulte. Die Luft fühlt sich angenehm frisch an, aber sonst? Ich koste vom Wasser und verstehe. Hier fließt salzhaltige Sole. Quellwasser, das 3000 Meter unter der Erde entspringt.

Mit dem zweitgrößten Gradierwerks Europas wurde bis 1969 Salz produziert. Man ließ die Sole, die nur gut fünf Prozent Salz enthält, von den fein verästelten Schwarzdornzweigen rieseln, damit das Wasser verdunstete und sich die Konzentration auf 24 Prozent erhöhte. Heute fließt das Wasser vor allem für Atemkranke, aber auch für Menschen ohne Leiden. Am Gradierwerk ziehen Jogger ihre Runden. Kurgäste plaudern auf den Parkbänken. Junge Pärchen knutschen. Frauen hasten. Eine von ihnen hält inne, stellt die Einkaufstasche ab und atmet tief ein.

Bad Bentheim

War in zu wenig Salz im Wasser, ist es in zu viel. In der Grafschaft Bentheim nahe der holländischen Grenze entspringt eine der stärksten Thermalsolequellen Europas. Weil man in 27-prozentiger Sole nicht schwimmen kann, wird das Wasser auf drei Prozent verdünnt. Auf dem Parkplatz der Mineraltherme ist kaum noch was frei. Viele der rund tausend Besucher, die am Wochenende in das Kurzentrum strömen, kommen aus dem Nachbarland Holland und der näheren Umgebung. Einige schlurfen auch in Badelatschen direkt aus der benachbarten Klinik in den modernen Glasbau. Lassen sich dann im 30 Grad warmen Wasser treiben, plaudern im Whirlpool, schwingen die Arme bei der Wassergymnastik oder treten Kieselsteine im japanischen Saunagarten.

Bad Pyrmont

Meine Großtante Else hätte Bad Bentheim mit seiner mächtigen Burganlage, die auf 90 Meter hohen Sandsteinfelsen über der Stadt thront, sicher hübsch gefunden. Sie wäre trotzdem nicht hingefahren. Tante Else kurte nie woanders als in . Einmal im Jahr musste sie einfach auf den Spuren von Zar Peter dem Großen und Preußenkönigin Luise wandeln. Das größte niedersächsische Staatsbad mit den vielen Jugendstilbalkonen verströmt noch immer den Charme der ewigen Sommerfrische, auch wenn die Kurbauten mittlerweile mondäner wirken als die Gäste. Vergebens suche ich eine Dame, die auch nur annähernd meiner Großtante gleicht. Eine, die schon morgens zur Trinkkur mit perfektem Make-up erscheint und im kleinen Schwarzen beim Tanztee in der Wandelhalle ihren großen Auftritt hat.

Das Bad Pyrmont von heute glänzt vor allem mit einem der schönsten Bäder Deutschlands. In der , die sich über dem Pyrmonter Tal erhebt, gibt es alles, was der Wellnessmarkt zu bieten hat: Ein türkisches Hammam,ein orientalisches Rhassoul, Shiatsu, Thalasso und Unterwassermusik. Man kann in drei Finnischen Saunen, im Blütendampfbad und in der Kelosauna schwitzen. Oder sich in der ersten deutschen Meersalzgrotte entspannen. Umgeben von glitzernden Kristallen, eingehüllt in orangefarbenes Licht.

Ich entscheide mich für das Fürstenbad. Im Separée schimmert Marmor im Kerzenlicht, das Wasser fließt aus goldenen Hähnen in die Wanne, und am Rand steht gekühlter Sekt bereit. Mein Körper versinkt in Milch und Honig. Wie leicht man sich doch wie eine Göttin fühlen kann.

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Autor:
Antje Liebsch