Mittelamerika Zum Dschungelkonzert nach Costa Rica

Wenn zwischen fünf und sechs Uhr morgens die ersten Sonnenstrahlen die Hügel Costa Ricas treffen, beginnt das Dschungelkonzert. Wie ein Weckruf holt es den Reisenden aus seinen Träumen. Exotische Vogelstimmen und der Ruf des Brüllaffen werden belgeitet vom sanften Meeresrauschen des Pazifiks. Ins Zimmer strömt der nussige Geruch des Regenwaldbodens, und der Tag beginnt mit dem Biss in eine perfekte Banane.

Intensiv sind diese ersten Eindrücke des kleinen Landes zwischen Panama und Nicaragua, dem Pazifik und dem Karibischen Meer. Die 15 Stunden Flug sind sofort nach der Ankunft vergessen. Denn schon die Fahrt zum Hotel gleicht einer Dschungelsafari. Schnell wird klar: Costa Rica ist eine wahre Naturschönheit. Die Landschaft ist so grün und saftig wie ein knackiger Apfel, in den man sofort hineinbeißen will.

Das Land in Mittelamerika, das nur eine etwas größere Fläche hat als Niedersachsen, ist aber schon lange kein Geheimtipp mehr. Besonders naturverbundene Reisende werden angezogen, denn schon seit den 1980er-Jahren setzen Hoteliers und Veranstalter hier auf Ökotourismus.

Außerdem: Costa Ricas Regenwälder sind nicht nur zum Anschauen da. Neben Nachhaltigkeit wird auch auf Abenteuer gesetzt. Beim "Canopy" zum Beispiel ist der mutige Urlauber mit sicherem Hüftgurt an einem Stahlseil aufgehängt und rauscht durch die grünen Schluchten vom Nationalpark Rincón de la Vieja. Die Stahlseile sind über Baumplattformen miteinander verbunden und führen viele Meter über dem Regenwaldboden an Vogelschwärmen und dicht belaubten Tropen-Bäumen vorbei. Abwechselnd wird der Ausblick auf die Pazifikküste und fruchtbare Vulkanlandschaften frei. Für weniger Waghalsige ist der Gang über Hängebrücken eine Alternative. Hier haben Tierfreunde mehr Zeit, um die verschiedenen Tukan- und Affenarten zu beobachten.

Neben dem Tourismus ist die Landwirtschaft nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Costa Rica. Die Exportschlager des Landes sind zwar Computerchips, die das amerikanische Unternehmen Intel in seiner modernsten Produktionsstätte in der Hauptstadt San José herstellt. Aber auch Bananen, Ananas und Kaffee aus Costa Rica landen in deutschen Supermärkten im Einkaufswagen. Einige Kaffee-Plantagen in den Höhenlagen bieten Touren an, bei denen der Reisende die Produktion der Bohnen für das Brühgetränk von der Ernte über die Fermentation bis zur Röstung verfolgen kann.

"Die Schweiz des Kontinents"

Das romantisch verklärte Bild des Kaffeebauern wird allerdings jäh zerstört, trifft man auf den Plantagen auch Kinder an, die die roten Kaffeebohnen in Handarbeit von den Sträuchern pflücken. Kinderarbeit ist zwar auch in Costa Rica illegal, doch wie es scheint, wird öfter einmal das eine oder andere Auge zugedrückt. Bis zu 13 Kilo wiegt ein Erntekorb, wenn er voll ist. Dafür benötigen gute Pflücker etwa 20 Minuten und erhalten zwei bis drei US-Dollar. Die Bilder bleiben und vielleicht fällt beim nächsten Kaffeekauf im heimischen Supermarkt die Wahl doch eher auf einen Fairtrade-Kaffee.

Dennoch ist Costa Rica im Vergleich zu anderen mittel- und südamerikanischen Ländern quasi „die Schweiz des Kontinents“. 1949 ließ der damalige Präsident José Figueres Ferrer die Armee abschaffen. Die nun zur Verfügung stehenden Mittel wurden fortan in das Bildungs- und Gesundheitssystem gesteckt. Das macht sich heute noch bezahlt, denn die 4,7 Millionen Einwohner Costa Ricas gehören mit 96 Prozent Alphabetisierungsgrad zu den am besten ausgebildeten Völkern der Welt.

Auch die Lebenserwartung ist hoch. Mit durchschnittlich 78,3 Jahren lebt der Costa Ricaner statistisch gesehen nur etwa eineinhalb Jahre kürzer als der Deutsche - und womöglich glücklicher. Laut einer Untersuchung der New Economic Foundation wird die Liste der "glücklichsten Länder der Welt" von Costa Rica angeführt. Ausschlaggebend für den sogenannten Glücksindex sind Lebenserwartung, allgemeine Zufriedenheit und ökologischer Fußabdruck. So erklärt sich vielleicht das Lebensmotto der Costa Ricaner: Pura vida, das pure Leben, beschreibt die hohe Zufrieden- und Gelassenheit der Einwohner, aber auch die artenreiche Tier- und Pflanzenwelt des Landes. Auf der vergleichsweise kleinen Fläche konzentrieren sich fünf Prozent der weltweit verbreiteten Tier- und Pflanzenarten. Und so gibt es für Touristen viele Möglicheiten, die Flora und Fauna kennenzulernen. Bootstouren zum Beispiel sind eine gute Möglichkeit, Tiere vom Wasser aus zu beobachten.

Auf dem Bebedero-Fluss in der Provinz Guanacaste schippert das Motorboot langsam übers Wasser. "Schnellboote sind hier verboten", erklärt Reiseführer Ronnie. Die scheuen Tiere würden sonst in ihrem Lebensraum gestört. Während die Touristengruppe sich suchend umschaut, filtern die geübten Augen des Reiseführers mühelos ein exotisches Tier nach dem anderen aus dem grün-braun gefärbten Dschungeldickicht am Flussufer. Da sonnen sich Krokodile auf Sandbänken und flitzen grün schillernde Eisvögel kopfüber ins Wasser, um Fischen nachzustellen. Auch der Kahnschnabel, eine in Südamerika weit verbreitete Reiherart, fällt mit seinem namensgebenden breiten Schnabel erst auf den zweiten Blick auf. Die knallgrünen Leguane sind im Uferschlamm oder auf den Bäumen dafür kaum zu übersehen.

Eine Körpermaske aus Vulkanschlamm

Die hohe Luftfeuchtigkeit in Kombination mit dauerhaften Temperaturen um 30 Grad ist für die meisten Urlauber ein große Umstellung. Etwas Abkühlung gibt es in den höheren Lagen rund um den Vulkan Rincón de la Vieja. Neben den Canopy-Touren sind hier, auf 800 Metern Höhe, auch Reitausflüge möglich. Die geländeerprobten Pferde bringen Anfänger wie Reit-Profis sicher über abschüssige Schotterpisten und seichte Bäche, die durch Bodensenken strömen. Wenn die Sonne brennt, ist im Anschluss eine Körpermaske aus Vulkanschlamm in einer der heißen Quellen eine Wohltat. Während sich beim Trocknen eine heilende Kruste auf der Haut bildet, zeigt sich auch der Brüllaffe vom Morgen wieder. Ruhig sitzen die Tiere in kleinen Gruppen in den umstehenden Bäumen und werfen ein Auge auf die schlammbedeckten Menschen.

Reiseführer Ronnie warnt jedoch, den Tieren zu nahe zu kommen. "Wenn sich die Brüllaffen bedroht fühlen, werfen sie manchmal mit ihrem Kot." Da ist ein abschließendes Bad im heißen Quellwasser mit Blick auf den Regenwald die bessere Alternative. Ausklingen kann ein solcher Tag in einer der Lodges, die sich in den Nationalparks etabliert haben. Hier wird besonders darauf geachtet, ökologisch verträglichen Tourismus zu betreiben - und ihn weiterzuentwickeln. So wird der Pferdedung in selbst konstruierten Anlagen zur Erzeugung von Dünger genutzt. Vom Schwefelgeruch befreit, dient es manchen Betrieben schon als Gas zum Kochen und zur Warmwassererzeugung. Ein Konzept, das zu dem der Regierung passt: Bis 2021 will das kleine Land klimaneutral sein. So könnte das vielfältige und artenreiche Ökosystem Costa Ricas erhalten werden. Und auch der morgendliche Weckruf der Brüllaffen würde noch lange durch den Regenwald hallen.

INFO

Anreise: Flüge nach San José ab Frankfurt/Main. Zum Beispiel mit Condor (mittwochs und sonntags) oder mit Iberia über Madrid. Nach Liberia fliegt ab Düsseldorf Air Berlin.

Unterkunft: Das Hotel Riu Guanacaste liegt auf der Halbinsel Nicoya direkt am Pazifik-Strand. Wer nachhaltiges Übernachten im Nationalpark schätzt, kann zum Beispiel in der Buena Vista Lodge wohnen und von dort aus Canopy- und Reittouren rund um den Vulkan Arenal unternehmen.

Autor:
Marike Stucke