Andalusien Die Geschichte von Córdoba

Jetzt, da die aufsteigende Sonne die Nacht verdrängt, ist Tarik Ibn Sijad am Ziel. Langsam schweift sein Blick über das Land. Über die grauen Felsen der Küste. Über die Hügel, das Grün der Bäume. Eine verheißungsvolle Landschaft. 18 Kilometer hat er bis hierher zurückgelegt, ein kurzes Stück von Kontinent zu Kontinent. Um ihn scharen sich 7000 Mann. Seine Armee. Ein Heer der Berber, erst vor kurzem zum Islam bekehrt. Und eine Handvoll Araber, bereit loszuschlagen. Gott, der Einzige, steht ihnen bei. Das weiß Tarik. In der Nacht stand er auf den Planken seines Schiffs, als sie die Meerenge passierten, da ist ihm der Prophet erschienen. Mohammed, der Verkünder des Islam, schritt vor ihm über das Wasser. Ein gutes Omen, eines, das den Sieg verspricht. Und so verleiht der Feldherr dem Felsen, an dessen Fuße seine Männern nun lagern, seinen Namen. Djabal al-Tarik, Berg des Tarik, und daraus wurde: Gibraltar. Es ist der 28. April 711 nach der Zeitrechnung der Christen. Es ist das Jahr 92 für die Muslime. Die Araber sind auf der Iberischen Halbinsel gelandet.

Überraschend kommt die Invasion nicht: Bereits ein Jahr zuvor hat ein Trupp Mauren über die Meerenge gesetzt. Eine kleine Streitmacht, 400 Soldaten zu Fuß, 100 hoch zu Ross. Haben eine Garnisonsstadt errichtet, unten in der südlichsten Ecke der Halbinsel: Von Tarifa aus schiffen sie Waren über das Wasser, Beute - und Nachrichten. Wissen, das Tarik Ibn Sijad nützt. Der einstige Sklave, der Berber im Dienste des Emirs von Nordafrika, ist der Erste, der Spanien für die Muslime erobert. Er wird ihrem Imperium, der glorreichen Dynastie der Omaijaden, die Krone aufsetzen. Schon jetzt sprengt das Reich der Araber alle Maße. Vom Hindukusch reicht es bis zum Atlantik, vom Kaspischen Meer bis zum Golf von Aden. Seit 632, dem Todesjahr des Propheten Mohammed, verbreiten seine Nachfolger das Wort Gottes mit dem Schwert in der Hand. Sie haben das Reich der Perser besiegt. Sie haben Ägypten, Palästina und Syrien erobert und die älteste Stadt der Welt zu ihrem Zentrum gemacht: Damaskus. Sie haben die sandigen Weiten Nordafrikas in blutigen Schlachten genommen. 708 ist die letzte Stadt gefallen: Ceuta, der kleine Zipfel in der westlichsten Ecke des Mittelmeers.

Und nun liegt es vor Tarik und seinen Mannen: das besungene "Juwel der Welt", das fruchtbare Iberien. Das Land, das die Araber nun Al-Andalus nennen. Die Zeit für eine Invasion scheint günstig. Im Reich der Westgoten rumort es: Das Volk ächzt unter der Sklaverei, die Adelskaste zerrüttet sich in Fehden. Für die Araber ist das Reich ein Hort der Despotie, der Intoleranz, der rohen Sitten. Ein Reich der Intrige. Riefen nicht die Söhne des vertriebenen Gotenführers Witiza die Mauren zu Hilfe? Stießen sie nicht so König Roderich, dem neuen Herrscher, einen Dolch in den Rücken? Als die Mauren das Land betreten, ist Roderich im Norden in Kämpfe gegen die Basken verstrickt. So schnell er auch zurückprescht, es ist zu spät. Er kann die Araber nicht aufhalten. Im Juli 711 krachen die zwei Heere am Río Guadalete aufeinander. Es ist das Ende des Ramadans, des heiligen Fastenmonats, und Tarik braucht nicht viele Worte, um seine Krieger anzufeuern: "Seht", ruft er, "wie ich Roderich stelle, diesen Tyrannen seines Volkes, seht, wie ich ihn zum Zweikampf fordere, so Gott will."

Die Schlacht dauert Tage. Arabische Chronisten versichern, dass sich 12.000 Mauren todesmutig in den Kampf gegen 100.000 Westgoten stürzen. Wie viele Kämpfer wirklich mit Schwertern aufeinander einhauen, wie viele Männer am Ufer des Flusses sterben, wie viele sich verwundet in die Wälder schleppen, weiß niemand. Nur eines ist gewiss: Die Armee der Westgoten und Roderich, ihr König, sind geschlagen.

Jetzt fegen Tariks Soldaten wie ein Sturm durch das Reich. Nehmen Córdoba und Málaga. Toledo, die Hauptstadt des Gotenreichs, ergibt sich kampflos. Andere Truppen aus Afrika setzen über, 18.000 Mann verstärken nun Tariks Drängen gen Norden. Widerstand? Gibt es nicht. Wer sollte sich ihnen in den Weg stellen? Die Sklaven? Die Juden? Die ausgepeitscht wurden, wollten sie nicht zum Christentum übertreten, denen man die Güter raubte, den Kopf kahl schor? Nein, die Muslime werden als Retter empfangen. Und so ist der Zug gen Norden nicht zuletzt ein Kampf für die Freiheit, ein Sieg über das Joch der Goten. Religiöse Freiheit gegen Zwangsbekehrung. Noch ist der Glaube der Muslime jung, ist der Koran, das Wort Gottes, des Barmherzigen und Allerbarmers, in seiner endgültigen Form nicht überall im Arabischen Reich verbreitet. Doch ragt schon jetzt ein Grundsatz wie die Säule einer Moschee heraus: Christen und Juden, heißt es, sind Dhimmis, Schutzbefohlene. Sie, die ebenfalls im Besitz einer göttlichen Offenbarung sind, dürfen ihre Religion ausüben, solange sie dafür bezahlen. Ein pragmatischer Glaube. Er macht die Eroberten nicht zu Feinden - und füllt zugleich die Schatullen. Auch haben die Araber nicht genügend Truppen, sie brauchen ihre Schutzbefohlenen als Verbündete. Um 714 ist der größte Teil der Iberischen Halbinsel unter muslimischer Kontrolle, Al-Andalus gehört den Arabern.

Doch die Mauren machen keinen Halt. Dringen weiter nach Norden, über die Pyrenäen, erobern 719 Narbonne, 725 Nîmes und Carcassonne. Stoßen tiefer ins Frankenreich, holen sich Dorf um Dorf, Stadt um Stadt. Im Oktober 734 stoßen sie auf Karl Martell, der Hausmeier der Franken, der die Mauren zwischen Poitiers und Tours stoppt. Ihre erste Niederlage, die in der christlichen Geschichtsschreibung als Rettung des Abendlands gefeiert wird. Nicht ganz zu Recht, denn die islamischen Eroberungen gehen weiter, erst 20 Jahre später ziehen sich die Araber hinter die Pyrenäen zurück. Und als wäre dies nicht genug, stößt im Sommer des Jahres 750 im fernen Damaskus eine neue Sippe die alten Herrscher vom Thron des islamischen Reichs. Abu al-Abbas, genannt der Blutrünstige, reißt die Macht an sich. Von nun an wird seine Familie, die Dynastie der Abbasiden, das Imperium der Araber regieren, jahrhundertelang, und Bagdad, die "Stadt des Friedens" am Tigris, zu ihrer Hauptstadt machen. Mordend fallen sie über die Palastgarde her und werfen deren leiblichen Überreste den Hunden zum Fraß vor. Ermorden den Kalifen, metzeln die gesamte umfangreiche Familie der Omaijaden nieder. Nur einer entrinnt dem Massaker: Abd al-Rahman, Enkel eines der letzten Kalifen von Damaskus.

Andalusien wird zum Schmuckstück, Córdoba ist sein Juwel

Abd al-Rahman ist 19 Jahre alt. Ein Jüngling ohne Zukunft. Was soll er tun? In Syrien bleiben, dem sicheren Tod geweiht? Abd al-Rahman flieht. Kreuz und quer zieht er durch die arabischen Provinzen, monatelang läuft, reitet, schwimmt er um sein Leben, verfolgt von den Häschern der neuen Machthaber. Er schlägt sich durch Palästina, Ägypten, durch die Wüste Libyens, in der er seinen hartnäckigsten Verfolger abschüttelt. Reist 3000 Kilometer gen Westen, bis er den Berberstamm der Nafza erreicht, die Sippe seiner Mutter.

Doch Abd al-Rahman will weiter. Er will nach Andalusien. Das Erbe der Omaijaden retten. Wenn er schon nicht in Syrien regieren kann, dann wenigstens in Al-Andalus. Also sucht er Verbündete, schmiedet Koalitionen, sammelt Kräfte für eine Rebellion. Für einen Umsturz. Am 14. August 755 betritt er in Almuñécar, südlich von Granada, zum ersten Mal den Boden Spaniens. Das neue Land der Mauren ist zerrissen. Verstrickt in Kämpfe, Aufstände, Intrigen. Seit 15 Jahren schwankt das Reich. Berber bekämpfen Araber, Araber töten Berber. Muslime schlagen Muslime. Jeder ringt mit jedem um die Macht. In Abd al-Rahmans neuer Heimat regiert die Gewalt. Der Kalifensohn aber ist ein Held. Wo er auftaucht, jubeln die Menschen. Nur er kann der starke Führer sein, den alle erwarten! Er muss das Land einen, Araber und Berber miteinander versöhnen!

Vereint er nicht selbst beide Ethnien in sich? Bald schon zieht er gegen den korrupten Gouverneur von Al-Andalus am Guadalquivir in den Kampf. Wieder krachen Schwerter gegen Schwerter, wird gemetzelt, bis Spanien Abd al-Rahman gehört.

Im Jahr 756 der Christen, im Jahr 138 der Muslime, ernennt sich Abd al-Rahman zum Emir von Córdoba, zum Herrscher und Befehlshaber über Al-Andalus. Sein Beiname: al-Dachil, der Einwanderer. Und wie jeder Vertriebene schwelgt auch der neue Emir in Erinnerungen. Denkt an seine alte Heimat, an die Pracht Syriens, an Damaskus.

Córdoba braucht ein steinernes Denkmal, das die Gedanken an vergangene Zeiten ersetzt. Es heißt, er habe den Christen 100.000 Gold-Dinare für ihr Gotteshaus gezahlt, die Hauptkirche der Stadt, die er planieren lässt, um darauf, nahe der alten Römerbrücke, eine Moschee zu bauen. Das prächtigste Bauwerk seiner Zeit, mit Mosaik verzierten Kuppeln, mit Bögen, die denen der großen Moschee in Damaskus ähneln. Mit Säulen aus römischen und westgotischen Ruinen. Ein Symbol: Seht her, in Spanien herrscht der Islam, doch ruhen seine Fundamente auf antiken Traditionen, auf christlichem Erbe. Nur Ruhe findet der Emir nicht. Ringsum im Land toben weiterhin Machtkämpfe. 763 versuchen Truppenteile, angestachelt durch die Abbasiden in Bagdad, den Aufstand. In Carmona bei Sevilla werden Abd al-Rahman und seine 700 Mann starke Truppe monatelang eingeschlossen. Bis sie einen Ausfall wagen - mit Erfolg. Die abgehackten Köpfe der Rebellenführer lässt der Emir an den Tigris bringen.

764 wagt Toledo den Aufstand und scheitert. Die Anführer, zunächst kahlrasiert und in Körben zur Schau gestellt, schlägt man ans Kreuz. 766 versuchen es die Berber: Sechs Jahre kontrollieren sie das Gebiet zwischen den Flüssen Guadiana und Tajo, bis sie besiegt werden. Und 778 branden fränkische Truppen unter Karl dem Großen gegen die Stadtmauern Saragossas, Monat um Monat, bis sie erfolglos von dannen ziehen. Stets bleibt Abd al-Rahman siegreich. Selbst seine Feinde sind beeindruckt, adeln ihn als "Jagdfalken", der ohne eigenes Heer in ein unbekanntes Land drang und als sein Beherrscher blieb.

Emir Abd al-Rahman regiert sein Reich 32 lange Jahre lang. Seine Dynastie der spanischen Omaijaden prägt Al-Andalus für immer. Jetzt beginnt das große Zeitalter der Mauren in Spanien. Händler aus dem Osten, aus Bagdad, aus dem byzantinischen Konstantinopel kommen hierher, um ihre Waren anzupreisen. Auch Wikinger landen mit ihren Schiffen in den Häfen des Landes. Reisende treffen ein, wie Zirjab, der Dichter und Sänger. Zirjab, "die Amsel", wie er wegen seiner dunklen Hautfarbe und seiner schönen Stimme genannt wird. Ein Lehrmeister der schönen Künste. Mit ihm dringt die Weisheit des Ostens in die geistige Ödnis des Westens. Und er verändert den Alltag, alte Gewohnheiten. Zum Beispiel die Folge der Speisen: Esst zuerst Suppe, dann Fleisch und schließt ab mit etwas Süßem! Trinkt aus Kristallgläsern! Oder die Kleidung: Tragt leichte Gewänder im Sommer, Buntes aus Seide, und erst im Winter Pelz! Er zeigt, wie man sich schminkt, frisiert, sich mit einer Creme die Zähne putzt. Der Verhaltenskodex, der noch heute in deutschen Küchen lebt, wurde von einem schwarzen Muslim erfunden. Zirjab ist ein Revolutionär der feinen Lebensart.

Durch ihn wird Córdoba zur Zierde der arabischen Welt, die Stadt der Städte im Reich der Reiche. Für die nächsten zweieinhalb Jahrhunderte. Noch um 1050 singt der jüdische Poet Solomon ibn Gabirol: "Unter Granatäpfeln werden wir liegen, unter Palmen, unter Apfelbäumen. Zu Füßen allem, was nur lieblich Blätter trägt. Und gemächlich schreiten zwischen Reben, einander mit verklärtem Antlitz sehen, in einem luftigen Palast aus edlem Stein."

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Franz Lenze