Vietnam Die Insel Con Dao

Kaum fällt die Tür ins Schloss, kommen die kalten Schauer. In der Dunkelheit ist die eigene Hand nicht auszumachen. Aus der bedrohlichen Stille kriechen einem sofort die Gerüche entgegen: Es riecht nach nassem Zement, Schimmel und Angst. Lange hält es kein Besucher des Trai-Phu-Son-Gefängnisses in der engen Isolierzelle aus, ohne mit einem Anflug von Panik laut den Namen des Tour Guide zu rufen. Vietnamesische Besuchergruppen brechen regelmäßig in ein Kreischkonzert aus. Kaum vorstellbar, dass Gefangene hier Stunden, Tage, oft Monate in grausamer Abgeschiedenheit verbringen mussten.

Dabei war die Isolierzelle noch eine der harmloseren Quälkammern der berühmtberüchtigten Gefängnisinsel Con Dao. Am meisten gefürchtet wurden die "Tiger Cages", Käfige, in denen die Häftlinge eingepfercht ausharrten und oft verhungerten. 113 Jahre lang werden auf der verwunschen schönen Inselgruppe Tausende von Vietnamesen mit brutalen Geräten misshandelt - erst von den französischen Kolonialmächten, später vom amerikanischen und südvietnamesischen Militär. Heute, 36 Jahre nach der Auflösung der Gefängnisse und der Wiedervereinigung Vietnams, kämpft das isolierte 16-Insel-Archipelago immer noch mit den Schrecken der dunklen Vergangenheit, für einen Neubeginn und gleichzeitig gegen das Vergessen.

Nach seinem langen Leben als "Insel des Teufels" wird Con Dao seit kurzem als perfektes Urlaubsparadies entdeckt. Immer mehr Abenteuerurlauber finden hier die Abgeschiedenheit und Ruhe, die den meisten Inseln Südostasiens im Touristenrausch abhanden kam. Seit der Eröffnung des Luxus-Öko-Resorts "Six Senses" im vergangenen Dezember, blüht der perfekten Mischung aus Stränden und Wäldern nun die Ankunft eines neuen, anspruchsvolleren Klientels. Die nur knapp 5000 Bewohner Con Daos scheint das kaum in Aufregung zu versetzen. Noch wird jeder Tourist zwar neugierig begutachtet, das Leben nimmt aber in gewohnt langsamer Inselmanier seinen Lauf - die dunkle Vergangenheit ist ein Teil davon, wer auf Con Dao Urlaub macht, wird den Schrecken der Vergangenheit kaum entgehen können.

Schon allein ein Gang um die kleine Hauptinsel Con Son katapultiert jeden Besucher zurück in jene Zeiten, in denen die Bevölkerung ausschließlich aus Gefangenen, Aufsehern und Militär bestand. Am Hafendamm beispielsweise weist ein Schild darauf hin, dass 914 Zwangsarbeiter sich bei dessen Bau zu Tode schufteten. Der Friedhof ist Mahnmal und patriotistische Gedenkstätte gleichzeitig, hier werden die Opfer zu Helden und ihr Sterben für Vaterland und Ho Chi Minh mit Fahnen, Blumen und Inschriften bedacht.

Getötet wurden auf Con Dao Tausende, am schlimmsten waren aber die langen Foltermethoden, deren gruseliges Ausmaß erst nach der vietnamesischen Wiedervereinigung 1975 ans Tageslicht kam. Eben jene Abgeschiedenheit, die Einblick und Kontrolle von außen unmöglich macht, lässt die Inselgruppe bereits für die französischen Kolonialmächte zur perfekten Gefängnislage werden. 1861 entsteht das erste Gefängnis für politische Gegenläufer. Nach dem Sieg der Viet Minh über die Franzosen 1954 übernehmen die Amerikaner die Insel, führen die Gefängnisse weiter und machen von einer der brutalsten Foltermethoden des Vietnamkrieges Gebrauch, den Tiger Cages.

"Als ich diese Käfige nach der Wiedervereinigung zum ersten Mal sah, habe ich geweint", erinnert sich Cuc Kim Tran, deren Vater als Ho Chi Minh-Anhänger Schreckliches über sich ergehen lassen musste und trotzdem nach der Befreiung auf der verwunschenen Insel blieb. Seine Familie zog aus dem damaligen Saigon nach und bis zu seinem Tod vor drei Jahren sprach er kein einziges Mal mit seiner Tochter über das, was er hinter den Gefängnismauern aushalten musste. Keiner der noch lebenden ehemaligen Inhaftierten von damals tut das gern. Die schmerzhafte Geschichte wird ertragen, mit stoischem Gesicht und einer wegwerfenden Handbewegung, die wohl besagen soll "das ist vorbei, wer sich dafür interessiert, soll ins Museum gehen."

Vom Rucksackreisenden zum Gucci-Kofferträger

Jenes befindet sich in der ehemaligen Residenz des früheren französischen Gouverneurs und blickt über die idyllische Bucht, in der das Wasser grün-blau schimmert. Die vier Zimmer erzählen mit Fotografien, Illustrationen und Dokumenten die Geschichte der Insel und vor allem der zweite Raum macht als "Hell on Earth" seinem Namen alle Ehre. Folterwerkzeuge und detailierte Aufnahmen der Grausamkeiten lassen kurz vergessen, dass vor der Tür der perfekte Sandstrand zur Erholung wartet.

"Unsere Gäste sind interessiert an der Gesichte der Insel und wissen, dass sie sich bei einem Besuch des Museums oder der Gefängnisse auf emotionale Momente gefasst machen müssen", erklärt Susann Noonan, General Managerin des Luxusresorts. Die Eröffnung des noblen Hotels hat auf der verschlafenen Insel eine neue Ära eingeläutet. Nun sind es nicht mehr nur vereinzelte Backpacker, die über sechs Ecken vom versteckten Paradies gut 200 Kilometer von Ho Chi Minh City entfernt gehört haben. Plötzlich rollen Gucci-Koffer und Armani-Kleidersäcke über die Gepäckbänder des kleinen Flughafens von Con Dao.

Neuerdings ist deshalb auch die Anreise kein Abenteuertrip mehr wie noch vor ein paar Jahren, als lediglich die anstrengende Nachtfähre von Vung Tau zur Verfügung stand. Heute bietet VASCO Airlines tägliche Flüge an, mit denen man in lächerlichen 45 Minuten von Ho-Chi-Minh-Stadt in eine andere Welt fliegt. Denn wer aus dem hupenden Chaos der Millionenmetropole anreist, muss sich auf einen kleinen Kulturschock gefasst machen. Hier gibt es keine ineinander verkeilten Moped-Kolonnen, keine keifenden Marktfrauen oder aufgedrehte Teenagergruppen, die Lady-Gaga-Songs lautstark aus ihren MP3-Playern plärren lassen.

Auf Con Dao passiert alles mehrere Spuren langsamer. An der Uferpromenade wird nach dem Sonnenuntergang in Kaugummi-pink der Feierabend eingeläutet, was bedeutet, dass Einheimische ihr Bia Saigon auf Plastikhockern oder kleinen Holzbänken trinken, die Jugend Fußball spielt und Mütter mit ihren Babys am Pier entlang flanieren. Restaurants und Cafes wie das Con Son Cafe sind immer noch spärlich gesät und schließen früh.

Das alles kann sich in den nächsten Jahren dramatisch verändern, wenn Con Dao den ambitionierten Vorstellungen der Landesregierung gerecht wird und der Tourismus explodiert. Bis 2013 soll sich die Zahl der Inselbewohner durch eine Reihe von Eigentums- und Tourismus-Projekten auf 13.500 mehr als verdoppeln. Seine vielseitige Natur soll die Insel deshalb nicht einbüßen, darum kümmern sich seit Jahren die Organisation WWF und das United Nations Development Program. Vor kurzem erst wurde dem Naturschutzgebiet Con Dao mit seinen brillanten Korallenriffs, tiefen Wäldern und berauschenden Klippen, eine Finanzspritze von 16,5 Millionen Dollar zugesprochen, die bis 2020 in die Erhaltung der Resourcen und den Öko-Tourismus gesteckt werden soll.

Six Senses sieht sich als Vorreiter eines neuen, bewussten Reiseprofils, das mit schickem Design und westlichem Komfort perfektes Urlauben am Palmenstrand garantiert. Die 50 Villas mit Blick auf Pulversand und Azurwasser sind ein krasser Kontrast zum schlichten Leben im Fischerort gleich um die Ecke und erst recht zur klaustrophobischen Vergangenheit des südostasiatischen Alcatraz. Die Resort-Kette ist sich dessen sehr bewusst. "Der Charakter dieser Insel liegt in der Geschichte, auch wenn sie dunkel und traumatisch ist", sagt Susan Noonan. Zwar kann man die in der weitläufigen Edelanlage mit Privatstrand schnell vergessen, doch ein kurzer Gang ins Dorf genügt, um die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen.

"Die Gefängnisse haben selbst nach Jahrzehnten noch eine enorme Ausstrahlung", erklärt Robert Miller, amerikanischer Six-Senses-Gast, der mit dem Fahrrad die hügelige Insel erkundet und dabei am ältesten Gefängnis Trai Phu Hai vorbei kömmt. "Wenn man gesehen hat, welche Hölle Con Dao so lange war, genießt man den heutigen paradiesischen Flair noch viel bewusster", erklärt der 46-Jährige mit einem schockierten Blick auf die Tiger Cages. Den angebotenen Gang in die Isolierkammer lehnt er trotzdem ab.

Autor:
Manuela Imre