Hongkong Volkssport Kung Fu

Wer in Hongkong den wahrscheinlich meistfotografierten Platz sucht, landet unweigerlich auf der Avenue of Stars an der Victoria Bay. Hier steht seit 2005 die Bronzeskulptur von Bruce Lee. Das überlebensgroße Abbild der 1973 verstorbenen Kampfsportikone ist das Mekka der chinesischen Kung-Fu-Szene. Ehrfürchtig verharren hier jeden Tag Massen von Fans des legendären Knochenbrechers und huldigen ihrem Helden. "Star des Jahrhunderts" steht auf der Plakette am Sockel der knapp 2,50 Meter großen Skulptur. Für die meisten Anwesenden wahrscheinlich eine freche Untertreibung.

Kung Fu hat in der chinesischen Kultur und vor allem in Hongkong einen enormen Stellenwert. Die Kampfkunst ist fest in der Gesellschaft verankert. Sie zählt als Kulturgut und wird dementsprechend ernst genommen. Wer damit Schindluder treibt, beschwört schnell Ärger herauf.

Als das vermeintliche Großmaul Bruce Lee Anfang der 1970er Jahre aus Hollywood in die britische Kronkolonie übersiedelte, um in der hiesigen Filmindustrie Fuß zu fassen, machten sich deshalb drei Kung-Fu-Meister auf, die das Können des zugezogenen Möchtegerns anzweifelten. Sie provozierten am Filmset eine Schlägerei - und lagen innerhalb weniger Sekunden kampfunfähig am Boden. Erst danach wurde der "Neue" in Hongkong respektiert. So will es zumindest die Legende, die allerorts erzählt wird, wenn es um die Schlagfertigkeit von Bruce Lee geht.

Chao lächelt über diese Anekdote. Der Hongkong-Chinese ist seit über einem Jahrzehnt Kung-Fu-Meister - und das im Alter von 30 Jahren. "Mit Bruce Lee hätte ich mich wohl nicht angelegt", sagt er und lacht. Der Filmstar zählte genauso wie der etwas dickliche Kung-Fu-Haudegen Sammo Hung zu den Idolen seiner Jugend.

Mit dem Training hat Chao bereits als Dreijähriger angefangen. Sein Vater war der Meister. Und der wiederum hatte die Kampfkunst von Chaos Großvater erlernt. Shaolin Kung Fu wird in seiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben. "Inzwischen unterrichte ich selber", erzählt der 30-Jährige. An die 200 Schüler hat Chao derzeit. Nicht schlecht für jemanden, der eigentlich hauptberuflich als Versicherungsagent arbeitet.

Manchmal muss Chao auch im Alltag der Großstadt seine Kunst unter das Volk bringen. Hongkongs Straßen können ein raues Pflaster sein. "Man lernt Kung Fu nicht um zu kämpfen, sondern um Kämpfe schnell zu beenden", sagt Chao. "Und es kommt vor, dass das von mir verlangt wird."

Glaubt man Chao, dann hat Kung Fu in den vergangenen Jahren wieder an Stellenwert in Hongkong gewonnen. "Heutzutage schicken viele Eltern ihre Kinder zu mir", erklärt der Meister. "Nicht um das Kämpfen zu erlernen, sondern um ihnen Respekt, Pünktlichkeit, Disziplin und vor allem Gehorsam beizubringen." Selbst in den meisten Schulen der Stadt wird Kung Fu unterrichtet, um dem Nachwuchs Manieren einzubläuen.

Auch wenn Chao mit dem klassischen Knochenbrecher-Kino "made in Hongkong" aufgewachsen ist, zum Film wollte er nie. "Das, was dort gezeigt wird, hat mit der Realität und der Philosophie des Kung Fu nicht viel zu tun", sagt Chao und fügt lachend hinzu: "Allerdings wollen einige meiner Schüler ins Filmgeschäft." Dabei seien sie in Hongkong inzwischen am falschen Ort. "Hier werden nur noch wenige Kung-Fu-Streifen produziert. In Peking gibt es mehr zu tun", erklärt der Meister weise. "Und natürlich in Hollywood." Der nächste Bruce Lee steht schon in den Startlöchern.

Autor:
Denis Krah