Hongkong Made in China

Das Fabrikgelände wird von einer mit Scherben besetzten Mauer beschützt. Die Gebäude dahinter sind grau, die Luft schmeckt nach Öl und Industriestaub. Vom Tor aus führt eine gerade Straße vorbei an anderen eckigen Fabriken. Eine Landschaft, am Reißbrett entworfen, wie mit einem großen Lineal gebaut. Ein Ort der Arbeit, nicht der Freude: das Perlflussdelta.

Die drei Flüsse Xijiang, Beijiang und Dongjiang strömen hier ins Südchinesische Meer, sie haben in den vergangenen 5000 Jahren so viel Land mitgerissen, dass sich ein hundert Kilometer langes Flussdelta in die chinesische Landmasse gefressen hat. Um das Wasser bilden Hongkong, Macao und Kanton ein Dreieck mit einer Fläche von 41.500 Quadratkilometern, so groß wie die Schweiz. Containerschiffe fahren auf den Flüssen, schwere Lastwagen auf den Straßen. Menschen ziehen Karren mit Metallteilen.

Vom Perlflussdelta aus versorgt China die Menschheit. Jeder dritte Schuh in der Welt wird hier zusammengenäht. Fabriken groß wie Städte produzieren Kleidung, Handys, Computer und Spielzeug. Jeden Monat werden Exportwaren für über zehn Milliarden Euro hergestellt und in den Rest der Welt verschifft. Im Jahr 2003 kletterten die deutschen Importe aus China um 17 Prozent auf 25 Milliarden Euro - der größte Teil stammt aus dem Delta, der produktivsten Fabrikhalle der Welt.

Drei große Flüsse gibt es hier, drei wichtige Städte an den Ecken und drei Sorten von Menschen, die das Perlflussdelta zu einer der wichtigsten Wirtschaftsregionen der Welt gemacht haben: Hongkonger Fabrikbesitzer, chinesische Arbeiter und Einkäufer westlicher Konzerne treffen hier aufeinander. Die Dreiecksbeziehung der Globalisierung.

Liu Xiaohua kam mit dem Zug hier an, ein zierliches Mädchen mit Grübchen in den Wangen. Eine Freundin hatte ihr von Shenzhen erzählt, der Stadt mit den Hochhäusern direkt vor den Toren Hongkongs. Der Stadt mit den Fabriken. "Dort gibt es gute Arbeit", hatte die Freundin gesagt. Ihr Vater brachte sie mit dem Fahrrad zum Bahnhof, ein Mädchen von 17 Jahren mit einer großen Tasche.

Liu sitzt auf einem blauen Plastikstuhl neben vielen anderen jungen Frauen aus dem ganzen Land. Auf dem Fließband fährt das Gehäuse eines DVD-Players an ihren Platz. Sie befestigt das Laufwerk mit vier Schrauben, kontrolliert noch einmal und legt es wieder aufs Band. Seit einem Jahr macht sie das jeden Tag. "Die Arbeit ist gut", sagt Liu. Bei Ngai Lik Electronics in Shenzhens Nachbarstadt Dongguan verdient sie 520 Yuan, umgerechnet etwa 52 Euro pro Monat. 400 Yuan davon spart sie. Liu weiß noch nicht, wie lange sie bleiben wird. Sie hat einen guten Job, sie mag ihre Kollegen, aber sie vermisst ihr Dorf in Hunan. "Ich träume davon, zu Hause einen Schönheitssalon aufzumachen", sagt sie.

Liu ist nicht unglücklich. Aber das Mädchen aus der Provinz steht am Ende der harten Nahrungskette des Kapitalismus im Perlflussdelta. Sie ist eine aus der Masse der 30 Millionen Wanderarbeiter aus dem endlosen chinesischen Hinterland, die mit kleinem Gepäck und großen Träumen zum Perlfluss gekommen sind, auf der Suche nach Glück und Arbeit. Sie übernachten in Schlafsälen oder Acht- Bett-Zimmern auf dem Fabrikgelände und arbeiten für zwei Euro pro Tag. Sie machen es möglich, dass eine Kinderpuppe, die im Westen für 9,99 Dollar verkauft wird, mit einem Lohnkostenanteil von 46 Cent hergestellt wird, wie das Hongkonger Christian Industrial Committee ausgerechnet hat. Die Gewerkschaftsorganisation untersuchte 2001 die Arbeitsbedingungen in Spielzeugfabriken. Der 130-seitige Bericht liest sich wie eine Dossier aus der Frühphase der Kapitalismus. Die Arbeiter standen täglich bis zu 16 Stunden am Band, teilweise sieben Tage pro Woche. Ihre Arbeitsplätze sind unsicher, die Gehälter liegen im Durchschnitt bei 500 bis 700 Yuan.

Kaum ein Arbeiter wusste von den staatlichen Mindestlöhnen oder Arbeitszeitbeschränkungen, die in den meisten Fabriken ohnehin nicht eingehalten werden. Im November 1993 brach in der Zhili-Spielzeugfabrik in Shenzhen ein Feuer aus. 87 Arbeiter starben, 47 wurden verletzt, weil die Fenster vergittert und die Türen verriegelt waren. Es dauerte sieben Jahre, bis die Familien eine Entschädigung bekamen. "Seit damals hat sich die Situation nicht geändert", sagt der chinesische Menschenrechtsaktivist Han Dongfang.

"Sei vorsichtig draußen", hatte Liu Xiaohuas Vater gesagt, bevor seine Tochter in den Zug nach Shenzhen stieg. Sie ruft ihn jeden Sonntag an. Ohne Arbeiter wie sie würde die Maschine, zu der das Perlflussdelta gewachsen ist, nicht funktionieren.

Chinas wirtschaftlicher Aufstieg begann in Hongkong. Einer, der dazu beitrug, war Lam Man Chan, der 1976 die Ngai Lik Group, eine Radiofirma mit einer Hand voll Angestellten im verschwitzten Stadtteil Kowloon eröffnete. Die britische Kronkolonie boomte mit der Herstellung von Plastikartikeln und billiger Elektronik. In Hinterhöfen wuchsen Garagenbetriebe. Land war knapp in Hongkong, so wurden die Fabriken in Hochhäusern gebaut, auf jedem Stockwerk eine andere Firma. Besucher aus dem Westen mussten bei Rundgängen den Kopf einziehen. Es war die Zeit des Aufschwungs, in der alles möglich schien. Familien gründeten Fabriken. Die Ehefrauen führten die Bücher, die Männer managten die Geschäfte in Turnhosen und Unterhemd.

Der andere Aufbau Ost

Im gleichen Jahr starb Chinas Steuermann Mao Zedong auf der anderen Seite der Grenze und hinterließ sein hungriges Land im Chaos. Das Perlflussdelta war Bauernland, bekannt für seine Reis- und Zuckerrohrfelder. Dann kam Deng Xiaoping und erklärte 1980 das Fischerdorf Shenzhen zur Sonderwirtschaftszone. Die Schleuse war einen Spalt breit geöffnet.

Die Hongkonger Manager schauten über die Grenze. Sie sahen weites, billiges Land und ein endloses Heer günstiger Arbeitskräfte. Sie sahen die Profitmöglichkeiten und erinnerten sich an die Heimat China, aus der einst ihre Väter und Vorväter gekommen waren. Und jedes Jahr wanderten mehr Fabriken über die Grenze ins kommunistische Mutterland.

Aus den Hongkonger Hinterhoffirmen sind inzwischen Konzerne geworden. Lams Radiofirma heißt jetzt Ngai Lik Industrial Holdings und hat über 30.000 Angestellte, die jedes Jahr 20 Millionen tragbare CD-Spieler und Stereoanlagen produzieren. Oder die DVD-Recorder, bei denen Liu Xiaohua die Laufwerke einschraubt. Das chinesische Wirtschaftswunder materialisierte sich in Form von sogenannten OEMs, den "Original Equipment Manufacturers". Das System funktioniert folgendermaßen: Eine Firma aus Hongkong gründet eine Fabrik am Perlfluss, die von Hongkong aus geführt wird.Die Einkäufer der Markenhersteller aus dem Westen bestellen bei den Firmen eine Million Paar Schuhe oder Laptops oder Handys.

Die OEMs produzieren und kleben nachher den Namen des Auftraggebers aufs Produkt. Der Kunde kann nicht mehr unterscheiden, wo Telefon, T-Shirt oder Teddybär herkommen. "Alles, was Sie im Westen für 100 Euro herstellen, können wir hier für 40 bauen", sagen die Manager der OEMs.

Im November 2002 entdeckte der österreichische Zoll am Innsbrucker Flughafen einen Container mit handgeschnitzten Krippenfiguren aus China. Die Beamten fanden heraus, dass ein Unternehmen aus dem Grödnertal seine "traditionellen Südtiroler Krippen- und Heiligenfiguren" in China schnitzen ließ. Der Kostendruck in der Wirtschaft macht vor keiner Branche halt - und immer ist China dabei der Gewinner.

Aber die Volksrepublik ist dabei angewiesen auf die Manager aus Hongkong, sie sind die wichtigsten Investoren in der Volksrepublik. Durch sie wurde aus dem Fischerdorf Shenzhen eine boomende Metropole mit sieben Millionen Einwohnern. Eine Metropole, die, so fürchten manche, Hongkong bald den Rang ablaufen könnte. Schnellboot- und Hubschrauber-Shuttle verbinden die Sonderwirtschaftszone schon jetzt mit Hongkong. Shenzhen ist eine der reichsten Städte Chinas, gebaut aus Spiegelfassaden und Stahlbeton. Chinas Antwort auf den Kapitalismus. Aber niemand ist gern hier. Die Hongkonger Manager nicht, weil sie es kulturlos und dreckig finden. Die Wanderarbeiter vermissen ihre Heimat. Und die Einkäufer aus dem Westen verstehen die Sprache nicht und ekeln sich vor dem Essen.

Horst Dettenthaler hat 1978 das letzte Mal in Deutschland gewohnt. Er vermisst seine Heimat, seine Freunde, die Kultur - aber sein Land ist ihm auch etwas fremd geworden. Manchmal benutzt er Worte wie "D-Zug", die zu Hause schon lange niemand mehr sagt. Nach seiner Arbeit als Assistent des Einkaufsdirektors bei Quelle wurde er nach Taiwan geschickt, 1983 dann nach Hongkong. Dettenthaler arbeitet jetzt für Karstadt-Quelle, das in Hongkong eine Einkaufszentrale mit 270 Mitarbeitern betreibt, um die Regale der Filialen in Deutschland zu füllen. DVD-Player etwa werden bei Ngai Lik produziert.

"Früher war die Arbeit persönlicher", sagt Dettenthaler. Es gab noch keine Faxgeräte, er sprach persönlich mit den Fabrikbesitzern. Heute bestellt er per E-Mail. Manchmal fährt er selbst in die Werke, um die Qualität zu kontrollieren. Dann holen ihn die Fabrikmanager in einem Kleinbus mit rotem Teppich ab. Einkäufer wie Dettenthaler sind die Könige des Deltas. Und sie bewundern China. Wegen der niedrigen Produktionskosten. Wegen der Energie und Anpassungsfähigkeit.

Aber sie fürchten sich auch davor. Schon jetzt gibt es fast nichts, was im Delta nicht viel billiger als im Westen hergestellt werden könnte. Was, wenn es eines Tages in Deutschland gar keine Fabriken mehr gibt?

"Das Perlflussdelta ist eine Bedrohung für Deutschland", sagt Dettenthaler, "die Menschen hier sind viel flexibler". Oder ist Deutschland eine Bedrohung für sich selbst? Einmal hatte Dettenthaler einen Praktikanten aus Deutschland, einen Wirtschaftsstudenten mit ordentlich gebügelten Hemden. Jeden Freitag ließ der sich per Kurier eine Packung Haribo von zu Hause schicken. Das kann nicht die Zukunft sein. Die Zukunft, das spüren alle im Perlflussdelta, liegt hier.

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Autor:
Janis Vougioukas