China Die Triaden: Mafia im Land des Drachen

"La famiglia"? So unangebracht es bei der italienischen Mafia ist, so wenig ist man versucht, ihr chinesisches Pendant - die Triaden - romantisch zu verklären. Die Banden, nach der kommunistischen Revolution vor allem in Shanghai und Hongkong aktiv, sind für ihre Kälte und Brutalität berüchtigt - nirgends ein chinesischer Tony Soprano, der lässig mit seiner Therapeutin plaudert. Das organisierte Verbrechen in China ist auch, weil es stets einen gewissen Ruch von Magie und Mystik mit sich herumträgt, besonders und bewusst furchteinflößend. Die Geschäfte im Zeichen des Drachen verzeihen weder Fehler noch Verrat.

Der Ursprung der Triaden lässt sich über viele Jahrhunderte zurückverfolgen: Bereits im 17. Jahrhundert sollen Widerständler sich zu Geheimbünden zusammengetan haben, um die Qing-Dynastie zu bekämpfen. Die wurde von den meisten Chinesen als Unterdrückung erachtet - die Regierenden waren Mandschu, die Bevölkerung allerdings größtenteils Han-Chinesen.

Der ethnische Gegensatz führte zu Gewalt sowie einer gefährlichen Untergrundgesellschaft, die allerdings noch kaum etwas von organisierter Kriminalität besaß. Viel eher waren die Banden terroristische Zellen. Noch heute birgt der Kampf gegen die Qing-Dynastie Stoff für identitätsstiftende Geschichten, die man sich in den vielen Bruderschaften erzählt. So gehören zur Mythologie der Triaden jene "fünf Älteren", die als einzige einen Klosterbrand überlebten und gegen die Mandschu kämpften. Die Triaden verehren sie wie Heilige.

Der Aufstieg der Triaden zu einem weltweit operierenden Kartell von Verbrecherbanden wurde allerdings erst durch Einmischung von außerhalb ermöglicht. Im 18. Jahrhundert machten sich die Briten das Netzwerk der Organisation zunutze um Drogen ins Land zu bringen. Obwohl Opium damals bereits in China verboten war, wurde das Rauschmittel dennoch landläufig benutzt - und die Briten benötigten Abnehmer für den Stoff, den sie in ihren indischen Kolonien anbauten.

Europäische Boote schmuggelten also Rauschgift gegen Silber ins Land, im Untergrund wurde es verteilt. Die Briten gaben der organisierten Kriminalität nicht bloß Starthilfe, sondern auch ihren Namen: Der Begriff "Triade" rührt von den dreieckigen Enblemen, die manche Bruderschaften als Erkennungszeichen führen. Mit dem Drogenhandel bauten die Triaden ihre Macht und ihren Reichtum aus. Der Geist war aus der Flasche.

Den Einfluss der Triaden in China brach erst die kommunistische Revolution: Nachdem die kommunistische Partei 1949 die Macht erlangte, verloren die kriminellen Allianzen an Boden. Den fanden sie an den Rändern des Reiches: Honkong, damals britische Kolonie, wurde zum Hauptsitz der Triaden und ist es bis heute geblieben. Gruppen wie Sun Yee On, 14K, die Vereinigte Wo und Dutzende weitere operieren hier, im typischen Halbwelt- und Untergrundgeschehen: Prostitution, Schmuggel, Glücksspiel, Schutzgelderpressung, Fälschungen und Menschenhandel, die üblichen Disziplinen organisierter Kriminalität, ob in Sizilien, Hamburg oder Shanghai. Etwa 80.000 Mann stark sollen die Triaden in Hongkong insgesamt sein.

Unappetitliche Blutsschwüre

Mystizismus und die chinesische Zahlenlehre des I Ching spielen eine große Rolle in den Ritualen und im Aufbau der Hierarchien - die weit loser geknüpft sind als in den strengen Strukturen der Mafia und nur in den obersten Etagen ähnlich rigide sind. Kleinere Aktivitäten von Triaden-Mitgliedern werden kaum von ganz oben gesteuert. Und nicht jeder, der in einer Triade Mitglied ist, nimmt an kriminellen Handlungen teil, man schätzt, das nur etwa ein Zehntel aktiv ist. Der Rest genießt den Schutz der Organisation.

Für die meisten Triadenmitglieder ist lediglich eine Beziehung wichtig: Die zwischen "Dai-Lo", dem großen Bruder, und "Sai-Lo", dem kleinen Bruder. Der eine gibt Aufträge und Schutz, der andere Loyalität und Geld. Auf unterer Ebene kooperieren auch unterschiedliche Triadenbanden, ohne dass der Führungsapparat darüber unterrichtet werden müsste.

An der Spitze einer Gruppe steht der Drachenkopf, sein Rang hat die Nummer 489. Ihm unterstellt sind drei gleichgestellte Mittler, denen die Ziffer 438 zugeordnet ist: ein Stellvertreter, ein Wächter und ein Weihrauchmeister. Die letzten beiden wirken wie das Gedächtnis der traditionsreichen Banden: Sie sorgen dafür, dass die Rituale der Triaden traditionsgemäß durchgeführt werden. Ein ziemlich unappetitliches Beispiel ist der Initiationsritus. Früher tranken die Anwesenden dabei das Blut des Kandidaten mit Wein gemischt, im Zeitalter von Aids war man zu einer Abkehr gezwungen: Symbolisch wird darum das eigene Blut getrunken.

Obwohl die Triaden sich in einem mitleidlosen kriminellen Geschäft verdingen, gehört der mystizistische Anstrich zum Selbstverständnis, ebenso wie die strikte Opposition zur Regierung. Auch wenn der Aspekt in den vergangenen Jahrhunderten in den Hintergrund gerückt ist, verstehen sich die Triaden doch auch als eine politische Kraft. Von den 36 Schwüren, die ein neues Mitglied ablegen muss, enthält einer auch das Bekenntnis, die Herrschaft der Ming wiederherzustellen, wie es die "fünf Älteren" taten.

Filme wie der Hongkong-Klassiker "Infernal Affairs", das Vorbild für Martin Scorseses Mafia-Thriller "The Departed", zeichnen ein brutales, aber nicht komplett unromantisches Bild der Triaden und der Beziehungen darin. Nun, zu fest kann das Hongkong-Kino auch nicht die Hand beißen, die sie füttert. Drogengewinne, so spricht man nämlich hinter vorgehaltener Hand, landeten allzuoft zu Zwecken der Geldwäsche als Investitionen in der boomenden Filmbranche.

Autor:
Michael Weiland