Peking Die berühmte Peking-Oper

Vier junge Männer fegen blitzartig durch den Raum. Sie fliegen mit Riesensprüngen und Pirouetten, heben das Bein weit über den Kopf, drehen es nach hinten. Unversehens gefrieren sie zu einer stolzen Pose - der Körper gestreckt wie ein jäher Pinselstrich. Die Faust vor der Brust wie beim Kung-Fu. Der Blick voller Heldenmut. Ein zierlicher, älterer Mann steht ihnen gegenüber und gibt durch sanften Singsang den komplizierten Takt vor. Korrigiert die Stellung - das Bein muss noch gedehnter, das Kinn weiter oben sein. Yang Shaochun, plötzlich Energiebündel unter Hochspannung, nimmt selbst Haltung an und erklärt mit leuchtenden Augen: "Denkt daran: Ihr spielt den Krieger Gao Cheng. Er missachtet die Befehle, um sich in der Schlacht zu beweisen. Jeder Atemzug von euch muss diese Arroganz fühlbar machen!"

Yang Shaochun, 68 Jahre alt, ist einer der berühmtesten Darsteller des wusheng, der Rolle der männlichen Krieger. Und er ist der beliebteste Lehrer an Chinas bester Universität für jingju, wie die Peking-Oper, die bekannteste der insgesamt 300 chinesischen Musiktheaterformen, auf Chinesisch heißt. An diesem schönen Nachmittag schaut darum keiner der Schüler aus dem Fenster des Tanzstudios. Alle schuften, allen steht der Schweiß auf der Stirn, auch Yang atmet schwer. Ein beeindruckendes Bild eiserner Disziplin. Irgendwann geht einer der Schüler dem Lehrer unaufgefordert frisches Teewasser holen.

An diesem Nachmittag geht es nur um wenige Szenen aus dem Stück "Tiao Huache" ("Die Streitwagen umstürzen"). Weil aber das chinesische Musiktheater Tanz, Gesang, Deklamation, Mimik, Musik und Akrobatik verbindet, kann es nicht nur mit Partituren erlernt werden. Trotz der starren Regeln - jede Geste, jeder Schritt ist vorgeschrieben, jedes Kostüm, jedes Make-up hat eine bestimmte Bedeutung - ist der individuelle Ausdruck wichtig. Yang macht vor, was zunächst so schwer nachvollziehbar scheint: Die innere Empfindung der Figur soll vollkommen mit der Stimmlage, der Bewegung und dem Rhythmus des Schauspielers harmonieren. Er muss das qi, die Lebensenergie der Figur, zum Atmen bringen.

"Früher", sagt Yang und kräuselt mit einem Blick auf seine Schüler die Lippen, "konnten die besten Darsteller der Peking-Oper sehr viel mehr Stücke aufführen. Heute will keiner zu den rigiden Methoden vor 100 Jahren zurück" und spielt damit auf den auch im Westen beliebten Film "Lebewohl, meine Konkubine" von Chen Kaige an. Darin wird die Oper den Schülern, die meist aus ärmlichen Verhältnissen kamen und die Bühne als Aufstiegschance sahen, eingeprügelt.

Im Film gerät die Hauptfigur in die Vorstellung eines typischen Pekingopernhauses der zwanziger Jahre. Es ist brechend voll, die Zuschauer schwatzen, spucken die Schalen von Sonnenblumenkernen auf den Boden, Mütter stillen Kinder, Kellner werfen den Gästen feuchte Handtücher zur Erfrischung zu. Cut. Trommelwirbel, und ein Mann mit schwarzweißer Gesichtsbemalung in prächtigem Kostüm wirbelt auf die Bühne, ein wusheng. Applaus flutet den Raum, braust auf. Der Mann schlägt alle Angreifer mit dem Kampfstab zu Boden und blickt dann forsch in die Kamera. In der Filmkostümierung steckt Yang: Unser gestrenger Lehrer war einst ein Opernstar, der auch im Ausland auftrat.

Gedemütigt, degradiert und misshandelt

Später, in seiner Wohnung in einem der gesichtslosen Wohnblöcke, wird Yang erzählen, dass die Peking-Oper wohl nie wieder werden wird, was sie damals und im Film war: Unterhaltung für breite Volksmassen auf höchstem Niveau. Selbst in das Theater, wo er, der schon Rentner ist, noch als Supervisor arbeitet, kommen fast nur noch Touristen - trotz der durchdringenden Gesänge, der kargen Kulissen, der abstrakten Symbolik, bei der es niemals wie im westlichen Musiktheater darum geht, reale Situationen nachzuahmen. Die Opern, die früher bis zu vier Stunden dauerten, wurden zu Potpourris gängiger Arien und Kampfszenen verstümmelt. "Die Jugend geht lieber in Discos", klagt Yang Shaochun. "Und alte Fans schauen sich ihre Opern nur noch auf DVD an."

Der kleine, drahtige Mann mit den feinen Gesichtszügen legt sein Mützchen ab, zieht ein Fotoalbum aus der Schrankwand. Er sucht das Foto seiner verstorbenen Frau. Auf die Frage, ob es schwer gewesen sei, sich für eine seiner vielen Verehrerinnen zu entscheiden - die eleganten Darsteller der wusheng waren immer die beliebtesten bei den Damen -, reagiert er mit kokettem Schmunzeln. Danach zeigt er stolz auf ein Foto seines Vaters Yang Shengchun, der ebenfalls ein hochgeschätzter wusheng war.

Yangs Vorfahren kamen vor 200 Jahren aus der Provinz Anhui nach Peking, damals, als auf Initiative des Kaisers Qianlong die Peking-Oper aus der Verschmelzung vieler regionaler Bühnenstile als Nationaloper entstand. Zuletzt zeigt Yang mir das Bild von Li Shengbin, auch er war ein bedeutender wusheng und sein Lehrer. Während der Kulturrevolution wurde der Mime gedemütigt, degradiert und misshandelt. Damals hatte es die Peking-Oper besonders schwer, galt sie doch als feudal und reaktionär. Maos Frau entwickelte fünf revolutionäre Modellopern, die traditionellen Opern hingegen durften nicht mehr aufgeführt werden.

Yang hat an einer dieser Modellopern mitgearbeitet, er war damals gut 20 Jahre alt, was sollte er machen? Bis heute hält Yang daran fest, dass sich die Peking-Oper nur weiterentwickeln müsse, damit wieder Zuschauer kommen. Beispiel dafür ist seiner Meinung das neue Stück "Cao Cao und Yang Xiu", in dem die Helden nicht mehr nur böser Schurke und edler Guter sind, sondern komplexere Charaktere. Es ist Abend geworden. Yang hat zum Essen in die Südstadt geladen, dort, wo sich vor einem Jahrhundert die Opern- und Teehäuser, die Schnapskneipen und Bordelle häuften und heute in abrissreifen Hütten jene Schauspieler wohnen, die weniger Glück hatten als Yang.

Die Armenviertel werden von glitzernden Wolkenkratzern verdeckt. Auch das Liyuan-Theater, das Theater Yangs, befindet sich in einem topmodernen Hotel. Hier huscht er rasch noch hinter die Bühne und in die Garderoben, klopft Bekannten zur Begrüßung zackig auf die Schulter, mahnt zur inneren Sammlung. Und harrt dann konzentriert in der ersten Reihe der Aufführung. Der Vorhang geht auf, die reduzierte Musik, erzeugt von Gongs und Trommeln, Zupf- und Streichinstrumenten, erklingt. Wieder einmal wird der Schwertkampf aus "Lebewohl, meine Konkubine" aufgeführt, Hu Wenge spielt die Konkubine, er ist einer der letzten männlichen Darsteller der dan, der Frauenrollen. Sein Gesang ist schrill, zugleich aber auch märchenhaft filigran.

Hu Wenge ist ein Schüler des Sohnes von Mei Lanfang, flüstert Yang, also des populärsten Peking-Oper-Darstellers aller Zeiten. Mei Lanfang spielte weibliche Rollen, als Frauen noch nicht auf die Bühne durften. Die Szene ist schnell vorbei, der gewitzte, aufmüpfige Affenkönig Sun Wukong tänzelt auf die Bühne. Die beliebte Figur mit dem weiß und rot bemalten Gesicht stammt aus dem chinesischen Roman "Die Reise nach Westen". Heute gilt es, einen ganzen Haufen Dämonen,Tiergeister und maskierte Gottheiten zu schlagen: ein Kinderspiel, wenn man über so viele magische Fähigkeiten verfügt wie der Affenkönig und die Götter stets zu betrunken, zu dick oder zu doof sind. Spöttisch kneift der Schauspieler die Augen zusammen.

Aber auch Yang verzieht sein Gesicht. "Ja", flüstert er, "die Peking-Oper muss sich verändern. Aber", schränkt er ein, "das heißt nicht, dass die Schauspieler tun können, was ihnen passt." Der Affenkönig, so Yang, ist eine schwierige Rolle, weil sie den souveränen Kampfkünstler verlangt und gleichzeitig komisch wirken muss. Dieser heute aber sei nur albern. Mag sein, dass die Peking-Oper neue Impulse braucht, wenn sie nicht zur touristischen Klamotte verkommen will. Auf dem Heimweg ist Yang Shaochun, der sein ganzes Leben voller Ernst und Empathie der Oper gewidmet hat, ernüchtert. Noch immer dröhnt der Verkehr in der Millionenmetropole Peking. Zum ersten Mal an diesem Tag wirkt der Unermüdliche ein wenig mutlos.

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Autor:
Susanne Messmer