Macao Chinas neues Las Vegas

Jimmy ist entspannt. Jimmy macht Scherze. Jimmy freut sich auf die Ausfahrt mit seiner Harley Davidson am Abend. Sein Antiquitätengeschäft hält er nur noch vom Mittag bis zum späten Nachmittag offen.

Mit 74 Jahren will er ausschlafen und die letzten Jahre genießen. Außerdem läuft der Laden fast von selbst in diesen Tagen - dank der Chinesen, die in Macao ihr Geld ausgeben. "Die haben Augen so scharf wie Adler. Sie erkennen sofort, was Wert hat. Und sie sind einfachere Kunden als die Europäer - denen muss man alles erklären. Die Chinesen wissen genau, was sie wollen." Und so wandern die Figuren aus der Ming-Zeit, die Vasen aus der Tang-Periode und das Porzellan, das gerade ein paar Dekaden ohne Sprung hinter sich gebracht hat, aus Jimmys staubigen Regalen und Vitrinen dahin, wo es herkam: zurück über die Grenze, nach Festlandchina.

Für den Antiquitätenhändler in Macaos Antik-Meile Rua de Santo António sind die reisenden Chinesen das Glück der späten Jahre. "Die haben Geld, und sie geben es aus", sagt Jimmy. Er ist nicht der einzige, der auf Macao von Chinas Reiselust und -freiheit profitiert. Allen voran die Casinos, aber auch die Hotels, die Händler, die Museen und selbst Tam, der in der Rua dos Ervanários Räucherstäbchen für die Tempel bündelt und verkauft, sie alle leben von der Nachbarschaft zum Reich der Mitte: "Fertigen lasse ich heute in China, hier würde es 200 Prozent mehr kosten", sagt Tam während er sich den gelben Staub der Kräuter von den Händen klopft."Wir verkaufen nicht nur an die Einheimischen, sondern auch an die Festlandchinesen. So kommen die Stäbchen aus China und gehen wieder dorthin zurück." Er lacht.

Macao, lange Zeit nur bekannt als Spielhölle und Tummelplatz der Triaden, hat einen neuen Weg eingeschlagen: Gespielt wird immer noch, und die Triaden schlafen nur. Aber nun kommen die Touristen, und sie sollen drei blitzsaubere Inselchen vorfinden. Inseln, die Attraktionen für die ganze Familie bieten: schönere Museen als in Hongkong, bessere Restaurants als in Kanton, europäisches Kulturerbe und chinesische Tradition, amerikanische Freizeitparks und katholische Kirchen. Auf der Hauptinsel grenzt eine weitgehend intakte chinesische Altstadt an die Paläste der portugiesischen Kolonialherren. In frischem Gelb getüncht strahlen die Fassaden der alteuropäischen Häuser unter fernöstlicher Sonne. Noch besitzen die beiden kleineren Nebeninseln Taipa und Coloane echte Dorfstrukturen. Bald aber sollen dort neue Resorts tausende von Touristen beherbergen. Wie früher ist Macao Scharnier zwischen Ost und West, nur nicht mehr unter Herrschaft europäischer Eroberer, Prediger und Händler. Sondern dort angekommen, wo es vor 500 Jahren bereits einmal war - unter Chinas Führung.

Seit jeher hat die Insel von den Fremden profitiert. Allerdings kamen sie über Jahrhunderte stets aus dem Westen. Das Eiland gegenüber von Hongkong war die erste Niederlassung der Europäer in China. Noch bevor Holländer, Spanier und Briten hier festmachten, erhielten die Portugiesen 1557 die Genehmigung, auf Macao einen Handelsstützpunkt zu gründen, um die Märkte des Fernen Ostens zu erobern. Hier aber endet auch schon jede Gewissheit: "Wenn wir akzeptieren, dass das portugiesische Reich eines der größten Rätsel der Geschichte darstellt, dann ist die Gründung Macaos das Mysterium aller Mysterien", sagt der chinesische Historiker Jin Guo Ping. Schon in den ersten Jahrhunderten muss Macao eine multikulturelle Gesellschaft gewesen sein. "Es gab Chinesen und Portugiesen, Filipinos, Malayen, Timoresen, Malabaren und Kanaresen und viele andere Männer und Frauen aus allen Ecken der Welt. Sie kamen zusammen und bauten eine Welt des Handels auf, den einzigen Grund für die Existenz Macaos", schreibt der Autor Alfredo Dias.

Von hier aus verbreitete sich der westliche Einfluss in China. Die Insel war Durchgangsstation, Heimat in der Fremde, Platz zum Luftholen für Abenteurer und Kaufleute, Seemänner und Missionare auf ihren Reisen. Die meisten ihrer Namen sind längst vergessen. Doch zwischen den Zeilen der Grabinschriften auf dem alten protestantischen Friedhof, oben auf dem Berg zwischen dem Camões-Garten und der Kirche Santo António, gewinnen die Schicksale an Kontur: Hier ruht R.V. Warren, der 1816, mit 22 Jahren "an Bord des Schoners Kappa von Chinesen ermordet wurde". Ein paar Gräber weiter liegt Kapitän Ipland aus Apenrade, 39 Jahre alt - zwei Grabsteine erinnern an ihn: "Die Witwe sandte diesen Stein aus Deutschland aus Furcht, der erste würde bald verfallen", steht auf dem jüngeren. "Nun künden beide Christian Iplands Tod im fernen Land."

Aus der Entfernung verschwimmen die Schicksale der Menschen. Aus der Höhe verlieren sich die Umrisse Macaos: Straßen und Kirchen, die zartgelben Bürgerhäuser, baumbestandene Plätze, Schiffe,Autos und Menschen - von der Glaskanzel des neuen Macao Towers in 223 Meter Höhe verschmelzen sie zu einem einzigen Gewimmel. Hier oben ist das Reich von Nick Boura, 40 Jahre alt und Teilhaber der asiatischen Tochtergesellschaft des weltgrößten Anbieters für Bungee-Sprünge.

Die Chinesen will er auf den Turm locken, "die lieben es doch, etwas zu tun, das gefährlich aussieht", sagt er. Der Macao-Tower ist das Revier der Abenteurer, und Nick Boura ihr Vorturner. Nicht auf die Tourgruppen, die mit ihren roten Schirmmützen hinter einem Führer mit Fähnchen durch die Stadt marschieren, hat er es abgesehen. "Wir setzen auf die jungen Individualreisenden, die neugierig sind, etwas erleben wollen". Die Chancen stehen nicht schlecht: Mehr als 40.000 Chinesen strömen täglich nach Macao - 60 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das Imperium des Stanley Ho weicht auf

Unbeabsichtigt wurde der Turm zum Mahnmal für den Wandel Macaos. Stanley Ho Hung-sun, dessen "Sociedade de Turismo e Diversões de Macau" bis zum Jahr 2004 über vier Jahrzehnte die Lizenz hatte, Glücksspiel quasi als Monopol zu betreiben; Ho, der Hongkongs Verwaltungschef berät und seit 1971 fast 30 internationale Orden verliehen bekam, dem Fährschiffe und Hubschrauber, Hotels und alle zwölf Casinos Macaos gehören und der damit Milliarden macht, sich aber auch als Wohltäter für Macao und seine Einwohner oft hervorgetan hat; Ho, der Pate der Insel, hatte sich wohl zum ersten Mal verrechnet. Der Turm sollte ein weiteres Casino beherbergen, womit Tochter Pansy jedoch nicht einverstanden war: Sie wollte die Nadel, die aus Macaos neu gewonnenem Land ragt, weder zum Fernseh- noch zum Zocker-Turm machen. Statt dessen wurden der "Skywalk" (ein Rundgang außen um den Turm in schwindelnder Höhe), der "Mastclimb" (der Weg hoch bis zur Spitze der Nadel), und der "Skyjump" eingeführt, bei dem Wagemutige am Gummiseil in die Tiefe springen.

So schön der silberne Macao Tower in der Sonne strahlt, so sicher ist es, dass das große Geld auf Macao weiterhin nicht mit Bungee-Sprüngen, sondern mit dem Zocken verdient wird. Im Casino Lisboa, mit seinem schmuddeligen Teppichboden und den Klimaanlagen, die den Zigarettenrauch von tausenden nervösen Chinesen nicht bewältigen. Oder im blitzblanken Pharaoh's Palace, das heruntergekühlt ist wie die Nordseeküste Anfang Oktober und von dessen Wand eine Pappmaché-Nofretete aus blinden Augen auf die Spieltische stiert.

Das Imperium des Stanley Ho weicht auf, doch das Glücksspiel boomt. 2001 löste Macao das Spiel-Monopol auf, am 22. Januar 2002 vergab die Regierung erstmals drei Lizenzen für den Casinobetrieb: Eine ging an den alten Monopolisten Ho, die zweite an den Zusammenschluss der Las-Vegas-Veteranen Galaxy und Sheldon Adelson, die dritte an ein Konsortium mit dem Amerikaner Steve Wynn.

Noch ist Macao die Nummer drei der internationalen Spielerparadiese, hinter dem amerikanischen Atlantic City und Las Vegas. 3,5 Milliarden Dollar haben die Casinos der Insel 2003 eingenommen, 27 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Bald könnte Macao Las Vegas und Atlantic City überflügeln, denn die neuen Investoren stecken viel Geld in die Insel. Sehr viel Geld. In ihrer ganzen Geschichte hatten die drei heute zu Macao verbundenen Inseln nicht mehr als 3,5 Milliarden Dollar an Auslandsinvestitionen bekommen. Nun erhalten sie innerhalb weniger Monate die gleiche Summe: Sheldon Adelson von der amerikanischen Venetian Group will ein 1500 Betten-Resort auf Taipa bauen. Andere Investoren sollen folgen und dort eine Hotelstadt mit 90.000 Betten heranwachsen lassen. Bis Mitte 2004 hatte Macao gerade einmal 9500 Hotelbetten insgesamt.

Auf der Hauptinsel werden bis Ende 2004 neben dem Fährhafen das Las Vegas Sands (240 Millionen Dollar) von Adelson, das Galaxy (60 Millionen Dollar) und Hos Shopping- und Erlebnismeile Fisherman's Wharf (1,2 Milliarden Dollar) aus dem Boden gestampft. Macao könnte zur Goldader werden: Der Gewinn pro Tag und Spieltisch liegt bei durchschnittlich 20.000 Dollar, zehnmal so hoch wie in Las Vegas. Die geplante Y-förmige Brücke zwischen der chinesischen Sonderwirtschaftszone Zhuhai mit Macao im Westen und Hongkong im Osten wird helfen, noch mehr Touristen und Spieler auf die Inselgruppe zu bringen.

Mit seinen Casinos hat Macao längst zu leben gelernt. Sein Wohlstand gründet sich darauf. "Sie sind weder ein Problem, noch sind sie eine besondere Chance: "Die Menschen hier brauchen etwas, das sie ernährt", sagt Domingos Lam Ka-tseung, der frühere Bischof Macaos. Reverend Lancelot M. Rodrigues, allen hier nur als Vater Lancelot bekannt, ist noch pragmatischer: "Spielen ist keine Sünde. Die Sünde beginnt doch erst danach - bei Prostitution oder Geldschneiderei", sagt der 80-Jährige, der die katholischen Sozialdienste leitet. Das jesuitische Erbe der Ende des 16. Jahrhunderts gegründeten, ältesten Diözese Chinas ist noch immer überall spürbar. Fast die Hälfte der Schüler besucht eine der 33 katholischen Schulen Macaos. Die Kirche gibt sich tolerant. Schließlich bauen die Investoren ja nicht nur Casinos, sondern auch Einkaufsmeilen und Freizeitparks. Was bitte, sollte daran schlimm sein?

"Schlimm daran ist, dass Macaos Erbe darüber in Vergessenheit gerät", sagt Jorge Cavalheiro. Der Historiker, der an der Hochschule der Insel lehrt, sorgt sich um die Zukunft seiner Heimat. Er selber hat seine Schularbeiten noch im Tempel der Göttin Kun Iam gemacht. Er kennt die alten Gassen und Hinterhöfe, die von der Rua Santo António abzweigen: "Hier verlief die Grenze zwischen Europa und China: oben am Berg lebten die Portugiesen mit ihren Kirchen, unten die chinesischen Händler und Handwerker." Leicht verbittert sagt er: "Die Portugiesen haben ihr kulturelles Erbe geschützt, die Chinesen schützen nun gar nichts mehr." Ins selbe Horn stößt Francisco Vizeu Pinheiro, Stadtplaner in der Verwaltung: "Uns fehlen Experten: Die Verwaltung orientiert sich nur noch an China oder Hongkong - dem chinesischen oder dem angelsächsischen Hintergrund. Der iberische Ursprung Macaos geht verloren."

Die Taxifahrer sprechen Kantonesisch, das Portugiesische wird nur noch von einer kleinen Elite gepflegt. Die Muttersprache Macaos, das Gebräu aus portugiesischen Sprachfetzen mit malayischen und indischen Dialekten sowie Lehnsworten aus dem Englischen, Japanischen und Spanischen, beherrschen nur noch ein paar Dutzend der vielleicht 8000 hier noch lebenden Macanesen.

Dabei, sagt Pinheiro, habe die Insel doch eine ausgezeichnete Ausgangsposition, ihre Vergangenheit zu bewahren. "Dank des Jahr für Jahr aus dem Meer gewonnenen Landes können neue Gebäude dort errichtet, alte bewahrt werden." Und doch kennt jeder hier die Geschichten von der Häuserzeile, die nach und nach abbrannte, um für Immobilienspekulationen Platz zu schaffen. Wurden die Brandstifter gefasst? "Natürlich nicht", sagt Pinheiro.

Immerhin will die Unesco jetzt ihre schützende Hand über Macao legen.Gleich vier oder fünf Baudenkmäler sollen in naher Zukunft in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden, heißt es. São Lazaro, der alte Vorzeigestadtteil, wird sogar zum Galerien- und Künstlerviertel aufgeputzt, die renovierten Fassaden erinnern bereits jetzt eher an Florenz oder Venedigs Bürgerhäuser als an eine Altstadt in China. Sanft winden sich die schmalen Straßen in der Abendsonne herauf zum Festungsberg, die Schritte hallen auf dem alten Pflaster. "Sicher, es sieht bezaubernd aus. Und doch wachsen aus den Dächern Bäume und Gestrüpp, weil die Häuser zu lange leer stehen", sagt Pinheiro.

Dennoch bangt kaum jemand wirklich um Macaos Zukunft. Erst recht nicht Vater Lancelot. Der alte Haudegen im Talar hat manchen kommen und gehen sehen auf Macao. "Passiert ist uns hier nie etwas. Und das ist kein Wunder. Schließlich hat Macao drei Schutzpatrone." Die, so ist nicht nur Vater Lancelot sicher, haben dafür gesorgt, dass die Japaner im Zweiten Weltkrieg hier nicht einfielen,Taifune meist vorüberzogen,und die Übergabe an die Chinesen 1999 reibungslos verlief.

Jedes Jahr im Mai prozessieren auch die Buddhisten mit, wenn die Katholiken ihre heilige Madonna, Maria von Fatimah, hinauf zur Kirche Ermida da Penha geleiten. Die Katholiken kommen, wenn die Daoisten A-Ma, die große Mutter und Schutzheilige der Fischer, im Juni verehren. Und alle zusammen glauben sie an Kun Iam, die buddhistische Patronin der Inseln. In ihrem Tempel unterzeichneten Amerikaner und Chinesen 1844 ihren ersten Freundschafts- und Handelsvertrag. Ihre Statue steht im Wasser, zwischen Casino Lisboa und Fähranleger, den beiden Symbolen für Macaos Wohlstand.

Kun Iam wird dafür sorgen, dass Macao weiterhin alles richtig macht. Dass es offen bleibt für Neuankömmlinge. Seine Herkunft nicht leugnet. Und sich nicht wehrt gegen die Umarmung des großen Nachbarn.

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Autor:
Christoph Hein