Weltreise Als Designer auf der Walz

Merian.de: 36 Städte, fünf Kontinente, 16 verschiedene Länder haben Sie in den letzten zwei Jahren besucht und in einigen Städten sogar gewohnt. Wie kam es zu diesem Nomadenleben?
Sixtus Körner: 
Als Designer, Architekt und Fotograf um die Welt zu reisen, wollte ich schon während meines Studiums. Ich wollte aber nicht einfach losziehen und schauen was passiert, sondern ein Konzept entwickeln, das meiner Reise als Grundlage dienen sollte. Und ich wollte auch weiterhin meiner Leidenschaft für die Gestaltung nachgehen können. Die traditionelle Handwerkswalz hat es mir besonders angetan. Hier kann man erlernte Fähigkeiten weiter schulen, gleichzeitig aber auch unbekanntes Terrain betreten. Die Richtlinien dieser Tradition habe ich dann auf die heutige Zeit und speziell auf meine Profession als Gestalter umgeschrieben.

Wie genau sehen denn Ihre Richtlinien aus?
Die wichtigste Regel der Walz: Man arbeitet für Kost und Logis. Diesen Grundgedanken habe ich übernommen. Schon im Mittelalter heuerten Handwerker bei Meistern der eigenen Zunft an und lebten mit deren Familie unter einem Dach. Die Vorstellung, genau das in allen möglichen Ländern und Kulturen zu tun, reizte mich so sehr, dass ich die Handwerkswalz als Grundlage meiner Reise auserkor. Statt in Werkstätten oder auf Baustellen zu arbeiten, sitze ich meist im Büro an meinem Computer oder bin mit der Kamera unterwegs. Nur transportiere ich mein "Arbeitsmaterial" nicht in einem Beutel, der über der Schulter baumelt, sondern verstaue sie in meinem Reiserucksack. Eine Art Designwalz also. 

Wo hat es Ihnen bislang am meisten gefallen? 
Länder sind immer nur so gut wie die Leute, mit denen man dort Zeit verbringt. Eine Stadt kann schön anzusehen sein oder auch nicht, viel oder wenig den eigenen Ansprüchen genügen. Wie wohl man sich dort aber fühlt, hängt immer von den Menschen ab, die einen umgeben. In jedem Land, in dem ich bislang war, hatte ich das Glück mit Menschen zusammen zu sein, die mir ans Herz gewachsen sind.

Konnten Sie sich zwischenzeitlich schon mal vorstellen, an einem Ort zu bleiben?
Ich habe mich von Anfang an sehr strikt an meinen Plan gehalten, die Erde zu umrunden und das Projekt erfolgreich abzuschließen. Deswegen kam mir nie in den Sinn darüber nachzudenken, an dem ein oder anderen Ort dauerhaft zu bleiben. Allerdings muss ich zugeben, dass ich den Rucksack oft mit schwerem Herzen gepackt habe. Aber: Ich hatte bislang immer mehr Lust auf Reisen als irgendwo sesshaft zu werden.

Gab es einen Ort, an dem Sie sich verloren gefühlt haben?
Nein, dennoch gab es natürlich große Unterschiede von Land zu Land. Und je nach Ort konnte ich mich mal schneller und mal langsamer an die gegebene Situation anpassen. Gerade am Anfang meiner Designwalz hatte ich Probleme meine eigene Arbeit genau zu definieren. Nur selten hatten meine Auftraggeber eine konkrete Vorstellung, was genau ich für sie machen sollte. Aber irgendwie hatte ich mir genau diese Herausforderung vor meiner Reise auch erhofft. Ich wollte loszuziehen und lernen, mich in kürzester Zeit auf unterschiedliche Situationen einstellen zu können. Und: Ich habe tatsächlich enorm viel dazugelernt. Das wird mir, da bin ich fest von überzeugt, auch in einem Job in Deutschland sehr zugute kommen.

Welche Nation hat Sie bislang am gastfreundlichsten empfangen?
Den großartigsten Empfang und die darauf folgende immer wieder verblüffende Gastfreundschaft in Malaysia hat mich tief beeindruckt. Gerade auch die Tatsache, dass einem vom Gastgeber nie das Gefühl entgegengebracht wird, man müsse für diese Gastfreundschaft etwas zurückgeben. Das dürfte wohl auch der Grund dafür sein, dass ich insgesamt drei Mal während meiner Reise dort Station machte.

Gab es eine Nation, die Ihnen unnahbar vorkam?
Ich bin der Meinung, dass man Menschen innerhalb eines Landes nicht über einen Kamm scheren kann. Die Grenzen einer Nation besagen nicht, dass innerhalb dieser alles gleich ist, schon gar nicht die darin lebenden Menschen. Sogar in Deutschland kann man große Unterschiede im Temperament des Nordens gegenüber dem Süden erkennen. Wie sollte man da über eine Nation wie zum Beispiel Äthiopien, mit ihren über achtzig Sprachen, zahlreichen Ethnien und Religionen sagen, dass sie unnahbar sei?

Wie haben Sie die Jobs in den unterschiedlichen Ländern überhaupt bekommen?
Es gibt zwei unterschiedliche Varianten an einen Job zu gelangen: Entweder man schreibt die Arbeitgeber direkt an oder man wird von jemandem, der jemanden kennt weitergeleitet. Im Grunde funktioniert das genauso wie in Deutschland auch, nur die Bewerbungsschreiben sehen ein wenig anders aus.

Sprechen Sie viele Sprachen?
Ich glaube, relativ viele Talente zu haben, Fremdsprachen gehören jedoch bestimmt nicht dazu. Mein Englisch ist über diese zwei Jahre hinweg sehr viel besser geworden, andere Sprachen aber leider nicht. Mandarin, Bahasa, Hindi, Kannada, Arabisch, Amharisch, Spanisch, Dänisch. Alleine diese Liste an Sprachen, die ich hätte erlernen müssen, um mich überall verständigen zu können, versetzt mich in eine Schockstarre, wie ich sie damals beim Französischvokabeltest in der Mittelstufe regelmäßig hatte.

Haben Sie einen Türöffner, der Ihnen hilft, das Eis bei neuen Begegnungen zu brechen?
In meiner Art zu reden bin ich relativ unspektakulär und eher zurückhaltend. Das hilft leider überhaupt nicht, wenn es darauf ankommt im geschäftlichen Smalltalk zu punkten, aber in vielen Ländern wird Zurückhaltung sehr hoch angesehen. Vor allem im ostasiatischen Raum hat mir diese Art, auch wenn es etwas länger dauert, viele Türen geöffnet.

Haben Sie eine besonders kuriose Erfahrung auf Ihrer bisherigen Tour gemacht?
Da gibt es einige. Vor kurzem besuchte ich einen Hahnenkampf in Santo Domingo, ein beliebter Wettsport in der Dominikanischen Republik. Nach ein paar Gläsern Cuba Libre ließ ich mir zwei der Verliererhähne aufschwatzen, die ich später zum Barbeque mitbringen wollte. Im Taxi auf dem Weg nach Hause zappelte es plötzlich in einer der Plastiktüten. Ein Hahn lebte noch. Zwei Tage lang versuchte ich ihn gesund zu pflegen. Aber das Tier quälte sich, und ich entschied mich für den einzigen, richtigen Schritt: das Tier schlachten. Leider habe ich darin keine Erfahrung, war nervös und übte den alles entscheidenden Messerhieb für mehrere Stunden. Als ich es dann schlussendlich über mich brachte, bäumte sich der kopflose Hahn auf - und ich flüchtete unter Herzrasen aus dem Raum. Nachdem das Flattern aufhörte und ich die Tür öffnete, sah das Zimmer wie im schlimmsten Krimi aus. Das Blut war die Wand hochgespritzt, und ich verbrachte zwei Stunden damit, alles aufzuwischen. Eine Erfahrung, die mit Sicherheit einmalig bleiben wird.

Sie schreiben in Ihrem Blog, dass Sie kein Tourist sind. Sind die Erfahrungen, die Sie sammeln, anders als die von Touristen? 
Der große Unterschied: Ich lebe zusammen mit Einheimischen. Ich finde meist Unterkunft bei meinen Arbeitgebern und lebe demnach das gleiche Leben wie diese auch. Sind es Muslime, die keinen Alkohol zu sich nehmen, dann tue ich das auch nicht. Wenn viel gearbeitet wird, arbeite ich auch viel und wenn meine Gastgeber viel feiern und die heimische Clubszene unsicher machen, dann bin ich auch dabei. Ich behaupte, einen Einblick in das wahre Leben fremder Länder zu bekommen, den man als Tourist nicht bekommt. Und diese Einblicke habe ich innerhalb der letzten zwei Jahre auf fünf verschiedenen Kontinenten und in zahlreichen unterschiedlichen Kulturen erfahren können. Neben all den anderen Erfahrungen, die ich sammeln durfte, ist dies mit Sicherheit das größte Geschenk, das ich mit nach Hause nehmen werde. 

Welches Land würden Sie nach Ihren Erlebnissen als das Land bezeichnen, das man unbedingt gesehen haben muss?
Indien muss man gesehen haben, auch wenn es zu lange dauern würde das ganze Land zu erkunden. Aber die Andersartigkeit und Mannigfaltigkeit dieser Nation stellt einen einerseits auf harte Probe, bietet jedoch gleichzeitig auch die wundervollsten Eindrücke in einer Gesellschaft, die der deutschen nicht unähnlicher sein könnte. Ich bin der Meinung, dass das moderne Abenteuer in fremden Kulturen, wenn überhaupt, nur noch in Indien zu finden ist.

Gibt es auch überbewertete Länder?
Es gibt höchstens unterbewertete Länder. Und das auch nur, weil leider durch zahlreiche Medien weiterhin ein verzerrtes Bild vieler Ländern am Leben gehalten wird.

Haben Sie schon eine Idee, wohin es Sie nach Ende Ihrer selbsternannten Walz verschlagen wird?
Ich werde mich vorerst in Berlin niederlassen und auf mein Buch zur Reise konzentrieren. Auch Ausstellungen und Vorträge sind geplant. Ich denke, es wird etwas dauern, bis ich mich wieder an das monatliche Bezahlen von Rechnungen und das Wohnen an einem Ort gewöhnt haben werde. Ob ich mich mit einem Leben in Deutschland dauerhaft arrangieren kann wird sich zeigen. Zum jetzigen Zeitpunkt freue ich mich jedoch auf Freunde und Familie und versuche meine Gedanken an die Heimat nicht zu oft an den noch früh genug kommenden Alltagstrott zu verschwenden.


Video von Fabian Sixtus Körner aus Indien und seinem Workshop in Bangalore.

Wohin möchten Sie unbedingt zurückkehren, vielleicht auch nur für einen ganz normalen Urlaub?
Ich würde gerne mehr von China sehen, da ich fest davon überzeugt bin, dass Shanghai alleine nicht dieses riesige Land repräsentieren kann. Leider war ich während meiner allerersten Station zu sehr damit beschäftigt meinem Plan vom "Arbeiten in fremden Kulturen" nachzugehen und habe deswegen verpasst, mehr von jener sagenumwobenen Kultur zu sehen. Und natürlich werde ich wieder nach Südostasien gehen, sei es auch nur für einen ganz "normalen" Urlaub. Diese Region hatte mein Herz auch schon vor der Designwalz erobert.

Und wohin nie wieder?
Überallhin wieder.

Im Blog von Fabian Sixtus Körner lesen Sie mehr Geschichten über seine Walz über die Kontinente. 

Autor:
Bianca Schilling