Chile Freiwilligendienst im Kinderheim

Raus von Zuhause. Raus aus dem Freundeskreis. Raus aus dem Lerntrott. Nach 13 Jahren Schulalltag brauchte ich eine Veränderung. Eine richtige. Ich entschied mich für einen sozialen Freiwilligendienst in einem Kinderheim in der Nähe von Santiago de Chile. Einen ganzen Sommer lang arbeitete ich, um die Kosten für die vermittelnde Organisation bezahlen zu können. Und dann ging es los. Am letzten Septembertag stieg das Flugzeug, in dem ich voller Bauchkribbeln saß, hoch in die Luft, um mich 14 Stunden später knapp hinter den Anden in den chilenischen Frühling zu entlassen. Der Anfang einer aufregenden Zeit.

Zuerst allein, später dann mit zwei anderen Freiwilligen zusammen, arbeitete ich in einem Kinderheim in einem kleinen Dorf südlich von Santiago. Ingesamt leben dort rund 150 Kinder, im Alter von eins bis 16 Jahren. Der Alltag ist teilweise schockierend. Als jugendliche Helfer mit kaum Sprachkenntnissen fiel es uns schwer, vor den Kindern autoritär zu sein. Den Tias, wie man die Erzieherinnen nennt, konnten wir daher keine Arbeit abnehmen. Es hat gedauert, bis wir merkten, dass das nicht unsere Aufgabe sein kann. Wir waren vielmehr Freunde für die Mädchen und Jungen, spielten mit ihnen, lachten mit ihnen und boten eine Schulter, an die man sich mal kuscheln durfte.

Jeden Samstag hatten die Kinder Familientag, an dem Verwandte zu Besuch kamen oder sie für das Wochenende abholten. Der neunjährige Flaviano freute sich die ganze Woche auf den angekündigten Besuch seines Papas. Am Dienstag erzählte er mir strahlend, dass sein Papa mit ihm in den Tierpark gehen wolle. Am Donnerstag bastelten wir ein Äffchen aus Filzstoff. Am Samstag war er schon früh auf und half uns beim Aufräumen. Die Stunden vergingen, und Flaviano saß mit dem Äffchen auf der Treppe vorm Heim. Irgendwann ging er rein und legte sich wortlos in sein Bett. Das Äffchen auf dem Boden. Sein Vater kam auch am nächsten Tag nicht. 

Der eigene Papa ist und bleibt der beste

Wenige Zeit später stand ein Schwimmausflug auf dem Plan. Alle Kinder liefen in Badelatschen herum - nur Flaviano trug seine guten Turnschuhe. "Wir fahren doch nachher zu Papa. Wir werden alle wieder zusammen bei ihm wohnen!", erklärte er mir. "Freust du dich?", fragte ich. "Ja, mein Papa ist der beste auf der Welt!" Ich verstand. Niemand konnte Flaviano und seinen beiden Geschwistern diesen Papa ersetzen.

Wie Flaviano ergeht es vielen Kindern im Heim. Trotz herber Enttäuschungen und schlimmer Erfahrungen stehen sie zu ihren Eltern und tun alles, um ihnen zu gefallen. Viele der zum Teil sehr jungen Eltern sind drogenabhängig oder leben in so armen Verhältnissen, dass sie ihre zahlreichen Kinder nicht alleine versorgen können. Auch sexueller Missbrauch und Gewalt sind ein großes Thema in südamerikanischen Kinderheimen.

Für uns Freiwillige war es ein hilfloses und lähmendes Gefühl, nicht viel mehr ausrichten zu können, als ein Zufluchtspunkt zu sein neben den oft sehr strengen Tias. Die scheinbar nur mit Härte ihr Los ertragen: Konfrontiert mit dem Schicksal der Kinder, dem Wissen wenig an der Situation ihrer Schützlinge ändern zu können - und das alles bei einem mageren Stundenlohn. 

Solch eine Reise in die Ferne fühlt sich manchmal nicht so fern an wie man vielleicht anfangs denkt - oder auch hofft. Es ist auch eine Reise ins eigene Ich. Man beginnt, die Verhältnisse zuhause zu reflektieren und lernt neben all den neuen Erfahrungen vor allem sich selbst kennen. Wer bin ich eigentlich, und wo möchte ich mal hin? Was nehme ich aus dieser fremden und faszinierenden Kultur mit? Was gebe ich den Kindern, und was geben sie mir? Diese und viele weitere Fragen spuken einem täglich durch den Kopf. Mit vielen Antworten im Gepäck kehrt man zurück. Fragen bleiben trotzdem.

Unter dem Strich steht auf jeden Fall: Ein Auslandsaufenthalt in einem Projekt wie diesem ist eine unvergessliche und prägende Zeit, in der man lernt, über sich hinaus zu wachsen, seine Persönlichkeit zu formen und sich selbst nicht immer so ernst zu nehmen. Und dabei kann man sich engagieren und anderen helfen. Am Ende der Reise weiß man, was man möchte: nach Hause. Danach heißt es, die Erfahrungen verarbeiten, bewerten und der Zukunft entgegen gehen.

INFOS: 

Es gibt zahlreiche Organisationen, die Freiwilligendienste in die ganze Welt vermitteln, etwa in medizinische, ökologische, kirchliche oder pädagogische Einrichtungen. Man kann beispielsweise in polnischen Seniorenheimen alten Menschen aus Büchern vorlesen, in Kolumbien Schülern bei den Hausaufgaben helfen oder beim Schafescheren in Island Hand anlegen. Die Auswahl ist riesig. In aller Regel zahlen die Teilnehmer die vermittelnde Organisation, einige Veranstalter wie Weltwärts vermitteln auch kostenlos. In seltenen Fällen wird den Freiwilligen ein kleines Gehalt gezahlt, das allerdings eher als Taschengeld anzusehen ist statt als Lohn. Unsere Autorin war mit Experiment e.V. unterwegs.

Autor:
Mirja Riggert