Chicago Unterwegs auf der legendären Route 66

Bill Shea verbrachte sein ganzes Leben an der legendären Straße und kann sich noch an die Zeit erinnern, als eine Gallone (ca. 3,7 Liter) Benzin für 90 Cent verkauft wurde. Heute kostet sie vier Dollar. Von 1935 bis 1982 arbeitete der Neunzigjährige auf seiner Tankstelle in Springfield, Illinois. Inzwischen hat er seine Werkstatt in ein Museum umgewandelt und mit alten Tanksäulen, historischen Straßenschildern und seltenen Fotos aus der turbulenten Geschichte der Route 66 ausgestattet. Einige Fotos zeigen hoffnungsvolle Farmer aus der Umgebung, die während der Depression aus Illinois flohen, um in Kalifornien ein neues Glück zu suchen. "Das waren schwere Zeiten damals", erinnert er sich an die frühen dreißiger Jahre, "ich sehe die hoffnungsvollen Gesichter der Leute noch genau vor mir. Damals reiste man anders. Die Autos waren nicht so bequem, und manchmal war der ganze Hausstand auf dem Dach festgezurrt. Es gab keine Motels, und eine Landkarte brauchte man nicht. Es gab nur diese eine Straße."

Der Oldtimer hat die Route 66 niemals verlassen: "Ich wurde an der Straße geboren und wohnte niemals mehr als zwei Häuserblocks entfernt." Seine Eltern besaßen kein Automobil, und es dauerte lange, bis er die Straße selbst unter den Rädern spürte. "Zur Belohnung, weil ich gute Arbeit geleistet hatte, durfte ich mal eine Viertelstunde mitfahren." Der Tankwart, der immer noch seine erste Texaco-Uniform besitzt, kann nicht klagen: "Zu mir ist die Straße immer gut gewesen. Ich habe von ihr gelebt. Besonders nach dem Krieg war es schwer, im Geschäft zu bleiben, aber dann wurden die Leute wohlhabender, und immer mehr Autos rollten über die Route."

Der Konkurrenzkampf war damals sehr groß. "Es gab keine Selbstbedienung, und von den Tankwarten wurde verlangt, dass sie den Ölstand und den Reifendruck checkten. Die Autos waren noch nicht so perfekt, und alle 30.000 Meilen war eine Generalinspektion fällig. Für eine Reise wurde lange gespart." Das Ende kam in den siebziger Jahren, als eine Umgehungsstraße und der Interstate 55 gebaut wurden. "Die Schnellstraße nahm mir viele Kunden weg. Ich musste kämpfen. 1982 gab ich auf."

1926: die Geburt der Route 66

Die Geschichte der Route 66 begann in Illinois früher als anderswo. Bereits um 1918 gab es zwischen Chicago und Springfield eine Straße, den berüchtigten Pontiac Trail, dessen Fahrspuren gerade mal zwei Meter breit waren und lediglich in den Städten mit roten Backsteinen gepflastert waren. In der Nachbarschaft von Elwood, Thayer, Virden und Carlinville kann man den Originalbelag immer noch sehen. Um 1939 wurden die Fahrspuren auf drei Meter erweitert. Zwischen Litchfield und Mount Olive ist ein Teilstück zu sehen. Erst um 1940 wurden die Straßen auf die heutige Breite ausgebaut. Der Highway 66 wurde am 11. November 1926 dem Verkehr übergeben, eine staubige Schotterstraße, die durch acht Bundesstraaten führte und nach 2448 Meilen am Pazifischen Ozean endete. Eigentlich sollte die Verbindung zwischen Chicago und Los Angeles die Nummer 60 bekommen, aber gerade noch rechtzeitig erkannte man, dass es bereits einen Highway in Missouri mit dieser Ziffer gab. Die Route 66 war geboren.

Zum Mythos wurde die Straße, weil sie in die Freiheit führte, vom staubigen Mittelwesten ins sonnige Kalifornien, von der Depression in ein neues Wirtschaftswunder. Leider schafften es die wenigsten bis zur Westküste. Heute markieren braune Schilder mit der Aufschrift "Historic Route 66" den Weg der unter Denkmalschutz stehenden Straße durch Amerika, das erste gegenüber vom Art Center, dem für seine Sammlungen moderner Kunst bekannten Museum. Die beiden Löwen vor dem Eingang bewachen den Beginn der Route 66 an der Ecke Michigan Avenue und Jackson Street, inzwischen leider eine Einbahnstraße. Wer der Route 66 folgen will, muss die parallel verlaufende Adams Street nehmen. Durch den belebten Loop und die weitverzweigten Außenbezirke windet sich die legendäre Straße durch ein Gewirr von betagten Lagerhallen und verlassenen Güterbahnhöfen. "Schweinemetzger für die Welt", schrieb Carl Sandburg in seinem berühmten Gedicht über Chicago, "Werkzeugmacher, Weizenstapler, Spieler mit Eisenbahnen und Frachtenverteiler der Nation, stürmisch, rüde, lärmerfüllt, Stadt der breiten Schultern." In Cicero hallt das Echo der Schüsse nach, die Al Capone und seine Gang­ster in diesem heute noch trostlosen Vorort abgefeuert haben.

Außerhalb von Chicago führt die Straße nach Joliet. Die kleine Stadt am 150 Jahre alten Illinois & Michigan Canal rühmt sich mehrerer "Riverboat Casinos" und des prächtigen Rialto Square Theatres, in dem Musicals und Revuen aufgeführt werden. Jenseits des Kanals warten verschlafene Dörfer und weite Felder. Zwischen den Hügeln liegen einsame Farmen. Einige Autohändler haben ihre Werkstätten an die historische Route 66 verlegt und bieten chromblitzende Oldtimer an. Hier draußen hat sich in den letzten fünfzig Jahren kaum etwas verändert, und nur das Atomkraftwerk hinter Wilmington erinnert die Autofahrer daran, in welcher Zeit sie leben. In der kleinen Stadt wacht der "Gemini Giant", ein überlebensgroßer Astronaut, vor dem "Launching Pad Drive-In". Der grüne Riese stand in den "Golden Fifties" vor einer Tankstelle und hielt eine Benzinpumpe statt der modernen Rakete.

Auf der alten Straße herrscht Gemütlichkeit 

Selbst am Interstate werben große Schilder für Funk’s Grove, und wer über die historische Straße fährt, merkt spätestens in der winzigen Geisterstadt, die aus einem verwahrlosten Bahnhof, einer verrosteten Zapfsäule und einem Ramschladen besteht, dass er die Farm der Funks erreicht hat. Die deutsche Auswandererfamilie handelte mit Rindern und Schweinen, bevor sie daran ging, selbst gezapften Ahornsirup anzubieten. Die Funks exportieren ihren Sirup sogar nach Europa. "Ich benutze heute noch die alte Straße", sagt Steve Funk, "da geht es gemütlicher zu. Ich denke über die Zeiten nach, als ganz Amerika über die Route 66 fuhr."

Auch Springfield hat sich das nostalgische Ambiente der damaligen Zeit bewahrt, selbst wenn die Kids in der Hauptstadt von Illinois eher an die Simpsons denken. Die gelben Cartoon-Helden treiben in Springfield ihr Unwesen - sagt man. Die Route-66-Fans treffen sich im Museum von Bill Shea oder auf einen Hot Dog im historischen Cozy Drive-In. Seit 1949 werden die legendären Cozy Dogs (frittierte Hot Dogs am Stiel) von den Waldmires serviert - ein eher zweifelhaftes Ess-Vergnügen.

Die ländliche Idylle der damaligen Zeit ist in den malerischen Dörfern der Umgebung lebendig. In Chatham, wo jährlich ein "Kuhfladen-Weitwurf-Wett­bewerb" stattfindet; in Carlinville, das unter die hundert schönsten Kleinstädte der USA gewählt wurde; in Mount Pulaski mit seinem alten Gerichtsgebäude; in Arthur und Arcola, wo man sich die Straße mit den Pferden und Buggys der Amish People teilt. Im Illinois Amish Interpretive Center in Arcola erfährt man mehr über die Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft, die Technik und Fortschritt als etwas Verwerfliches ablehnen und in der beschaulichen Vergangenheit ihr Heil suchen. Hinter dem Tresen des Ladens, in dem Spielzeug, Kerosinlampen, Quilts und die selbst gemachte Apfelbutter der Amish People verkauft werden, bedienen die direkten Nachfahren der ersten Amish People in Illinois.

Südlich von Springfield ändert sich die Szenerie kaum. Endlose Felder, verwitterte Getreidesilos und Scheunen, verträumte Kleinstädte und Dörfer wie Litchfield, ehemals eine geschäftige Berwerksstadt mit der ersten Ölförderung in Illinois. Im Ariston Cafe, das es seit 1935 gibt, werden die besten Pork Chops an der Route 66 serviert, und die Besitzerin erinnert sich noch an einige Trabbi-Fahrer aus Deutschland, die sich kurz nach der Wende ihren Traum von der Route 66 erfüllten. Die Möbel stammen aus dem Jahr 1954, darauf legt man Wert in dem historischen Lokal. Vor der Stadt sind noch die roten Ziegel der alten Trasse zu sehen, ebenso in Mount Olive, das sich einer alten Shell-Tankstelle aus den goldenen Tagen der Route 66 rühmt. Dahinter wieder Maisfelder bis zum Horizont und bei Hamel eine ländliche Idylle mit wogenden Feldern, einsamen Farmen und roten Scheunen.

Doch die Straße geht weiter, und noch immer lockt Kalifornien. "If you ever plan to motor west, travel my way, take the highway that’s the best", tönt es aus den Lautsprechern in den Nostalgie-Lokalen. Die Sehnsucht nach dem alten Amerika treibt die Leute abseits der Interstates auf die alte Straße, die "Main Street USA".

Autor:
Thomas Jeier