Illinois Chicago, letzte schöne Großstadt der Welt

Ein leerer umgedrehter Plastikeimer und zwei Holzstäbe - mehr braucht der junge Mann mit dem verwaschenen Chicago Cubs T-Shirt und den etwas zerschlissenen Jeans nicht, um die geschäftigen Passanten zum Staunen und Stehenbleiben zu bringen. Die Holzstäbe wirbeln auf und an den Eimer, dass die Augen kaum folgen können, immer ekstatischer wird das Trommelsolo. Die zufälligen Zuhörer sind begeistert. Einen Block weiter auf Chicagos prächtigster Einkaufsmeile, der „Magnificent Mile“, spielt ein Saxofonist hingebungsvoll den für diese Stadt legendären Blues. Chicago hat Rhythmus.

Diesem Rhythmus kann sich kaum jemand entziehen - nicht die Einheimischen und auch nicht die Besucher. Im Herzen der Stadt, dem „Loop“, sind täglich Tausende unterwegs in hupenden Taxis, hastig zu Fuß auf dem Weg zur Arbeit oder langsam vorbeibummelnd an den großen Schaufenstern der Einkaufstempel „Saks Fith Avenue“, „Nordstrom and Bloomingdale’s“, „Niketown“, „Tiffany & Co.“ oder dem „Apple Store“. Und in die Menge der Chicagoer mischen sich das ganze Jahr fast 40 Millionen Touristen aus aller Welt.

Mit knapp drei Millionen Einwohnern allein im Stadtbereich (in der Metropolregion „Chicago Land“ leben rund zehn Millionen) gehört Chicago zu den drittgrößten Städten der USA. Das ehemalige Indianerdorf an den Ufern des Chicago River und dem knapp 500 km langen Lake Michigan hat sich seit seiner Erhebung zur Stadt im Jahr 1837 gewaltig entwickelt. Lange Zeit war Chicago der kommerzielle Mittelpunkt Amerikas. Hier lag das Zentrum der Fleischindustrie mit Union Stock Yards, dem größten Schlachthof der Welt. Hier entstand der lange Zeit größte Eisenbahnknotenpunkt des Landes, von dem die sehenswerte Union Station noch heute beredtes Zeugnis ablegt. Und von hier - an der Adams Street gegenüber dem Art Institute of Chicago - startet die berühmte „Route 66“, die quer durch den Kontinent bis an die Westküste nach Kalifornien führt.

Dass New York der Metropole im Mittleren Westen schließlich den Rang abgelaufen hat und dass Chicago deshalb den Beinamen „The Second City“ trägt, stört hier kaum jemanden. Chicagoer sind zupackend, geschäftstüchtig, einfallsreich und dabei meist freundlicher als die New Yorker. Vor allem deswegen wirkt das zuweilen hektische Großstadttreiben gemütlicher und weniger aggressiv als am Big Apple.

Die Wolkenkratzer bestechen durch ihre architektonische Vielfalt

Auch im Wettstreit um die beeindruckendste Skyline kann die Second City locker mit New York mithalten. Davon können sich Besucher am besten vom Navy Pier aus oder von einer der Strandpromenaden entlang des Lake Michigan ein Bild machen. Die Chicagoer Wolkenkratzer bestechen durch ihre architektonische Vielfalt. Kein Wunder, denn hier wurden die Hochhäuser erfunden. 1885 baute William Le Baron Jenney unter Verwendung der Stahlgerüstbauweise den ersten Wolkenkratzer Amerikas mit zehn Stockwerken. Das Gebäude wurde 1931 abgerissen. Der älteste Skyscraper ist heute das Monadnock Building von 1889 an der Kreuzung State Street und Van Buren Street.

Frank Lloyd Wright, Ludwig Mies van der Rohe, Frank Gehry, Rem Koolhaas und andere bedeutende Architekten des 20. Jahrhunderts haben der Stadt ihr unverwechselbares Gesicht gegeben. Entstanden ist ein mitunter merkwürdiger und doch in seinem Kontrast stimmiger Mix vieler Stilepochen. Vor allem bei den Gebäuden entlang der Michigan Avenue entdeckt man Anklänge an die italienische Renaissance, Gotik, Neo-Gotik, Romanik, Fine Arts, Beaux-Arts bis hin zum Rokoko.

Golden leuchtet das Wolkenkratzer-Ensemble an der Michigan Avenue Bridge. Die weißen Kalksteine von Wrigley Building, Tribune Tower, London Guarantee Building und 333 North Michigan Building reflektieren das gelb-orange Licht der Abendsonne. Der Anblick hat etwas Sakrales. Und das kommt nicht von ungefähr, lehnt sich doch der neugotische Stil an Kathedralen aus Frankreich und Belgien an. Eine neue Dimension bekommt das Ganze durch den 2009 fertiggestellten, modernen Trump Tower. Eine der schönsten Arten, Chicagos Architektur zu erkunden, ist mit dem Boot. Die „Architecture Cruises“ starten am Navy Pier und fahren auf dem Chicago River und den Kanälen durch das Zentrum der Stadt vorbei an den meisten sehenswürdigen Gebäuden wie zum Beispiel den beiden maiskolbenartigen Türmen der „Marina City“.

Doch auch zu Fuß lässt sich die Innenstadt gut erwandern. Selbst im Sommer, wo es heiß und schwül werden kann, denn für Abkühlung ist gesorgt. Immer wieder bläst der Wind durch die Straßenschluchten der „Windy City“. Einen ersten gemütlichen Überblick bekommt, wer in der Hochbahn einmal ringsherum um den alten Stadtkern, den „Loop“, fährt. In knapp 30 Minuten rumpelt sich „The El“ (Kurzform für „Elevated Train“) auf Schienen, die von Stahlstelzen getragen über den Straßen schweben, durch das Hochhäuserlabyrinth.

Chicago ist eine Stadt der Superlative

Genug von der Ameisenperspektive! Chicago ist eine Stadt der Superlative. Hier wurde 1873 mit Montgomery Ward & Co. das erste Versandhaus der Welt gegründet, hier steht mit der Buckingham Fountain eine der größten illuminierten Wasserfontänen - vielen bekannt aus dem Vorspann der Soap „Eine schrecklich nette Familie“ - und hier stehen auch zwei der höchsten Gebäude des Planeten: der Willis Tower mit 527 Metern und das John Hancock Center mit 457 Metern.

Clevere Besucher sparen sich den Eintritt für die offizielle Aussichtsplattform im John Hancock Center und fahren per Fahrstuhl lieber in den 96. Stock zur „Signature Lounge“, um hier bei Cocktail oder Kaffee die atemberaubende Vogelperspektive zu erleben. Wer mehr Zeit - und Geld - hat, sollte im Restaurant nebenan einen Tisch für den Abend reservieren. Dank der riesigen Fenster, die von der Decke bis zum Boden reichen, scheinen die Gäste wie im Flugzeug über der Stadt zu schweben. Und wenn es dunkel wird, erstrahlen die unzähligen Lichter entlang der schnurgeraden Avenues, die sich bis zum Horizont ziehen. Viele Chicagoer Pärchen feiern so ihren romantischen Jahrestag.

Chicago ist eine Metropole mit Lebensqualität in jeder Hinsicht. Sie bietet Kunst in rund 50 Museen, Kultur in mehr als 200 Theatern, Bildung in drei Universitäten und weiteren wissenschaftlichen Einrichtungen, lukullische Genüsse (2010 konnten 23 Restaurants Michelin-Sterne aufweisen), Sport und Naherholung. Stadtplanung spielt hier traditionell eine wichtige Bedeutung. Schon 1869 wurde der Lincoln Park direkt am Ufer des wie ein Ozean erscheinenden Lake Michigan per Gesetz zum öffentlichen Erholungsgebiet für die Stadtbewohner erklärt und jegliche Bebauung entlang der Uferlinie untersagt. So entstanden weitere Parks, öffentliche Strände und Promenaden. Heute tummeln sich hier Jogger und Radfahrer jeden Alters, Familien machen Picknick und Studenten vertreiben sich die Zeit mit Ballspielen.

Es wird auf umweltbewusstes Bauen gesetzt

Grün sind nicht nur die vielen Parks, sondern auch zunehmend die Dächer der Häuser. Seit einigen Jahren setzt die Stadtverwaltung konsequent auf umweltbewusstes Bauen und die Erweiterung von Grünflächen. So hat das Rathaus seit 2001 einen Dachgarten und eigene Bienenstöcke. Der Honig wird öffentlich verkauft, zum Beispiel im Chicago Cultural Center. Selbst der Millennium Park mitten in der Innenstadt thront über zwei Tiefgaragen und diversen Bahngleisen. Im Sommer ist dieses Meisterwerk des Landschaftsdesigns voll mit Musikliebhabern aller Art. Ob Klassik, ob Folk oder Jazz - die Menschen strömen zu den zahlreichen Open-Air-Konzerten, wippen mit, tanzen gar am Rand. 

Wie schon gesagt: Chicago hat Rhythmus. Jeden Abend zeigt sich das bei unzähligen Live-Sessions in Bars, Lounges und traditionsreichen Jazz- und Blues-Klubs. Einer davon ist die „Green Mill“ (4802 Broadway, Uptown). Im schummerigen Licht der Art-Deco-Holzlampen hocken jüngere, aber auch ältere Chicagoer in den Sitzecken, die noch aus den wilden Zwanzigern stammen. Einige Touristen gesellen sich dazu auf den Spuren von Al Capone, dem legendären Gangsterboss, dem diese Kneipe einst gehörte. Sonntags wettstreiten Amateurdichter um die Gunst des Publikums. Die „Green Mill“ gilt als die Wiege des „Poetry Slam“. Sein Erfinder Marc Smith moderiert die Wettbewerbe noch heute.

Chicago, die Vielfältige, hat eine Menge Gesichter. Sie ist Schmelztiegel verschiedenster Ethnien, die als Einwanderer kamen, blieben und das Bild ihrer Wohnviertel prägten. Ein Ausflug in die unterschiedlichen „Neighbourhoods“ lohnt sich schon allein wegen der kulinarischen Erfahrung. Südlich der Innenstadt ist der Besucher ans andere Ende der Welt gereist. Schaufenster mit farbenfrohen Kleidern, fremdartige Lebensmittel und exotische Düfte ziehen einen in das geschäftige Treiben von Chinatown hinein. Hungrigen „Langnasen“ empfehlen viele der rund 10.000 chinesischstämmigen Bewohner eine Beijing Duck (Peking Ente) zu probieren, die sehr traditionell im Restaurant „Minghin“ zubereitet wird.

Großstadtflair mit Kleinstadtcharme

Ein ähnlicher Kulturschock erwartet erkundungsfreudige Globetrotter in „Pilsen“. „Man spricht spanisch“ in dem Viertel rund um die Halsted und die W 18th Street auf der Lower Westside, das einst von Iren, Deutschen, Tschechen und Polen bewohnt wurde. Riesige Gemälde an Häuserwänden in schrillen Farben, mexikanische Tapas-Bars, Lebensmittel- und Kleinkunstläden reizen alle Sinne. In derselben Nachbarschaft liegt auf der Halsted Street zwischen 17th und 19th Street der „Chicago Arts District“. Zahlreiche Künstler haben sich hier mit ihren Galerien niedergelassen.

Chicago - das ist Großstadtflair mit Kleinstadtcharme. Ein Lebensraum in ständiger Veränderung, in dem sich Altes und Neues kreativ verbindet, ohne sich gegenseitig völlig aufzulösen. Frank Lloyd Wright hatte recht: „Irgendwann wird Chicago die letzte schöne Großstadt der Welt sein.“

Autor:
Gundula Miethke