Illinois Chicago - eine Stadt wird grün

Auf den ersten Blick mag Chicago etwas unfreundlich wirken. Ein Haufen von Wolkenkratzern begrüßt den Besucher. Aber der erste kühle Eindruck täuscht. Chicago gilt als die umweltfreundlichste Großstadt der USA. Der Verdienst eines gewachsenen Bewusstseins seiner Bürger und der Aktivitäten von Bürgermeister Richard M. Daley, der bis 2011 im Dienst war und den Ruf des "Green Chicago" begründete. Er pflanzte 1989 den ersten Baum einer "Tree Planting Campaign", die bisher eine halbe Million neuer Bäume im Stadtgebiet hervorbrachte, und weckte das ökolo­gi­sche Bewusstsein einer Millionenstadt, die bisher vor allem durch ihre Wolkenkratzer und ihre riesigen Museen aufgefallen war.

"Green Chicago" wurde zu einem Schlagwort, das während der letzten zwanzig Jahre mit Leben erfüllt wurde: 1991 erließ die Stadt ein Gesetz, das "grüne Elemente" bei größeren Bauprojekten vorschreibt. 1995 ging man daran, alle Schnellstraßen der Stadt mit bepflanzten Mittelstreifen zu versehen. Im "GreenCorps" bekamen die Angestellten der öffentlichen Parks und Gärten ein spezielles grünes Job-Training. 1997 ersetzte man mehrere Asphaltflächen an Unis und Colleges durch Grünflächen, 1998 beschloss man, die Qualität der Luft zu verbessern. 1999 eröffnete man die erste Tankstelle mit alternativen Kraftstoffen für die Fahrzeuge der Stadtverwaltung. 2001 weihte man den ersten "Rooftop Garden" auf dem Dach des Rathauses ein. 2003 wurden etliche Iniativen beschlossen, die Wasserqualität zu verbessern. Schulen und andere öffentliche Gebäude senkten ihren Energieverbrauch und wurden "grüner".

Und schließlich folgte 2004 der nächste große Schachzug unter der grünen Flagge: Es eröffnete der riesige Millennium Park im Herzen von Chicago, gepflegte Grünanlagen mit kunstvoll angelegten Gärten, einer futuristisch gestylten Freilichtbühne und dem unterirdischen Music & Dance Theater. Als Blickfang dient die silberne Skulptur "Cloud Gate", von den Einheimischen despektierlich "Bean" genannt, in der sich die Wolken, aber auch die Skyline und die geschäftige South Michigan Avenue spiegeln. Der zehn Hektar große Park erstreckt sich über zwei Parkgaragen und dem Bahnhof für Vorortzüge und ist damit gleichzeitig das größte grüne Dach der Stadt. Während der folgenden Jahre wurden zahlreiche Organisationen wie das Conservation Corps gegründet, die den Bau zahlreicher "grüner" Gebäude förderten und ökologisch verantwortliche Unternehmer auszeichneten. "Green Chicago" wur­de zur Attraktion und zu einem wesentlichen Faktor in der Fremdenverkehrswerbung – ein Novum für eine Millionenstadt.

Grüne Oasen in luftiger Höhe 

Am ungewöhnlichsten und von unten selten sichtbar sind die neuen "Rooftop Gardens", Gemüsegärten und Rasenflächen auf den Dächern etlicher Wolkenkratzer und Wohnhäuser. Über 400 Dächer mit einer Gesamtfläche von über 65 Hektar wurden bereits in mehr oder weniger eindrucksvolle "Rooftop Gardens" umgewandelt, mehr als in allen anderen amerikanischen Städten zusammen. Organisches Gemüse, aber auch farbenprächtige Blumen gedeihen in der Höhenluft. Zwei der eindrucksvollsten grünen Dächer schmücken das Chicago Cultural Center und, man glaubt es kaum, den Apple Store an der Michigan Avenue. Selbst auf dem flachen Dach der City Hall, des Rathauses, wächst Gras und trägt wesentlich zu einer Reduzierung der Energiekosten bei.

Dave Snyder ist einer der engagierten Rooftop Gardeners. Auf dem Dach des Vororthauses, in dem mit "Uncommon Ground" eines der grünsten Restaurants von Chicago untergebracht ist, kümmert er sich um Tomaten, Bohnen und Grünkohl. Die Stauden wachsen in Erdbehältern aus Stahl und Zedernholz. "Alles Gemüse verarbeiten wir in der Küche unseres Restaurants", berichtet Snyder stolz, "und ich kann Ihnen versichern, dieses Gemüse schmeckt zehn Mal so gut wie die Ware aus dem Supermarkt." Weil das Gemüse der "ersten anerkannten organischen Rooftop Farm" nicht ausreicht, arbeitet "Uncommon Ground" mit mehreren ökologischen Farmbetrieben in der näheren Umgebung zusammen, die zum Beispiel erstklassiges Bio-Fleisch liefern. Dave Snyder: "So einen guten Hamburger haben Sie noch nie gegessen!"

Mit den Gärten kehrten auch die Bienen in die Stadt zurück. Im Rooftop Garden von „Uncommon Ground“, auf dem Cultural Center und der City Hall sind Bienenstöcke beheimatet, deren Bewohner im Sommer die Blüten zahlreicher Parkanlagen und Gärten bestäuben. Ihren "Rooftop Honey" verkauft das Cultural Center  im Chicago’s Downtown Farmstand ihres Ladens. Der Honig von "Un­common Ground" landet in der Restaurant-Küche. Chicago ist wahrscheinlich die einzige Metropole mit eigenem Honig und grüner und farbenfroher als alle anderen amerikanischen Großstädte.

Leider liegen die meisten Rooftop Gardens auf privaten Gebäude und für Besucher nicht zugänglich, doch Ausnahmen bestätigen auch im ökologischen Chicago die Regel. Um die grünen Dächer des Cultural Center und des Chicago Center for Green Technology besichtigen zu können, braucht man keine spezielle Erlaubnis, und das Dach des Essex Hotels ist zumindest für Hotelgäste zugänglich. Den Rooftop Garden des (empfehlenswerten) Peggy Notebaert Museums kann man zwar nicht besichtigen, aber von zahlreichen Aussichtspunkten in der Umgebung bestaunen.

City of Chicago
Die begrünten Dächer vom Chicago Center of Green Technology
Zu den grünen Highlights der Stadt gehört das Garfield Park Conservatory mit über eintausend verschiedenen Pflanzen in riesigen Gewächshäusern und großzügigen Parks und Gärten. Eine grüne Oase abseits der Innenstadt. Im Lincoln Park Conservatory, wesentlich kleiner, aber nicht minder interessant, warten Palmen, Farne und tropische Pflanzen. Im neuen Chicago Center for Green Technology vermitteln Referenten interessante Fakten über erneuerbare Energien und praktische Tipps für den Hausgebrauch. Über 100 Jahre alt ist das riesige Garfield Park Conservatory, eine Gewächshaus-Anlage mit über tausend verschiedenen Pflanzen.

Doch damit nicht genug: Chicago verfügt über das zweitgrößte öffentliche Verkehrssystem der USA und das längste Netz von Fahrradwegen (über 300 Meilen). Nach dem "Bike 2015 Plan" sollen es bis 2015 sogar 500 Meilen sein. An den "Chicago B-cycle"-Stationen kann sich jeder ein Fahrrad ausleihen und an einer anderen Station wieder abgeben, und eine Vielzahl von grünen Hotels und Restaurants, die sich der ökologischen Idee verpflichtet fühlen und umweltbewusst planen. Zu Vorreitern der grünen Philosophie wurden die bekannten Museen der Stadt, die ihre Gebäude besser isoliert haben und bei allen Aktivitäten versuchen, auf den übermäßigen Einsatz von Energie zu verzichten. Eine interessante Aktion starteten das Field Museum of Natural History und Nacional 27, die ein Promotion-Fahrzeug durch die Stadt schicken, das ausschließlich vom gebrauchten Speiseöl aus der Cafeteria angetrieben wird – eine Attraktion für Schulkinder und Erwachsene. Das "Right Bite"-Programm des Shedd Aquariums informiert über die verantwortungsvolle Züchtung von Seafood.

Einen Mietwagen braucht man in Chicago nicht. Die Stadt wurde für Fußgänger gebaut, nicht für Autofahrer wie Los Angeles oder Phoenix, und für weite Strecken steht eines der besten und weitverzweigten Nahverkehrsnetze zur Verfügung. Selbst die altehrwürdige Hochbahn, liebevoll "El"("Elevated") genannt, erfüllt noch brav ihren Dienst. Von einer ärztlichen Vereinigung wurde Chicago erst kürzlich wieder unter die "Five Most Walkable Cities" in den Vereinigten Staaten gewählt. Zurzeit arbeitet man an einem neuen Programm, das die besten Fußwege der Stadt propagieren und für Einheimische und Besucher schmackhaft machen soll. Dazu gehören die Fußwege in den zahlreichen Parks und am Lake Michigan mit garantierter Aussicht auf die dramatische Skyline.

"Gemeinsam können wir diese Stadt erhalten und eine Zukunft schaffen, in der wir, unsere Kinder und unsere Enkel gedeihen können", verkündete Bürgermeister Daley, als er den Startschuss zu "Green Chicago" gab. "Ausgerechnet Amerika, ausgerechnet Chicago", sagen umweltbewusste Europäer. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Chicago mit gutem Beispiel vorangeht, die Stadt, die man vor einigen Jahren noch als "Moloch" bezeichnete.

Autor:
Thomas Jeier