Illinois Auf den Spuren von Abraham Lincoln

Illinois ist die Kornkammer der USA. Früher Prärieland, ist es heute zum größten Teil Farmland – und flach. Dennoch hat es landschaftlich schöne Ecken, gemütliche Städtchen, lebendige Metropolen und den Mississippi. Illinois ist aber auch eng mit der Geschichte eines der wichtigsten US-amerikanischen Präsidenten verbunden. Nicht umsonst bezeichnen die Amerikaner diesen Staat offiziell als den "Lincoln State". 

Abraham Lincoln war der 16. Präsident der Vereinigten Staaten. Er wurde 1809 in Kentucky geboren, aber er machte Illinois zu seiner Wahlheimat. 30 Jahre lang lebte er hier und arbeitete neben seiner Tätigkeit als Anwalt an seiner politischen Karriere, bevor er am 11. Februar 1861 zum Präsidenten gewählt wurde und nach Washington ins Weiße Haus zog.

30 Jahre, in denen "Abe", wie ihn die Amerikaner liebevoll nennen, seine Spuren in vielen Kommunen und Gemeinden in Illinois hinterlassen hat. Entsprechend stolz sind die Einheimischen auf ihren berühmten Mitbürger. Wo immer sich eine Verbindung zu Lincoln herstellen lässt, wird darauf aufmerksam gemacht - in Museen, Ausstellungen und mit Informationstafeln überall im Staat.

Vor allem in den 42 Landkreisen ("counties") in der Mitte Illinois konzentrieren sich die Wirkungsstätten Lincolns und wurden zur offiziellen "Abraham Lincoln National Heritage Area". Wer unbedingt alle Stationen abgrasen möchte, sollte einen Blick auf die Website des "The Looking For Lincoln Story Trail" werfen (www.lookingforlincoln.com). Historiker und Lincoln-Fans haben 215 Infotafeln erarbeitet, die nun in ganz Illinois verteilt sind und mittels eines Lageplans oder GPS-Koordinaten gefunden und besichtigt werden können.

Indes kann auch eine kleine Tour mit wenigen Stationen den Zugang zu Abraham Lincolns Geschichte öffnen. Wo fangen wir an? Am besten ganz in der Mitte, im Zentrum des "Lincoln State". "Diesem Ort und der Freundlichkeit seiner Bewohner verdanke ich alles", sagte Lincoln über Springfield, als er sich 1861 auf den Weg nach Washington machte, um Geschichte zu schreiben. Die Hauptstadt von Illinois war dem Abgeordneten der Republikaner, der sich sein juristisches Wissen im Selbststudium erarbeitet hatte, über die Jahre ans Herz gewachsen. Hier gründete er 1837 mit dem Rechtsanwalt John T. Stuart eine gemeinsame Kanzlei, hier arbeitete und lebte er mit seiner Familie. Und hier befindet sich auch sein Grab.

Niemand, wirklich niemand kommt an einem Besuch im "Abraham Lincoln Presidential Library and Museum" vorbei. Der moderne Gebäudekomplex in der Innenstadt erstreckt sich über zwei Häuserblocks: links der Museums-, rechts der Bibliothekstrakt. Im Inneren des Museums öffnet sich eine riesige Halle, von der Ausstellungsräume mit historischen Exponaten und szenisch nachgebildeten Stationen aus dem Leben des Präsidenten abgehen. In der Mitte grüßt die Familie Lincoln in Wachs vor der eindrucksvollen Kulisse des Weißen Hauses.

Wenn Amerikaner von etwas Ahnung haben, dann davon, wie man etwas perfekt inszeniert. Das gilt auch für die Geschichte, die dieses Museum erzählt. Lebendig, zum Anfassen und Mitmachen, manchmal ein wenig zu verliebt in Spezialeffekte, aber nie langweilig. Plötzlich erscheinen animierte holographische Geister aus der Zeitgeschichte und erzählen, eine Schreibfeder schwebt durch die Bibliothekskulisse und beginnt, in der Handschrift Lincolns etwas in den Raum zu kritzeln - da staunt der Laie und den Fachmann fasziniert es.

Mitte Juni bis Mitte August brummt die Stadt mit Touristen von überall her. Mittendrin agieren Straßenmusikanten und Stadtführer in historischen Kostümen. Ob am Grabmal "Lincoln Tomb" auf dem Friedhof "Oak Rich Cemetery", ob am Old State Capitol, in Lincolns Anwaltskanzlei "Lincoln Herndon Law Office" oder vor seinem Wohnhaus "Lincoln Home" - überall weht den Besuchern der Hauch der Geschichte höchst lebendig und kurzweilig ins Gesicht.

Zeit, eine Pause im "D’Arcy’s Pint" (661 West Stanford Avenue) einzulegen und den Gaumen mit Springfields Spezialität zu verwöhnen: dem "horseshoe sandwich" (Hufeisen Sandwich). Wahrlich nichts für Figurbewusste. Es besteht aus Toast, einem hufeisenförmig darauf drapierten Schinkenstück, warmer Cheddar-Käsesoße und - als "Nägel" - darüber gestreuten Pommes.

Bevor man Lincolns Heimatstadt den Rücken kehrt, empfiehlt sich ein Gang durch das "Dana-Thomas House", das der Architekt Frank Lloyd Wright bis auf ein viktorianisches Wohnzimmer mit Kamin komplett im "Prärie-Haus-Stil" umgebaut hat. Und wer mehr Zeit hat, macht auf dem Weg nach Petersburg und "Lincoln’s New Salem" einen kleinen Schlenker über die alte "Route 66" vorbei an "Shea’s Gas Station Museum" (2075 Peoria Road).

Knallgelb, quietschgrün, signalrot und babyblau leuchtet einem die Armada von Metallschildern bekannter oder längst vergessener Mineralölkonzerne entgegen. Neben Autoteilen, alten Werkzeugen und einem Oldtimer-Pick-up mit Campinganhänger stehen auf Hochglanz polierte, schon fast antike Zapfsäulen stramm als stumme Zeugen unbeschwerterer Tage. Bill Shea, ehemaliger Tankstellenbesitzer und ein Urgestein der Route 66, hat diese Sammlung in über 50 Jahren zusammengetragen.

40 Kilometer nordwestlich von Springfield liegt "Lincoln’s New Salem State Historic Site". 23 Nachbauten kleinerer und größerer Blockhäuser inmitten eines Parks lassen das ehemalige Pionier-Dorf wieder auferstehen, in dem der 22-jährige Abe ab 1831 sechs Jahre lang lebte. Hier hielt er sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, bevor er zum Abgeordneten für die Generalversammlung des Staates Illinois gewählt wurde. Fremdenführer in authentischen Kostümen vom Anfang des 19. Jahrhunderts zeigen, wie der Alltag der Pioniere damals aussah. In den Sommermonaten finden außerdem Veranstaltungen in dem ebenfalls zum Gelände gehörenden Freilufttheater statt.

Von New Salem aus geht die Fahrt nach Westen quer durch das sogenannte Herz Illinois, die offene Prärie, die zumeist als Farmland genutzt wird, durchsetzt mit kleinen Städtchen. Mais- und Sojabohnenfelder erstrecken sich bis zum Horizont, bis zur Grenze des Bundesstaates. Auf scheitelgeraden Highways gleitet man dahin, während das platte Land mit seiner endlosen Weite links und rechts der Windschutzscheibe vorbeiflimmert.

Bei einer Senatsdebatte nahm seine politische Karriere eine Wende

Direkt am mächtigen Mississippi liegt das pittoreske Städtchen Quincy, berühmt für seine rund 500 top-restaurierten und architektonisch vielfältigen Häuser und Villen aus dem 19. Jahrhundert, an denen es sich im "East End Historic District" bequem vorbeiflanieren lässt. Wer sich danach eine Pause im "Clat Adams Bicentennial Park" oder "Riverfront Park" gönnt, kann dem "Old Man River" bei seiner gemächlichen Reise gen Süden zuschauen. Noch idyllischer ist der Ausblick vom Grundstück der "Villa Katherine", einem kleinen Palast, der im Jahr 1900 im marokkanischen Stil erbaut wurde und dessen Räume zu besichtigen sind.

Abe Lincoln zog es oft nach Quincy mit seinen baumgesäumten Straßen, denn hier lebten viele seiner engsten Freunde. Und hier war es auch, wo seine politische Karriere bei einer der Senatsdebatten mit seinem Kontrahenten Senator Stephen A. Douglas eine entscheidende Wende nahm. Was es genau mit diesen Debatten auf sich hatte, ergründet anschaulich das "Lincoln-Douglas Debate Interpretive Center".

Ob Lincoln "loose meat sandwiches" gemocht hätte? Vielleicht, denn zumindest hätte ihm Fastfood dieser Art wohl seinen vollen Arbeitsalltag ein wenig erleichtert. Anders als bei einem Hamburger werden bei dieser ursprünglich aus dem Nachbarstaat Iowa stammenden Spezialität zerkrümeltes gegartes Hack und weitere Zutaten auf einem Brötchen angerichtet. Dank der Fastfood-Restaurantkette "Maid-Rite", die dieses Sandwich 1926 erfunden haben soll, isst man den Sattmacher nun in den skurrilsten Varianten im ganzen Mittleren Westen - und seit 1928 auch in Quincy (Maid-Rite, 507 N. 12th Street).

Wiesen und bewaldete Hügel verschmelzen zu einer malerischen Landschaft

Frisch gestärkt führt die Route von Quincy aus zurück gen Osten hinein ins "Pike County". Ausgedehnte Felder, Wiesen und bewaldete Hügel verschmelzen stellenweise zu einer malerisch sanften Landschaft, die sich vor allem abseits der Autobahnen finden lässt. Im Zentrum dieser Lieblichkeit liegt Pittsfield.

In dem kleinen Städtchen war Lincoln am Anfang seiner politischen Karriere oft bei Freunden zu Gast und zwei seiner späteren Sekretäre im Weißen Haus lernte er hier kennen. Einige der Häuser, in die der erklärte Gegner der Sklaverei seinen Fuß setzte, haben noch heute viel zu erzählen. Wer sein Autoradio auf die Mittelwellenfrequenz 16.20 einstellt, kann sie hören und während der "Talking House Tour" an den relevanten Gebäuden vorbeifahren.

Rund 270 Kilometer östlich von Pittsfield ließen sich 1837 Thomas und Sarah Bush Lincoln, Abes Vater und Stiefmutter, in einer kleinen Blockhütte in der "Goosenest Prairie" nieder. Hierher kommen heute viele Familien mit Kindern und Schulklassen, um den Nachbau der "Lincoln Log Cabin" zu sehen und das Landleben der 1840er-Jahre auf dem Gelände der historischen Modellfarm live zu erleben. Nicht weit entfernt befinden sich auch das "Reuben Moore Home", in dem Abe Lincoln seine Wahl zum Präsidenten feierte, und der Friedhof "Shiloh Cemetery", auf dem seine Eltern begraben wurden.

Nach diesem Abstecher in die ländliche Idylle führt der Weg zurück in urbane Gefilde. Ganz unspektakulär durch zumeist flaches Farmland, zuerst nach Norden, dann Nordwesten. Die Doppel-Universitätsstadt Bloomington ist das vorletzte Ziel der Reise auf den Spuren des großen Präsidenten.

Es heißt, dass Lincoln in keiner anderen Stadt in Zentral-Illinois mehr Zeit verbracht habe - mit Ausnahme von Springfield. Auch hier praktizierte er als Anwalt und der Bloomingtoner Geschäftsmann Jesse Fell schlug ihn erstmals als Präsidentschaftskandidaten vor. Einen ersten Überblick über diesen Teil der Stadtgeschichte bietet das "McLean County Musuem of History", das in einem alten Gerichtsgebäude in der geschäftigen Innenstadt untergebracht und nicht weit von anderen Sehenswürdigkeiten wie dem "David Davis Mansion" entfernt ist. Ein wenig Ruhe tanken vom Stadt- und Sightseeingstress kann man auf dem Campus der nahen "Illinois Wesleyan University".

Aromatisches Pfannkuchen-Topping nach traditioneller Art

Bevor es gemütlich Richtung Norden in die Metropole Chicago geht, müssen alle Süßschnäbel auf einen Löffel handgemachten Ahornsirup zu Debby und Mike Funk nach Funk’s Grove (Funks Grove Pure Maple Sirup, 5257 Old Route 66). Seit 1824 und sieben Generationen stellt man hier das aromatische Pfannkuchen-Topping nach traditioneller Art her.

Und nun heißt es, Meile machen - am besten auf der "Historic Route 66", wo hier und da noch Reminiszenzen an die Blütezeiten dieser Mutter aller Straßen zu erhaschen sind. Nützliche Vorschläge, welche Kleinode sich abseits des Weges für einen Boxenstopp lohnen, findet man unter www.illinoisroute66.org zum Herunterladen.

Chicago, ewige Boomtown. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sie sich zur bevölkerungsreichsten Stadt in Illinois. Da wundert es nicht, dass seine juristische und politische Arbeit Abe Lincoln mehrfach an die Gestade des "Lake Michigan" führte. Hier fand der erste Parteitag der Republikaner statt, auf dem der über 1,90 Meter große Hüne prompt als Präsidentschaftskandidat nominiert wurde. Doch obwohl die Metropole während seines Aufstiegs zu seiner zweiten Heimstatt und zum politischen Hauptquartier wurde, siedelte er nie vollends um.

Neben zwei Ausstellungen im "Chicago History Museum" ("Lincoln’s Chicago" und "Abraham Lincoln") beschäftigt sich ein ganz besonderer Buchladen mit der Lebensgeschichte des 16. US-Präsidenten. Der "Abraham Lincoln Book Shop" (357 West Chicago Avenue, www.alincolnbookshop.com) ist eine unerschöpfliche Fundgrube für Sammler, Geschichtsinteressierte und Historiker auf der Suche nach seltenen Büchern, Manuskripten, Kunstwerken, Fotos und vielem mehr rund um Lincoln, weitere US-Präsidenten und den Amerikanischen Bürgerkrieg. Welch ein Abschluss für alle diejenigen, die auf den Spuren dieses charismatischen Staatsmannes wandelnd Lust auf mehr bekommen haben.

Autor:
Gundula Miethke