Europop Viva la Nebensaison!

Die Großen Ferien gehen zu Ende. Nun ist die passende Strategie für die Nebensaison gefragt. Nichts liegt näher als einfach beim nächsten Last-Minute-Anbieter zwei Wochen Halbpension in irgendeiner Hotelanlage am Mittelmeer zu buchen. Entspannen am Pool, während der Barmann richtig viel Zeit für die späten Gäste hat.

Eine Notlösung ohne Entscheidungs- und Organisations-Stress, die durchaus funktionieren kann. Doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, in einer deprimierenden Kunstwelt zu landen. Ein Pauschalreise-Roulette: Außerhalb der Saison gibt es zwar keinen Liegenkrieg und auch das Gedränge am morgendlichen Buffet entfällt. Dafür verfliegt im halbleeren Ambiente der Reiz von Knusperflocken und Formschinken umso schneller. Abends leidet man still mit den netten Jungs von der Animationsband.

Ich tendiere stattdessen zur etwas komplizierteren Variante, Städte mit Eigenleben plus Strand-Anbindung zu testen. Eine Kombination aus Flugangeboten und etwas Glück beim Zimmer oder Hotel. Kurz mal ins Meer springen und dann in einem ruhigen Cafe den Tag vertrödeln. Ab September eignen sich Split oder Tel Aviv recht gut dafür. Barcelona dagegen bietet bereits zuviel metropolitane Aufregung. Ein wenig Muße gehört schließlich dazu.

Optimale Voraussetzungen für diese selbst komponierte Beach-City-Auszeit bietet das südspanische Cádiz. Ein kleine Großstadt (126.000 Einwohner) an der andalusischen Atlantikküste, die über den Flughafen des nah gelegenen Sherry-Zentrums Jerez de la Frontera zu erreichen ist. Die mit EU-Strukturhilfe rundum erneuerte Bahnlinie von der Küste nach Sevilla ermöglicht schnelle Verbindungen auch ohne Mietwagen. Längst hat in Cádiz eine Glas-und-Beton-Konstruktion den alten Gründerzeitenbahnhof an der Plaza de Sevilla ersetzt.

Von hier aus sind es nur wenige Schritte zur nahen Altstadt, in der kleine, propere Familienhotels wie das mit Balkonzimmern zum Innenhof eine ruhige Zentrallage ermöglichen. Wenn man dann morgens zum ersten Café Cortado schlurft, überstrahlt die zweitürmige Kathedrale mit ihrer imposanten gelben Kuppel die gemauerte Promenade wie ein barockes Raumschiff. In den Gassen ringsumher geht es im September eher beschaulich zu. Wenn nicht gerade ein Aida-Dampfer an der Estacion Maritima vor Anker geht und hunderte Kreuzfahrer für einige Stunden auf Landgang drängeln.

Gerade jener Rhythmuswechsel zwischen schläfriger Langeweile und der Geschäftigkeit der Markthalle an der Placa de Flores schlägt jeden durchgeplanten Aktivurlaub. Im Barrio de la Vina wiederum locken zahlreiche Peñas, mit Azuela-Kacheln verzierte Vereinsheime, wo in rustikaler Atmosphäre günstige Tapas zur Mittagspause locken. So vergeht einige Zeit, bis man endlich am kleinen Altstadt-Strand Playa de la Caleta mit seinem klassischen Badehaus landet. Ein wenig Abkühlung vor dem nachmittäglichen Nickerchen.

Für wohldosierte Abwechslung sorgt ein Zweitligaspiel im Stadion des Cadiz CF, das am Rande der modernen Hochhausviertel entlang der neun Kilometer langen Strandzone des Playa de la Victoria liegt und per Bus problemlos zu erreichen ist. Ein schwungvoller Sommerabendkick vor 14.000 Zuschauern. Das obligatorische Bocadillo mit Schinken gibt es direkt vor dem Eingang. Tagsüber wirbeln an der Victoria-Wasserfront Kite-Surfer durch die Lüfte, während ich mich zu einem ausgedehnten Brandungsmarsch durch die tosenden Wellen zurück in die Altstadt entschließe. Eine atlantische Kneippkur, bevor die Bars und Cafés an der zentralen Placa de San Juan de Dios wieder zu einem Nachmittagsdrink locken.

Dieser selbstgesetzte Takt zwischen Marktständen, Strandbuden und im dunklen Fassholz gehaltenen Sherry-Bodegas wirkt wunderbar entspannend. Da lässt sich gar auf die putzige Nachtlebenzone in den Gassen am Römischen Theater verzichten. Dann lieber mit dem über die Bucht nach Puerto de Santa Maria, dem Sherry-Exporthafen von Andalusien. Am "Ribera del Marisco" laden zig Meeresfrüchtelokal zum Fischessen mit lärmenden spanischen Familien. Weitaus beschaulicher ist die Überlandfahrt per Linienbus in die Pueblos Blancos. Unterhalb der weißen Berghäuser von Arcos de la Frontera gibt es einen wunderbar verschlafenen Busbahnhof, wo in der Tankstellen-Taverne die Zeit bis zur nächsten Rückfahrt nun wirklich keine Rolle spielt: Nebensaison wie aus dem Bilderbuch.

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Autor:
Ralf Niemczyk